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Zwei Teams, zwei Welten: Kann das für Alpine überhaupt funktionieren?

Alpine-Teamchef Bruno Famin gibt zu, dass es zwischen den Standorten Enstone und Viry geknirscht hat, hält mittlerweile aber alles für geklärt - Trennung kein Problem

(Motorsport-Total.com) - Wird Alpine von seiner Struktur am Erfolg gehindert? Schon seit vielen Jahren hat der Rennstall das "Problem", dass seine beiden Standorte in verschiedenen Ländern liegen. Das Rennteam ist im britischen Enstone stationiert, während die Motorenfabrik von Renault im französischen Viry-Chatillon ihren Standort hat.

Titel-Bild zur News: Alpine-Teamchef Bruno Famin

Bruno Famin muss zwei Standorte unter einen Hut bringen Zoom

Das ist schon ein Nachteil etwa gegenüber Mercedes, deren Motorenfabrik in Brixworth weniger als 50 Kilometer vom Werk in Brackley entfernt ist, oder gegenüber Ferrari, die in Maranello auch keine weiten Wege haben.

"Das macht die Dinge schon schwierig", gibt Teamchef Bruno Famin zu, der bis zum Herbst noch selbst die Motorenfabrik in Viry geleitet hat. Allerdings sieht er die Trennung von Enstone und Viry nicht als das große Problem an, das nur Alpine betrifft. "Das ist überall", sagt er, "aber wenn es nur eine Stunde entfernt ist, ist es ein wenig versteckt."

Zum Vergleich: Zwischen den beiden Werken von Renault/Alpine liegen rund 600 Kilometer, eine Autofahrt von mehr als sieben Stunden - und der Ärmelkanal.

Doch in Zeiten von Videomeetings ist ein persönlicher Austausch ohnehin nicht mehr so wichtig, meint Famin: "Unter COVID hat jeder gelernt, wie man entfernt voneinander zusammenarbeitet", sagt der Franzose.

"Natürlich hält es einen nicht davon ab, sich persönlich zu treffen, und es ist auch sehr wichtig, sich besser kennenzulernen als durch einen Bildschirm, aber dank Teams, Zoom und die Cloud ist es sehr einfach, entfernt voneinander zu arbeiten", sagt er. Die beiden Werke sehen sich laut ihm trotzdem als ein Team, als ein Projekt, mit einem gemeinsamen Ziel.

Enstone-Mitarbeiter wollten Mercedes-Motoren

Famin gibt aber zu, dass er in den vergangenen Monaten durchaus Unstimmigkeiten zwischen beiden Lagern gehört hat. "Als ich vor eineinhalb Jahren nach Viry kam, haben mir einige Leute gesagt, dass wir nur ein Kundenteam haben. Was? Es ist kein Kundenteam, es ist unser Team, unser Werksteam!"

Und in Enstone habe er Stimmen gehört, dass man mit einem Mercedes-Motor schneller sei. "Okay, der Mercedes-Motor hat sicherlich 15 Kilowatt mehr, aber mit einem Mercedes-Motor gäbe es kein Projekt und kein Enstone mehr", betont Famin. "Wir müssen unsere Fähigkeiten und Ressourcen zusammenbringen und ich bin ziemlich sicher, dass es besser und besser funktionieren wird."


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Für ihn funktioniert alles gut, so wie es ist. Er sieht den aktuellen Aufbau sogar als Stärke des Unternehmens: "Wir müssen keine Kompromisse machen", betont er. "Wir haben nur ein Auto, das wir optimieren müssen und einen Motoreneinbau, den wir optimieren müssen - und das werden wir tun."

Trotzdem muss man bei Alpine festhalten, dass das Team weit von seinen Ansprüchen weg ist. Diverse Fünf-Jahres- und 100-Rennen-Pläne wurden schon verworfen, weil man sie nicht eingehalten hat, und der letzte Titel stammt aus der Saison 2006.

Die Saison 2022 war mit dem vierten WM-Rang in Ordnung. In der abgelaufenen Saison sollte eine Steigerung und der Anschluss an die Top 3 her, doch stattdessen ist man auf den sechsten Platz zurückgerutscht. Schwächen gibt es dabei in beiden Fabriken.

Der Motor als Schwachpunkt

Das Chassis aus Enstone ist gut, kann aber trotzdem nicht mit den Spitzenteams mithalten. Der Motor auf der anderen Seite ist der wohl schwächste im gesamten Feld. Im Sommer stand daher sogar zur Debatte, dass die Franzosen trotz der Motoreneinfrierung Verbesserungen vornehmen dürfen.

