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Grand Prix Russland 2018: Teamorder überschattet Hamilton-Sieg

Lewis Hamiltons hässlichster Sieg: Wie die Teamorder zustande kam und warum das Manöver von Sebastian Vettel im Rad-an-Rad-Kampf "hart an der Grenze" war

(Motorsport-Total.com) - Jetzt hat Lewis Hamilton eine Hand am WM-Pokal: Der Mercedes-Fahrer hat den Grand Prix von Russland in Sotschi gewonnen und seinen Vorsprung auf Sebastian Vettel (3./Ferrari) auf 50 Punkte ausgebaut. Allerdings wird es im Nachklapp des Rennens sicher Diskussionen geben, denn Hamilton hat seinen Sieg einer Stallorder zu verdanken.

Valtteri Bottas, Lewis Hamilton, Sebastian Vettel

James Allison, Valtteri Bottas, Lewis Hamilton und Sebastian Vettel Zoom

In Runde 25 kam die Ansage an Polesetter Valtteri Bottas, die Toto Wolff schon am Samstag vage angedeutet hatte: "Lass Lewis vorbei! Kurve 13 in dieser Runde." Bottas parierte, fragte aber später nach dem Warum. Antwort: "Valtteri, hier ist James (Vowles; Anm. d. Red.). Wir hatten ein Risiko mit Lewis gegen Vettel. Er hat ein bisschen Blistering und wir mussten sicherstellen, dass wir das absichern."

Auch wenn das Szenario, wie Bottas selbst zugibt, vor dem Rennen durchgesprochen wurde, war seine Enttäuschung groß. In der letzten Runde hakte er sogar noch einmal am Funk nach, ob die Positionen nicht zurückgetauscht werden könnten, wo doch Vettel jetzt keine Gefahr mehr ist. Reines Wunschdenken - obwohl es vor dem Rennen eigentlich so abgesprochen war!

Danach kam der Chef höchstpersönlich an den Boxenfunk und stellte sicher, dass Bottas in den ersten TV-Interviews nichts sagt, was er später bereuen könnte: "Valtteri, hier ist Toto. Schwieriger Tag für dich und schwieriger Tag für uns. Wir besprechen das nachher, wenn wir uns sehen. Wir werden es dir erklären."

Perfektes Mercedes-Teamwork am Start

Aus Teamsicht war es für Mercedes ein perfekt exekutiertes Rennen. Am Start geriet Bottas nie in Gefahr, die Führung zu verlieren. Und weil er so weit rechts fuhr, dass Hamilton und nicht Vettel in seinem Windschatten war, konnte Hamilton seinen zweiten Platz verteidigen, obwohl er am Start schlechter wegkam als Vettel. Wegen etwas mehr Wheelspin.

Dann wechselte Bottas in der zwölften Runde von Ultrasoft auf Soft. Hamilton reagierte sofort mit schnellsten Sektorenzeiten - wurde aber von Bottas ausgekontert, der mit frischen Reifen sogar noch schneller fahren konnte. Die Befürchtung, Mercedes könnte den Positionstausch quasi "inkognito" beim Boxenstopp abwickeln, war damit entkräftet.

Aber nach Vettels Stopp in der 13. kam in der 14. Runde auch Hamilton rein, und bei der Einfahrt in die Box war der nunmehr dreimalige Sotschi-Sieger etwas ambitioniert. Der Verbremser vor der "Speed-Trap" kostete wohl jene halbe Sekunde, die am Ende fehlte, um vor Vettel zu bleiben. Der hatte seinerseits mit einer schnellen Out-Lap den Druck erhöht.

"Wie ist das passiert?", wunderte sich Hamilton am Boxenfunk, in etwa gleich schlecht gelaunt wie Teamchef Wolff in der Garage. Zwei Runden später war das Stimmungstief beendet: Nach einem Beinahe-Crash mit Vettel zog Hamilton am Ferrari vorbei und war wieder Zweiter. Das Manöver in Kurve 4 war astrein.

Beinahe-Crash zwischen Vettel und Hamilton

Jenes eingangs Kurve 2, vor dem langen Omega, allerdings ein Fall für die FIA-Rennkommissare: "Er hat zweimal Spur gewechselt", funkte Hamilton, doch das Urteil lautete "No further action". Formel-1-Experte Alexander Wurz sieht das genauso: "Hart an der Grenze. Für mich gerade noch akzeptabel."

"Ich hatte ihn gar nicht gesehen", verteidigt sich Vettel. "Ich dachte, dass er irgendwo außen sein müsste." Hamilton kontert: "Er hat mich fast in die Wand gedrängt. Ich dachte, dass er zweimal gezuckt hat. Die Kommissare haben das anscheinend nicht so gesehen." Haben sie schon, aber laut FIA waren die beiden Spurwechsel für eine Strafe "nicht signifikant genug".

