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  • 28.10.2015 · 18:08

  • von Bernd Mayländer

Bernd Mayländers Anekdoten: Hommage an den Weltmeister

Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer beschreibt, warum Lewis Hamilton verdient Weltmeister ist und was ihn von anderen Topfahrern in der Formel 1 unterscheidet

Lewis Hamilton

Lewis Hamilton hinter dem von Bernd Mayländer gefahrenen Safety-Car Zoom

Hallo, liebe Leser,

da ich (außer 1991 im Urlaub) noch nie in Mexiko war, kann ich über die Strecke dort recht wenig erzählen. Macht aber nix, schließlich gibt's nach dem Rennwochenende in Austin genug andere Themen. Und einen neuen (alten) Weltmeister: Lewis Hamilton. Fangen wir doch einfach damit an.

Auch wenn es im Nachhinein betrachtet nicht die rennentscheidende Szene war, Lewis' Überholmanöver gegen Nico Rosberg in der ersten Kurve sorgte nach dem Rennen für heiße Diskussionen. Ich persönlich sehe es als (sehr) harte Aktion von Lewis, aber gerade noch innerhalb dessen, was man als beinharten Zweikampf durchgehen lassen kann. So dramatisch wie einige andere Beobachter empfinde ich das ehrlich gesagt nicht.

So breit, wie die Strecke an der Stelle ist, muss jeder Fahrer damit rechnen, dass dort aggressiv vorgegangen wird. Und Nico hätte ja auch dagegenhalten können. Im Grunde genommen war es ziemlich riskant, was Lewis da gemacht hat, denn vom Punktestand her hatte er keinerlei Not. Aber das ist eine der Qualitäten, die Lewis so auszeichnen: dass er immer kompromisslos fährt und sein Revier genau absteckt - bis hierher, aber keinen Zentimeter weiter!

Sogar eine Chance für Nico Rosberg?

Dass es danach im Team eine Aussprache gibt, um die übelsten Wogen zu glätten, ist glaube ich ganz normal. Für Toto Wolff und Niki Lauda ist das ja nicht ganz neu (siehe Spa 2014), die kriegen das hin. Und Nico war auch am Sonntagabend schon wieder mit Lewis feiern. Vielleicht ist es sogar ein Vorteil für ihn, dass es so früh vorbei ist. Jetzt ist das Thema Weltmeisterschaft wenigstens abgehakt und er kann den Kopf frei bekommen. Ist 'ne Weile her, glaube ich, dass das der Fall war.

Und er kann sich darauf konzentrieren, Vize-Weltmeister zu werden, von den letzten drei mehr Rennen zu gewinnen als Lewis und das psychologische Moment und die Lockerheit, die er schon mal hatte, über den Winter mitzunehmen. Die verbleibenden Strecken sollten ihm entgegenkommen. Alles andere ist denke ich abgehakt. Den hundertprozentigen Support des Teams hat er bestimmt, denn Mercedes möchte Erster und Zweiter sein und nicht Erster und Dritter. Das Beste oder nichts.

Lewis ist jetzt also dreimaliger Weltmeister. Wie Senna, Lauda, Stewart. Ich kenne ihn, seit er 2007 zu McLaren-Mercedes gekommen ist. Ein zielstrebiger junger Mann, dem außergewöhnlich viel Talent in die Wiege gelegt wurde. Und er hat als McLaren-Junior eine sensationelle Ausbildung genossen. Sein Fahrstil passt perfekt zu dieser Generation Formel-1-Autos, und deshalb ist er auch zurecht zum zweiten Mal auf Mercedes Weltmeister. Das wird mir jeder Fachjournalist bestätigen.

Hamilton: Im Zweikampf top

Er macht keine Fehler, macht im richtigen Moment instinktiv genau das Richtige. Und er hatte dieses Jahr auch das Glück, dass die technischen Probleme meist bei Nico auftraten und nicht bei ihm. Wenn er Attacke fährt, bringt er sich so schnell in eine gute Position, dass sein Gegner gar keine Chance mehr hat. Siehe Austin, erste Kurve. Dieser Killerinstinkt steckt in seinen Genen irgendwo drin.


Fotostrecke: F1 Backstage, Austin

Bei anderen Topfahrern - vielleicht sogar beim einen oder anderen Weltmeister - wäre in derselben Situation wahrscheinlich die Radaufhängung hinüber gewesen. Bei Lewis (zumindest derzeit) nicht. Das unterscheidet die ganz großen Champions von "normalen" Weltmeistern. Nur vier Fahrer haben in der Geschichte der Formel 1 mehr Titel gewonnen als er. Das trifft ganz gut, finde ich, wo Lewis im historischen Kontext jetzt steht.

Mensch Lewis Hamilton nicht groß verändert

Den Menschen Lewis Hamilton mag ich ganz gern. Ich habe zu Lewis kein so enges Verhältnis wie früher zu Mika Häkkinen oder David Coulthard, mit denen ich viel unterwegs war, aber wir treffen uns manchmal bei Events - zum Beispiel, wenn Mercedes einen historischen Silberpfeil über die Steilwand in Monza jagt oder bei Stars & Cars in Stuttgart. Und ich muss sagen, dass sich Lewis in all den Jahren als Typ nicht groß verändert hat.

