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D'Ambrosio: "Wie mein Abschlussjahr an der Uni"

Jerôme D'Ambrosio im Exklusivinterview über seinen Lernprozess im Renault-Team, das Herzklopfen im Formel-1-Auto und die Chancen junger Fahrer

(Motorsport-Total.com) - Jerôme D'Ambrosio ist einer der drei Nachwuchspiloten, die Renault schrittweise auf die Formel 1 vorbereitet. Wie der offizielle Ersatzfahrer Ho Pin Tung und Jan Charouz wird der Belgier als weiterer Testfahrer regelmäßig zum Fitnesstraining nach Enstone, zu Meetings und zu Rennen beziehungsweise Tests des Formel-1-Teams eingeladen. D'Ambrosio ist als GP2-Pilot ohnehin bei einer Vielzahl der Grands Prix vor Ort. In Istanbul nahm er sich die Zeit, sich in der Bridgestone-Hospitality mit 'Motorsport-Total.com' zusammenzusetzen und über seine Rolle bei Renault und die Chancen junger Nachwuchspiloten zu sprechen.

Jerome D'Ambrosio

Jerôme D'Ambrosio gehört zum Nachwuchskader des Renault-Teams

Frage: "Jerôme, was sind in diesem Jahr deine Verpflichtungen bei Renault?"
Jerôme D'Ambrosio: "Nun, ich sehe das weniger als Verpflichtungen, sondern eher als Lernprozess. Für mich bietet sich die Gelegenheit zu lernen, worauf es in der Formel 1 ankommt. Ich kann lernen, wie sie im Team arbeiten - und es besteht ein massiver Unterschied zwischen der Arbeitsweise in der Formel 1 und in der GP2. In der GP2 hat man zwei Ingenieure, versucht, direkt auf den Punkt zu kommen, weil man nicht besonders viel zum Fahren kommt. In der Formel 1 hat man drei Sessions, man hat 25 Ingenieure..."#w1#

"Das war sehr beeindruckend, als ich das beim Launch in Valencia zum ersten Mal gesehen habe, wo ich dann auch beim Test geholfen habe. Es ist eine andere Arbeitsweise. Und ich beobachte, wie Robert Kubica direkt die wichtigen Punkte angeht und nebenbei noch andere Dinge ausprobiert. Ich denke, das ist das Wichtigste am Job eines Formel-1-Fahrers: Feedback zu geben und den Ingenieuren damit aufzuzeigen, woran sie arbeiten müssen, um das Auto schneller zu machen. Man kann immer tausend verschiedene Dinge verbessern. Aber für mich ist interessant zu sehen, wie das Auto mit diesem und jenem Kniff rennbereit gemacht wird. Und das ist auch wichtig für meinen Lernprozess."

"Es besteht ein massiver Unterschied zwischen der Arbeitsweise in der Formel 1 und in der GP2." Jerôme D'Ambrosio

"Dazu habe ich auch die Gelegenheit, Roadshows zu machen. Das ist natürlich etwas anderes, denn die Reifen dabei sind keine Bridgestone-Rennreifen, sondern andere. Von daher ist die Performance anders. Auch fährt man nicht im aktuellen Auto, aber es ist wichtig, die ganzen Abläufe kennenzulernen, wie welcher Knopf funktioniert und sich an den Speed zu gewöhnen. Man kann einfach mit den Knöpfen - zum Beispiel für verschiedene Differenzialeinstellungen - spielen. Und dabei lernt man auch."

"Und dann gehört zu meinen Aufgaben in diesem Jahr natürlich auch die Arbeit in der Fabrik. Dort spreche ich mit den Ingenieuren und so. Ich war schon in beiden Fabriken, in Frankreich und in Enstone. Das Schöne ist auch der offene Umgang untereinander. Robert und Vitaly sind die Rennfahrer, aber wenn ich von ihnen Informationen möchte oder über etwas sprechen möchte, dann nehmen sie sich die Zeit für mich und erklären es mir. Das ist wirklich toll. Dazu kommen dann noch die Fitnesseinrichtungen, die wir benutzen können. Und dazu lerne ich noch all die anderen Dinge kennen, die zur Formel 1 dazugehören."

¿pbvin|512|2777||0|1pb¿Frage: "Was zum Beispiel?"
D'Ambrosio: "In der GP2 konzentriert man sich auf nur auf das Rennfahren, aber in der Formel 1 hat man einiges mehr zu tun - dazu gehört nicht nur der Umgang mit den Medien. Während des Rennwochenendes muss man seine Zeit anders einteilen und dabei Prioritäten setzen. Denn eine Minute ist eine Minute. All das muss man lernen, es ist wichtig. Denn hoffentlich bekomme ich Ende des Jahres einen Test, und dann soll für mich nicht alles völlig neu sein."