Selbst die anderen Teams haben zugestimmt, dass man eine Lösung suchen darf, einigen konnte man sich aber nicht. Mittlerweile hat Renault die Pläne wieder verworfen und wird nicht mehr an den derzeitigen Aggregaten arbeiten, weil man sich auf die neue Power-Unit ab 2026 konzentrieren möchte, so die offizielle Begründung.

Auf die Frage, ob er enttäuscht sei, dass einige Rivalen eine Motorenangleichung verhindern würden, entgegnet Famin: "Ich bin nicht enttäuscht, weil wir um nichts gebeten haben. Die FIA hat das Thema in einer Formel-1-Kommission aufgebracht."

"Wir wussten und wir wissen, wo wir in Sachen Performance stehen. Jeder weiß das, weil jeder mit den gleichen Daten arbeitet. Es ist einfach, zum gleichen Schluss zu kommen."

"Ich bin nicht enttäuscht, weil wir die Formel 1 kennen", legt er nach. "Wir wissen, dass ein Gentleman's Agreement oder Fair Play und die Formel 1 nicht gut zusammenpassen. Aber okay, es spielt keine Rolle. Wir haben eine Menge am Auto zu verbessern und eine Menge am Team zu verbessern. Und daran werden wir arbeiten."

Kein Zwist mehr nach De-Meo-Brandrede

Doch bekommt man das Team wirklich vereint, wenn die Bereiche so strikt getrennt sind und es Unstimmigkeiten zwischen beiden Lagern gab? Denn Famin gibt zu, dass es in Enstone durchaus des Öfteren lästernde Kommentare gab, dass der Motor der Schwachpunkt wäre, wodurch das Team zurückgehalten wird.

"Aber das höre ich nicht mehr", stellt er klar. Denn Konzernchef Luca da Meo hatte im September alle Mitarbeiter in Enstone versammeln lassen und eine 40-minütige Standpauke gehalten. Dabei hatte er auch klargestellt, dass er die ausbaufähige Kommunikation zwischen Enstone und Viry nicht länger tolerieren werde.


Fotostrecke: Alle Formel-1-Autos von Renault/Alpine

Dass an der Rennstrecke Engländer und Franzosen an unterschiedlichen Tischen sitzen oder unterschiedliche Hotels buchen, sei nicht akzeptabel, hieß es damals. De Meo forderte eine Abkehr vom Gedanken, dass eine Seite Enstone und eine Seite Viry ist - und das scheint gefruchtet zu haben.

"Ich habe danach mit vielen Leuten gesprochen, und ich kann sagen, dass niemand das mehr sagen wird", so Famin. "Alle wissen genau, was wir tun müssen, um das Auto zu verbessern. Und es geht nicht nur um eine Sache. Es ist nicht Aero, es ist nicht der Motor, es sind nicht die Reifen. Du musst überall gut sein und die Dinge zusammen funktionieren lassen."

"Alle wissen das, und alle sind fokussiert darauf", stellt er klar. "Und wer damit nicht glücklich ist, der geht."

Kein Umzug an einen Standort

Trotzdem wird es weiterhin zwei getrennte Standorte bei Renault/Alpine geben, weil ein Umzug an einen Standort zu aufwändig ist. "Ich bin nicht sicher, ob das wirklich umsetzbar ist", sagt Famin. Denn dafür müsste Alpine noch einmal mächtig investieren, und der Umzug eines Windkanal oder eines Prüfstands sei so teuer, als würde man einen komplett neuen bauen.

Außerdem sei man mittlerweile im 21. Jahrhundert angekommen, wo nicht mehr ein französisches und ein britisches Team zusammenarbeiten, sondern zwei internationale mit vielen Nationalitäten. "In Enstone haben wir natürlich einen Großteil britischer Leute, aber es gibt auch viele Franzosen, viele Spanier, einige Australier, einige Belgier", zählt Famin auf.

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Alpine F1 Team Fanartikel

Er sieht diesen großen Mix als Stärke und enorme Möglichkeit und sagt, dass verschiedene Nationalitäten kein Faktor sind, hinter dem man sich verstecken darf. Das einzige, was vielleicht ein kleines Problem sein könnte, seien unterschiedliche Kulturen.

"Aber der beste Weg, um das zu vermeiden, ist, dass alle die Teamkultur haben", sagt er. "Diese Herausforderung müssen wir aufbauen und jeden unter die gleiche Kultur bringen."

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