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  • 22.06.2005 16:30

BMW und Sauber: Interview mit Mario Theissen

Der BMW Motorsport Direktor nimmt auf der offiziellen Pressekonferenz ausführlich zur Übernahme des Sauber-Teams Stellung

(Motorsport-Total.com) - Frage: "Herr Theissen, wie ist die Entscheidung, das Sauber-Team zu übernehmen, entstanden?"
Mario Theissen: "Das war keine Entscheidung, die in den letzten drei Wochen entstanden ist, sondern ein langfristiger Prozess. Wir haben uns bereits seit Ende der letzten Saison darüber Gedanken gemacht. Die Neuausrichtung basiert im Wesentlichen auf zwei Erkenntnissen: Eine ist, dass der Einfluss des Motors auf das Gesamtpaket geringer geworden ist - geringer, als er früher mal war. Fahrzeug, Reifen und Fahrer spielen eine größere Rolle als früher. Der zweite Grund ist, dass man nur dann Erfolg haben kann, wenn das Gesamtpaket optimal ist - und das ist nach unserer Auffassung nur mit einem voll integrierten Team mit durchgängigen Prozessen möglich. Wir haben bekanntlich Anfang des Jahres die Gespräche mit Sauber aufgenommen. Es ging damals um eine Motorenlieferung ab dem nächsten Jahr. Die Gespräche haben sich vertieft und wir haben eine Menge Gemeinsamkeiten entdeckt, die zu weiterführenden Ansätzen geführt haben. Wir sehen in Sauber eine solide Basis für die Fahrzeugentwicklung und die Produktion des Fahrzeugs, und deswegen haben wir uns entschlossen, ab nächstem Jahr mit einem von BMW geführten Team die Verantwortung für das Gesamtpaket zu übernehmen."#w1#

Mario Theissen

Mario Theissen entdeckte zwischen Sauber und BMW viele Gemeinsamkeiten Zoom

Frage: "Wie wird die Konstellation dann aussehen im nächsten Jahr?"
Theissen: "Es wird so aussehen, dass es sich um ein Team von BMW handelt - mit einem durchgängigen Projektmanagement. Das Team wird auf zwei Standorte verteilt sein. Das heißt, wir werden BMW Motorsport in München behalten, gleichzeitig aber den Standort in Hinwil ausbauen. Wir werden eine projektübergreifende Situation haben an mehreren Standorten haben. Wir werden den Standort Hinwil weiterhin als selbstständige Schweizer Firma führen, die angebunden ist an BMW Motorsport."

Schwierige Aufbauphase" ist zu bewältigen

Frage: "Was passiert jetzt sofort und im kommenden Monat?"
Theissen: "Zunächst einmal haben alle viel Arbeit vor sich. Wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir einen hervorragenden Formel-1-Motor bauen können - den besten, wie viele gesagt haben. Jetzt kommt aber die wesentlich komplexere Aufgabe Gesamtfahrzeug auf uns zu. Das heißt, es ist zunächst mal eine schwierige Aufbauphase zu bewältigen. Wir wissen, dass wir Geduld und Stehvermögen brauchen. Das haben wir. Es werden ab sofort die Ressourcen zusammengeführt."

Frage: "Mit welchem Datum beginnt denn die Partnerschaft?"
Theissen: "Mit dem heutigen Datum ist sie zunächst mal besiegelt. Sie wird in Kraft treten am 1. Januar 2006. In Kraft treten heißt, dass BMW eben dann die Führung des Teams übernehmen wird. Gleichzeitig wird Anfang 2006 das neue Team mit allem, was dazugehört, präsentiert. Wir werden bis dahin natürlich durchgehende Strukturen schaffen und alles entscheiden, was in den nächsten sechs bis sieben Monaten vor dem Antreten des neuen Teams realisiert werden muss."

Frage: "Wie wird das Team heißen?"
Theissen: "Das gehört zu den Fragen, die heute noch nicht entschieden sind, aber bis Jahresende wird das feststehen."

