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Die Formel 1 und Saudi-Arabien: Steckt mehr dahinter als reine Geldgier?

Es gibt 90 Millionen Gründe, warum die Formel 1 in Saudi-Arabien fährt - aber darf man deswegen über womöglich positive Effekte einfach hinwegsehen?

(Motorsport-Total.com) - Marc Surer hat keinen Zweifel daran, dass die Formel 1 in erster Linie des Geldes wegen in Saudi-Arabien fährt. Allerdings stimmt der TV-Experte in einem Punkt mit Formel-1-CEO Stefano Domenicali überein: Die Königsklasse des Motorsports kann seiner Meinung nach in den arabischen Ländern die gesellschaftliche Veränderung hin zu demokratischeren Werten unterstützen.

Explosion in Saudi-Arabien

Dieses Bild ist seit 2022 untrennbar mit der Formel 1 in Saudi-Arabien verbunden Zoom

"Die Formel 1 kann einen positiven Einfluss haben", sagt Surer in einem Interview auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de (Kanal jetzt kostenlos abonnieren und kein neues Video mehr verpassen!). " In Saudi-Arabien durften Frauen vor ein paar Jahren noch nicht mal Autofahren. Inzwischen tauchen sie da auch auf der Rennstrecke auf. Ich finde, es hat schon was Positives bewirkt."

Die Formel 1 sah sich nach dem Grand Prix in Dschidda Ende März dem Vorwurf des "Sportswashing" ausgesetzt. Man nehme für astronomische Einnahmen von geschätzt 90 Millionen US-Dollar pro Event rein aus Promotergebühren die problematische Menschenrechtssituation im Gastgeberland in Kauf, hieß es unter anderem.

Dazu kam der medial hinlänglich dokumentierte Raketenangriff auf eine Anlage des Formel-1- und Aston-Martin-Sponsors Aramco unweit der Rennstrecke während des Freitagstrainings. Die Bilder von der Explosion gingen um die Welt, und ein Boykott des Events durch die Fahrergewerkschaft GPDA konnte erst nach stundenlangen Gesprächen abgewendet werden.

Surer räumt ein: Geld regiert die Welt!

Letztendlich sei es halt, sagt Surer "schon ein Business, weil jetzt viele Sponsoren aus dieser Ecke kommen". Er berichtet aus eigener Erfahrung: "Ich habe ein Leben lang immer Sponsoren gesucht zusammen mit dem Team, und ich weiß: Wenn es irgendwo eine Gegend gibt, wo viele Sponsoren herkommen, dann muss man da auch fahren."

Domenicali unterstreicht, dass die von ihm geleitete Formel 1 "nicht blind" sei, "aber wir dürfen eins nicht vergessen: Dieses Land macht durch den Sport und durch die Formel 1 einen enormen Schritt nach vorn. Man darf aber nicht so naiv sein und glauben, dass man eine mehr als tausendjährige Geschichte mit einem Fingerschnipp verändern kann."

Neben dem Beispiel von den nunmehr autofahrenden Frauen und fröhlichen Kindern auf den Tribünen wirft der Italiener ein weiteres Argument in die Waagschale: "Sie müssen sich an viele Regeln halten, um sicherzustellen, dass sie ein Rennen austragen können. Darüber sollten wir auch nicht ganz hinwegschauen."

"Natürlich gibt es Spannungen in dieser Region, natürlich könnten die Dinge besser laufen. Wir wollen aber nicht politisch sein. Ich glaube allerdings, dass wir eine sehr wichtige Rolle dabei spielen können, die Modernisierung dieses Landes zu unterstützen. Und wir rücken das ins Zentrum unserer Agenda."

Domenicali: Kritik an der Formel 1 zu billig

Verurteilungen der Formel 1 als geldgierig empfindet Domenicali als unangemessen: "Um ganz ehrlich zu sein: Niemand hat das Recht, unsere Moralvorstellungen zu bewerten", stellt er klar. Und er lehnt Vergleiche zwischen Saudi-Arabien und dem abgesagten Rennen in Russland ab: "Es ist eine Frage der Definition. Ist ein Terroranschlag gleich ein Krieg?"


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"Wir sind ein Sport. Natürlich stehen wir mit allen möglichen Botschaften in Verbindung, mit den zuständigen Behörden, mit dem Verband. Und eins ist klar: Wir werden nie die Sicherheit unserer Leute aufs Spiel setzen." Das sei aber in Saudi-Arabien, unterstreicht Domenicali, "nicht der Fall" gewesen.

"Wir dürfen solche Dinge nicht emotional bewerten. Ich sage das ganz bewusst. Als ich die Rauchschwaden gesehen habe, war meine erste Assoziation auch etwas, was wir gerade ständig im TV sehen", sagt er und meint damit den Krieg in der Ukraine. Aber: "Rationalität muss über allem stehen."

Unabhängig von der Diskussion um Moralvorstellungen findet Surer "zu viele Rennen in den arabischen Ländern nicht gut, weil einfach die Zuschauermassen fehlen. Ich glaube, das ist der Grund, warum man da nicht noch mehr Rennen machen sollte. Man sollte da hingehen, wo Zuschauer sind." Beispiel Melbourne: "So muss es doch aussehen, volles Haus!"

Surer: 23 Rennen pro Saison sind zu viel

Generell findet der ehemalige Formel-1-Pilot, dass ein Kalender mit 23 Rennen "definitiv" zu vollgepackt ist und man die Anzahl der Rennen wieder reduzieren sollte, wenn der Sport nachhaltig gesund bleiben und das Publikum nicht übersättigt werden soll. Selbst in seinem eigenen Freundeskreis nehme wegen der Übersättigung kaum noch jemand Notiz von den Rennen.


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"Die Leute kriegen es nicht mehr mit, und das ist eigentlich schade", bedauert Surer. "Früher hat man auf das nächste Rennen gefiebert und man hat auch in der Regel alle 14 Tage ein Rennen gehabt. Das war doch super, da konnte man sich drauf einstellen. Ein Wochenende ist für die Familie, das nächste Wochenende ist dann wieder Formel 1."

"Jetzt fahren wir einmal drei Wochenenden hintereinander, einmal früh morgens, einmal spätabends. Es geht viel verloren. Aber ich verstehe natürlich das Geschäftsmodell. Alle Teams haben ja immer gesagt: weniger Tests, dafür mehr Rennen. Jetzt haben sie mehr Rennen, und jetzt schimpfen sie auch wieder", so der Schweizer.

Das Interview mit Marc Surer über die Übersättigung des Rennkalenders, ein Zwischenfazit zum neuen Formel-1-Reglement nach drei Rennen der Saison 2022 und die Chancen von Außenseitern wie Fernando Alonso und Mick Schumacher, auch mal eine Sensation zu landen, gibt's jetzt in voller Länge (11 Minuten) auf dem YouTube.Kanal von Formel1.de.

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