Weil sich die "Probleme" Max Verstappen (später Reifenwechsel) und Valtteri Bottas (Teamorder) ohnehin in Luft auflösen würden, war Hamilton mit dem Manöver gegen Vettel im Grunde genommen durch. In Runde 32 kamen noch einmal Zweifel auf, als er "engine hesitations" (Motorenaussetzer) meldete. Aber das schlug sich auf der Stoppuhr nicht nieder.

Gedämpfter Jubel bei Mercedes

Am Ende war der Jubel bei Mercedes verhalten. "Über diesen Tag muss ich erst nachdenken", sagt Wolff, die Hand angestrengt an der Stirn. Hamilton wirkt ebenfalls gedrückt, wenn er Bottas als "echten Gentleman" bezeichnet: "Er hätte den Sieg verdient gehabt." So sehr, dass er ihm auf dem Podium sogar den Siegerpokal schenken wollte - was Bottas verweigerte.

Auf dem Podium standen letztendlich nur Verlierer: Hamilton, weil er mit seinem Sieg keine Freude hatte. Bottas, weil er lieber gewonnen hätte. Und Vettel, weil ihm die WM durch die Finger gleitet. Mann des Rennens war ein anderer: Max Verstappen lieferte vom 19. Platz aus an seinem 21. Geburtstag ein "außergewöhnliches Rennen" (Christian Horner) ab.

Gleich am Start gewann er fünf Positionen, später in der ersten Runde weitere zwei. In der dritten Runde lag er in den Top 10, in der siebten war er Fünfter. Ein Tempo, mit dem der von P18 gestartete Daniel Ricciardo nicht Schritt halten konnte. Er lag zehn Sekunden hinter dem Teamkollegen auf Rang zwölf. Vielleicht teilweise erklärbar durch den Nasenwechsel beim Boxenstopp.

Meiste Führungsrunden für Verstappen

Verstappen heimste indes mehr Führungsrunden als jeder andere Fahrer ein (24), als die Mercedes- und Ferrari-Fahrer schon beim Reifenwechsel waren und er noch nicht. Das Fernduell gegen Kimi Räikkönen um Platz vier verlor er um 14,5 Sekunden. "Schwer zu sagen, was vom fünften oder sechsten Platz möglich gewesen wäre. Aber wir wären sicher dabei gewesen", bedauert er.

"Best of the Rest" war somit wieder einmal Platz sieben, und das war in Sotschi Charles Leclerc (Sauber). Seine Manöver gegen Kevin Magnussen (Haas) und Esteban Ocon (Force India) in den ersten beiden Runden waren entschlossen. Die beiden kamen hinter Leclerc auf den Positionen acht und neun ins Ziel.

Ocon musste dafür härter kämpfen als Magnussen. Als er am Dänen keinen Weg vorbeifand, klopfte nämlich von hinten Teamkollege Sergio Perez an und meinte, er kann das besser. Also bekam Perez von Force India die Chance, es selbst gegen Magnussen zu versuchen. Als aber auch der Mexikaner keinen Stich machte, wurden die Positionen teamintern wieder getauscht.

"Ich denke, wir hätten das Tempo gehabt, um zumindest den Haas zu kriegen", ärgert sich Ocon. Bitter: Magnussen tanzte ihm genau so auf der Nase rum, wie es später Vettel mit Hamilton machte. Auch das wurde von der Rennleitung nicht geahndet. Für Perez war P10 das Maximum: "Das Team hat alles versucht, aber heute gab's auf der Strecke einfach kein Vorbeikommen."

Mysteriöser Doppelausfall für Toro Rosso

Die Qualifying-Taktik des Renault-Teams, in Q2 nicht zu fahren, um Elfter und Zwölfter zu werden und für das Rennen freie Reifenwahl zu haben, ging nicht auf. Nico Hülkenberg fiel nach einem späten ersten Boxenstopp noch auf Platz zwölf zurück, Carlos Sainz wurde 17. Hinter dem Spanier kam nur noch Lokalmatador Sergei Sirotkin (Williams) ins Ziel.

Denn die beiden Toro Rossos sahen die Zielflagge nicht. Gleich in der fünften Runde drehten sich Pierre Gasly und Brendon Hartley fast zeitgleich von der Strecke. Erster Verdacht: Bremsdefekt. Das Team holte beide an die Box, untersuchte die Autos - und ließ diese nicht mehr auf die Strecke. Der erste Doppelausfall für Toro Rosso seit Montreal 2017.

Weiter geht's bereits in einer Woche mit dem Grand Prix von Japan in Suzuka. Dort fährt Vettel nüchtern betrachtet schon das Rennen der letzten Chance. Aus eigener Kraft kann er jetzt schon nicht mehr Weltmeister werden. Selbst wenn er alle Rennen gewinnen sollte, muss Hamilton nur einmal Zweiter und sonst immer Dritter werden ...

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