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"Let Michael pass": Von einem ganzen Saal ausgebuht

Die Pressesprecher Sabine Kehm und Luca Colajanni sowie Streckensprecher Robert Seeger erinnern sich an den bitteren "Fallout" nach Österreich 2002

Sabine Kehm und Michael Schumacher
Die Frau mit dem Diktiergerät: Sabine Kehm und Michael Schumacher
© xpb.cc

(Motorsport-Total.com) - Sabine Kehm stand gerade im Aufenthaltsraum von ihrem "Chef" Michael Schumacher im Ferrari-Motorhome, als Jean Todt die berühmten Worte "Let Michael pass for the championship!" funkte. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' erinnert sie sich an ihren ersten spontanen Gedanken: "Okay, das wird jetzt hart!"

Kehm war in den "Stallorder-Jahren" 2001 und 2002 Schumachers Medienberaterin (ab 2010 auch seine Managerin) und somit eine von zwei zentralen Personen im Kommunikationsmanagement nach dem berühmt-berüchtigten Grand Prix von Österreich 2002. Sie teilte sich diese undankbare Rolle mit Luca Colajanni, dem damaligen Pressesprecher des Ferrari-Teams. Mit beiden haben wir gesprochen, um ihre einprägsamsten Erinnerungen an die Ereignisse nach jenem Rennen in Spielberg aufzuarbeiten.

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Kehm reiste damals nicht mit Schumacher gemeinsam aus Spielberg ab, sondern setzte sich alleine ins Auto, um in einen Flieger nach London zu steigen. Dort sollte der Ferrari-Star am nächsten Abend im Beisein von Prince Andrew als International Sportsman of the Year geehrt werden, aber Schumacher selbst hatte keine Zeit, den Award persönlich in Empfang zu nehmen. Also schickte er seine Medienberaterin.

Beim Laureus-Award gnadenlos ausgebuht

"Mir war klar, dass die Medien sehr aufgeregt sein würden, und deswegen hat mich dieser Termin - einfach von der Zeitplanung her - extrem gestört", sagt sie. "Ich habe stellvertretend für Michael eine Rede gehalten und den Preis entgegengenommen. Und ich wurde wegen der Ereignisse am Vortag vom ganzen Saal ausgebuht!"

Zu dem Zeitpunkt waren die beinharten Schlagzeilen der internationalen Presse schon geschrieben. In Maranello saß Colajanni auf seinem Schreibtisch und führte sie sich zu Gemüte. "Ferrari hat in Österreich alles ruiniert", titelte zum Beispiel die 'Gazzetta dello Sport', "Ferrari ist auch im schlechtem Geschmack groß" der 'Corriere dello Sport', und die 'Bild' unterstellte: "Schumi und Ferrari: Sie bereuen nichts. Im nächsten Rennen verarschen sie uns vielleicht schon wieder."

Was nun gefragt war, war gutes Krisenmanagement. In Colajannis Büro klingelte am Montagmorgen das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo. "Er wollte, dass wir reagieren. Ich fand, wir sollten ein Interview mit Piero Ferrari arrangieren, der sagt, dass sein Vater genau gleich gehandelt hätte", erinnert sich der Ferrari-Pressemann.

Das Interview fand noch am gleichen Tag statt. "Aber wir mussten auch in England etwas unternehmen." Denn auf der Insel schrieb etwa die 'Times': "Schumachers zynischer Sieg bringt Schande über die Formel 1." Oder der 'Telegraph': "Das Einzige, was Ferrari gewonnen hat, sind WM-Punkte. Der große Verlierer ist die Formel 1."

"Richard Williams", erinnert sich Colajanni, "war damals Journalist beim Guardian. Ich lud ihn ein paar Tage später nach Maranello ein, und er führte ein langes Interview mit Piero. Weil alle gesagt haben, dass Enzo Ferrari so etwas nicht gemacht hätte. Nein, ich behaupte: Enzo Ferrari wäre der Erste gewesen, der es genau so gemacht hätte!"

Montezemolos Schreiduell mit einem Chefredakteur

Ein anderer Artikel berichtete kurz vor der Sitzung des FIA-Motorsport-Weltrats, der sich mit einer möglichen Strafe für Ferrari auseinandersetzen sollte, dass es das Mindeste wäre, Ferrari alle WM-Punkte abzuerkennen - und dass die Scuderia damit sogar noch gut bedient wäre. "Montezemolo schrie den Chefredakteur zusammen", kann Colajanni heute über die Situation lachen.

