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  • 14.06.2016 · 21:55

  • von Gary Anderson (Haymarket)

Anderson: Warum Nico Rosberg Mercedes verlassen sollte

Formel-1-Experte Gary Anderson erklärt, warum er Nico Rosberg zum Teamwechsel rät und wie fatal die Strategie von Ferrari beim Kanada-Grand-Prix war

(Motorsport-Total.com) - Ein weiterer Grand Prix, und ein weitere Zwischenfall zwischen den Mercedes-Fahrern Lewis Hamilton und Nico Rosberg. Was dort vorgefallen ist zeigt anschaulich, warum Nico Rosberg, dessen Vertrag am Ende des Jahres ausläuft, einen Tapetenwechsel braucht. Das hört sich im ersten Moment nach einem seltsamen Ratschlag an, ist aber sinnvoll.

Nico Rosberg

Gary Anderson meint: Nico Rosberg täte ein Tapetenwechsel gut Zoom

Als sie 2014 in Spa kollidiert sind, war Rosberg anscheinend der Sündenbock. Wenn seitdem eine Berührung der beiden drohte, war er fast immer der Fahrer, der ausgewichen ist. Und genau das scheint jetzt wieder der Fall zu sein. Seit dem Zwischenfall in der ersten Runde des Spanien-Grand-Prix ist Rosberg nicht mehr der selbe Fahrer, der vorher sieben Grands Prix am Stück gewonnen hatte.

Wie wir alle gesehen haben, fuhr er in Montreal außen neben Hamilton. Die Vorderräder waren auf gleicher Höhe, und Rosberg hätte in der zweiten Kurve die Innenbahn gehabt. Hamilton ließ ihm aber keinen Raum. Hätte Rosberg dagegen gehalten, wären beide draußen gewesen. So ging er vom Gas und fuhr durch die Auslaufzone, wodurch sein Rennen ruiniert war. In Spanien war Hamiltons Vorderrad nicht einmal vor Rosbergs Hinterrad. In Montreal fuhren aber beide auf gleicher Höhe, Rosberg hatte das gute Recht, dort zu sein.

Kombination Vettel-Rosberg wäre für Ferrari genau richtig

Hamilton sagt, er habe starkes Untersteuern gehabt und sei deshalb nach außen in Richtung von Rosberg getragen worden. Das ist die gleiche Ausrede wie im vergangenen Jahr in Austin, und wäre jemand anderes außen neben ihm gewesen, hätte er ihm bestimmt mehr Platz gelassen. Dessen bin ich mir sicher. Er wusste aber, dass Rosberg leichte Beute ist und dass das Mercedes-Management im Zweifelsfall seinen Argumenten folgen wird. Daher ist es keine Überraschung, dass er es wieder getan hat.


Nico Rosberg und die "Massiv Mission" in Kanada

Nach lediglich Platz fünf in Montreal heißt es für den Mercedes-Piloten nur noch: Nichts wie weg Weitere Formel-1-Videos

Wenn ich Rosberg einen Rat geben dürfte, wäre der sehr einfach: Gehe woanders hin. Ja, er fährt das beste Auto im Feld, aber will er weiter die Nummer zwei hinter Hamilton sein? Ich denke nicht. Und der Mercedes wird nicht ewig das beste Auto sein.

Die Kombination Sebastian Vettel und Rosberg bei Ferrari wäre genau das, was er und Ferrari brauchen würden. Bei aller Liebe, aber wenn man sich Kimi Räikkönens Leistungen bei Ferrari in den vergangenen zweieinhalb Saisons anschaut, dann sollten seine Tage dort gezählt sein. Sollte Ferrari ihn behalten, würde das ein sehr seltsames Signal an alle aussenden: Zweitbester ist gut genug. Er hat seine besten Zeiten hinter sich. Das muss Ferrari begreifen, oder sie werden weiter unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Rosberg könnte befreit zum WM-Titel fahren

Vettel hat seine Erfahrungen von vier Weltmeisterschaften mit Red Bull zu Ferrari gebracht. Rosberg könnte das gleich von Mercedes mitbringen. Er fährt schon seit 2010 dort, das ist schon etwas. Wenn er bald unterschreibt, wäre er ein freier Mann und könnte die restliche Saison so fahren, wie er will. Damit könnte er es zum Weltmeister bringen.


Fotos: Großer Preis von Kanada, Sonntag


Vielleicht ist er zu nett und es fehlt ihm die rücksichtslose Entschlossenheit der ganz Großen. Aber das Leben als Rennfahrer ist kurz, und ich habe noch mit keinem Fahrer zusammengearbeitet, für den ein Cockpit bei Ferrari nicht die Creme de la Creme der Formel 1 gewesen wäre. Und wie der Kanada-Grand-Prix gezeigt hat, könnte ein bisschen Mercedes-Know-How für Ferrari sehr wichtig sein.

Im letzten Teil des Qualifyings haben sie alles zusammengebracht. Vettel fuhr auf einen guten dritten Platz und war nur 0,178 Sekunden langsamer als Polesetter Hamilton. Nach all den Dramen im Qualifying muss das eine Erleichterung gewesen sein und war ein deutlicher Fortschritt. Und mit Ferraris Tempo bei Longruns war er im Spiel um den Sieg. Und es wurde noch besser. Vettel gelang ein brillanter Start. Er ging links am langsam losfahrenden Hamilton vorbei und hatte damit die Innenbahn, Nach der ersten Kurve war er auf und davon.

