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Heute vor zehn Jahren: Die peinlichste Kollision der GP2-Serie

Am 30. Juni 2007 geschah der peinlichste Crash der GP2-Geschichte: Timo Glock und Andreas Zuber nehmen sich am Start raus - Teamchef Paul Jackson erinnert sich

(Motorsport-Total.com) - "Es war einfach der schlimmstmögliche Albtraum", sagt Paul Jackson. Heute vor genau zehn Jahren musste der damalige Teamchef von iSport den wahren Horror miterleben. Am 30. Juni 2007 passierte die wohl berühmteste (und peinlichste) Kollision der GP2-Geschichte. Darin verwickelt: Timo Glock und sein damaliger Teamkollege Andreas Zuber.

Timo Glock, Andreas Zuber

Der Albtraum für jeden Teamchef: Die Teamkollegen Glock und Zuber kollidieren Zoom

Die beiden iSport-Piloten hatten das Qualifying in Magny-Cours zuvor dominiert. Glock fuhr in 1:21.895 Minuten zur Pole-Position, Zuber war 0,102 Sekunden langsamer. Dem ersten Verfolger Bruno Senna fehlten bereits mehr als dreieinhalb Zehntelsekunden auf die Pole, und alles schien auf einen iSport-Doppelsieg hinauszulaufen.

Am Samstag rollten die 26 Boliden dann in Richtung Startaufstellung. Teamchef Jackson war aufgeregt, aber zuversichtlich angesichts des großen Vorsprungs. Auf dem TV-Monitor musste der Brite jedoch feststellen, dass sich seine beiden Fahrzeuge bereits nach innen gerichtet aufgestellt hatten. "Ich habe mich gefragt, warum sie das tun", erzählt er im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Zu was das führte, das hätte er lieber nicht gesehen.

"Ihr seht wie Idioten aus ..."

Die roten Lichter der Ampel gingen an. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Und aus. Das Rennen war gestartet. Für Timo Glock und Andreas Zuber war es aber bereits wieder vorbei. Denn statt auf den Rängen eins und zwei in die erste Kurve einzubiegen, fuhren die beiden in die Mitte der Strecke und sich gegenseitig ins Auto. "Es war nicht nur ein kleiner Kontakt", sagt Jackson. Zubers Auto wurde ausgehoben, flog über Glocks Boliden und landete in der Boxenausfahrt. Glock drehte sich dabei ebenfalls von der Strecke.


Der Unfall von Glock und Zuber im Video

In der Box von iSport konnte man die versteinerte Miene von Teamchef Paul Jackson sehen. Seine Piloten hatten es doch tatsächlich fertiggebracht, aus der ersten Startreihe keine 20 Meter unfallfrei zu kommen. "Es ist wirklich ein Albtraum", schüttelt er den Kopf. "Man fragt sich: 'Was ist da passiert? Warum haben sie das gemacht?' Ich war extrem sauer", so der Engländer weiter.

Und das ließ er seine beiden Fahrer auch spüren. Als Zuber und Glock aus ihren Autos stiegen und in die Garage zurückliefen, erwartete sie schon ein stocksaurer Teamchef. Jackson erinnert sich noch genau: "Ich habe ihnen gesagt, dass sie beide dumm waren", sagt er. Er blaffte seine Fahrer an: "Im schlimmsten Fall wäre einer von beiden Zweiter geworden. Wie schlimm wäre das gewesen? Jetzt seid ihr beide aus dem Rennen und keiner bekommt Punkte, dafür haben wir beschädigte Autos und ihr seht wie Idioten aus."

Zuber überrascht von Glocks Spurwechsel

Das hatte gesessen. Eine echte Antwort kam von seinen Fahrern nicht. "Sie haben damals nicht viel gesagt, weil ich sie ziemlich stark angeschrien hatte und ihnen sagte, dass sie mir aus den Augen gehen sollten und ich nicht mit ihnen reden wollte", lässt der Ex-Teamchef die Situation Revue passieren. Während Glock und Zuber über ihr Vergehen nachdenken sollten, wollte sich Jackson abreagieren.

