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Engine-Freeze ab 2022: Chance und Risiko für Red Bull

Warum Red Bull von der ab 2022 eingefrorenen Antriebsentwicklung profitieren kann, sich diese Regelung aber auch als Stolperstein erweisen könnte

(Motorsport-Total.com) - Seit dem 11. Februar 2021 steht fest: Ab 2022 wird die Entwicklung der aktuellen Formel-1-Antriebe eingefroren. Ein weiteres kostspieliges Wettrüsten findet damit nicht statt, sehr zur Freude von Red Bull, das auf eben diese Entscheidung gedrängt hatte - natürlich vor dem Hintergrund des Ausstiegs von Motorenpartner Honda zum Saisonende 2021.

Max Verstappen

Max Verstappen im Red Bull RB16: Ab 2022 setzt man die Motoren selbst ein Zoom

Einfach war die Entscheidungsfindung aber nicht. Vor allem Ferrari hatte sich anfangs gegen den Ansatz gestellt, die Motorenentwicklung einzufrieren. Fortschritte gab es erst, nachdem sich die Beteiligten auf eine Vorverlegung des neuen Antriebsreglements von 2026 auf 2025 verständigt hatten.

Und es wurde auch darüber hinaus kontrovers diskutiert: Ferrari und Red Bull sprachen sich mit vereinter Stimme für Ausgleichsmöglichkeiten aus, sollte ein Antrieb im Vergleich zur Konkurrenz zu sehr abfallen. Als Vorschlag stand zum Beispiel eine höhere Benzin-Durchflussmenge im Raum, doch das stieß auf Widerstand bei Mercedes und Renault.

Kein Rennstall kriegt 1:1, was er sich wünscht

Dann kam der 11. Februar 2021 und mit ihm der Beschluss des sogenannten Engine-Freeze ab 2022. Erstaunlich: Die Formel-1-Teams hatten sich einstimmig dafür ausgesprochen. Und: Eine "Balance of Performance", also Ausgleichsmöglichkeiten, wie sie von Ferrari und Red Bull angeregt worden waren, wurden nicht verabschiedet.

Das Ergebnis ist also eine neue Regelung, die auf einem Konsens der Formel-1-Teams beruht, doch kein Rennstall bekommt vollumfänglich, was er sich gewünscht hat.

Auf dem Papier profitiert vor allem Red Bull vom angekündigten Engine-Freeze. Der Energy-Drink-Rennstall kann jetzt nämlich seinen Plan verwirklichen, die Honda-Antriebe nach 2021 zu übernehmen und dann in Eigenregie einzusetzen. Das war stets die präferierte Lösung von Red Bull, um nicht nach nur drei Saisons zurück zu Renault wechseln zu müssen. So hat man sein Schicksal gewissermaßen selbst in der Hand.

Was Red Bull jetzt zu tun hat

Aber: Ein Selbstläufer ist das künftige Motorenprojekt für Red Bull nicht. Denn in Milton Keynes muss nun erst einmal eine entsprechende Abteilung aufgebaut werden, und das wird nicht billig. Hätte sich Red Bull jedoch mit einem externen Zulieferer zusammentun müssen, es wäre für das Team ebenfalls teuer geworden.


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Tatsächlich hat das Team bereits damit begonnen, Anlagen zum Betrieb der bisherigen Honda-Motoren einzurichten. Und womöglich wird das sogar zum Vorteil für Red Bull, wenn 2025 neue Antriebe in der Formel 1 eingeführt werden.

Dann sollen bekanntlich weniger komplexe, günstigere Motoren verwendet werden, auch mit dem Ziel, neue Hersteller für die Formel 1 zu gewinnen. Gerade die Kostenfrage dürfte interessant sein für Red Bull: Schon vergangenes Jahr kokettierte der Rennstall damit, für das neue Antriebsreglement vielleicht sogar einen komplett eigenen Motor zu entwickeln.

Was Helmut Marko schon im Dezember sagte

Red-Bull-Berater Helmut Marko hatte im Dezember 2020 im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' erklärt: "Wenn es sich herausstellt, dass der neue Antrieb ein deutlich einfacheres Design aufweist, dass die MGU-H wegfällt, der Antrieb an sich aber innovativ bleibt und sich die jährlichen Kosten bei etwa 50 Millionen [Euro] einpendeln, dann ist es kein so kompliziertes Thema mehr wie bei den aktuellen Motoren."

