powered by Motorsport.com

Wie die neue Budgetgrenze Mercedes zwingt, sich zu verbessern

Mercedes gehört zu jenen Teams, die am stärksten von der neuen Budgetgrenze beeinträchtigt werden, trotzdem sieht Toto Wolff das Team in einer guten Position

(Motorsport-Total.com) - Die neu eingeführte Budgetgrenze in der Formel 1 hat neben Nachhaltigkeit vor allem ein Ziel: den Wettbewerb wieder ausgeglichener zu machen. Mercedes gehört zu den Teams, die durch die neue Ausgabenbegrenzung die größten Einschnitte haben, doch Motorsportchef Toto Wolff sieht das nicht als Hürde, sondern als Möglichkeit, noch stärker zu werden.

Toto Wolff

Toto Wolff steht mit Mercedes vor einer neuen Herausforderung Zoom

Lange Zeit ging es im Sport nur darum, wer das meiste Geld ausgeben kann. Es ist kein Zufall, dass die dominierenden Teams die sind, die das größte Budget aufbringen können. Eine offizielle Grenze, wie viel Geld man in das Projekt pumpen darf, gab es bis jetzt nicht.

Doch die neue Budgetgrenze von 145 Millionen US-Dollar für 2021 hat das verändert. Zwar gibt es noch einige Bereiche, die davon ausgenommen sind, dennoch stellt sie für Mercedes, Ferrari und Red Bull eine enorme Veränderung in ihrem Ansatz dar.

Alle drei mussten Mitarbeiter in Projekte außerhalb der Formel 1 verschieben. Das erklärt, wieso sich Ferrari zu einem Sportwagen-Programm entschlossen hat und wieso Mercedes Kunden für seinen Applied-Science-Bereich gesucht hat.

Weil zusätzliches Geld natürlich in allen Bereichen hilft, werden geringere Ausgaben einen Einfluss auf die Konkurrenzfähigkeit haben. Es gibt jedoch auch weitere Konsequenzen, nämlich eine Störung durch die notwendige Umorganisierung und das Downsizing.

Kleinere Teams im Vorteil?

Einstige Mittelfeld-Teams können so hoffen, dass sie von Problemen bei anderen profitieren. Die früheren Formen von Aston Martin galten etwa immer als effizient. Die Budgetgrenze bringt den Rennstall nun in eine gute Position, zumal man seine Arbeitsweise nicht drastisch anpassen muss.

Ähnlich ist die Situation bei Alpine: "Es geht darum, das Auto schneller zu machen, aber auch um Effizienz", sagt der geschäftsführende Direktor Marcin Budkowski. "Wir arbeiten stark an der Effizienz des Teams und wollen besser und smarter mit unseren Ressourcen umgehen."


Re-Live: Präsentation des Mercedes F1 W12

Mercedes zeigt sein Auto und erste Interviews mit Toto Wolff, James Allison und natürlich den beiden Fahrern Lewis Hamilton und Valtteri Bottas Weitere Formel-1-Videos

"Glücklicherweise gehörten wir nie zu den reichsten Teams. Wir waren immer als effizientes Team bekannt und sind vermutlich in einer besseren Position als die Topteams, von daher wollen wir in Zukunft natürlich davon profitieren."

Im Gegensatz dazu mussten die Spitzenteams umfangreiche Anpassungen an ihrer Struktur und ihrer Arbeitsweise vornehmen. Das birgt Potenzial für Störungen.

Wolff: Performance hängt nicht immer am Geld

Die Regeln zeigen, wie stark die Diskussionen darüber ins Detail gingen. Es werden selbst Sachen wie Freistellungen, Krankheitszahlungen und die Gehälter von Mitarbeitern, deren Hauptaufgabe die Bereitstellung von historischen und Demofahrzeugen ist, aufgeführt. Die Teams müssen sich nun mit jedem Pfund, Euro oder Dollar auseinandersetzen, der unter die Budgetgrenze fällt.


Fotostrecke: Formel 1 2021: Der neue Mercedes W12 in Bildern

Der Vorgang vom Nachverfolgen und Rechtfertigen aller Ausgaben in jeder Abteilung eines Unternehmens ist als Zero-Base-Budgeting bekannt. "Meine Erfahrung aus meinem eigenen Geschäftsleben war, dass dir der Ansatz manchmal zeigt, wie viel du noch zur Verfügung hast", sagt Toto Wolff.

