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Fall Räikkönen: Formel-1-Finanzmisere erreicht nächste Ebene

Warum Räikkönens Lotus-Abschied beweist, wie ernst die Formel-1-Krise wirklich ist, wer schuld ist und wieso die neuen Regeln zum Sargnagel werden könnten

(Motorsport-Total.com) - Der Fall Kimi Räikkönen ist ein Armutszeugnis für die Formel 1. Ein Topteam, das in der aktuellen Saison Rennen gewinnt und sich lange Zeit ernsthafte Titelchancen ausrechnen darf, verliert einen Toppiloten nur deshalb, weil man mit den Gehaltszahlungen im Rückstand ist. Genau das ist aber traurige Tatsache. "Der Grund, warum ich das Team verlassen habe, ist einzig auf der Seite des Geldes angesiedelt", bestätigte der Lotus-Pilot gestern ganz offen. "Sie können mein Gehalt nicht aufbringen. Es ist eine unglückliche Situation."

Eric Boullier

Sieht Eric Boullier bald schwarz? Kimi Räikkönen hat sein Team bloßgestellt Zoom

Der Grund: Lotus kämpft ums nackte Überleben. Zuliefererfirmen warten nach wie vor auf Zahlungen, die zu Beginn des Jahres fällig gewesen wären - die Situation ist prekär. Der Schuldenstand soll über 120 Millionen Euro betragen. Kein Wunder, dass die direkten Aussagen des Finnen Lotus-Teamchef Eric Boullier, der um sein Team kämpft, sauer aufstoßen. "Ich weiß nicht, warum er sich entschieden hat, in der Öffentlichkeit über die Finanzen zu sprechen", zeigt er sich gegenüber 'Sky Sports F1' von seinem Piloten enttäuscht.

Er hätte sich von Räikkönen mehr Sensibilität erhofft, zumal man die Karriere des Weltmeisters von 2007 wieder in Schuss brachte: "Vor zwei Jahren setzte niemand auf Kimi, aber wir haben es getan. Natürlich hätten wir diese Geschichte gerne weitergeschrieben, denn es war eine gute Geschichte in den vergangenen zwei Jahren, aber so ist das Leben. Wir werden jetzt zurückschlagen, und müssen dafür sorgen, dass er es bereut, uns verlassen zu haben."

Boullier gibt Zahlungs-Rückstände zu

Doch Lotus kämpft mit stumpfen Waffen, schließlich hat man diese Saison bereits Technikchef James Allison verloren - ebenfalls an Ferrari. Man sitzt auf einer Zeitbombe - zapft man nicht bald frische Geldquellen an, muss das Team zusperren. "Vielleicht sollten wir endlich einmal aufwachen", klagt der Franzose mit verärgertem Unterton. "Alle Teams sprechen darüber, dass die Kosten gesenkt werden." Passieren tut aber nur wenig.


Fotostrecke: Die wertvollsten Paydriver

Boullier war lange bemüht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, doch nun spricht er Klartext. "Es stimmt, dass wir uns dieses Jahr darauf konzentriert haben, unsere Leute zu bezahlen - wir haben versucht, unsere Zulieferer zu bezahlen und damit das Entwicklungstempo aufrecht zu erhalten", schildert er die Situation seines Rennstalls. "Es stimmt, dass wir einige Zahlungen an Kimi verschoben haben - das war ehrlich gesagt im Vorjahr das gleiche, aber am Jahresende war alles erledigt und vollständig bezahlt. Die Situation ist keine gute Botschaft für die Formel 1, das stimmt, aber es ist die Realität - und ich finde, die Leute müssen sich der Realität stellen."

Bei der Investorensuche sei man "fast so weit", meint er, "aber leider ist das Timing der Leute im Fahrerlager nicht das gleiche wie bei den Leuten außerhalb des Fahrerlagers." Geduld scheint also weiterhin angesagt. Sauber war vor einigen Wochen in einer ähnlichen Situation, doch dort dürfte man zumindest vorerst den Brand mit Hilfe russischer Investoren gelöscht zu haben.