Timo Glock, Andreas Zuber

Beide iSport-Piloten fuhren nach dem Start aufeinander zu und trafen sich Zoom

Das dauerte laut dem Engländer ungefähr eine Stunde. "Man muss schnell über solche Dinge hinwegkommen. Es ist passiert. Man kann die Uhr nicht zurückdrehen", meint er. Schließlich sollte ja auch am nächsten Tag ein weiteres Rennen der höchsten Nachwuchsserie unterhalb der Formel 1 stattfinden. Also hieß es, Autos reparieren und sich auf morgen konzentrieren.

Doch welcher der beiden Piloten hatte eigentlich Schuld an dem peinlichen Unfall? "Vor dem Rennen hatten wir besprochen, dass ich meine Linie halten werde, um in der ersten Kurve in einer besseren Position zu sein. Von daher war ich überrascht, dass Timo seine Linie so schnell auf die Innenbahn gewechselt hat, ohne mich zu sehen", erklärte Andreas Zuber damals. "Für mich war es unmöglich, dem auszuweichen."

Teamchef Jackson: Zuber hat etwas mehr Schuld

Teamchef Jackson sieht allerdings eher den Österreicher, der stets mit einer Lizenz aus den Vereinigten Arabischen Emiraten unterwegs war, als Auslöser der Kollision an. "Nach Auswertung der Bilder muss man sagen, dass Zuber vermutlich etwas mehr Schuld hatte, weil er von hinten kam und genau sehen konnte, was vor ihm war", sagt er. "Timo hatte sich hingegen darauf verlassen, was er im Spiegel sehen konnte - und er konnte Zuber durch den Winkel der Autos vermutlich nicht im Spiegel sehen."

Timo Glock, Andreas Zuber, Bruno Senna

Keiner wollte nachgeben: Andreas Zuber und Timo Glock Zoom

"Es gibt aber keine Entschuldigung dafür, miteinander zu kollidieren", fügt er weiter an. "Die Rivalität hatte einen Punkt erreicht, an dem keiner nachgeben wollte." Der Begriff Rivalität ist in dem Sinne vielleicht etwas weit hergeholt. Denn punktemäßig trennten die beiden iSport-Piloten damals Welten. Glock stand zuvor in allen fünf Saisonrennen auf dem Podest und konnte einen Lauf gewinnen. Zuber hatte einen dritten Platz auf dem Konto - und vier Nullnummern.

Jackson bleibt jedoch bei seiner Wortwahl. "Kein Rennfahrer möchte von seinem Teamkollegen geschlagen werden. Zuber hat sein Bestes gegeben", betont er. "Er war ein sehr schneller Fahrer, und er hat Timo im Qualifying stark unter Druck gesetzt, weil er dort stärker war." Doch um den Odenwälder nicht noch weiter fortziehen zu lassen, durfte er im Rennen nicht wieder hinter ihm ins Ziel kommen - was er dann schließlich auch nicht tat. Aber sicherlich nicht so, wie er es sich vorgestellt hätte.

Strafen schwieriger anzuwenden als in der Formel 1

Dass teaminterne Kollisionen keine Seltenheit sind, zeigt schon ein Blick in die Formel 1. Am vergangenen Rennwochenende in Baku zerstörten sich unter anderem die beiden Force India gegenseitig das Rennen, auch die beiden Sauber berührten sich im Rennverlauf. Ungemütlich wird es aber vor allem, wenn die Kollision an der Spitze geschieht. Lewis Hamilton und Nico Rosberg dürften nach ihren diversen Scharmützeln (unvergessen Barcelona 2016) wissen, was gemeint ist.


