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Kolumne: Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Pfiffe gegen den Sieger und Jubel beim Sturz von Marquez - Die leidenschaftlichen Fans in Mugello haben sich am Wochenende nicht nur von ihren besten Seite gezeigt

Jorge Lorenzo

Volle Ränge: Die Fans in Mugello zeigten sich nicht von ihrer sportlichsten Seite Zoom

(Motorsport-Total.com) - Liebe Freunde des fairen Motorsports,

ich bin sauer. Sauer auf eine gewisse Gruppe von MotoGP-Zuschauern, die mir - und vermutlich auch vielen anderen - den Spaß an einem ansonsten tollen Rennen in Mugello etwas vermiest hat. Ich spreche von den Leuten, die gestern Rennsieger Jorge Lorenzo auf dem Podest ausgebuht und beim Sturz von Marc Marquez gejubelt haben. Das war einfach nur unsportlich und gehört sich nicht.

In unserer Montagskolumne krönen wir in der Regel einen Fahrer, der nach einem besonders schlechten Rennen ziemlich schlecht geschlafen haben dürfte. Heute weiche ich aber einmal von diesem klassischen Konzept ab, denn ich möchte diese Kolumne nutzen, um mir einmal den Frust von der Seele zu schreiben. Und daher hat in meinen Augen gestern der ganz normale MotoGP-Fan am schlechtesten geschlafen.

Warum? Weil der Sport, den wir alle so lieben, durch solche Aktionen wie am Wochenende in Verruf gebracht wird. Um eins direkt zu Beginn klarzustellen: Ich möchte hier niemandem eine Meinung aufdrücken. Niemand muss Jorge Lorenzo mögen. Oder Marc Marquez. Oder auch einen Valentino Rossi übrigens. Aber ich finde, dass man zumindest die sportlichen Leistungen aller(!) Piloten respektieren sollte. Genau das war an diesem Wochenende nicht der Fall.

Lorenzo ein würdiger Sieger

Beispiel 1: Jorge Lorenzo. Der Spanier wurde nach seinem Sieg am Sonntag von einer Gruppe der anwesenden Fans ausgepfiffen. Das muss man sich überhaupt erst einmal vorstellen: Ein Ducati-Pilot, der nach einem Sieg in Mugello Pfiffe kassiert! Und das, obwohl der Sieg auch noch komplett verdient war und absolut fair eingefahren wurde. Lorenzo hat sich am Wochenende nichts zu Schulden kommen lassen und war einfach der schnellste Fahrer.

Jorge Lorenzo

Jorge Lorenzo drehte einsam seine Runden und kassierte später Pfiffe Zoom

Es ist kein Geheimnis, dass die Pfiffe aus der Ecke der Rossi-Fans kamen. Der "Doctor" selbst zeigt nach dem Rennen wahre Größe, indem er seinem Ex-Teamkollegen fair zum Sieg gratulierte. Diesen Anstand hatten einige anwesende Fans nicht. Ich persönlich finde das einfach nur traurig, denn Lorenzo ist gestern sein erster Sieg auf der Ducati überhaupt gelungen - ein unglaublich emotionaler Moment für ihn.

Und ich persönlich hätte gerne erlebt, dass man dem Spanier dafür auch den angemessenen Respekt entgegenbringt - wie es eben auch Rossi getan hat. Niemand an der Strecke muss in Ekstase ausbrechen, das wäre Heuchelei. Aber wenn man schon nicht applaudieren möchte, dann sollte man sich vielleicht lieber komplett zurückhalten. Natürlich gab es in der Vergangenheit böses Blut zwischen Rossi und Lorenzo. Aber Pfiffe? Wirklich? Die waren in dieser Situation einfach nur Fehl am Platz.