Hersteller als Verursacher der Krise

Fakt ist: Abgesehen von Ferrari, Red Bull, Mercedes und McLaren stehen alle Teams mit dem Rücken zur Wand. Das bestätigt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh gegenüber 'Sky Sports F1': "Wenn man sich derzeit die Firmenbilanzen ansieht und die Geschäftszahlen, dann gibt es vier Teams, die nachhaltige Wirtschaftsmodelle haben." Und beinahe wäre sogar sein Team ins Trudeln gekommen, gibt er zu: "Wir bei McLaren haben das Glück, dass wir vor einer neuen Motorenpartnerschaft stehen, sonst wäre es viel härter. Wir haben also ein paar Sicherheiten."

"Man muss den Herstellern den Vorwurf machen, dass sie am Ende die Teams sitzen lassen." Jacques Villeneuve

Doch warum ist die Situation in den vergangenen Jahren dermaßen aus dem Ruder gelaufen? "Tatsache ist, dass wir beim Versuch, die Kosten in den Griff zu kriegen, nicht gut genug waren", richtet der Brite seine Kritik gegen die gesamte Formel 1. "Wir hatten vor zwei bis drei Jahren eine Krise, einige Motorenhersteller haben sich zurückgezogen - BMW, Toyota, Honda. Damals haben wir die Köpfe zusammengesteckt und ein paar gute Entscheidungen getroffen. Man vergisst das aber schnell wieder, wenn die Krise vorüber ist. Und manchmal benötigt man dann eine weitere Krise, um wieder aufzuwachen. Und das wird vielleicht passieren."

Auch Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve sieht die "goldene Ära" der Automobil-Hersteller in der Formel 1 als Ursache des Übels. "Man muss den Herstellern den Vorwurf machen, dass sie in die Formel 1 kommen, die Angestellten eines Teams verdoppeln und wenn sie keine Lust mehr haben oder es zu teuer wird, einfach verschwinden und die Teams sitzen lassen", nimmt der Kanadier gegenüber 'Bild' wie gewohnt kein Blatt vor den Mund. "Die Hersteller bestimmten den Sponsor, weil die oft untereinander verlinkt waren und Geschäfte machten. Dann ging der Hersteller, mit ihm der Sponsor und die Teams standen ohne Geld da."

Warum McLaren um eine Lösung kämpft

Kein Wunder, dass vor allem McLaren-Teamchef Whitmarsh im Gegensatz zu anderen Topteams die Kostenproblematik ein Anliegen zu sein scheint. Während Red Bull, Ferrari und Mercedes die "Königsklasse" des Motorsports als reines Marketingtool verwenden, ist der Sport das Kerngeschäft der McLaren-Gruppe.

"Die Formel 1 ist unser Kerngeschäft." Martin Whitmarsh

"Ich hoffe und glaube, dass McLaren in den vergangenen Jahren versucht hat, ein guter Bürger zu sein", erklärt Whitmarsh. "Wir haben so hart gepusht wie kaum ein anderes Team, um es für die kleineren Rennställe einfacher zu machen. Wenn man die kleinen Teams fragt, dann werden sie bestätigen, dass wir uns sehr bemüht haben, denn das ist unser Kerngeschäft. Wir wollen hier auch nächstes Jahr, im Jahr danach, in fünf Jahren, in zehn Jahren und in 20 Jahren antreten. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Teams überleben können. Es gibt derzeit definitiv einige, die eine sehr harte Zeit erleben."

Neue Motoren - wer soll das bezahlen?

Doch die Luft dürfte für die Teams bald noch dünner werden. Denn das neue Motorenreglement ab 2014 mit den komplexen Turboaggregaten wird die Kosten endgültig explodieren lassen, anstatt für Linderung zu sorgen. "Das neue Motorenreglement wurde aus vielerlei guten Gründen eingeführt und hoffentlich macht es unseren Sport relevanter, aber ich denke nicht, dass die Formel 1 - wenn wir jetzt zurückblicken - damit sehr kosteneffiziente Regeln einführt", kritisiert Whitmarsh.