Frage: "Hat die Entscheidung Einfluss auf die bestehende Zusammenarbeit mit WilliamsF1?"
Theissen: "Keinen, was die unmittelbare Zusammenarbeit angeht. Natürlich war Frank Williams in jeder Phase unserer Gespräche darüber informiert. Ich habe ihn natürlich auch heute Morgen sofort informiert. Die letzten Verhandlungen sind übrigens erst heute Früh um 3:00 Uhr beendet worden. Das heißt, wir haben Frank Williams wirklich immer auf dem Laufenden gehalten. Wir haben mit WilliamsF1 gemeinsam Erfolge gefeiert, sind aber letztes Jahr und Anfang dieses Jahres hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Wir wollen den Erfolg, wir wollen ihn noch dieses Jahr - und wir werden das ohne jede Einschränkung zusammen durchziehen. Wir wollen in diesem Jahr noch Rennen gewinnen. Wir würden uns auch freuen, wenn WilliamsF1 im nächsten Jahr mit einem BMW Motor an den Start geht. Entsprechende Gespräche werden wir demnächst führen."

Motorsportprogramm wird wie bisher fortgesetzt

Frage: "Hatten die aktuellen Ereignisse in der Formel 1 Einflüsse auf die Entscheidung?"
Theissen: "Nein, das hatten sie nicht. Es ist eine langfristige strategische Entscheidung. Die wird bei uns weder durch Personen, noch durch Emotionen und schon gar nicht durch die Rennergebnisse der letzten zwei, drei Wochen beeinflusst."

Frage: "Wird sich das intensivierte Formel-1-Engagement auf andere Bereiche von BMW Motorsport auswirken?"
Theissen: "Auf keinen Fall. Wir haben bekanntlich drei große Säulen bei BMW Motorsport: Die eine ist die Formel 1. Die zweite ist der Tourenwagensport, in dem BMW eine Tradition hat wie sonst kein anderer Automobilhersteller. Diese Tradition werden wir uneingeschränkt fortsetzen. Der neue 3er für die Tourenwagen-Weltmeisterschaft des nächsten Jahres ist mitten in der Entwicklung. Und die dritte Säule ist unser Nachwuchsprogramm Formel BMW mit Blick auf alle vier Serien weltweit, die sich sehr erfolgreich etabliert haben als Top-Einsteigerserien für den Nachwuchs- und Formelbereich. Auch hier werden wir auf keinen Fall zurückstecken, sondern wir haben im Gegenteil vor, diese Serie weiter auszubauen."

Frage: "Ab wann wird denn der Windkanal in Hinwil im Dreischichtbetrieb laufen und gibt es schon Pläne bezüglich der Fahrerpaarung?"
Theissen: "Ich habe vorhin schon vom Ausbau des Standorts Hinwil gesprochen. Das betrifft natürlich den Ausbau der bestehenden Anlagen, aber insbesondere auch die Nutzung der Anlagen und Personalaufbau - nicht zuletzt im Bereich der Aerodynamik. Wir werden das in diesem Jahr in Angriff nehmen und so schnell wie möglich umsetzen. Zur Fahrerpaarung wird es Anfang 2006 Informationen geben, wenn das Team vorgestellt wird."

Frage: "Sollen in München auch neue Jobs entstehen oder nur in Hinwil?"
Theissen: "Bei BMW Motorsport wird der Antrieb entstehen, so wie bisher. Dafür sind wir gerüstet. Das heißt, der Personalstand in München wird sich nicht verändern."

Frage: "Wer wird das neue Team als Teamchef leiten?"
Theissen: "Sämtliche Personalfragen - auch diese - werden mit der Vorstellung des Teams beantwortet. Wir werden uns darüber unterhalten, welche Strukturen und Abläufe wir errichten möchten, und dann werden wir uns auch über die Schlüsselpersonen klar werden."

Frage: "Wie sieht es mit der Belieferung von WilliamsF1 aus? Würde WilliamsF1 schlechtere Motoren erhalten als das Werksteam?"
Theissen: "Wenn wir ein zweites Team mit Motoren ausstatten, dann wird auch auf diesen Motoren BMW draufstehen - und dann werden das keine zweitklassigen Motoren sein. Der Anspruch ist, nur einen Motorentyp zu entwickeln - aus der eigenen Ambition heraus, aber auch aus ganz simplen logistischen Überlegungen heraus, denn es ist einfacher, mit nur einem Motorentyp umzugehen. Das heißt, das zweite Team würde die gleichen Motoren fahren wie das Sauber-Team."

