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  • 05.10.2006 · 12:33

Fernando Alonso spricht Klartext

Der Renault-Pilot über seine offene Kritik an seinem Team, die Rennstrecke von Suzuka, den Kampf um den Titel und Rivale Michael Schumacher

(Motorsport-Total.com) - Frage: "Du bist hier im vergangenen Jahr von Startplatz 16 auf den dritten Rang nach vorne gefahren. Das war ziemlich gut, oder?"
Fernando Alonso: "Ja, das war gut. Es gab zwei oder drei schnelle Autos, die von hinten los fuhren, da das Qualifying unter feuchten Bedingungen stattfand. Das Rennen war sehr interessant und es gab eine Menge Überholmanöver, daran kann ich mich noch erinnern. Das war gut, aber ich ziehe es vor, vorne los zu fahren und nicht so viele Plätze gutmachen zu müssen."

Fernando Alonso

Fernando Alonso fühlt sich manchmal im Regen stehen gelassen...

Frage: "Nach Aussage des Wetterberichts könnte es erneut feucht werden, was denkst du diesbezüglich?"
Alonso: "Das ist für uns kein Problem. Ich denke wirklich nicht, dass es einen Unterschied ausmacht, welche Wetterbedingungen wir an diesem Wochenende haben werden. Meiner Meinung nach sind wir im Nassen konkurrenzfähig, wir sind auch im Trockenen konkurrenzfähig."#w1#

"Ich ziehe trockene Bedingungen für das Rennen vor, denn das ist für die Leute hier auf der Tribüne besser. Für uns ist ein normaleres Rennen ebenso besser. Unter nassen Bedingungen sehen wir immer so viele verschiedene Dinge im Rennen passieren, es gibt Aufs und Abs, ein trockenes Rennen wäre aus diesem Grund wohl für alle besser."

Frage: "Weil es dann für die Fahrer etwas besser vorhersehbar ist?"
Alonso: "Ja, für die Teams, für die Strategen, für alles. Meiner Meinung nach haben wir unter trockenen Bedingungen normalere Rennen. Unter nassen Bedingungen kann es sehr gut laufen, es kann aber auch sehr schlecht laufen."

Frage: "Kannst du uns über den ersten Boxenstopp in China aufklären? Ich habe alle möglichen Geschichten gehört, dass dein Funk im Auto nicht funktioniert hat, dass du die Reifen aus deinem Auto nicht sehen konntest und dass es beim Boxenstopp ein Missverständnis darüber gegeben hat, ob man die vorderen Reifen wechseln soll oder nicht. Kannst du bitte erklären, was dort passiert ist?"
Alonso: "Ich habe schon in China gesagt, dass es kein Missverständnis war. Ich denke, dass alles klar war. Die Reifen sahen vom Auto und vom Fernsehen so aus, als wären sie stark abgenutzt, der linke vordere Reifen sah in Ordnung aus. Der Rechte sah beinahe wie ein Slick aus. Und da der zweite Rennabschnitt 22 oder 23 Runden lang war dachten wir, dass es vielleicht etwas riskant wäre, diesen Reifen drauf zu lassen, und dass er vielleicht zu sehr abgenutzt werden würde. Aus diesem Grund entschieden wir uns dazu, die vorderen Reifen zu wechseln."

"Die ersten paar Runden sind immer schwierig, aber du fährst den Reifen an und dann kommt er in jenen Zustand, in dem er funktioniert. Aber dieses Mal benötigten wir hierzu neun oder zehn Runden, um die Vorderreifen sauber zu bekommen. Dabei verlor ich meinen kompletten Vorsprung, aber wir taten dies aus Sicherheitsgründen."

"Als wir uns danach den Reifen anschauten, hätte man vielleicht sagen können, dass es in Ordnung gewesen wäre, wie Giancarlo und Michael den Reifen drauf zu behalten, bei denen das funktioniert hat. Vielleicht wäre es in meinem Fall exakt genauso gewesen, aber erst nach dem Rennen kann man sich diesbezüglich sicher sein. Zu diesem Moment war es für uns kein Risiko, einen neuen Reifen aufzuziehen und dabei aus Sicherheitsgründen ein paar Sekunden zu verlieren, denn wir hatten 20 Sekunden Vorsprung."

