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Motorsport-Rettung Sim-Racing: BMW-Pilot Eng über den Trend der Stunde

In Corona-Zeiten droht dem Motorsport eine Absagenorgie: Wieso Sim-Racing nicht nur für Fahrer, sondern auch für Fans die Rettung ist und was die Piloten lernen

(Motorsport-Total.com) - "Special delivery today", lässt Nico Müller seine Fans am Donnerstag in seiner Instagram-Story wissen. Aus einem schwarzen Kleinbus wird ein kompletter Rennsimulator, bestehend aus Pedalerie, Display, Lenkrad und Rennsitz, ausgeladen. Wenig später sitzt der DTM-Vizemeister bereits in seinem Haus in Thun in seiner neuen Errungenschaft und trainiert.

Philipp Eng, Simulator

Derzeit im Großeinsatz: Eng im privaten Simulator in seinem Haus am Mondsee Zoom

Der Schweizer ist nicht der einzige DTM-Pilot, der sich in Zeiten der Coronavirus-Pandemie einen Rennsimulator anschafft. Denn Motorsportveranstaltungen rund um den Erdball werden abgesagt.

"Mir schreiben derzeit so viele Leute aus dem echten Rennsport, dass sie einen Simulator haben wollen", erzählt BMW-Pilot Philipp Eng im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Brutal! Das ist die einzige Möglichkeit, derzeit Motorsport zu betreiben."

Start vor zehn Jahren: Eng als Sim-Racing-Vorreiter

Der 30-jährige Salzburger, der im Vorjahr in Zolder seinen ersten DTM-Sieg feierte, hat bereits vor zehn Jahren mit dem Sim-Racing angefangen. Damals war er eine Art Exot, heute ist Sim-Racing im Motorsport eine anerkannte Trainingsmethode: Superstars wie Max Verstappen, die bereits in jungen Jahren verblüffend reif sind, haben ihre Fertigkeiten teils beim Sim-Racing gelernt.

Was jetzt neu ist: Die Piloten organisieren sich. Formel-E-Ass Jean-Eric Vergne hat einen Aufruf an alle Piloten gestartet, die derzeit ebenfalls nichts zu tun haben, eine Online-Liga zu gründen. Sollte das Coronavirus dafür sorgen, dass ganze Saisons abgesagt werden, dann wäre das auch für Fans die einzige Möglichkeit, ihre Helden dieses Jahr auf der (virtuellen) Rennstrecke zu erleben. Denn kaum ein Sport kann so gut virtuell ausgeübt werden wie der Motorsport.

Sim-Racing-Boom in Zeiten von Corona

Das beweist auch die Formel 1, die nun an den abgesagten Rennwochenenden reale E-Sport-Grands-Prix austragen will - mit den tatsächlichen Formel-1-Piloten. Und BMW hat vor einem halben Jahr den E-Sport als dritte Säule in sein Motorsportprogramm integriert und veranstaltet eigene Rennen.

Auch BMW-Pilot Eng ist Teil einer hochkarätigen Rennfahrer-Community, die im Simulator Gas gibt. "Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, in der rund 100 echte Rennfahrer drin sind. Da verabreden wir uns und fahren jeden Abend zusammen." Täglich verbringt er bis zu dreieinhalb Stunden im Simulator, genutzt wird die professionelle Plattform iRacing. Die Rennen werden sogar teilweise gestreamt, live kommentiert und können von Fans verfolgt werden.

Rennen gegen Verstappen, Montoya oder Lotterer

Das Fahreraufgebot liest sich wie ein Who's Who des internationalen Motorsports: Aus der Formel 1 sind Asse wie Verstappen und Lando Norris am Start, aber auch namhafte Ex-Piloten wie Michael Schumachers langjähriger Rivale Juan-Pablo Montoya, Stoffel Vandoorne oder Nelson Piquet jun.

Philipp Eng

BMW-Pilot Eng feierte im Vorjahr beim DTM-Rennen in Zolder den Sieg Zoom

Dazu kommen aktive DTM-Piloten wie Eng, Mike Rockenfeller, Sheldon van der Linde sowie die Ex-Piloten Bruno Spengler, Daniel Juncadella und Martin Tomczyk. Und aus der Formel E zählen der dreimalige Le-Mans-Sieger Andre Lotterer, Edoardo Mortara und Antonio Felix da Costa zu den Stammgästen. Sie alle stellen sich etablierten E-Racern.

Aber wie funktioniert das System? "Wir verabreden uns und sagen, dass es um acht Uhr losgeht", erzählt Eng. "Du erfährst 15 Minuten vor dem Start, auf welcher Strecke mit welchen Autos bei welchen Bedingungen gefahren wird, damit keiner lange Zeit hat, sich darauf vorzubereiten. All das bestimmt der, der den Server hat."