Jubel bei Stürzen komplett unnötig

Beispiel 2: Marc Marquez. Das Verhalten gegenüber dem Weltmeister war an diesem Wochenende sogar noch deutlich unsportlicher. Dass es Pfiffe gegen Marquez geben würde, war spätestens nach Argentinien klar. Das habe ich damals in meiner Kolumne nach dem Rennen in Termas schon so prophezeit. Das alleine muss schon nicht sein, aber der Fall Marquez hatte an diesem Wochenende noch einen viel faderen Beigeschmack.

Rossi Fans

Beschädigten die Fans in Mugello den Ruf der MotoGP? Zoom

Als der Spanier am Sonntag stürzte, ging ein lauter Jubel durchs Publikum - und zwar lauter als alles, was man bis dahin am Wochenende gehört hatte. Ich war selbst in Mugello vor Ort und hatte das Gefühl, dass in diesem Moment die komplette Haupttribüne aufsprang. Zwar war es kein heftiger Crash des Spaniers, aber über den Sturz eines Piloten zu jubeln, ist in meinen Augen ganz schlechter Stil.

Pfiffe sind bereits unnötig genug, aber so eine Aktion ist einfach nur geschmacklos. Zur Erinnerung: Am Freitag erlebte Michele Pirro einen Horrorcrash, der uns allen wieder einmal ins Gedächtnis gerufen hat, wie gefährlich dieser Sport eigentlich ist. Natürlich war der Abflug von Marquez in keinster Weise mit dem Pirro-Crash zu vergleichen. Trotzdem hat ein Jubel - nicht nur deshalb - einen ganz bitteren Beigeschmack.

Rossi selbst ist an diesem Wochenende mit einem Helmdesign gefahren, das zu einem Teil an jenes von Marco Simoncelli angelehnt war. Und ich behaupte einfach einmal: Viele Zuschauer, die bei dem Crash von Marquez im Rennen gejubelt haben, hätten dies auch getan, wenn der Spanier einen heftigeren Unfall aus der Kategorie Pirro - oder im schlimmsten Fall sogar Simoncelli - gehabt hätte.

Lasst den Fans die Leidenschaft, aber ...

Und genau diese Entwicklung nervt mich. Denn es sind leider keine Einzelfälle mehr (wobei Mugello natürlich die Spitze des Eisbergs war). Aber wollen wir das wirklich haben? Wollen wir wirklich so eine MotoGP? In der man sportliche Leistungen nicht mehr würdigen und über mögliche Verletzungen eines Piloten jubeln kann? Ich jedenfalls nicht. Und ich bin mir sicher, dass die meisten anderen Fans das auch so sehen. Umso ärgerlicher sind die Szenen aus Mugello.


MotoGP in Mugello

Denn so lassen einige Fans - die keinesfalls die Mehrheit aller MotoGP-Anhänger repräsentieren - den Sport in einem schlechten Licht erscheinen. Denn auch das ist klar: Die Atmosphäre in Mugello war gestern wieder einmal überragend. Die leidenschaftlichen Rossi-Jünger feierten den dritten Platz ihres Idols noch über eine lange Zeit nach dem Rennen. Und genau so soll es ja auch sein!

Diese Leidenschaft soll man den Fans auf gar keinen Fall nehmen. Niemand möchte Zuschauer, die nur still auf der Tribüne sitzen und nach dem Rennen direkt wieder nach Hause fahren. Ich selbst bin natürlich auch lieber in Mugello als zum Beispiel in Katar, wo - machen wir uns nichts vor - einfach keine Stimmung aufkommt. Die Atmosphäre gestern nach dem Rennen habe ich vor Ort unglaublich genossen.

Mein einziger Wunsch ist, dass man diese unglaubliche Energie doch bitte positiv nutzen soll. Unterstützt eure Helden, feiert sie, jubelt und trauert mit ihnen. Aber dieser Hass, wie er an diesem Wochenende teilweise in Mugello zu spüren war, hat in der MotoGP nichts zu suchen - und übrigens auch in keinem anderen Sport.

Ihr


Ruben Zimmermann


Ruben Zimmermann

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