Frage: "Abgesehen von dem Problem mit den Reifen gab es in dieser Woche eine Menge Gerüchte über deine Stimmung. Du wurdest mit kritischen Worten über das Team zitiert, hast sie beschuldigt, dich zu boykottieren und ich habe gelesen, dass du auf Fisichella sauer bist, da er dir nicht ordentlich geholfen hat. Kannst du das vielleicht klarstellen?"
Alonso: "Ich hatte absolut nicht mit irgendjemand ein Problem. Das sind alles Gerüchte, denke ich. Es gab auch in Deutschland eine lustige Geschichte, wonach Fisichella nach dem Rennen auf die Party von Michael gegangen ist und dass ich auf ihn und das Team sauer war."

"Es gibt immer Gerüchte, von denen versucht wird, sie in die Welt so setzen, aber daran ist nichts Wahres dran. Ich hatte das Gefühl, dass ich vielleicht ein Problem mit dem Auto hatte, dass es zehn Runden oder neun, acht oder wie auch immer ein spezifisches Problem gegeben hat. Und natürlich habe ich mich mit Sicherheit alleingelassen gefühlt."

"Ich war Erster und mein Teamkollege war Zweiter und beide kamen mir näher, sie überholten mich und fuhren uns davon. Danach, als ich den Platz wieder gutgemacht hatte, lagen sie zu weit vorne. Mit Sicherheit ist es so wie bei der Tour de France in den Bergen, wenn du da einen Plattfuß oder etwas hast und dein Team und dein Gegner fahren ohne Anzuhalten den Berg hinauf. Das war ein wenig schwierig zu verstehen."

Frage: "Es geht ja nun von einem Rennen zum anderen, kannst du erklären, wie es für dich in den vergangenen Tagen gewesen war, wie du mit dieser Situation umgegangen bist?
Alonso: "Nun, in den vergangenen Tagen war ich bis gestern in Shanghai, habe trainiert, mich entspannt und abgeschaltet. Es ist für mich meiner Meinung nach kein Problem, mich wieder zu konzentrieren."

"Es gibt nichts in Bezug auf das vergangene Rennen, an das ich denken muss. Das gleiche ist mir schon in Monza passiert, da hatte ich ein frustrierenderes Rennen, auch nach China, wo ich auf der Pole Position stand, wo wir abgesehen von diesen zehn Runden ein perfektes Rennen fuhren. Wir waren im Trockenen der Schnellste, im Nassen der Schnellste, es war aus diesem Grund für mich kein Problem, mich wieder auf das kommende Rennen zu konzentrieren."

"Hier ist es ebenso. Wir gehen morgen in das Freie Training und wir konzentrieren uns das ganze Wochenende über. Wir müssen die Ferrari nun hier und in Brasilien schlagen, und ich denke, dass wir dies tun können. Wir haben nun ein perfektes Auto, perfekte Reifen, Michelin stellt uns sowohl für trockene als auch für feuchte Bedingungen fantastische Reifen zur Verfügung. Wir sollten also in der Lage sein, dies zu schaffen."

Frage: "Hast du das Gefühl, dass du im Kampf um die Titel nicht die volle Unterstützung von allen im Team genossen hast?"
Alonso: "Ich denke, dass dies eine schwierige Frage ist. Meiner Meinung nach tut das Team das Maximum, das es tun kann. Sie stellen mir ein fantastisches Auto zur Verfügung, wir haben die letztjährige Meisterschaft gewonnen und kämpfen in diesem Jahr um sie. Jedes Rennen ist unglaublich und dank dessen steht es in der Fahrerwertung ausgeglichen und wir liegen in der Konstrukteurswertung vorne."

"Mit Sicherheit stellt das Team also Giancarlo und mir ein fantastisches Auto zur Verfügung. Aber mit Sicherheit hatten wir manchmal verschiedene Ansichten und eine unterschiedliche Herangehensweise, ich fühlte mich ein wenig alleingelassen.""

Frage: "Auf welche Art?"
Alonso: "Nun, ich hatte dieses Jahr schwierige Momente, einen in Indianapolis, als ich nicht konkurrenzfähig war, und einen in China, als wir zehn Runden lang kompletten neben unseren Schuhen standen und vier Sekunden pro Runde verloren. Weißt du, in diesen beiden Momenten hätte man vielleicht meiner Meinung nach mir über Teamplay mehr Hilfe hätte zukommen lassen können."

Frage: "Wie hätten sie dir helfen können?"
Alonso: "Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Ich kämpfte mit Fisichella in der letzten Kurve, Kurve 14, einmal und er überholte mich. Ich überholte ihn dann erneut, denn er fuhr ein wenig länger. Dies sind alles diese Dinge, diese risikoreichen Momente. Bei drei Rennen, in denen man die Meisterschaft gewinnen kann, da ist dein Teamkollege ein wenig... Nicht gut genug, denke ich."

