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40 Jahre nach Graham Hills Tod: Sohn Damon erinnert sich

Vor 40 Jahren verunglückte Graham Hill nach über 300 Autorennen tödlich - im Cockpit eines Flugzeugs: Damon Hill erinnert an einen außergewöhnlichen Vater

(Motorsport-Total.com) - Diese Tragödie bewegte die Welt: Graham Hill, der über 20 Jahre den Motorsport in seiner gefährlichsten Zeit überlebt hatte, kam nur wenige Monate nach seinem Karriereende ums Leben, als er mit seinem Privatflugzeug abstürzte. Beim Landeanflug im Nebel streifte die Maschine Baumwipfel und stürzte auf einen Golfplatz. Hill wurde 46 Jahre alt. Sein damals 15-Jähriger Sohn Damon erfuhr vom dem Unglück im Fernsehen, das eine ganze Nation in Schockstarre versetzte. Erst kurz zuvor hatte Graham Hill eine Karriere beendet, die damals wie heute außergewöhnlich ist.

Graham Hill, Damon Hill

Graham Hill mit seinem Sohn Damon: Sie hatten nur 15 gemeinsame Jahre Zoom

Er kam erst auf Umwegen zum Motorsport. Erst mit 24 Jahren hatte er die Fahrprüfung bestanden und schlug sich zunächst als Instrumentenbauer durch, nachdem er bereits bei der Marine gedient hatte. Erst 1954 - im Alter von 25 Jahren - entdeckte er eher zufällig seine Liebe für den Motorsport, als er an einer Rennfahrerschulung in Brands Hatch teilnahm, was eigentlich eher ein einmaliges Abenteuer hätte bleiben sollen. Selbst für eine Zeit, lange bevor 17-Jährige in die Formel 1 befördert wurden, war dies ein vergleichsweise später Karrierestart.

Der Rest ist Geschichte: Nach vier Jahren mit mehr Ausfällen als Zielankünften holte er im Alter von 33 Jahren seinen ersten WM-Titel für B.R.M. und war der erste Brite, der in einem britischen Auto die Formel 1 für sich entschied. Er ließ weitere Vizetitel folgen, gewann 1966 als erster Fahrer seit George Souders im Jahre 1927 das Indianapolis 500 als Rookie und ließ 1968 einen zweiten WM-Titel folgen, als er, nun bereits als alter Hase, die Lotus-Saison rettete, nachdem das Team sein Aushängeschild Jim Clark verloren hatte. Im Jahr darauf hatte er den einzigen schweren Unfall seiner Karriere und brach sich beide Beine.

Graham Hill

Der Knoten platzte 1962: Erster britischer Meister im britischen Auto Zoom

Selbst in den 70er-Jahren fuhr Hill weiter: 1972 holte er den Le-Mans-Sieg und ist damit bis heute der einzige Fahrer, dem der Grand Slam von Siegen beim Großen Preis von Monaco, dem Indianapolis 500 und den 24 Stunden von Le Mans gelungen ist. Erst 1975, in seiner 18. Formel-1-Saison, trat Hill als Fahrer zurück. Er hatte die Verwandlung der Formel 1 zwischen 1968 und 1973, als sich das Design der Fahrzeuge radikal änderte, aus erster Hand miterlebt. Mit seinem eigenen Team wollte er seine Leidenschaft weiter ausleben.

Der verhängnisvolle Absturz

Doch Ende 1975 änderte sich alles auf einen Schlag. Mit einer Piper PA23 "Aztec" stürzte der 46-Jährige beim Anflug auf das Elstree Airfield in England ab, als er von einem Test in Le Castellet zurückkehrte. Er flog bei Dunkelheit im Nebel das Flugfeld an und streifte die Baumwipfel, was sein Flugzeug abstürzen ließ. Die Suchaktion endete in einem Desaster: Krankenwagen blieben in den Sandbunkern des Golfplatzes stecken, weil die Fahrer sie im Nebel nicht sehen konnten. Es dauerte Stunden, bis das Wrack überhaupt gefunden war. Die Insassen waren aber ohnehin auf der Stelle tot.

"Wenn man älter wird, wird einem klar, dass das überall auf der Welt passiert und dass wir alle verwundbar sind." Damon Hill

Der wirkliche Grund für den Absturz konnte nie geklärt werden, doch man geht von einem Pilotenfehler in Verbindung mit den katastrophalen Bedingungen aus. Hill sank schlicht und einfach zu früh. Der offizielle Untersuchungsbericht macht drei Möglichkeiten als Absturzursache aus: Ein Fehler bei der Interpretation der Höheninstrumente, Unkenntnis über die Flughöhe oder eine falsche Einschätzung der Position - möglicherweise wähnte sich Hill näher am Flughafen als er eigentlich war. Auf ein technisches Versagen deutet nichts hin, ebenso tat Hill nichts, was verboten gewesen wäre.

