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  • 01.09.2015 · 08:33

  • von Dominik Sharaf

1975: Ein Italien-Grand-Prix für die Ewigkeit

Ein Feiertag in Rot: Der kühle Taktiker Niki Lauda krönt sich nach elfjähriger Durststrecke in Monza zum Ferrari-Weltmeister und versetzt die Tifosi in Ekstase

(Motorsport-Total.com) - Am 7. September 1975 säumen 200.000 Tifosi das Autodromo Nazionale in Monza: Es deutet sich ein Stück roter Formel-1-Geschichte, als sich der damals 26-jährige Niki Lauda anschickt, seinen ersten Weltmeistertitel zu holen. Aus der Hoffnung auf die erste Krone für die Scuderia seit elf Jahren wird an einem sonnigen Sonntag ein Triumph, dem zunächst nur McLaren-Pilot Emerson Fittipaldi und Brabham-Ass Carlos Reutemann im Wege stehen. Doch Zünglein an der Waage ist Clay Regazzoni.

Niki Lauda

Niki Lauda bejubelt 1975 in Monza seinen ersten WM-Titel - zwei weitere folgen Zoom

Dass es überhaupt die Chance gibt, beim vorletzten Rennen der Saison alles klarzumachen, hat Lauda dem Schweizer und Luca di Montezemolo zu verdanken. Regazzoni ist Anfang 1974 mit seiner Empfehlung beim "Commendatore" maßgeblich dafür verantwortlich, dass Lauda nicht nur unter Vertrag genommen wird, sondern Ferrari auch die für seinen Formel-1-Einstieg gemachten Schulden begleicht. Di Montezemolo - Enzo-Ferrari-Zögling - hat den Rennstall in den Jahren zuvor auf links gedreht.

Anfängliche Skepsis im Team ist schnell passé: Obwohl nach drei Jahren bei March und BRM ohne große Erfolge in der Vita, überzeugt Lauda die Italiener auf Anhieb von seinem Talent. Schon 1974 verpasst er eine Titelchance nur, weil er noch grün hinter den Ohren ist und ihm die Defekthexe zu viele Streiche spielt. Nach einem Stotterstart im Jahr darauf läuft es ab dem Rennen in Monaco wie geschmiert: Siege im Fürstentum, in Belgien, in Schweden und in Frankreich eröffnen die Chance, in Italien für die Entscheidung zu sorgen.

Prekäres Teamduell in Startreihe eins

Clay Regazzoni, Niki Lauda

Regazzoni vor Lauda: Der Österreicher muss die Teamfehde nicht ausreizen Zoom

Schon die Pole-Position sichert sich am Samstag zuvor Lauda, der an der Strecke auch von vielen mitgereisten Österreichern unterstützt wird. Teamkollege Regazzoni steht in Reihe eins neben ihm, doch die Sache ist eher prekär als italienischer Traum: Das Verhältnis der beiden hat sich mit den Erfolgen des akribischen Arbeiters aus Wien abgekühlt. Bei den Roten arbeiten die Ingenieure und Mechaniker angeblich in zwei Lagern, es wird sogar von einem Nummer-zwei-Status für den Schweizer gemunkelt.

Es ist sogar davon die Rede, dass ausschließlich Lauda die superweichen Qualifikationsreifen zugesprochen werden, wenn sie dem Team ausgehen. Regazzoni, der nach einem BRM-Intermezzo in die Ferrari-Familie zurückgekehrt ist und seine alte Liebe im Jahr zuvor beinahe selbst auf den Thron geführt hätte, werden beim Großbritannien-Grand-Prix in Brands Hatch im Jahr darauf die Sicherungen durchbrennen - wenn er Lauda auf der Strecke abräumt und für die Aktion in Maranello seinen Hut nehmen muss.

"Rennpferd" Lauda geht keine Risiken ein

Niki Lauda

Lauda reicht ein dritter Platz für den großen Triumph - auch bei den Konstrukteuren Zoom

Doch wozu Risiko gehen? Lauda weiß, dass ihm ein fünfter Platz genügt und sowohl Fittipaldi als auch Reutemann unbedingt einen Sieg brauchen. Das lombardische Wetter spielt ihm in die Karten, als sich eine Wolkendecke am Vormittag auflockert und die Strecke nach einigen Schauern wieder abtrocknet. Lauda riskiert nichts und lässt es geschehen, dass Regazzoni gleich nach dem Start die Führung übernimmt. Die beiden Ferrari düsen lange im Formationsflug über den Highspeed-Kurs von Monza.

Der Titelkandidat kann sich glücklich schätzen, nichts mit dem Chaos zu tun zu haben, das sich dahinter abspielt: Jochen Maas (McLaren) beschädigt sich auf einem Randstein die Aufhängung, Ronnie Peterson (Lotus) ist in eine Kollision verwickelt, auch Mario Andretti (Parnelli) und Rolf Stommelen (Hill) verunfallen. Der Österreicher Harald Ertl (Hesketh) fliegt sogar über den March von Hans-Joachim Stuck und kann im Gegensatz zu "Strietzel" weiterfahren. Es erreichen nur sechs Autos in einer Runde mit dem Sieger das Ziel.

Laudas kalkulierte Fahrt: Sinnbild einer Karriere

Clay Regazzoni

Clay Regazzoni gewinnt das Rennen, doch es ist Anfang vom Ende seienr Ferrari-Zeit Zoom

Reutemanns Titelträume sind vorbei, als er auf Platz drei liegend von Fittipaldi überholt wird. Der Brasilianer jedoch fährt nach dem Manöver wie entfesselt, holt über zehn Sekunden auf Lauda auf und kassiert auch den Österreicher - dem klar ist, dass er erneut kein Risiko eingehen muss, weil er sechs Runden längst auf Titelkurs liegt.

Regazzoni fährt den Monza-Sieg ein, doch die Sache wird zum Sinnbild für die Situation des Routiniers: Der Jubel rankt sich um Youngster Lauda, der mit kalkulierter Fahrt die WM für sich verbucht. "Ich kann nicht über die Felsen in Sardinien springen, weil ich mir ständig bewußt sein muss, mir nicht den Fuß zu verstauchen", sagt Lauda damals dem 'Spiegel' - und genauso fährt er zu seinem ersten großen Triumph im roten Fahnenmeer. Es macht den Feiertag für Maranello perfekt, dass Ferrari auch noch die Konstrukteurs-WM für sich verbucht.

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