Ferrari hat in Montreal einen Sieg verschenkt

Dass Rosberg, der von beiden Mercedes am besten gestartet war, von Hamilton berührt wurde, damit auf Rang neun zurückfiel und praktisch aus dem Rennen um den Sieg war, war ein weiterer Bonus für Ferrari. So musste sich Vettel nur noch um einen Mercedes Sorgen machen.

Sebastian Vettel

Die Ferrari-Strategie wirft Gary Anderson Rätsel auf Zoom

Die Führung schwankte immer um eine Sekunde, aber solange Vettel vorne war, sah es nicht danach aus, als könne ihn der Mercedes überholen, selbst mit DRS. Wir haben schon mehrfach bei den Rennen gesehen, dass die Mercedes Performance verlieren, wenn sie einem ähnlich schnellen Auto folgen. Dadurch wird das Überholen schwierig. So weit, so gut für Ferrari.

In Runde 10 von 70 ging dann Jenson Buttons Honda-Motor ein, es folgte ein virtuelles Safety-Car. Am Ende der Runde ging Vettel dann zur Überraschung aller (auch von Hamilton) in die Box und lies seltsamerweise supersofte Reifen montieren. Da der softe Reifen gefahren werden musste und Vettel auf den ultrasoften gestartet war, bedeutete das eine Zweistopp-Strategie. Wie zur Bestätigung kam auch Räikkönen an die Box. Nach dem abrupten Ende des virtuellen Safety-Cars hatte das Team ihm zwar noch gesagt, er solle draußen bleiben, doch da war er schon in der Boxeneinfahrt.

Warum der frühe Wechsel auf supersofte Reifen?

Ab diesem Moment hatte Mercedes leichtes Spiel. Sie mussten nur noch Vettels Rundenzeiten beobachten, und wenn sie mit einer Einstopp-Strategie genau so schnell fahren würden, wäre es ein Kinderspiel. Und genau so kam es. Was nach der ersten Runde nach einem spannenden Rennen ausgesehen hatte, wurde letztlich ein Schlag ins Wasser.


Fotostrecke: GP Kanada, Highlights 2016

Warum hat Ferrari nicht abgewartet, wie sich das Rennen entwickelt und die Strategie anhand der Rundenzeiten und der Performance festgelegt? Nun, das Team machte sich Sorgen über den Reifenabbau. Normalerweise bauen die Reifen am Renntag weniger stark als in den Freien Trainings ab. Eine Rückgang von 20 bis 30 Prozent ist nich ungewöhnlich. Ferrari hätte mit all ihrer Erfahrung einen Richtwert haben müssen, mit dem sie die Entwicklung des Reifenabbaus von Freitag bis Sonntag hätten berechnen und ihre Strategie daran ausrichten können. Darüber hinaus sah Ferrari am Freitag auf den soften Reifen richtig gut aus.

Hätte Ferrari das gemacht und im Hinterkopf behalten, dass sie in den vergangenen Rennen beim Reifenabbau mindestens so gut wie Mercedes waren, hätte Vettel mindestens noch fünf oder sechs Runden fahren können. In dem Fall hätte er auf die soften Reifen wechseln können, hätte nur einmal stoppen müssen, und hätte möglicherweise gewonnen.

Unruhe bei Ferrari wirkt sich auf die Leistung aus

Ferrari hätte sich an die Reifenregeln halten können, ohne Mercedes gleich zu signalisieren, dass zwei Stopps geplant sind. Und wenn Ferrari so entschlossen war, warum haben sie nicht softe Reifen aufgezogen und geschaut, was passiert? Wäre ein zweiter Stopp notwendig geworden, hätte Vettel für einen Sprint auf ultrasoft oder supersoft wechseln und Hamilton damit jagen können. So hat Ferrari zwei entscheidende Fehler gemacht. Sie haben die Autos zu früh zum ersten Stopp reingeholt, und hätten nach diesem Fehler Vettel und Räikkönen mit soften Reifen rausschicken müssen.

James Allison

Technikchef James Allison wird von Renault umworben Zoom

Das sind beunruhigende Zeichen. Ich glaube nicht, dass bei Ferrari alles gut ist. Wie so oft gibt es in Italien Gerüchte über Veränderungen in der Teamführung, und Renault hat seine Fühler nach Technikchef James Allison ausgestreckt. Die Messer werden eher früher als später gewetzt.

Wenn sich einem solche Möglichkeiten bieten, muss das Team die richtigen Entscheidungen treffen. Wäre Hamilton schneller gewesen und hätte Vettel überholt, alles schön und gut. Aber durch die Strategie von Ferrari wurde Vettel zum Jäger, anstatt das Rennen zu kontrollieren. Ferrari muss also schauen, wie sie besser werden, und Rosberg muss ein Team finden, bei dem er weiß, dass er nicht immer zweiter Sieger wird. Und es sieht so aus, als gäbe es einen Weg, mit dem man Ferraris Problem angehen und Rosbergs lösen würde.