Klar, mit dem Erfolg kommt der Hype, und mit dem Hype muss so ein Superstar auch lernen, Grenzen zu setzen. Aber er nimmt sich immer noch Zeit für seine Fans, und er ist immer noch ein sehr angenehmer, geselliger Kerl, mit dem ich mich gern unterhalte. Seinen Gangsta-Rapper-Style muss man mögen, aber das sind nur Äußerlichkeiten. Und selbst seine Entourage, die er immer dabei hat, ist eine recht lässige, lockere Mannschaft.

Übrigens hätte Nico die WM-Party von Lewis vertagen können, wenn er Sebastian Vettel in den letzten Runden durchgelassen hätte. Versetzen wir uns mal in ihn hinein: Du bist angekotzt, weil du dich in der ersten Kurve von Lewis absichtlich rausgedrückt fühlst, du realisierst gerade, dass du die WM endgültig verloren hast, und dann schmeißt du mit einem eigenen Fehler auch noch den Grand-Prix-Sieg weg. Ich kann mir schon vorstellen, dass einem da dumme Gedanken kommen könnten.

Wollte er oder wollte er nicht?

Aber so, wie ich Nico kenne, hatte er die (wenn überhaupt) nur für einen kurzen Moment. Schließlich braucht er die Punkte im Kampf um die Vize-WM. Und wir dürfen nicht vergessen: Seine Reifen waren älter als die von Lewis und Sebastian. Sebastian ist einer, der bis zum letzten Meter kämpft, aber Nico hat sich durchgesetzt. Für einen Moment, das muss ich zugeben, dachte ich: 'Nein, das macht der jetzt nicht wirklich!' Aber das wäre nicht Nicos Stil, selbst wenn der Teufel manchmal ein Eichhörnchen ist.

Regen im Paddock in Austin

Weltuntergangs-Stimmung im Formel-1-Paddock in Austin, Texas, 2015 Zoom

Wäre da nicht die WM-Entscheidung gewesen, hätte es in Austin übrigens nur ein Thema gegeben: das unglaubliche Wetter! Wie man es sonst nur aus dem Fernsehen kennt, wenn Nachrichtensender von Überflutungen berichten. Ich habe auch in Deutschland schon mal so einen Wolkenbruch erlebt, aber da war der Spuk dann nach einer halben Stunde wieder vorbei. Dass es stunden-, ja, tagelang so heftig schüttet, das kannte ich noch nicht.

Tief liegende Wolken, immer dämmrig, nie richtig hell - fühlte sich ein bisschen an wie der Tag vor dem Weltuntergang. Über mein iPhone bekam ich vom Staat Texas sogar zwei Warnungen (am Samstag und am Sonntag), besser zu Hause zu bleiben (jawohl, so was gibt's in den USA). Habe ich woanders auch noch nie erlebt. Da hätte ich noch nie geglaubt, dass wir am Sonntag ein Rennen sehen würden - geschweige denn eines der besten, das ich je erlebt habe, seit ich in der Formel 1 bin.

Weltuntergangs-Stimmung in Austin

Ich war von Samstagmorgen an praktisch durchgehend Standby im Rennoverall, weil wir das Programm logischerweise irgendwie durchbringen wollten. Da entstand die Idee, auch die Supportrennen mal hinter dem Safety-Car zu starten, um zu sehen, ob es vielleicht annähernd fahrbar ist. Aber dieses Unterfangen mussten wir nach einer halben Runde abbrechen. Keine Chance.


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Ich war immer wieder für eine Inspektionsrunde auf der Strecke, um an Race-Control zu berichten, wie die Bedingungen im Detail sind. Charlie Whiting ist da übrigens nicht auf dem Beifahrersitz. Wenn er sich selbst ein Bild machen möchte, dann fährt er separat in einem anderen Auto der Race-Control. Jedenfalls: Als ich am Samstagabend ins Hotel zurückgefahren bin, war an ein Motorsport-Wochenende gar nicht zu denken.

Fast wie unter der Dusche

Selbst als wir am Sonntagvormittag wieder vom Hotel aufgebrochen sind, dachte ich noch: "Das wird nichts. Das ist der erste Grand Prix in der Geschichte der Formel 1, der nicht stattfinden kann." An der Strecke angekommen stellte ich mir Fragen wie: "Wie komme ich von der Hospi zur Garage?" Denn wenn du da ohne Regenschirm die paar Meter rüberlaufen musstest, warst du nass, als wärst du gerade unter der Dusche gestanden.

Zum Glück hat's dann ja noch geklappt, und Qualifying und Rennen an einem Tag, das hatten wir auch davor schon mal. Am Sonntagabend wollte ich eigentlich zur Mercedes-WM-Party, ich war bereits auf dem Weg dorthin. Dann traf ich einen meiner AMG-Kollegen und ging mit dem in eine andere Bar. Dort war es so lustig, dass wir es dabei belassen haben. Wir haben Texas-Style gefeiert, Country, relativ lang in die Nacht hinein.

Konnte ich mir auch leisten, denn ich war noch ein paar Tage in Austin und habe zum Beispiel die grandiose Aussicht aus meinem Hotelzimmer genossen. Ein bisschen relaxen, ein bisschen Sport machen, und dann weiter nach Mexiko. Darauf freue ich mich jetzt schon. Rund um "Local Hero" Checo Perez wird dort sicher eine tolle Stimmung herrschen. Aber vom Tequila lasse ich lieber die Finger - das ist nicht meins! ;-)

Euer

Bernd Mayländer

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