Hauptursache sind die Bedingungen. Der Untersuchungsbericht spricht von 50 bis 100 Metern Sichtweite. "Er war ein talentierter Pilot", erinnert sich Ted Dickens, der damalige Leiter des Golfplatzes, auf dem die Maschine abstürzte, bei 'BBC'. "Aber er hat es nicht geschafft. Bei solchen Bedingungen liegen zwischen Leben und Tod nur Sekunden und wenige Meter." Der Untersuchungsbericht sagt aus: "Das beabsichtigte Manöver erforderte hohe Fähigkeiten. Seiner Reputation zufolge schien er diese zu besitzen, aber es scheint, als habe er zu viel von sich erwartet."

Damon Hill wie vom Blitz getroffen

Sein Sohn Damon bekam die Nachrichten am Fernseher mit. "Es war ein Paukenschlag", erinnert sich der damals 15-Jährige bei 'Sky' zurück. "Ich war zu Hause und im Fernsehen war zu sehen, dass etwas in unserer Nähe passiert ist. Man musste kein Genie sein, um herauszufinden, was passiert ist." Graham Hill hinterließ neben Damon auch seine beiden Schwestern Samantha und Brigitte und Ehefrau Bette.


Fotostrecke: Formel-1-Weltmeister in Le Mans

"So was ist einfach schockierend", erzählt der Weltmeister von 1996 weiter. "Wenn man älter wird, wird einem klar, dass das überall auf der Welt passiert und dass wir alle verwundbar sind. Man braucht eine lange Zeit, um darüber hinwegzukommen, wenn man es überhaupt kann."

Neben seinen sportlichen Errungenschaften bleibt Graham Hill vor allem als Mensch in Erinnerung, der viel positive Energie ausstrahlen konnte. Seine größte Tat war vielleicht nicht unbedingt der Titelgewinn 1968 an sich, sondern wie er das Team in jener Saison nach den tragischen Todesfällen von Jim Clark und Mike Spence wieder motivierte und selbst die Führungsrolle übernahm, die das Team benötigte.

Macher, Führungsperson, Lebemann

Gemeinsam mit Jackie Stewart trat er sogar in Fernsehshows auf. Die beiden Stars unterhielten das Publikum mit bestem britischen Humor: "Was macht dein Auto besser als meins?" "Ganz einfach, Graham: Es ist schneller." Sohn Damon erinnert sich: "Er wusste, wie man mit Menschen umgeht. Er konnte sie beruhigen, aber auch anstacheln. Er schien die Leute um sich herum anzuziehen und mit seiner positiven Lebenseinstellung hinterließ er stets den Eindruck eines Machers. Er war viel beschäftigt, aber liebte sein Leben und hat nie auch nur eine Sekunde verschenkt."

Graham Hill, Matra

Mit seinem Le-Mans-Sieg holte Hill als bislang einziger Fahrer die "Triple Crown" Zoom

Hill gab in seinem Team jungen britischen die Chance, sich zu beweisen. Einer dieser Fahrer, Tony Brise, saß mit in der Unglücksmaschine. Großbritannien erlebte in den 70er-Jahren eine schwarze Serie: Mit Brise, Roger Williamson und Tom Pryce kamen drei hoffnungsvolle Talente bei bizarren Unfällen ums Leben. Bis heute gelten sie als "Lost Generation" in Großbritannien. Ebenfalls unter den Getöteten in der PA23: Teammanager Ray Brimble, die Mechaniker Tony Alcock und Terry Richards sowie Designer Andy Smallman.

Damon Hill schrieb die Geschichte seiner Familie weiter und wurde 1996 Formel-1-Weltmeister. Bis heute ist er der einzige Sohn eines Weltmeisters, der seinerseits den Titel holen konnte. Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus. "Er fragte immer wieder, ob ich Rennfahrer werden würde, aber kam zu dem Schluss, dass ich zu intelligent dafür sei. Leider lag er falsch", erinnert sich Damon, der das Helmdesign seines Vaters übernahm. Vor seiner Motorsportkarriere betätigte sich Graham Hill als Ruderer, was die weißen Striche symbolisieren.

Was Graham wohl über die heutige Formel 1 denken würde? "Mein Vater war sich immer der Gefahr im Motorsport bewusst", sagt sein 55-jähriger Sohn. "Ich denke, er wäre begeistert, aber in anderer Hinsicht auch enttäuscht. Er wäre vermutlich entsetzt darüber, wie wenig Einfluss die Fahrer auf das haben, was sie tun." Die Erinnerung an die Zeiten Graham Hills verblasst bei keinem Formel-1-Fan. Ebenso wenig verblasst sie bei Damon: "Ich liebte ihn, weil er mein Vater war und man mit ihm Spaß haben konnte. Ich denke, ich konnte mich glücklich schätzen, ihn als Vater zu haben."

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