Der Italiener, inzwischen für Liberty Media in der Kommunikationsabteilung der Formel 1 tätig, erlebte das Rennen in Spielberg in der Ferrari-Box an der Seite von Rubens Barrichellos Manager Frederico Della Noce. Die beiden gingen gemeinsam zur FIA-Pressekonferenz der Top 3. "Ich sagte zu Fred: Jetzt musst du stark sein!", erinnert sich Colajanni.

"Die ganzen Journalisten sahen mich mit bösen Blicken an: Betrüger!"
Luca Colajanni

"Ich stand neben dem Podium, und die ganzen Journalisten sahen mich mit bösen Blicken an: 'Betrüger!' Vor allem die englischen Medien." Und von denen weniger die Fachpresse, also 'Autosport' und Co., sondern primär die "Fleet Street", also der Boulevard. Barrichello habe deren Empörung aber "professionell" gemanagt.

Ein paar Minuten später, als keine Journalisten und Kameras mehr dabei waren, schäumte der um den Sieg gebrachte Brasilianer freilich auch vor Wut: "Er war natürlich sauer. Ich erinnere mich, dass sogar Montezemolo via Telefon dazukam", sagt Colajanni. "Aber jeder im Team stand hinter dieser Entscheidung. Es gab nicht die geringste Diskussion. Wir wussten, dass es die richtige Entscheidung ist. Punkt."

Das Krisenmanagement war damit noch lange nicht beendet. Colajanni musste zumindest versuchen, den Medienvertretern die Motive hinter Ferraris Entscheidung zu erklären. Gehör fand er keins: "Ich war enttäuscht, dass manche Medien unseren Standpunkt überhaupt nicht berücksichtigen wollten. Und ich war traurig, dass diese Geschichte das Verhältnis zwischen Todt und vielen britischen Medienvertretern nachhaltig beschädigt hat."

Emotionaler Moment im Ferrari-Charter

Nach einem langen und harten Tag, an dem er viel lieber einen Doppelsieg gefeiert hätte, flog Colajanni am Sonntagabend von Graz aus nach Italien zurück - mit dem Rest des Ferrari-Teams in einer Chartermaschine. Und weil er einiges an Erklärungsbedarf hatte, war er der Letzte, der am Flughafen ankam. Als er in den Flieger stieg, hatte der Rest des Teams schon längst Platz genommen.

Was dann passierte, bezeichnet er bis heute als eine der schönsten Erinnerungen seiner Berufslaufbahn: "Todt fragte mich: 'Was ist los, was sagen sie?' Und ich sagte: 'Herr Todt, das können Sie sich doch vorstellen. Alle schimpfen über uns.' Und Todt sagte: 'Aber wir wissen, warum wir das getan haben.' Ich suchte nach meinem Platz. Und plötzlich fingen alle an zu applaudieren!"

"Sie wussten, dass es ein schwieriger Tag für mich war, weil mich das Team in diese Position gebracht hatte. Es war meine dritte Saison, aber meine erste als offizieller Pressesprecher. Das war eine der besten Erinnerungen, die ich an meine Zeit bei Ferrari habe. Ein sehr emotionaler Moment für mich, weil ich als vollständiges Mitglied des Teams wahrgenommen wurde. Das ist bei PR-Leuten nicht immer so."

Einer, den Colajanni nicht beschwichtigen musste, war Streckensprecher Robert Seeger. Der ORF-Journalist bekam von dem Wirbel hinterher kaum etwas mit, weil er sich sofort nach dem Rennen auf den Heimweg machte, um dem in Spielberg damals üblichen Verkehrschaos zu entgehen. Seeger war bekennender Schumacher-Fan und störte sich an der Stallorder nicht: "Im Radsport fährt auch das ganze Team für den Besten, der die Gesamtwertung gewinnen soll."

In der Sprecherkabine dämmerte ihm gegen Rennende, dass irgendetwas nicht stimmen kann - Seeger hatte aber eher einen technischen Defekt am Barrichello-Ferrari im Verdacht. Den Überblick über das Renngeschehen zu haben, war für ihn eine Riesenherausforderung. Selbst im Jahr 2002 gab es für den Streckensprecher am A1-Ring noch keinen Zeitenmonitor, sondern nur einen Kollegen, der von Hand mitschrieb und die Runden zählte.

