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  • 19.08.2003 · 14:11

  • von Marcus Kollmann

Berufungsverhandlung: Freispruch wegen Formfehlers?

Nach der heutigen Verhandlung in Paris, wartet nun alles gespannt auf die Entscheidung des FIA-Gerichts - interessante Aussagen

(Motorsport-Total.com) - Genau anderthalb Stunden dauerte heute die Verhandlung vor dem FIA-Berufungsgericht am Place de la Concorde in Paris, die das BMW-Williams-Team angestrengt hatte, um die gegen Ralf Schumacher von den Rennkommissaren des Großen Preises von Deutschland ausgesprochene Strafe revidieren zu lassen.

Ralf Schumacher

"Schumi II" erfährt erst am Mittwoch ob seine Strafe aufgehoben wurde

Die Rennkommissare hatten nach Anhörung der in den Startunfall auf dem Hockenheimring involvierten Fahrer entschieden, dass der BMW-Williams-Pilot den Zusammenstoß ausgelöst habe, in dessen Folge er selbst, sowie Rubens Barrichello (Ferrari) und Kimi Räikkönen (McLaren-Mercedes) aus dem Rennen ausschieden. Als Strafe wurde die Zurückversetzung um zehn Startplätze beim Großen Preis von Ungarn verhängt.

BMW-Williams mit gut vorbereiteter Verteidigungsstrategie

Um die Chancen im Kampf um die Konstrukteursweltmeisterschaft des Teams, sowie die von Ralf Schumacher in der Fahrerweltmeisterschaft zu wahren, legte BMW-Williams gegen die Entscheidung Einspruch ein der heute verhandelt wurde. Das anglo-deutsche Team ließ sich vor Gericht durch einen Anwalt vertreten und bot als Zeugen Ralf Schumacher, Dickie Stanford (Team-Manager) und Sam Michael (Chief Operations Engineer), sowie einen auf Verkehrsunfälle und die Analyse des genauen Unfallhergangs spezialisierten Fachmann auf. Darüber hinaus waren Sir Frank Williams, Schumacher-Manager Willi Weber, sowie Rubens Barrichello, Kimi Räikkönen und FIA-Rennleiter Charlie Whiting vor Ort.

Um das FIA-Gericht von der Unschuld Ralf Schumachers zu überzeugen, präsentierte der Rennstall im Laufe der Verhandlung verschiedene Videos. Diese belegten unter anderem, dass "Schumi II" beim Start eine ähnliche Linie wie in den Vorjahren gewählt hatte und veranschaulichten den begrenzten Blickwinkel den der Rennfahrer hatte, weshalb er nicht wissen konnte, dass sich auf seiner linken Seite noch andere Fahrer befanden.

Spezialist für die Analyse des genauen Unfallhergangs machte interessante Aussagen

Nachdem Sam Michael die unterschiedlichen Videos und in einer Mappe zusammengefassten Zeichnungen präsentiert und erläutert hatte, wurde der auf die Unfallanalyse von Verkehrsunfällen spezialisierte Fachmann Peter Wright gehört. Dieser erklärte, dass sich bei der Beurteilung eines solchen Zwischenfalls immer die Frage stelle was die daran beteiligten Fahrer unternommen oder eben nicht unternommen haben, um die Kollision zu vermeiden. Die Erkenntnisse von Wright sprachen eigentlich überwiegend Rubens Barrichello frei, dem er zu Gute hielt, dass er als einziger Fahrer richtig reagiert habe, indem er seine Geschwindigkeit verlangsamte und abbremste. Der Brasilianer musste sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen, dass er dies erst zu spät getan habe.

Anhand der Videoaufzeichnungen konnte auch belegt werden, dass McLaren-Mercedes-Pilot Kimi Räikkönen seinerseits ebenfalls die Möglichkeit gehabt hätte die zur Kollision führende Situation zu verhindern. Dem Finnen wurde vorgehalten, dass er auf seiner linken Seite noch rund 1 Meter Platz gehabt hätte, diesen aber nicht nutzte und stattdessen nach rechts zog, wodurch er Rubens Barrichello in Bedrängnis brachte. Bei Ralf Schumacher stellte Wright fest, dass dieser zur linken Seite hinübergezogen sei.

Anwalt von BMW-Williams fordert Aufhebung der Strafe und Freispruch von Ralf Schumacher wegen eines Formfehlers

Darüber hinaus erklärte Wright, dass bei dem Tempo der Autos das von Räikkönen und Barrichello geplante Überholmanöver an Ralf Schumacher niemals vor dem Bremspunkt der ersten Kurve hätte abgeschlossen sein können und grundsätzlich an einem Punkt irgendjemand hätte nachgeben müssen.

Während sich der Anwalt von BMW-Williams darauf berief, dass "Schumi II" auf Grund des toten Winkels nicht wissen konnte, dass sich neben ihm zwei weitere Autos befanden und die Argumentation darauf hinauslief, festzustellen, dass der Deutsche nicht absichtlich die Kollision verursacht habe, erklärt er im Schluss-Plädoyer, dass die Strafe aufgehoben werden sollte weil es sich, vereinfacht ausgedrückt, um einen normalen Rennunfall gehandelt habe und, viel interessanter, bei der Befragung durch die Rennkommissare in Hockenheim nicht wie sonst üblich ein Vertreter des Teams gehört wurde.

Unabhängig also von der Schuldfrage, in der man Ralf Schumacher als nicht verantwortlich ansieht den Unfall ausgelöst zu haben, versuchte man wegen eines angeblichen Formfehlers die ausgesprochene Strafe zurücknehmen zu lassen.

Charlie Whiting: Anhörung ohne Team-Manager ungewöhnlich aber nicht zwingend vorgeschrieben

FIA-Rennleiter Charlie Whiting erklärte jedoch, dass es zwar ungewöhnlich sei, dass Team-Manager Dickie Stanford bei der Anhörung von Ralf Schumacher nicht dabei war, dies aber nicht zwingend vorgeschrieben ist und die Rennkommissare des Großen Preises von Deutschland entsprechend gehandelt hätten, indem sie auf die Befragung des nicht anwesenden Team-Mitglieds verzichteten.

Gegen 11.30 Uhr wurde dann die Anhörung beendet und für den heutigen Nachmittag ein erneutes Zusammentreffen der Richter angekündigt, bei dem diese dann wohl festlegen werden ob sie sich der Sichtweise von BMW-Williams anschließen oder die Entscheidung der Rennkommissare bestätigen. Eine offizielle Urteilsverkündung wird am Mittwochnachmittag erfolgen.

Schumacher, Räikkönen und Barrichello nach der Verhandlung wortkarg

Im Anschluss an die Verhandlung gab es von allen geladenen Fahrern - Ralf Schumacher, Kimi Räikkönen, Rubens Barrichello - nur kurze Aussagen. So erklärte "Schumi II", dass er die Entscheidung daheim erwarten wird.

Teamchef Frank Williams war der Einzige, der sich ein paar Worte mehr entlocken ließ und sagte, dass es nicht angebracht wäre zuversichtlich zu sein wenn man vor Gericht stehe, da man nicht abschätzen könne ob die Richter der Argumentation des Teams folgen werden. Nun wird mit Hochspannung erwartet, zu welchem Ergebnis die Richter kommen und ob die Strafe zurückgenommen wird.

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