Frage: "Sie bauen gerade den V8 für kommende Saison, nicht wahr?"
Theissen: "Das ist richtig. Man hat auch die Möglichkeit, einen V10 anzubieten, der dann von der FIA reguliert wird, aber ich kann hier klar sagen, dass unser V8 auf dem Prüfstand läuft und im nächsten Jahr im Auto fahren wird."

Beteiligung an WilliamsF1 stand "nicht zur Debatte"

Frage: "Am vergangenen Wochenende gab es das Skandalrennen in Indianapolis. Wen machen Sie in der Nachbetrachtung dafür verantwortlich?"
Theissen: "Sicherlich war Indianapolis ein schlechter Tag für den ganzen Motorsport. Natürlich kann man nicht einfach darüber hinwegsehen. Was wir heute präsentieren, ist aber eine strategische Entscheidung, die man nicht vom Tagesgeschäft abhängig machen kann. Für uns geht es - ungeachtet dieser Irritationen - um die Top-Kategorie des Motorsports, und wir gehen davon aus, dass die Formel 1 auch in Zukunft die Top-Kategorie sein wird. Wir gehen davon aus, dass die Königsklasse des Motorsports auch in Zukunft eine sein wird. Was den Vorfall in den USA angeht, stimmen wir Teams uns gerade untereinander ab. Es gibt nächste Woche eine Veranstaltung in Paris. Das ist aber in erster Linie Sache des Teams und nicht von uns als Motorenhersteller."

Frage: "Sie haben ein Angebot an WilliamsF1 erwähnt. Würde die Zusammenarbeit auf dem heutigen Niveau bleiben?"
Theissen: "Wir haben noch kein konkretes Angebot gemacht, sondern wir haben Frank Williams gesagt, dass wir uns freuen würden, wenn er die nächsten Jahre BMW Motoren fährt. Wie das Ganze aussieht, darüber werden wir uns erst in den nächsten Wochen unterhalten."

Frage: "Nach den indiskreten Kommentaren von Frank Williams und Patrick Head haben Sie in Kanada gesagt, dass Sie sich darüber mit ihnen unterhalten werden. Ist das passiert und gibt es da überhaupt noch eine ausreichende Vertrauensbasis?"
Theissen: "Grundsätzlich gibt es die, sonst würden wir hier nicht sagen, dass wir weiterhin Motoren an WilliamsF1 liefern wollen."

Frage: "Hat es auch Überlegungen gegeben, sich mehrheitlich an WilliamsF1 zu beteiligen?"
Theissen: "Eine Mehrheitsbeteiligung an WilliamsF1 stand nicht zur Debatte. Wie gesagt haben wir Anfang des Jahres damit begonnen, uns mit Sauber zu unterhalten - zunächst nur über einen Motorenliefervertrag. Der Schritt, den wir jetzt gehen, macht nur dann Sinn, wenn wir wirklich das Gefühl haben, das ist perfekt geführt. Die zwei Unternehmen sollen so verschmelzen, dass sie in Zukunft ein durchgängiges Team bilden werden. Diese Erkenntnis ist aber erst während der Diskussionen mit Sauber gewachsen, und deshalb ist es zu dieser Entscheidung gekommen."

Frage: "Wie lange hat das Gespräch heute Morgen mit Frank Williams gedauert und wie hat er darauf reagiert?"
Theissen: "Die Dauer kann ich nicht sagen, weil ich nicht auf die Uhr geschaut habe. Was die Reaktion angeht: Ich habe schon erklärt, dass Frank jederzeit über den Stand der Gespräche informiert war. Er wusste auch, dass es hier inzwischen um mehr ging als um Motorenlieferung. Ich habe ihn konkret heute über alle Bestandteile dieser Entscheidung informiert. Wir haben auch vereinbart, dass wir nächste Woche über eine Motorenlieferung an WilliamsF1 sprechen werden."

