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  • 28.06.2022 · 15:59

  • von Roland Hildebrandt

Vergessene Studien: Mercedes ESF 13 (1972)

Anfang der 1970er-Jahre gab es viel mehr Verkehrstote als heute - Die Antwort der Autohersteller waren experimentelle Sicherheitsfahrzeuge wie der ESF 13

(Motorsport-Total.com/Motor1) - So konnte es nicht weitergehen: 1970 waren allen in der Bundesrepublik gut 20.000 Verkehrstote zu beklagen. (Zum Vergleich: Knapp 2.600 im gesamtdeutschen Jahr 2021.) Also machten sich die Autohersteller Gedanken über sicherere Fahrzeuge: Mercedes stellte am 31. Mai 1972 auf der Fachmesse "Transpo 72" in Washington, D.C., ein Experimental-Sicherheits-Fahrzeug vor, kurz ESF 13.

Mercedes ESF 13 (1972)

Mercedes ESF 13 (1972) Zoom

Schön war der Wagen nicht, aber seiner Zeit voraus mit Lösungen wie etwa dem Anti-Blockier-System ABS, Airbags für alle Passagiere, einem Scheinwerfersystem mit Halogenlicht sowie Parallelwischern für die Heckscheibe.

Das ESF 13 gehört zu einem umfassenden Programm der Sicherheitsentwicklung von Mercedes-Benz in den 1970er-Jahren, in dessen Rahmen mehr als 30 solcher Innovationsträger für die Fahrzeugsicherheit entstehen. Auch in der jüngeren Vergangenheit setzte Mercedes-Benz das ESF-Programm fort: Zuletzt hatten in den jeweiligen Kalenderjahren die ESF 2009 und ESF 2019 Premiere.

Transpo 72 erreichte eine Million Besucher

Die "Transpo 72", eine internationale Fachmesse für Mobilität, wird vom 27. Mai bis 4. Juni 1972 in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika ausgerichtet.

Das deutsche Forschungsfahrzeug zur Verbesserung der Fahrzeugsicherheit ist ein Highlight der dort eingebetteten "3rd International Safety Vehicle Conference" (3. Internationale ESF-Konferenz) vom 30. Mai bis 2. Juni 1972. Eine öffentliche Ausstellung von zwölf ESF europäischer, japanischer und US-amerikanischer Hersteller begleitet die Sicherheitskonferenz.

Diese Schau gibt rund einer Million Besuchern aus aller Welt "einen faszinierenden Einblick in die Zukunft des sichereren Fahrens und der Fahrzeugsicherheit" ("a striking glimpse into the future of safer driving and vehicle safety"), wie es im Konferenzbericht von 1972 heißt.

Quantensprung für die Fahrzeugsicherheit

Der Bericht unterstreicht auch den Anspruch, dass die stark fokussierte Entwicklung der ESF für die Fahrzeugsicherheit "einen 'Quantensprung' statt der üblichen Jahr-für-Jahr-, Schritt-für-Schritt-Evolution der Automobilindustrie" ("a 'quantum jump' over the customary year-by-year, step-by-step evolution in the auto industry") bringen soll.

Das ESF 13 ist eine Weiterentwicklung des ESF 05, das Mercedes-Benz am 26. Oktober 1971 auf der 2. Internationalen ESF-Konferenz in Sindelfingen präsentiert hat. Erneut dient ein Mercedes 250 (W 114) als Basis, für das ESF 13 verwenden die Ingenieure außerdem Teile des Sportwagens 350 SL (R 107).

Schon optisch hebt sich das etwas futuristisch anmutende Experimental-Sicherheits-Fahrzeug deutlich vom "Strich-Acht" ab. Kenner sehen gewisse Elemente des späteren W 123, der 1976 erschien. Hinzu kamen die später in den USA üblichen wuchtigen Stoßstangen.

Sicherheitsvorkehrungen von 1972 schon so gut wie der aktuelle Daimler-Stand?

Technisch sind die Unterschiede noch prägnanter, denn die Liste der im ESF 13 integrierten Lösungen für die aktive und passive Sicherheit ist lang. Insgesamt entsprechen die Lösungen für Konditions-, Bedienungs- und Wahrnehmungssicherheit im ESF 13 dem 1972 topaktuellen Stand der Daimler-Benz Sicherheitsforschung.


Fotostrecke: Vergessene Studien: Mercedes ESF 13 (1972)

Nummer 13 ist nah Devise konstruiert "Viel hilft viel": Mit 2.100 Kilogramm ist die Limousine satte 705 Kilogramm schwerer als der serienmäßige Mercedes 250. 5.235 Millimeter misst das ESF 13 in der Länge, ein Zuwachs um 55 Zentimeter. Hauptsächlich schuld daran ist die Vorbauverlängerung inklusive hydraulischer Pralldämpfer: Sie misst 420 Millimeter.

Ausgelegt ist der Wagen für eine Aufprallgeschwindigkeit bis 80 km/h. Fünf Dreipunktgurte mit je drei Kraftbegrenzern sind an, die Gurte vorn selbst anlegend. Damals Hightech sind Fahrer- und Beifahrerairbag, zusätzlich je ein Airbag in den Rückenlehnen der Vordersitze für die außen sitzenden Fondpassagiere.

Keine Drehkurbeln, dafür ABS und Halogenscheinwerfer

Unter der Haube arbeitet ein V6-Versuchsmotor, um Verformungsraum vorn zu gewinnen. Die Aufprallbereiche im Innenraum sind mit Polyurethanschaum gepolstert, insbesondere Türen, Säulen und Dachrahmen. Hinzu kommen elektrische Fensterheber statt Drehkurbeln in den Türen.

Weitere Details sind die seitlichen Begrenzungsleuchten, Heckleuchten mit Stillstandrelais und Kontrolleinrichtung, dazu eine geklebte Front- und Heckscheibe aus Verbundglas. Neben ABS, dem Halogenscheinwerfersystem, der Wisch-Waschanlagen für Frontscheinwerfer und Frontscheibe sowie der Parallelwischer für die Heckscheibe präsentieren die Ingenieure zahlreiche weitere Lösungen.

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Um die passive Sicherheit für Fahrzeuginsassen und auch Fußgänger weiter zu verbessern, sind verschiedene Bauteile mit geschäumten Komponenten verkleidet oder nachgiebig. Auf den Vordersitzen gibt es Dreipunktsicherheitsgurte mit Gurtkraftbegrenzer, die sich beim Türschließen automatisch anlegen. Während Fahrer- und Beifahrersitze über Kopfstützen verfügen, übernimmt diese Aufgabe im Fond ein neuartiges Auffangnetz.

Damit feiern im ESF 13 viele Technologien Premiere, die später auch ihren Weg in die Serie finden. So wird beispielsweise das Anti-Blockier-System ABS im Jahr 1978 in der S-Klasse der Baureihe 116 Serie, und der Fahrerairbag mit Gurtstraffer für den Beifahrer folgt 1981 in der S-Klasse der Baureihe 126.

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