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2002: Ein Malaysia-Grand-Prix für die Ewigkeit

Michael Schumachers dritter Platz in Sepang sollte 2002 sein schlechtestes Ergebnis bleiben - Riesenaufregung um FIA nach Kollision Schumacher vs. Montoya

(Motorsport-Total.com) - Im März 2002 ging es in der Formel 1 nicht nur um sportliche Themen. FIA-Präsident Max Mosley hatte die revolutionäre Idee, die Anzahl der erlaubten Motoren zu reduzieren, um Kosten zu sparen. Was heute, 14 Jahre später, selbstverständlich ist, wurde damals emotional diskutiert. Selbst die Vorstufe des Mosley-Plans, nämlich Qualifying und Rennen mit nur noch einem Motor zu bestreiten, wurde von so manchem Herstellervertreter als völlig absurd abgetan.

Außerdem bewarb sich der Brite Charles Nickerson mit seinem Phoenix-Team um einen Startplatz in der Formel 1. Nickerson hatte die Insolvenzmasse des Prost-Rennstalls zusammengekauft, wollte in die drei Millionen Dollar günstigen 2001er-Chassis 1999er-Cosworth-Motoren einbauen. Als Fahrer waren Tarso Marquez und Gaston Mazzacane vorgesehen. Tatsächlich verschiffte Nickerson Material zum Grand Prix von Malaysia, aber die FIA verweigerte ihm die Starterlaubnis. Phoenix sollte nie an einem Formel-1-Rennen teilnehmen.

Rein sportlich betrachtet war die Spannung vor dem vierten Formel-1-Rennen auf dem neuen Sepang International Circuit groß. Michael Schumacher hatte den Saisonauftakt in Melbourne gewonnen, übrigens noch in einer adaptierten Version des Ferrari F2001 aus der Saison 2001. In Sepang kam noch einmal der F2001 zum Einsatz; der F2002 debütierte erst beim dritten Saisonrennen in Sao Paulo, gewann seine ersten vier Rennen und verhalf Schumacher in 15 Rennen zu zehn Siegen und fünf zweiten Plätzen.

Schumacher als Melbourne-Sieger nach Sepang

Der Grand Prix von Malaysia war trotzdem noch nicht die Abschiedsvorstellung des F2001, denn Ferraris Nummer zwei, Rubens Barrichello, bekam das neue Chassis ein Rennen nach Schumacher.

Juan Pablo Montoya, Michael Schumacher

Juan Pablo Montoyas Chancen auf den Sieg sind früh im Rennen dahin Zoom

Der Saisonauftakt in Melbourne hatte für viel Aufregung gesorgt. Barrichello hatte überraschend die Pole-Position erobert und fuhr am Start so überehrgeizig zick-zack, dass er damit eine Massenkarambolage auslöste. Am Ende gewann Schumacher - auch dank der Überlegenheit der Bridgestone-Pneus im Reifenkrieg gegen Michelin -, obwohl er einmal von Juan Pablo Montoya im Williams-BMW spektakulär überholt wurde.

Das Duell Schumacher gegen Montoya prägt dann auch den Grand Prix von Malaysia. Schumacher fährt mit einer Bestzeit von 1:35.266 Minuten Pole-Position, 0,231 Sekunden vor dem Kolumbianer - und alle rätseln, warum die Formel 1 trotz Millioneninvestments und Reifenkrieg im Vergleich zu 2001 (Schumachers Pole-Zeit: 1:35.220 Minuten) nicht schneller geworden ist. In Reihe zwei stehen die Teamkollegen Ralf Schumacher und Barrichello.

Williams schneller als der 2001er-Ferrari

Bei Ferrari schrillen nach der dominanten Vorstellung in Melbourne die ersten Alarmglocken. Die Analyse nach dem Qualifying zeigt: Hätte Montoya seine besten Sektoren in eine Runde bekommen, wäre er mit einer Bestzeit von 1:35.045 Minuten auf Pole-Position gestanden. "Wir sind auf dieser Strecke näher an Ferrari dran als jemals zuvor", sagt BMW-Sportdirektor Mario Theissen.


Onboard: Montoyas Start in Malaysia 2002

Montoya weiß vor dem Start: Ralf Schumacher wird nur einmal an die Box kommen, er selbst zweimal. Diese Strategie erfordert, freie Fahrt zu haben, wenn er das Rennen gewinnen möchte. Tatsächlich kommt Montoya gut weg, nutzt beim Beschleunigen zur ersten Kurve seine BMW-Power und hat die Nase außen schon ein paar Zentimeter vor Schumacher, als er nach rechts abbiegt - im Glauben, den Start gewonnen zu haben.

Aber Schumacher bekommt Untersteuern, rutscht in den Williams, berührt mit seinem Frontflügel (der bei der Aktion abrasiert wird) das rechte Vorderrad von Montoya. Schumacher muss zum Boxenstopp, Montoya kommt als Neunter aus der ersten Runde zurück. Aber wer glaubt, dass die beiden alten Streithähne nach dem Rennen aneinandergeraten würden, der irrt.

