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  • 08.11.2016 · 10:25

  • von Roman Wittemeier

1995: Ein Brasilien-Grand-Prix für die Ewigkeit

Trauer um den Nationalhelden, Nigel Mansell passt nicht ins Auto, Wirbel um das Benzin und ein Rennsieger, der erst 14 Tage nach dem Grand Prix feststeht

(Motorsport-Total.com) - Für die deutschen Formel-1-Fans war der 26. März 1995 dick in den Kalendern angestrichen. Das neue Idol Michael Schumacher hatte im Jahr zuvor im kontroversen Saisonfinale in Adelaide seinen ersten WM-Titel erreicht. Man konnte das erste Rennen von "Schumi" im Benetton mit der Startnummer 1 kaum erwarten. Die Fans wurden nicht enttäuscht: Der Grand Prix von Brasilien 1995 brachte dem neuen deutschen Superstar den Sieg - wenngleich erst gut zwei Wochen nach dem Ende des Rennens.

Vor dem Start in die Saison 1995 hatte die FIA teils äußerst umstrittene neue Regularien verabschiedet. Heftigen Streit gab es um neue Vorgaben für die Superlizenzen, also die "Formel-1-Führerscheine" der Piloten. Das minimale Fahrzeuggewicht samt Fahrer wurde auf 595 Kilogramm festgeschrieben. Außerdem wurden vor dem Hintergrund des Feuerunfalls von Jos Verstappen 1994 veränderte Tankanlagen eingeführt. Und Benzin sollte eine Hauptrolle im Grand Prix von Brasilien spielen.

Die Teams mussten bei der FIA eine Benzinprobe hinterlegen. Diese galt als Referenz, um zu verhindern, dass während einer Session "Raketentreibstoff" verbrannt wird. Es fand regelmäßig ein Abgleich statt. Der Treibstoffrest aus dem Tank musste dem hinterlegten "Fingerprint" entsprechen. Dies war bei Rennsieger Schumacher und beim zweitplatzierten Williams-Piloten David Coulthard nicht der Fall. Beide wurden am Abend nach dem Rennen aus der Wertung genommen, Gerhard Berger (Ferrari) zum Sieger erklärt.

Strittige Entscheidung: FIA nimmt Ausschluss halb zurück

Benetton und Williams ließen diese Entscheidung nicht auf sich sitzen. Man legte Protest ein und feierte letztlich einen Teilerfolg. Am 13. April wurde der Fall neu verhandelt. Die FIA revidierte den Wertungsausschluss der beiden erstplatzierten Piloten und verkündete eine Entscheidung, die für heftiges Kopfschütteln und nachhaltigen Streit sorgte. Schumacher und Coulthard bekamen die Punkte für ihre ersten beiden Plätze, die Teams Benetton und Williams jedoch keine Zähler.

Damon Hill

Ende der Siegträume zum Auftakt der Saison 1995: Damon Hill im Aus Zoom

"Wenn das die neue Regel ist, dann kann ich ja ein illegales Auto bauen, wenn nur dem Team die Punkte gestrichen werden", wunderte sich der damalige Ferrari-Berater Niki Lauda. Der Österreicher ließ weniger zahme Äußerungen folgen: "Das hat doch mit Sport nichts mehr zu tun. Ich kann doch im Fußball auch kein halbes Tor erzielen. Diese Entscheidung ist die größte Pleite der FIA, die für mich ab sofort nicht mehr als Hoheit für die Formel 1 tragbar ist."

"Die Formel 1 ist nur noch ein Witz", meinte Gerhard Berger, der schließlich wieder als Dritter gewertet wurde. Unverständnis herrschte auch bei Williams und Benetton, denn man hatte durchaus Argumente für die eigene Position und wurde darin von Benzinlieferant Elf gestärkt. Die Treibstoffproben wurden nämlich nachweislich während des Events von einer anderen Firma mit anderen Methoden analysiert als die ursprüngliche Probe. Die FIA wanderte somit auf einem äußerst wackeligen Pfad.

Neuer Asphalt: Fahrer viel geschüttelt und wenig gerührt

Rein sportlich stand das März-Wochenende 1995 in Brasilien eigentlich im Zeichen von Vizechampion Damon Hill. Williams hatte zu Saisonbeginn das zweifellos schnellste Auto im Feld. Der Brite konnte im Qualifying eine deutliche Bestzeit markieren, während Michael Schumacher am absoluten Limit zwei Abflüge unterliefen. Im Rennen fuhr Hill von der Pole-Position auf und davon, bis ihn eine gebrochene Aufhängung in der 30. von 71. Runden aus den Siegträumen riss.