Frage: "Wird es in Zukunft auf dem Rennplatz in der Hospitality nur Weißwürste geben oder die feine Schweizer Küche?"
Theissen: "Es gibt bei uns jeden Sonntagmorgen Weißwürste in der Hospitality, und da gibt es regen Zulauf! Die sind offenbar sehr beliebt. Die Küche ist ein wichtiger, aber nicht das dringlichste Thema. Sie muss erst im März 2005 zur Verfügung stehen. Bis dahin haben wir ja noch etwas Zeit."

Kein "Jahresplan" mit eigenem Team

Frage: "2000 sind Sie mit einem Fünfjahresplan bis zum WM-Titel angetreten. Wie lange ist der Plan diesmal ausgerichtet?"
Theissen: "Wir haben ein Arbeitsprogramm, aber keinen Plan, was die Zahl der Jahre angeht. Wir wissen, dass die Aufgabe sehr wichtig ist, aus einer gewissen Startbasis heraus das Team auf eine bestimmte Weise anzugehen. Das sieht man ja auch bei anderen Teams. Es sind mehrere Jahre erforderlich, bis man an die Spitze stoßen kann, aber in jedem Fall weniger, als wenn man das Ganze in Eigenregie auf die Füße stellt. Das ist für uns ein ganz wesentliches Argument, denn wir finden bei Sauber eine sehr solide Basis vor, was wir als Vorteil gegenüber einem vollkommen neu aufgebauten Team erachten. Ich kann aber wie gesagt keine Jahreszahl nennen."

Frage: "Hätten Sie die Entscheidung nicht getroffen, wenn die Ergebnisse in den vergangenen Jahren so gewesen wären, wie Sie sich das erhofft hatten? Würden Sie das Projekt mit WilliamsF1 als gescheitert bezeichnen?"
Theissen: "Auf die gesamte Zeitspanne gesehen sind wir mit der Zusammenarbeit mit WilliamsF1 mehr als zufrieden. Wir hatten einen sehr guten Start. In den ersten ein, zwei Jahren hat uns WilliamsF1 massiv geholfen, Tempo aufzunehmen und die Formel 1 zu erlernen. Womit wir nicht zufrieden sind - das gilt für BMW und für WilliamsF1 selbst -, sind die Ergebnisse des letzten Jahres und des Saisonbeginns dieses Jahr. Das war letztlich ausschlaggebend für die Neuorientierung."

Frage: "Werden künftig auch andere Bauteile als der Motor in München gebaut?"
Theissen: "Es ist absolut vorstellbar, dass wir das Getriebe in München entwickeln werden."

Frage: "BMW hat es nie für notwendig erachtet, einen deutschen Fahrer zu haben. Gibt es mit einem eigenen Team in diesem Punkt ein Umdenken?"
Theissen: "Es gibt kein Umdenken, weil man nur dann etwas positiv vermarkten kann, wenn man Erfolg hat. Erfolg entscheidet die Leistung. Die muss zuerst da sein. Die bisherige Einstellung, dass wir die besten verfügbaren Fahrer haben wollen, geht absolut weiter."

Frage: "Stand eine Beteiligung an WilliamsF1 nicht zur Debatte, weil BMW das nicht wollte, oder stand sie nicht zur Debatte, weil WilliamsF1 das nicht wollte?"
Theissen: "Wir haben das Thema in den letzten Jahren während unserer Zusammenarbeit immer wieder besprochen. Es war von beiden Seiten nie ein favorisierter Ansatz."

Frage: "Sauber und BMW fahren dieses Jahr mit Michelin-Reifen. Wird das nächstes Jahr so bleiben und haben die aktuellen Ereignisse auf diese Entscheidung Einfluss?"
Theissen: "Zum Thema Indianapolis möchte ich im Moment gar nichts sagen. Wir sind gerade dabei, alle Fakten noch einmal auszusortieren und zu prüfen. Es ist sicherlich nicht gut gelaufen, das Wochenende, und jetzt muss man analysieren, was man hätte besser machen können."