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Gumpert RG Nathalie 2018: Über 300 km/h - Mit reinem Alkohol

Gumpert ist zurück. Mit einem revolutionären E-Supersportler. Der Trick: Eine Methanol-Brennstoffzelle. Und irre Leistungsdaten. Wir fahren den Prototypen

(Motorsport-Total.com/Motor1) - Man kann Roland Gumperts Elan förmlich greifen. Der 73-Jährige hat in seiner bemerkenswerten Karriere ja schon einiges erlebt, aber das hier, das scheint ihn wirklich gepackt zu haben. Der Ex-Audi-Motorsportchef, -Supersportwagenbauer und -Nürburgring-Rekordhalter (mit seinem Straßenrennwagen Apollo) hat zum Termin in ein kleines Ingolstädter Studio geladen, wo er einigen wenigen Journalisten gleich seine neueste Kreation vorstellen wird.

RG Nathalie: Neuer Gumpert-Elektrosportler

Gumpert ist zurück. Mit einem revolutionären Methanol-Brennstoffzellen-Supercar. Der Name: RG Nathalie Zoom

Surprise, Surprise

Um ehrlich zu sein, hatten wir so gut wie keine Ahnung, was uns erwarten würde. Von einem neuen Elektro-Sportwagen war die Rede. Mit chinesischer Unterstützung. Wie man das heute halt so macht. Gumpert Aiways heiße das neue Unternehmen. Weitere Infos? Fehlanzeige. Man macht es spannend. Wir sind gut drei Wochen weg von der feierlichen Enthüllung auf der Peking Motorshow und Gumpert will offenbar mit einem großen Knall aufschlagen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es dürfte ihm gelingen.

Ungewöhnlicher Name

Sie werden "Nathalie" auf den Bildern vermutlich schon gesehen haben. Nathalie (ja, das Auto heißt wirklich so) ist in ein ziemlich aufwendiges Lila gehüllt, 4,31 Meter lang und sieht aus wie ein Muscle Car aus dem Jahr 2030. Wer genauer hinschaut, erkennt in ihr auch eine ganze Menge Audi Quattro Concept. Dieser rattenscharfen Studie von 2015, die den Ingolstädtern so verdammt gut getan hätte.

Starker Partner aus China

Roland Gumpert war 35 Jahre bei Audi. Ganz ablegen wird er die vier Ringe wohl nie. 1998 ging er als Vorstand für Vertrieb und Marketing nach China, baute dort mit einem einheimischen Partner das Audi-Händlernetz auf. Der Partner, ein gewisser Mr. Fu, wurde zum Freund, sah Gumperts älteste Tochter (dreimal dürfen Sie raten, wie sie heißt) aufwachsen. Nun gründete man zusammen das neue Unternehmen zum Bau von Elektro-Sportwagen. In der Hinterhand hat man das Startup Aiways aus Schanghai. Wobei Startup vielleicht etwas untertrieben ist, wenn man ein Startkapital von 1,5 Milliarden Euro vorweisen kann. Gumpert fungiert für Aiways als Produktvorstand. Dort sollen ab 2019 eher herkömmliche Elektroautos vom Band laufen. Kleinwagen, SUVs, Busse, Limousinen. Man hat eine Plattform für acht verschiedene Fahrzeugvarianten. Die künftige Produktionsstätte ist für 300.000 Autos im Jahr ausgelegt.