Der Defekt war auf die Beschaffenheit der Strecke im Autodromo Carlos Pace zurückzuführen. Jahrelang hatten sich die Piloten über die mächtigen Bodenwellen in Sao Paulo beschwert. Mit einer neuen Asphaltierung zur Saison 1995 sollte alles besser werden. Doch das Gegenteil passierte. "Zehnmal so schlimm wie vorher", fauchte Gerhard Berger, der nach eigener Aussage derart durchgerüttelt wurde, dass ihm schwarz vor Augen wurde. "Idioten am Werk", meinte Lokalheld Rubens Barrichello.


Fotostrecke: GP Brasilien, Highlights 2015

Die Veranstalter hatten die alten Buckel der Piste einfach nur mit einem neuen Apshaltband überlagern lassen. Dadurch waren die ohnehin schon brutalen Wellen noch giftiger geworden. Die hohe Anzahl an Schäden in den Trainings und im Rennen sprachen Bände. Aber der Bürgermeister von Sao Paulo ließ alle Kritik an sich abprallen. "Wir haben die beste Strecke der Welt", so seine Reaktion auf die Kritik aus dem Formel-1-Fahrerlager.

Samba ohne Ton: Brasilien-Rennen ohne Ayrton Senna

Die Verantwortlichen in Brasilien hatten andere Sorgen als die wellige Strecke. Der Grand Prix in Sao Paulo 1995 war das erste Rennen im Land nach dem Tod des Idols Ayrton Senna. Dies war am Freitag und Samstag spürbar. Im Vergleich zu den Vorjahren waren erheblich weniger Fans an der Strecke. Am Renntag waren die Tribünen wieder voll, die Stimmung aber durchweg gedrückt. "Wie eine Samba-CD mit abgestelltem Ton", schrieben die Berichterstatter damals in der 'Motorsport aktuell'.

Blumen Grab Senna

Bewegend: Die Fans und Fahrer gedachten dem verstorbenen Ayrton Senna Zoom

Der Name Senna war am Grand-Prix-Wochenende 1995 allgegenwärtig. In der Woche vor dem Rennen pilgerten täglich über 2.000 Fans zum Grab des unvergessenen dreimaligen Formel-1-Weltmeisters. Die Anlage musste von einem guten Dutzend Polizisten geschützt werden. Zahlreiche Fahrer statteten dem Friedhof einen Besuch ab und kamen mit tränenerfüllten Augen zurück. Rubens Barrichello ließ seine Helmfarben für das Rennen ändern: Grün-Gelb für Brasilien und Senna.

Am Renntag schrieben Flieger der brasilianischen Luftwaffe ein riesiges "S" in den Himmel, im beliebten Formel-1-Hotel Transamerica gab es eine Ausstellung über den 1994 in Imola verstorbenen Rennfahrer. "Senna sempre" auf unzähligen Bannern, rund um die Strecke überall Verkaufsstände mit Fanartikeln. Vor dem Rennen absolvierten alle Piloten eine Ehrenrunde in Gedenken an Senna. Alle Fahrer waren in brasilianische Flaggen gehüllt.

"Pummelchen" Mansell und die McLaren-Sardinenbüchse

Mark Blundell Brasilien 1995

Mark Blundell ersetzte den zu pummeligen Nigel Mansell im McLaren-Mercedes Zoom

Trotz aller Emotionen und Debatten: Der Grand Prix von Brasilien 1995 hatte auch seine amüsante Seite. McLaren hatte ursprünglich mit der Verpflichtung von Ex-Champion Nigel Mansell einen Coup landen wollen, aber dieser ging gründlich in die Hose. Bei den ersten beiden Rennen des Jahres musste der Brite von Landsmann Mark Blundell vertreten werden. Die Begründung so kurios wie ein Grand-Prix-Sieg von Pastor Maldonado: Mansell war zu dick für das Cockpit des McLaren-Mercedes MP4/10.

McLaren musste nachbessern und baute ein verändertes Auto, um Mansell die gewünschte Sitzposition zu ermöglichen. "Das neue Monocoque für Nigel Mansell wird so geräumig sein, dass wir ihm noch eine Stereoanlage und eine Klimaanlage einbauen könnten", scherzte McLaren-Boss Ron Dennis. Mansell fuhr im neuen Auto die Rennen in Imola und Barcelona, erklärte das Fahrzeug dann aber für "nicht konkurrenzfähig" und stieg aus. Mika Häkkinen holte im gleichen Jahr immerhin zwei Podestplätze mit dem MP4/10, in der Herstellerwertung wurde McLaren auf Platz vier geführt...