Frage: "Denkst du immer noch, dass es bei Renault Leute gibt, die dir nicht dabei helfen wollen, den Fahrertitel zu gewinnen?"
Alonso: "Alle im Team, alle Leute, sind wirklich fokussiert darauf, die Meisterschaft zu gewinnen. Wir haben beinahe die ganze Saison über beide WM-Wertungen angeführt und nun sind alle Leute in den letzten beiden Rennen motiviert. Und die Atmosphäre im Team ist einfach super und es sind zudem die letzten beiden Rennen für mich im Team. Jede einzelne Person im Team ist auf den Gewinn der Meisterschaft konzentriert."

Frage: "Aber du hast in China scheinbar gesagt, dass es Leute im Team gegeben hat, von denen du glaubst, dass sie nicht möchten, dass du die Fahrermeisterschaft gewinnst, aber dass sie den Konstrukteurstitel gewinnen möchten...
Alonso: "Nein, nicht. Mit Sicherheit ist es für das Team wichtiger, die Konstrukteursmeisterschaft zu gewinnen, aber sie wollen beide gewinnen. Mit Sicherheit.

Frage: "Du hast gesagt, dass du zweimal gegen deinen Teamkollegen gekämpft hast, als es vielleicht besser gewesen wäre, dies nicht zu tun. Hast du dies dem Team gegenüber klargemacht? Und bist du zuversichtlich, dass dies nicht noch einmal passieren wird?"
Alonso: "Nicht wirklich. Ich denke, dass es immer die Herangehensweise an ein Rennen ist, zu versuchen, die Rennen zu gewinnen. Dazu sind die Teams hier, und manchmal versuchen die Teams, mit dem anderen Fahrer zu gewinnen, wenn man ein Problem hat, denn dazu sind sie ja hier. Aber wie ich schon gesagt habe, manchmal ist die Frustration größer, wenn du dich in einem so engen Kampf um den WM-Titel befindest."

Frage: "Dein größter Gegner wird am Ende der Saison zurücktreten. Wie würdest du gerne gegen ihn kämpfen?"
Alonso: "Wir versuchen, auf der Strecke einen guten Kampf zu haben, und wir haben eine Menge Respekt für den anderen. Michael war der Fahrer mit mehr Titeln, mehr Siegen und mehr Pole Positionen und er ist in der Formel 1 eine Legende. Es ist aus diesem Grund für mich gut, gegen ihn in den letzten beiden Rennen seiner Karriere zu kämpfen. Das tun wir schon das ganze Jahr über, die ganze Saison über. Das war fantastisch und mit Gleichstand in die letzten beiden Rennen zu gehen ist für alle gut, gut für die Meisterschaft und für die Leute und für uns ebenso, denn der Wert und die Befriedigung für den Sieger der letzten beiden Rennen wird dadurch sogar noch größer sein."

Frage: "Wir haben in den vergangenen Tagen im Internet gelesen, dass Jean Todt gesagt hat, wie die Regeln aussehen, in Bezug auf die Tatsache, dass Fisichella zur Seite gegangen ist, um dich vorbei zu lassen, und das Michael dich und ihn nicht überholen konnte. Und er sagte, dass dies vielleicht kein normales Manöver ist. Was denkst du darüber?"
Alonso: "Ich denke, dass er in dieser Runde gut genug war, denn ich weiß nicht, was er meint - Fisichella versuchte mich zu überholen und die Autos lagen Seite an Seite auf der Geraden, um mich dann zu überholen. Es gab also kein Teamplay, sogar das Gegenteil war der Fall."

Frage: "Angesichts der Tatsache, dass China nicht wie Monaco oder Ungarn ist und es dort eine Menge Überholmöglichkeiten gibt, denkst du, dass Giancarlo Schumacher hätte hinter sich halten können?"
Alonso: "Ich weiß es nicht. Ich möchte in Bezug auf diese Sache nicht polemisch sein. Ich habe nur meine Meinung und mein Gefühl gesagt und verstehe die Position des Teams absolut. Ich bin glücklich, dass ich auf den zweiten Platz gekommen bin. Ich habe das Rennen verloren, weil meine Geschwindigkeit in diesen zehn Runden nicht gut genug gewesen war. Aber ich habe diesbezüglich vielleicht im Inneren ein anderes Gefühl."