Revolutionärer Antrieb

Das Aushängeschild von Aiways kommt aber aus Deutschland, soll ab 2019 auch hier produziert werden. Und hinter dem etwas gewöhnungsbedürftigen Namen RG (für "Roland Gumpert") Nathalie steckt eine - zumindest für den Automobilbau - wahrhaft revolutionäre Idee. Warum gleich revolutionär? Weil dieser stämmige Elektro-Keil mit einer Methanol-Brennstoffzelle fährt. Im Prinzip schütten Sie also puren Alkohol in den Tank. Dieser wird auf 300 - 400 Grad erhitzt. CO2 wird ausgestoßen. Übrig bleibt Wasserstoff, der durch die Brenstoffzelle geführt wird und Elektrizität erzeugt. Niemand hat das bisher so gemacht, dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Langwierige Ladeprozesse entfallen komplett. Täten sie bei einem "normalen" Wasserstoffantrieb natürlich auch, aber hier braucht es keine kompliziert und aufwendig zu gestaltende Tank-Infrastruktur. Jede beliebige Tankstelle könnte im Prinzip von heute auf morgen eine Methanol-Zapfsäule aufstellen. Der Tankvorgang unterscheidet sich nicht vom herkömmlichen. Obendrein kostet Methanol nur etwa ein Drittel von Benzin.

"Mindestens 600 Kilometer Reichweite"

"Ein klassisches Elektroauto in dem Sinne wie ich ein Auto verstehe, funktioniert nicht", sagt Roland Gumpert. "Ich fahre 200, 300 Kilometer und dann bleibe ich stehen, weil die Batterie leer ist. Das widerspricht meinem Gedanken von Freiheit. Hier habe ich meinen Generator immer an Bord, wir erreichen nachgewiesen Reichweiten von mindestens 600 Kilometer. Wenn ich sparsam fahre, bis zu 1.200 Kilometer." Warum noch keiner der großen Hersteller auf diese so simpel wie genial klingende Idee gekommen ist? "Weil sie nicht genügend nachgedacht haben", meint Gumpert.

Leistung eher konservativ

Und damit zurück zu Nathalie. Das Auto steht auf einem Gitterrohrrahmen und hat eine Karosserie aus Carbon. Die Brennstoffzelle sitzt vorne, die Batterien sind T-förmig im Fahrzeugboden verteilt. Der Innenraum wirkt sportlich-modern. Slim-fit geschnitten mit einem Haufen Displays und neuartig aussehenden Materialien. Der Zweisitzer hat einen mehr als alltagstauglichen Kofferraum, wiegt knapp 1.600 Kilo und hat eine Gewichtsverteilung von 45:55 Prozent. Für den Antrieb sorgen vier Radnaben-Elektromotoren. Sprich: An jedem Rad sitzt ein E-Motor. Mit um die 75 bis 80 Kilowatt Leistung. Die Systemleistung wird also um die 420 bis 430 PS betragen. Verglichen mit anderen Elektro-Supersportlern wie dem 1.918 PS starken Rimac Concept 2 oder dem Nio EP9 mit 1.360 PS klingt das fast ein wenig gebrechlich. Allerdings soll Nathalie auch nur einen Bruchteil dieser Fahrzeuge kosten (machen Sie sich keine Hoffnungen, zwischen 300.000 und 500.000 Euro werden Sie trotzdem berappen müssen). Und was die Performance betrifft, ist Gumpert mehr als zuversichtlich: "Das hier ist ganz klar ein Supersportwagen. Wir fahren mit über 1.000 Newtonmeter. Die Beschleunigung, der tiefe Schwerpunkt, das ist einfach der Hammer", muss er lachen.

Über 300 km/h

Von 0-100 km/h soll der RG Nathalie übrigens in unter 2,5 Sekunden beschleunigen. Die Höchstgeschwindigkeit gibt Gumpert mit 300 km/h an. Und das auch standhaft, wie er ergänzt. Vier angetriebene Räder sind für Allrad-Pionier Gumpert natürlich ein Muss. Klassische Differenziale braucht Nathalie allerdings nicht mehr. Hier läuft alles über Torque Vectoring. Das Auto hat auch kein Getriebe im eigentlichen Sinne. Die E-Motoren drehen maximal 15.000 Touren, eine feste Übersetzung regelt den Rest. Das Fahrwerk besteht aus einer Vorderachse mit McPherson-Federbeinen und einer Doppelquerlenker-Hinterachse. "Von den sportlichen Werten her ist dieses Auto das Nonplusultra. Wir werden auch wieder auf die Nordschleife gehen. Ich denke, wir können da gut mithalten." Und Gumpert muss es wissen, hielt er doch mit seinem Apollo jahrelang den Nordschleifenrekord für Serienfahrzeuge. Die 7:11 Minuten, die er 2009 aufstellte, sollte man mit Nathalie dann schon knacken, wenn man für Gesprächsstoff sorgen will.