Fotostrecke: Der legendäre Startcrash von Glock und Zuber

Mercedes drohte seinen Piloten harte Konsequenzen und die Einführung einer Teamorder an, Glock und Zuber kamen hingegen ungeschoren davon. Das liegt vor allem an der Situation, wie Jackson erklärt: "In der Formel 1 finanziert sich ein Team selbst. Man stellt die Fahrer an und bezahlt sie. Daher kann man anfangen, ihnen Befehle zu erteilen", sagt er. In der GP2-Serie (jetzt der Formel 2) bringt der Fahrer in der Regel Sponsoren mit und hilft dem Team beim Überleben.

"Es ist wirklich hart, ihnen zu diktieren, was sie tun dürfen und was nicht. Wir haben versucht, sie davon zu überzeugen, das Richtige zu tun, aber am Ende haben sie die Fäden in der Hand", so Jackson. "Wenn sie nicht zahlen, dann existierst du nicht mehr." Von daher habe man vereinbart, die Sache hinter sich zu lassen und normal weiterzumachen. "Man darf sich nicht zu lange daran aufhalten", weiß der Brite.

Heftiger Unfall lenkt von iSport ab

Das hat übrigens auch die Öffentlichkeit getan, denn schon eine halbe Minute später war der Crash zwischen Glock und Zuber zur Nebensache geworden. Plötzlich galt die Aufmerksamkeit einem weiteren denkwürdigen Unfall der GP2-Serie. Der Venezolaner Ernesto Viso war nach der Spitzkehre auf den Deutschen Michael Ammermüller aufgelaufen und hatte sich spektakulär überschlagen.

Ernesto Viso

Ernesto Viso legte vor zehn Jahren einen noch spektakuläreren Auftritt hin Zoom

Viso schlug mit der Oberseite des Boliden auf einer angrenzenden Betonmauer auf, riss dabei noch das Gerüst eines Werbebandenträgers mit und kam schließlich auf der anderen Seite der Mauer zum Liegen. Der Racing-Engineering-Pilot zog sich dabei Verletzungen an den Armen und eine Gehirnerschütterung zu und verpasste dadurch den anschließenden Event in Silverstone. Aufsehenerregender hätte eine halbe Runde in der GP2-Serie nicht sein können.

Für Teamchef Paul Jackson war es im Übrigen das erste Mal, dass er mit einer solchen Stallkollision zu tun hatte. Glücklicherweise sollte sich die Situation auch kein weiteres Mal wiederholen. Lediglich 2011 erinnert er sich an einen weiteren Unfall seiner Piloten Sam Bird und Marcus Ericsson in Monaco, die danach von den Boxen ins GP2-Fahrerlager auf der anderen Seite der Strecke laufen mussten.

Ende gut, alles gut ...

"Sie sind zurück ins Fahrerlager gelaufen und haben versucht, sich aus dem Weg zu gehen", erinnert sich Jackson. "Ich habe sie gefunden, und war so angepisst von ihnen. Eine halbe Stunde später bekam ich den Aufruf, dass beide in das Büro der Rennkommissare kommen sollten. Das war ein ziemlich unkomfortabler Weg zurück in die Boxen. Aber das ist Teil des Jobs", so der Brite.

Timo Glock und Paul Jackson

Am Ende können Timo Glock und Paul Jackson doch noch gemeinsam feiern Zoom

Doch das war für ihn nicht so schlimm, wie der Vorfall in Magny-Cours 2007, der den möglichen Doppelerfolg für iSport auf dramatische Weise vernichtete. "Es macht einen schon sauer, weil hinter den Kulissen viel Arbeit erledigt wird, um die jungen Fahrer in eine Siegposition zu bringen", so der Teamchef.

"Es ist harte Arbeit von den Mechanikern, den Ingenieuren und allen anderen. Sie investieren das komplette Arbeitsleben, um Resultate für diese jungen Burschen zu bekommen. Es ist also sehr frustrierend, wenn sie es versauen", sagt er. Doch heute, genau zehn Jahre nach dem wohl blödesten Unfall der GP2-Geschichte, kann Jackson mit einem Schmunzeln auf die damalige Zeit zurückblicken. Denn ein Happy End gab es schließlich auch: Timo Glock holte sich am Saisonende trotzdem den GP2-Titel.

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