"Das bedeutet, man könnte einen solchen Motor mit der Ausrüstung entwickeln, die wir bereits in Milton Keynes vorfinden."

Red Bull hat natürlich die Möglichkeit, mit einem anderen Hersteller zu arbeiten, sofern sich ein solcher für das neue Reglement begeistern kann. Die Eigenentwicklung eines Formel-1-Motors aber hat ebenfalls ihren Charme - und wäre eine ordentliche Back-up-Lösung für das Team.

Eigener Motor als Marketing-Chance

Und selbst für den Fall, dass Red Bull einen neuen Werksvertrag mit einem Hersteller unterzeichnen sollte: Eine eigene Motorenabteilung im Formel-1-Werk mit eigenem Know-how kann das Team nur stärken. Flexibel wäre man jedenfalls.

Auf der finanziellen Seite hätte Red Bull alle Freiheiten, seinen Formel-1-Antrieb zu vermarkten. Ein Beispiel dafür liefert die jüngere Teamgeschichte: Nach den ersten Differenzen mit Renault firmierten die Motoren der französischen Marke zwischen 2016 und 2018 als "TAG Heuer", benannt nach dem Uhrenhersteller aus der Schweiz. Ähnliches wäre für die Zeit ab 2022 denkbar, bis das neue Reglement einsetzt.

Red Bull stehen also diverse Möglichkeiten offen. Einen Haken aber hat die Sache: Es gibt in den kommenden drei Jahren keine Erfolgsgarantie für das ehemalige Weltmeisterteam.

Die Zeit drängt für Red Bull und Honda

Honda wird für 2021 zwar nochmals einen neuen Antriebsstrang bereitstellen, mit dem Ziel, dass Red Bull damit eine echte Titelchance haben kann. Unklar ist aber, welche Unterstützung der Hersteller Red Bull bei der Übernahme des Motorenprojekts zukommen lassen wird, gerade bei der Weiterentwicklung.


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Und die Zeit drängt: Ferrari, Mercedes und Renault werden während der Saison 2021 alles dafür tun, ihre Antriebe bestmöglich zu entwickeln, bis Anfang 2022 der Engine-Freeze beginnt. Red Bull darf hier nicht ins Hintertreffen geraten. Schützenhilfe von Honda beim Aufbau der eigenen Motorenabteilung wäre unbedingt erforderlich, wenn sich das Team keinen technischen Rückstand einfangen will.

An diesem Punkt kommt die "Balance of Performance" ins Spiel, die Red Bull gerne gehabt hätte, aber nicht gekriegt hat. Teamchef Christian Horner hatte schon Ende 2020 erklärt: Das Einfrieren der Motorleistung über drei Jahre könnte "ziemlich schädlich" sein für jedes Team, dessen Antrieb sich als nicht konkurrenzfähig erweise. Deshalb drängte Horner auf ein Ausgleichssystem, das aber keine Mehrheit fand.

Das Beispiel Ferrari aus der Saison 2020

Was es bedeutet, keinen konkurrenzfähigen Antrieb zu haben, das hat die Saison 2020 von Ferrari gezeigt: Weil aus Kostengründen in der Coronakrise keinerlei Entwicklung während der Rennsaison gestattet war, musste sich das Traditionsteam das komplette Jahr mit einem Leistungsdefizit herumschlagen. Es fehlte Ferrari und dessen Kundenteams Alfa Romeo und Haas schlichtweg an Speed. Daher kommt es nicht überraschend, dass sich Ferrari am Ende gemeinsam mit Red Bull für eine Art "Balance of Performance" ausgesprochen hat.

In Maranello ist es nun aber offenbar zu einem Umdenken gekommen: Ferrari zeigt sich zuversichtlich, was den neuen Formel-1-Antrieb für 2021 anbelangt. Vielleicht haben die Fortschritte bei der Motorenentwicklung den Rennstall dazu bewogen, dem Engine-Freeze zuzustimmen, in dem Glauben, ab 2022 wieder konkurrenzfähig zu sein?

Red Bull jedenfalls steht ebenso unter Druck wie Ferrari. Das Team kann sich unter den nun verabschiedeten Regelungen zwar für die Zeit nach dem Honda-Ausstieg aufstellen und auch bis zur Einführung des neuen Motorenreglements 2025 planen. Aber: Ohne technische Ausgleichsmöglichkeit muss der Red-Bull-Antrieb 2022 sitzen, sonst fährt Red Bull hinterher.

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