"Wenn man zum ersten Mal in diesem Auto sitzt, dann schlägt das Herz schneller." Jerôme D'Ambrosio

Frage: "Wäre das dein erstes Mal im Formel-1-Auto?"
D'Ambrosio: "Nein, ich bin in Silverstone zum ersten Mal im Formel-1-Auto gesessen. Und man kann sagen, was man will - wenn man zum ersten Mal in diesem Auto sitzt, dann schlägt das Herz schneller. Denn es ist einfach aufregend. Das ist das, worauf man jahrelang gewartet hat. Vielleicht ist es schwieriger, wenn man all diese Aufregung in den Griff bekommen muss, weil man richtig testen muss. Natürlich werde ich auch aufgeregt sein, wenn ich zum ersten richtigen Test komme, aber all die 'negativen' Aspekte davon fallen weg. Ich werde mich wie zu Hause fühlen. Ich kenne die Jungs und das Team und so."

Frage: "Felipe Massa hat gesagt, es war für ihn wie ein Jahr an der Universität, als er Testfahrer bei Ferrari war. Geht es dir genauso?"
D'Ambrosio: "Es ist immer recht schwierig, Leuten seine Situation erklären und beschreiben zu müssen. Ich würde es ähnlich vergleich und sagen, es ist wie mein Abschlussjahr an der Universität. Ich lerne ständig dazu - und selbst wenn man dauernd lernt, strömen in der Formel 1 immer wieder neue Informationen auf einen ein, die man filtern muss."


Fotos: Renault, Großer Preis der Türkei


Frage: "Es gibt in diesem Jahr keine Testfahrten in der Formel 1. Glaubst du dennoch, dass ein dritter Fahrer beziehungsweise ein Testfahrer weiter eine wichtige Rolle im Team einnimmt?"
D'Ambrosio: "Nun, man hat im vergangenen Jahr gesehen, wie viele Fahrer ersetzt oder vertreten wurden, aus den unterschiedlichsten Gründen. Man weiß nie, was passiert. Natürlich hoffe ich nicht, dass ich Robert oder Vitaly ersetzen werde, denn im Moment passt alles bei Renault, die Fahrerpaarung ist gut und so. Aber es kann jederzeit etwas passieren und dann muss man darauf vorbereitet sein. Man hat also eine wichtige Rolle."

Frage: "Wärst du gerüstet, einzuspringen? Zum Beispiel, falls Vitaly sich beim Treppe hinunterlaufen den kleinen Finger bricht?"
D'Ambrosio: "Nun, offiziell ist Ho Pin Tung dritter Fahrer und Ersatzfahrer bei Renault. Aber wenn ich nun, aus welchen Gründen auch immer, ins Auto springen müsste - wenn mich Renault anrufen und sagen würde, ich muss fahren ... ich denke, sie haben mich in das Junior-Programm aufgenommen, weil sie daran glauben, dass ich gerüstet wäre. Ich werde das tun, was man von mir verlangt. Ich denke, wenn ich fahren müsste, wäre ich bereit und könnte es handeln."

Frage: "Warst du schon im Simulator?"
D'Ambrosio: "Nein, Renault hat keinen. Okay, sie haben zwar etwas Kleines, aber nicht so etwas wie McLaren oder so."

"Man kann sich zwar gerüstet fühlen, aber man hat nicht die Fahrpraxis." Jerôme D'Ambrosio

Frage: "Es wird viel darüber diskutiert, dass die Testfahrten vielleicht wieder eingeführt werden sollen, Luca di Montezemolo hat darüber gesprochen. Würde es Sinn machen, wenn ihr GP2-Fahrer euch zusammenschließen und versuchen würdet, darauf aufmerksam zu machen, was es für euch bedeutet, wenn nicht getestet wird? Denn es geht um eure Zukunft, die dadurch gefährdet wird..."
D'Ambrosio: "Ich denke, es ist heutzutage schwieriger, den Sprung ins Formel-1-Cockpit zu machen. Wenn man sich die Situation der dritten Fahrer anschaut: Man kann sich zwar gerüstet fühlen, aber man hat nicht die Fahrpraxis. Dagegen kann man nichts tun. Man muss damit umgehen können, dass man mit dem aktuellen Auto nicht gefahren ist. Von daher wäre es toll, wenn es Testfahrten geben würde. Ich glaube aber nicht, dass die GP2-Fahrer da großen Einfluss haben. Das ist mehr eine Sache zwischen der FIA, der Formel 1 und den Teams."

Frage: "Ist es nicht verrückt, wie es zum Beispiel bei Jaime Alguersuari gelaufen ist? Sein erster Test war nach seinem siebten Grand Prix. Er hat in diesem Jahr in Valencia seine erste Testsession absolviert, aber seit Ungarn war er bei Toro Rosso im Einsatz..."
D'Ambrosio: "Ja, das ist schon verrückt und lustig. Für einen jungen Fahrer ist es wahrscheinlich schwierig, das in den Griff zu bekommen. Wenn er in ein Auto springen muss, das er noch nie gefahren ist. Er kam ja auch noch aus einer niedrigeren Serie, das war sicher nicht leicht. Aber es scheint so, als ob er es hinbekommen hat."

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