Durchfahrtstrafe sorgt für heiße Diskussionen

"Meiner Meinung nach ist die Strafe gegen Juan Pablo zu eng", sagt sogar Schumacher selbst über die vielkritisierte Durchfahrtstrafe, die von den FIA-Rennkommissaren gegen Montoya ausgesprochen wird. "Ich habe in der Vergangenheit schon viel extremere Situationen erlebt, und in denen wurde auch keiner bestraft. Er hat halt die Linie so eng gehalten, dass für mich kein Platz mehr übrig blieb, und nachgeben wollte ich auch nicht unbedingt."

Ralf Schumacher

Ralf Schumacher feiert in Malaysia 2002 seinen vierten von sechs Formel-1-Siegen Zoom

Montoya bewertet die Situation ähnlich: "Das war keine Kollision. Er war innen, ich gab ihm Raum, er untersteuerte, wir berührten uns. Wir sind doch zum Rennfahren hier!" Und BMW-Sportdirektor Gerhard Berger versteht die harte FIA-Linie auch nicht: "So geht's nicht. Ich kann beim nächsten Rennen nicht jemand bei den Ohren nehmen, nur um Stärke zu beweisen." Seine Theorie: Die FIA hat an Montoya ein Exempel statuiert, nachdem sie zwei Wochen zuvor bei Barrichello beide Augen zugedrückt hat.

Montoya und Schumacher lassen sich von der Startkollision und den drohenden Diskussionen hinterher aber nicht beeinflussen und zeigen sensationelles Racing. Als Montoya in Runde 44 Jenson Button überholt, liegt er erstmals wieder auf dem zweiten Platz, den er von da an auch ins Ziel fahren sollte. Und Schumachers Vorwärtsdrang wird nur ganz selten gebremst. Einer, der schon geschlagen scheint, dann aber geschickt kontert, ist Enrique Bernoldi.

Enrique Bernoldi: Eine kuriose Karriere

Die Story des Brasilianers in der Formel 1 ist eine spannende: Eigentlich hätte er im Sauber sitzen sollen, wenn es nach Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko gegangen wäre, doch Peter Sauber wollte 2001 unbedingt einen Nobody namens Kimi Räikkönen verpflichten. Es kam später zum Zerwürfnis zwischen Sauber und Red Bull - und in letzter Konsequenz deswegen zur Gründung eines eigenen Red-Bull-Teams. Bernoldi machte im Gegensatz zu Räikkönen keine große Karriere, aber Boulevard-Schlagzeilen - durch sein Techtelmechtel mit Tennis-Beauty Barbara Schett.


Pressekonferenz Montoya vs. Schumacher

Ralf Schumacher trägt in Malaysia 2002 relativ ungefährdet seinen vierten von insgesamt sechs Grand-Prix-Siegen davon. Nach sieben Runden hat er zwar 3,8 Sekunden Rückstand auf Barrichello, dessen Ferrari-Team glaubt aber im Gegensatz zu Williams nicht daran, dass eine Einstoppstrategie in der tropischen Hitze möglich ist. In Runde 39 erledigt sich das Problem von selbst: Barrichello, zu dem Zeitpunkt nur noch Zweiter, scheidet mit Motorschaden aus.

Der "kleine" Schumacher gewinnt am Ende 39,7 Sekunden vor Montoya und 1:01.8 Minuten vor seinem Bruder im Ferrari. Button wird auf Renault mit Radaufhängungs-Problemen Vierter, alle anderen kommen überrundet ins Ziel - auch Jacques Villeneuve, der erkennen muss, dass sein Traum vom WM-Titel mit dem von ihm selbst mitinitiierten BAR-Team wohl ein Traum bleiben wird. Zumindest in der gerade angefangenen Saison.

McLaren-Mercedes weit weg von Siegen

Takuma Sato, Giancarlo Fisichella

Aufregung bei Jordan: Takuma Sato fährt Giancarlo Fisichella hinten rein Zoom

Katzenjammer herrscht nach Sepang bei McLaren-Mercedes und Jordan. Bei den Silberpfeilen, weil sowohl das Chassis kein großer Wurf als auch der Motor zu unzuverlässig zu sein scheint - in Malaysia verrauchen beide Mercedes-Aggregate. Und bei Jordan, weil ausgerechnet Takuma Sato ins Heck seines Teamkollegen Giancarlo Fisichella fährt. "Es tut mir sehr leid", seufzt der Japaner. "Es spricht für Giancarlo, dass er meine Entschuldigung angenommen hat."

In der Weltmeisterschaft 2002 führt Michael Schumacher nach zwei von 17 Rennen mit 14 Punkten vor Montoya (12) und seinem Bruder Ralf (10). Am Ende sollte er den Titel mit fast doppelt so vielen Punkten wie der WM-Zweite, sein Teamkollege Barrichello, gewinnen. Und Williams-BMW landet in jener Saison immerhin vor dem ebenfalls britisch-deutschen Konkurrenten McLaren-Mercedes.

Übrigens: Der dritte Platz von Malaysia sollte Michael Schumachers schlechtestes Ergebnis der gesamten Saison 2002 bleiben...