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  • 27.09.2016 · 10:31

  • von Norman Fischer & Daniel Halder

Kaum Spreu vom Weizen: Zanardi vermisst das Abenteuer

Ex-Pilot Alessandro Zanardi vermisst ein wenig das Besondere in der Formel 1 und erinnert sich an Zeiten, in denen das Limit noch etwas kaum Erreichbares war

(Motorsport-Total.com) - Zwar ist Alessandro Zanardi weiterhin ein großer Motorsportfan, doch die Formel 1 kann ihn in diesen Tagen nicht mehr so packen wie früher. Zwar sehe man derzeit viele Überholmanöver und Action, doch für den Italiener ist das große Problem, dass die Königsklasse zu vorhersehbar geworden ist. Bereits vor dem Qualifying wisse man, dass zwei Mercedes vorne stehen werden, dahinter zwei Red Bull und dann die Ferrari.

Alessandro Zanardi

Alessandro Zanardi ist immernoch ein glühender Anhänger des Motorsports Zoom

"Ich denke, dass die Formel 1 früher interessant war, weil sie einfach unvorhersehbar war", meint der Ex-Rennfahrer, der zuletzt 1999 in der Königsklasse unterwegs war. Heutzutage hat man hingegen vor allem das Auto als limitierenden Faktor. Diese seien zu einfach zu fahren, wodurch ein Spitzenfahrer kaum einen Unterschied machen kann. "Wenn ein Fahrer heute einen herausragenden Job macht, kann er seinen Teamkollegen vielleicht um ein paar Zehntelsekunden schlagen", so Zanardi.

Der ehemalige CART-Meister vermisst die richtigen Typen und die Besonderheiten bei den Leistungen. Er erinnert sich diesbezüglich gerne an die Zeiten eines Ayrton Senna, der alle anderen in Grund und Boden fahren konnte. "Es gab Tage, wo ein Typ wie Ayrton Senna in Monza mit 1,8 Sekunden Vorsprung auf seinen Teamkollegen auf Pole gestanden hätte", sagt er und spielt auf die erste Ära der Turbomotoren an, die für ihn etwas Magisches hatte.


Fotostrecke: Ayrton Senna: Die Karriere einer Legende

"Das Team hat seinen Fahrer mit 650 PS herausgeschickt - sowohl im Training am Freitag, im Qualifying am Freitag, im Training am Samstag und zu Beginn des Qualifyings am Samstag. Und irgendwann hat man den Fahrer gefragt: 'Bist du bereit?'", erzählt Zanardi. "Wenn die Antwort ja war, dann würden sie den Motor aufdrehen und einen Satz Qualifying-Reifen aufziehen. Dann würden sie den Fahrer für eine Runde herausschicken, weil der Reifen nur so lange hält, und ihm 1500 PS geben - mehr als doppelt so viel!"

Alessandro Zanardi

Der Italiener teilte sich früher die Strecke unter anderem mit Ayrton Senna Zoom

Und dort würde sich für Zanardi dann die Spreu vom Weizen trennen. Denn eine ordentliche Vorbereitung war auf die Power-Runde nicht möglich, sodass man die Grenze eigentlich gar nicht erreichen konnte. "Es war eine Kunstform, so nah wie möglich ans Limit zu kommen. Ayrton Senna hatte diese Kunst in seinen Venen, wo er viel näher als alle anderen kommen würde", erinnert sich der Italiener, der zwischen 1991 und 1993 im gleichen Feld wie Senna unterwegs war.

"Für mich war das unterhaltsam. Es war beeindruckend zu schauen und hat Fans süchtig nach der Formel 1 gemacht", sagt der Italiener. Für Zanardi ist klar, dass sich die Formel 1 wieder in so eine Richtung orientieren müsse - zumindest teilweise. Mit Schienenautos, asphaltierten Auslaufzonen und extrem breiten Strecken ist die Königsklasse hingegen aus Sicht vieler nicht mehr so aufregend und vor allem weniger separierend. Zanardi: "Man sollte sich neue Regeln ausdenken, die den Sport wieder ein wenig mehr herausragen lassen. Das scheint derzeit nicht der Fall zu sein."