Konkurrenz auch beim Sim-Racing enorm

Dann werden ein kurzes Freies Training, zwei Runden Qualifying und ein halbstündiges Rennen gefahren - unter gleichen Voraussetzungen: "Alle fahren das gleiche Auto, jeder hat das gleiche Set-up, das auch nicht geändert werden kann." Der Andrang sei derzeit "enorm. Am Dienstag bin ich gar nicht mehr auf den Server gekommen", bestätigt Eng. "Es sind immer 60 Slots frei, und ich war ein bisschen spät dran. Mike Rockenfeller ist es auch so ergangen. Wir mussten zuschauen."

Die Piloten sind mit einem Headset ausgestattet und können - anders als im echten Rennauto - während des Rennens miteinander kommunizieren. "Das macht wahnsinnig viel Spaß!", grinst Eng. "Du kannst dir vorstellen, was da los ist, wenn 40 Rennfahrer gleichzeitig in so einem Rennen sind. Aber: Jeder nimmt das ernst und hat diesen kompetitiven Spirit in sich. Ich gehe mit dem selben Anspruch in so ein Rennen wie bei einem echten Rennen."

Wer glaubt, dass im virtuellen Racing böse Fouls und gefährliche Manöver an der Tagesordnung stehen, der irrt. "Die Regeln sind sehr streng", so Eng. "Wenn du im Qualifying in den Dreck fährst oder die Mauer berührst, dann bekommst du einen 'Incident-Point' und die Runde zählt nicht."

Warum Rowdys keine Chance haben

Zudem drohen harte Strafen, wenn man sich unsportlich verhält. "Es gibt eine eigene Abteilung, die sich nur um den 'Sporting Conduct' kümmert", erzählt Eng. "Wenn ich der Meinung bin, der andere ist mir mit Absicht ins Auto gefahren, dann könnte ich einen Protest schreiben und das Replay anfügen. Dann wird darüber entschieden, ob der Fahrer für ein Rennen oder für eine Woche gesperrt wird."

Außerdem verliert man bei Vergehen Lizenzpunkte und wird in der Rangliste abgewertet. "Dieses Lizenzsystem ist wirklich gut, denn wenn du in Barcelona in der langgezogenen Kurve 3 zu weit rausfährst - also mehr als zwei Reifenbreiten drüber -, dann kriegst du Cut-Strafen. Das heißt, dass dir 0,1 deiner Lizenzpunkte abgezogen werden. Das gleiche gilt für Kontakt. Wenn du dem anderen reinfährst, dann kriegst du gleich 0,4 Punkte Abzug. So summiert sich das." In einer Skala von 0 bis 4,99 ist das nicht unwesentlich.


Video: Philipp Eng stellt seinen hauseigenen Rennsimulator vor

"Da das Racing extrem sauber ist, lernst du extrem viel", sieht Eng das Strafensystem als enormen Mehrwert. "Du lernst, wie du den anderen einschätzt, wie du Überholmanöver vorbereitest, weil du weißt, dass du dem anderen nicht reinfahren darfst, zumindest nicht hart. Das hilft mir im echten Leben auch weiter. Im Idealfall machst du ein Überholmanöver ohne Kontakt, weil dann bleibt dein Auto länger gut."

Eng probte spektakuläres Manöver im Simulator

Die virtuellen Erfahrungen lassen sich tatsächlich ins reale Leben übertragen: Formel-1-Pilot Verstappen überholte Felipe Nasr vor fünf Jahren in Spa-Francorchamps in der ultraschnellen Blanchimont-Kurve spektakulär und beeindruckte damit die Motorsportwelt - eine Aktion, die er bei Online-Rennen geübt hatte. Hat auch Eng einen virtuellen Zweikampf bereits in der Praxis umgesetzt?

"Auf alle Fälle!", antwortet er mit leuchtenden Augen. "Zum Beispiel in Brands Hatch, wo ich ein virtuelles Formel-3-Rennen gefahren bin. Ein anderer kam schlecht aus der letzten Kurve, dann fuhren wir direkt nebeneinander durch Paddock-Hill-Bend. Ich habe geschaut, was passiert, bin von der Bremse weggegangen und dann außen vorbei. Das selbe Manöver ist mir dann im Vorjahr im ersten Rennen in Brands Hatch mit Paul di Resta gelungen, den ich dort auch außen überholt habe."

Also aufgepasst: Vielleicht liefern die virtuellen Rennen in der Heim-Quarantäne nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch einen spektakulären Vorgeschmack auf das, was einen auf der Rennstrecke erwartet, wenn die Motoren endlich wieder aufheulen.

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