"Die neuen Antriebseinheiten kosten für die meisten Teams 20 bis 25 Millionen Euro. Jetzt haben sie Schwierigkeiten, acht Millionen Euro dafür aufzubringen." Martin Whitmarsh

Das Problem: "Die Antriebseinheiten kosten für die meisten Teams - und leider betrifft das die kleinen Teams, die dafür zahlen müssen - 20 bis 25 Millionen Euro. Das ist ein großer Sprung, denn jetzt haben sie Schwierigkeiten, acht Millionen Euro für die Motoren aufzubringen." Die Topteams erhalten ihre Motoren hingegen gratis - eine verkehrte Welt. Und abgesehen davon müssen die Teams für 2014 wegen der Reglementrevolution auch völlig neue Boliden konstruieren, was weiteres Geld verschlingt.

Dabei hieß es vor einigen Jahren noch, dass jetzt alles besser wird: Ex-FIA-Boss Max Mosley lockte mit seinem Plan der Budgetobergrenze von 45 Millionen Euro (exklusive Fahrergehälter) die Rennställe Caterham (damals Lotus), Marussia (damals Virgin) und Campos (später HRT, heute pleite) in die Formel 1. Doch der Brite stolperte über die Sex-Affäre, seine Vision wurde nicht vollendet.

Teams schaufelten ihr eigenes Grab

"Mir wurde ein Sport mit geringeren Kosten versprochen", bestätigt Ex-Caterham-Teamchef Tony Fernandes. "Und ich finde, dass ist ein großes Versagen des Sports, denn nichts wurde billiger - alles wurde teurer." Einige geben FIA-Boss Jean Todt die Schuld, der sich aus der Kostendebatte raushalten möchte, damit die Teams die höheren FIA-Gebühren akzeptieren - ein Kuhhandel, der der Formel 1 schaden könnte.

"Die Leute sollten mit dieser Jeder-gegen-jeden-Mentalität aufhören. Was bringt das, wenn es irgendwann keinen Sport mehr gibt?" Tony Fernandes

Fernandes hält aber nicht die FIA, sondern die Teams für den Hauptschuldigen an der Misere: "Die Leute sollten mit dieser Jeder-gegen-jeden-Mentalität aufhören, denn das funktioniert nur kurzfristig. Was bringt das, wenn es irgendwann keinen Sport mehr gibt? Die Teams haben es vergeigt. Wir hatten die FOTA (Formula One Teams Association, Anm. d. Red.) und haben versucht, uns gegenseitig eins auszuwischen. Die Teams haben eine Gelegenheit verpasst, aber am Ende muss den Besitzern bewusst werden, was zum Wohle des Sports passieren muss."

Tatsächlich sind in der Formel 1 derzeit zwei freie Teamplätze verfügbar, doch niemand zeigt Interesse, in die "Königsklasse" des Motorsports einzusteigen. Ein krasser Gegensatz zu den Zeiten in den 1980er- und 1990er-Jahren, als teilweise eine Vorqualifikation abgehalten werden musste, weil es einen Überfluss an Rennställen gab.

Mangelt es an Wirtschafts-Basiskenntnissen?

"Wie viele Sponsoren sind in den vergangenen Jahren in diesen Sport eingestiegen?", stellt Fernandes eine Frage. "Wenn man sich an die Zeiten zurückerinnert, als ich zugeschaut habe, da waren die Autos voll mit Aufklebern, und alle haben darum gekämpft, ein Sponsor zu sein."

"Da stehen Leute an der Spitze von Teams, die geben mehr Geld aus, als sie einnehmen." Jacques Villeneuve

Sind also die großen Teams, die die Kostensenkung trotz tiefschwarzer Gewitterwolken blockieren, die Bösen und die kleinen Rennställe, die ums Überleben kämpfen, die Guten? Ex-Formel-1-Pilot Villeneuve ist abschließend nicht ganz dieser Meinung. Er zeichnet ein differenzierteres Bild und ortet jede Menge Phantasten ohne Realitätsbezug im Grand-Prix-Sport.

"Da stehen Leute an der Spitze von Teams, die geben mehr Geld aus, als sie einnehmen", fällt ihm auf. "Also bist du kein guter Geschäftsmann und gehörst nicht dahin. Wer mit den Finanzen nicht umgehen kann hat in der Formel 1 nichts verloren." Sein Rat: "Ein Team sollte wie ein Geschäft geführt werden."

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