Umgebauter Explosion als Prototyp

Mit seinem Leuchtenband erinnert das Heck des RG Nathalie ein bisschen an den Bugatti Chiron

Mit seinem Leuchtenband erinnert das Heck des RG Nathalie ein bisschen an den Bugatti Chiron Zoom

Heute sind wir noch nicht ganz so schnell unterwegs. Sie erinnern sich an den unglückseligen Gumpert Explosion vom Genfer Autosalon 2014? Der schräge TT-Verschnitt mit 420-PS-Turbo-Vierzylinder schaffte es nie in die Serie. Aber Gumpert hatte ihn noch auf dem Hof stehen, weshalb er ihn kurzerhand zum Methanol-Brennstoffzellen-Versuchsträger umfunktionierte. Die Technik des RG Nathalie hat er im Prinzip eins zu eins an Bord. Außer dass die Brenstoffzelle hinten sitzt und er nur einen E-Motor pro Achse spazieren fährt. Innen empfängt das Cockpit des alten Audi TT. Garniert mit allerhand Mess-Geschirr und einem Gangwahl-Hebel, der nur Vorwärts, Neutral und Rückwärts kennt. Mehr braucht es schließlich nicht mehr.

Ansatzloser Schub selbst mit halber Kraft

Ich nehme Platz und sirre geräuschlos davon. Laut ist es trotzdem. Lüfter pusten, es knackt hier und da. "Ist bis zur Premiere alles erledigt", sagt Gumpert. An sich rollen wir heute nur ein bisschen rum. Auf dem Studio-Gelände und ein paar Nebenstraßen. Mehr als 70-80 km/h sind da nicht drin. Aber selbst mit der halben Leistung merkt man schon, was mal möglich sein wird. Der ansatzlose Schub, die spontane, dringliche Kraft. Das Teil mag einen Tank haben, aber es fährt wie die Zukunft.

Zweifel bleiben

Das kleine Display neben dem Schalthebel spuckt unterdessen unentwegt Zahlen aus. Die Brennstoffzelle lädt die Batterie ständig mit etwa vier kW. Haue ich das Gas ins Bodenblech, wird es mehr. Dass wir während der Fahrt ziemlich viel rekuperieren, schadet wohl auch nicht. Trotz des Methanol-Vorrats im Heck. Obwohl wir nur ein paar Minuten in einem eher rudimentären Prototypen rumgeschippert sind und obwohl Gumpert seine Nathalie in nicht mal zehn Monaten entwickelt hat, wirken das Projekt und vor allem die Idee dahinter ziemlich vielversprechend. Aber natürlich bleiben Zweifel.

Hoffen auf Erfolg

Wer zahlt dicke sechsstellig für ein Auto/ein Konzept, das er nicht kennt? Welche Ölkonzerne sollen Methanol an ihre Tankstellen bringen, wenn nur eine Handvoll Autos rumfahren, die es tanken? Wie reagieren die großen Autohersteller? Eigentlich müsste man sie für einen durchschlagenden Erfolg der Idee ins Boot holen, aber Gumpert glaubt eher an das Gegenteil: "Wahrscheinlich werden sie uns bekämpfen." Das wäre sehr schade. Man wünscht diesem enthusiastischen, grundsymphatischen und so irre fähigen Mann einfach, dass dieser atemberaubend schöne Elektro-Sportwagen und die Methanol-Brennstoffzellen-Idee ein Erfolg werden. Mit China im Rücken werden die Chancen wohl zumindest nicht schlechter. Zur Stunde zieht Gumperts Tochter Nathalie in Peking die Laken von ihrer mobilen Namensvetterin. Im August oder September sollen wir erstmals fahren dürfen. Hoffen wir, dass es sich so gut anfühlt, wie es sich anhört.

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