Buhrufe im Publikum: So hat es der Streckensprecher erlebt

Als Schumacher in der letzten Runde an Barrichello vorbeifuhr, war ihm aber sofort klar, was da geschehen war. Und auch das Publikum hat das "sofort überrissen", erinnert sich die Kommentatorenlegende. "Schumacher war einer jener Rennfahrer, der die Fans sehr gespalten hat. Einerseits waren 50 Prozent totale Fans, andererseits 50 Prozent, die ihn überhaupt nicht mochten."

"Ich habe nur gesagt: 'Das Publikum scheint mit der Stallorder nicht ganz einverstanden zu sein.' Ich kann das auch nachvollziehen. Die italienischen Fans hätten gern einen anderen Sieger gehabt", meint er. "Einige Zuschauer fühlten sich geprellt. Sie haben ihr Ticket bezahlt, aber nicht den Besten an diesem Tag siegen gesehen. Das muss man natürlich verstehen. Der Beste an diesem Tag war eben nicht Schumacher. Ich verstehe die Reaktion des Publikums."

Erst im ORF-Zentrum in Wien wurde ihm die volle Tragweite der Stallorder-Aufregung bewusst, denn "beim Kundendienst liefen die Telefone wahnsinnig heiß", erinnert sich Seeger. 2002 gab es zwar schon viele Internetseiten, aber noch kein Facebook und keine Smartphones. Doch tatsächlich war es vielen Fans nicht zu blöd, ihren Frust am ORF-Kundendienst abzulassen.

"Heute schimpfen sie über die Handys, aber damals war die Handy-Mania noch nicht in der Form verbreitet", sagt Seeger. "Da sitzen drei oder vier arme Damen, die beschimpft werden, weil die Leute nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. 'Schweinerei, das ist nicht in Ordnung, warum hat der ORF nicht eingegriffen?' Solche Dinge. Das hat es immer gegeben. Aber mich hat das nie sehr bewegt."

Ein paar hundert Kilometer weiter südlich, in Maranello, hatte Ferrari-Teamchef Jean Todt gerade mitbekommen, dass der französische Formel-1-Broadcaster TF1 sehr kritisch kommentiert hatte. "Ich schäme mich, Landsmann von Jean Todt zu sein", war der härteste Satz, der während der Live-Übertragung fiel. Colajanni erinnert sich: "Als Todt das hörte, war er nicht besonders erfreut."

Nachwehen lassen Ferrari monatelang nicht los

Doch damit war die Stallorder-Affäre noch lange nicht ausgestanden. Die Ferrari-Mitarbeiter vor Ort bekamen von der massiven weltweiten Kritik, die noch auf sie einhageln sollte, in Spielberg kaum etwas mit. "In Zeltweg hat das ganze Team gefeiert. Wir hatten einen Doppelsieg geholt und wussten, dass wir das Richtige getan hatten", so Colajanni.

Erst am Donnerstag in Monte Carlo wurde vielen das ganze Ausmaß bewusst: "Nach dem ersten Freien Training kam Michael zurück in den Paddock. Er ging zu Fuß durch Rascasse. Die Buhrufe waren schon hart. Ich glaube, das hat uns alle schockiert." Solche und vergleichbare Reaktionen gab es danach "über Monate, wenn nicht sogar über Jahre".

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1963-2017
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Von Bernie Ecclestone, der seinen Piloten aus dem Cockpit zerren muss, über ein One-Hit-Wonder in der Mauer bis zur Tragödie um die scheinbar harmlosen Kopfschmerzen des Mark Donohue ist in der Österreich-Historie alles dabei.
Von Bernie Ecclestone, der seinen Piloten aus dem Cockpit zerren muss, über ein One-Hit-Wonder in der Mauer bis zur Tragödie um die scheinbar harmlosen Kopfschmerzen des Mark Donohue ist in der Österreich-Historie alles dabei.

Schumacher hat diese Dinge nicht so locker weggesteckt, wie es nach außen den Anschein gehabt haben mag. "Michael", sagt Colajanni, "ist sehr emotional. Er hat das selten gezeigt, aber er war sehr emotional. Und darum war die Partnerschaft zwischen Todt und Michael so wichtig. Todt war einer der Wenigen, der Michael stärker machen konnte, der ihm ein Gefühl der Sicherheit vermitteln konnte."

Und dem er sich anvertraute. "Michael ist eher der introvertierte Typ", bestätigt Kehm. Ob er im "Team Schumacher" je retrospektiv über Spielberg 2002 und die heftigen Reaktionen des Publikums gesprochen hat, entzieht sich ihrer Erinnerung. Aber: "Ich bin mir sicher, dass er mit Corinna darüber gesprochen hat. Die beiden haben nämlich alles besprochen."

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