Frage: "Nachdem du Schumacher im vergangenen Jahr zweimal außen überholt hat, würdest du die '130R' als die schwierigste und herausforderndste Kurve in der Formel 1 beschreiben?"
Alonso: "Nicht mehr. Mit den V10-Motoren konnte man in ein paar Runden mit Vollgas durch sie fahren, mit den Achtzylinder-Motoren wird es nun immer mit Vollgas gehen. Es ist keine Kurve mehr, in diesem Jahr wird es aus diesem Grund deutlich einfacher sein."

Frage: "Michael und du haben bereits mehrere Male gesagt, dass der Titelkampf durch die Reifen entschieden werden wird. Denkst du, dass es fair ist, dass die Fahrermeisterschaft durch einen Techniker entschieden wird, der mit Gummi arbeitet?"
Alonso: "Ich denke, dass dies die Formel 1 ist und es ist mehr als nur das. Ja, wir sagen dies, denn der Unterschied, den die Reifen in Bezug auf das Auto ausmachen können, ist größer als alles andere, das man verändern kann."

"Und mit Sicherheit sind nun diese zwei oder drei Zehntelsekunden, die man an einem Wochenende durch die Reifen finden kann, angesichts der Tatsache, dass die Autos an ihrem maximalen Entwicklungsstand und ihrer maximalen Leistung angekommen sind, möglicherweise entscheidend, ob man gewinnt oder verliert."

"Das ist wohl das, das wir diesbezüglich meinten, als wir dies sagten, dass wir von den Reifen dominiert werden, dass dies in den letzten beiden Rennen nun der Schlüsselfaktor für die Meisterschaft sein wird."

"Aber zu Beginn der Saison ist die Meisterschaft noch sehr lang und man muss eine generelle Sicht auf die Meisterschaft werfen. Man muss in 18 Rennen konstant auf dem Podium stehen und man muss die Saison hindurch über eine gute Leistung zeigen. Da ist der Reifen nicht der einzige Faktor und ich denke, dass dies fair ist, denn die Formel 1 bedeutet Technologie. So ist das überall im Motorsport und nun in den Händen von Michelin oder Bridgestone zu legen, ist ziemlich normal."

Frage: "Wenn Michael hier gewinnt und du nicht ins Ziel kommst, dann ist alles vorbei. Wird dies deine Herangehensweise an das Rennen beeinflussen?"
Alonso: "Nein, überhaupt nicht. Ich denke, dass wir Risiken eingehen müssen, dass wir das Rennen mit der Herangehensweise angehen müssen, die maximale Leistung zu erzielen und aus dem Auto das Maximum zu holen."

"Und wenn dieser unglückliche Moment auftaucht, dass du nicht ins Ziel kommen kannst, dann muss man versuchen, zu verhindern, dass Michael das Rennen gewinnt, denn dann ist die Meisterschaft vorbei. Aber sowieso, wenn ich hier oder in Brasilien nicht ins Ziel komme, dann wird der Titel sowieso weg sein. Wir müssen aus diesem Grund beide Rennen beenden und vor Michael liegen. Das müssen wir tun. Das ist nicht einfach, aber es ist nicht unmöglich."

Frage: "Was denkst du darüber, dass in diesem Jahr das letzte Formel-1-Rennen in Suzuka stattfinden wird?"
Alonso: "Es war ein fantastisches Gefühl und ein Vergnügen, in Suzuka zu sein, denn es ist eine der schwierigsten Strecken in der Welt und es ist nicht nur für die Fahrer sondern auch für die Ingenieure, die Reifen und den Motor eine super Herausforderung. Mit Sicherheit werden wir diese Art von Strecke vermissen, vor allem Suzuka, aber es wird neue Strecken geben und mit Sicherheit sind auch diese gut."

Frage: "Du hast hier schon vier Rennen bestritten aber nie gewonnen. Denkst du, dass es hierfür einen Grund gibt?"
Alonso: "Nun, 2004 fuhr ich im Regen in der Qualifikation und ich musste als Zwölfter losfahren. 2005 hatte ich erneut, wie die vier letzten Autos in der Startaufstellung, ein nasses Qualifying und startete als Sechszehnter ins Rennen. Es ist mit Sicherheit keine Hilfe, von so weit hinten los zu fahren, hoffentlich werde ich also in diesem Jahr ein normales Qualifying und ein konkurrenzfähiges Auto haben. Dann kann ich versuchen, um den Sieg zu fahren. Ich weiß, dass meine Statistik hier in Suzuka nicht so gut ist, aber ich versuche, dies dieses Mal zu ändern."