"Und wie viel du von Jahr zu Jahr mitgenommen hast, waren Kosten, die man durch vereinfachte Prozesse und eine bessere Organisation hätte vermeiden können", sagt er. "In der Formel 1 zu performen, hängt nicht nur am Geld. Du kannst das meiste Geld haben, aber nicht so viel leisten, wie du solltest. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder gesehen."

Disziplin benötigt

Einer der Hauptvorteile bei einem großen Budget liegt in der Forschung und Entwicklung und der Fähigkeit, Leute auf Sonderprojekte anzusetzen, die vielleicht ein oder zwei Jahre keinen Einfluss auf der Strecke haben. Große Teams haben auch die Ressourcen, viele Lösungen für das gleiche Problem zu verfolgen und dann die zu ignorieren, die nicht funktionieren.

Einschränkungen bei den Aerodynamiktests haben in gewisser Weise schon für einen Ausgleich gesorgt, weil Teams nicht mehr rund um die Uhr in mehr als einem Windkanal arbeiten können, wie es vor einigen Jahren der Fall war.


Mercedes-Launch: Hat Hamilton überhaupt noch Bock?

Die Aussagen von Lewis Hamilton bei der Präsentation des W12 waren das große Thema - WM-Titel, sagt er, sind längst nicht mehr das Wichtigste Weitere Formel-1-Videos

Trotzdem konnten reichere Teams häufiger mehr Bodywork-Schritte an die Strecke bringen, weil sie die Ressourcen für die Produktion hatten. Gleichzeitig konnten die großen Teams Innovationen auf mechanischer Seite verfolgen, weil es dort keine Einschränkungen gab.

Jetzt benötigen alle Teams diese Disziplin, nur dort Geld auszugeben, wo es ihrer Ansicht nach am meisten zählt. Sie können nicht mehr zwei Lösungen detailliert verfolgen, um dann eine komplett abzuschreiben. Sie müssen smarter sein und Entscheidungen treffen, in welche Richtung man gehen möchte, bevor zu viel Zeit und Mühen investiert wurden.

Wolff: "Wir waren nie verschwenderisch"

"Wir sind nie verschwenderisch gewesen", sagt Wolff. "Priorisierung war für unsere Arbeitsweise immer wichtig, anstatt einfach A oder A und B zu versuchen. Wir sind immer mit A oder B herangegangen, weil du einfach mehr Wert auf das legst, von dem du denkst, dass es dir mehr Performance bringen wird."


Fotostrecke: Dominanz pur: Die längsten WM-Serien der Formel 1

"Die Budgetgrenze hat das auf ein neues Level gebracht, weil wir zuvor nicht mit einer regulativen Kosteneinschränkung gearbeitet haben. Natürlich gab es in der echten Welt immer eine Budgetgrenze, aber jetzt musst du wirklich präzise innerhalb dieser Grenzen arbeiten. Das bedeutet, dass du deine Prozesse verstehen musst", so Wolff.

"Bei jedem einzelnen Item wird evaluiert, wie viel es kostet. Und du musst dich in der Arbeit einschränken. Aber wir glauben, dass es ein Performance-Vorteil ist, weil es uns gezwungen hat, unsere Arbeitsweise zu überdenken. Das bedeutet, dass noch mehr Fokus auf den Bereichen liegen wird, von denen wir denken, dass sie die beste Performance bringen."

Wie teilt man die Ressourcen 2021 ein?

Entscheidend bei all dem ist, dass die Budgetgrenze in dem Jahr eingeführt wurde, in dem die Teams ihre Autos für 2021 einsetzen und entwickeln müssen, während sie gleichzeitig neue Konzepte für 2022 ausarbeiten müssen.

Bis zum 31. Dezember konnten sie noch ohne finanzielle Einschränkung an beidem arbeiten - zumindest auf der mechanischen Seite, da Aerodynamik-Entwicklung bis zum 1. Januar verboten war. Das hat den größeren Teams geholfen, einen kleinen Vorsprung zu haben, weil sie mehr Leute für die langfristige Arbeit einsetzen konnten.


Countdown für den W12 mit James Allison

Mercedes-Technikchef James Allison verrät vor dem Launch des neuen W12, wie sich das Team auf ein neues Auto freut und welche Herausforderung es in diesen Zeiten bedeutet. Weitere Formel-1-Videos

Dieses Fenster hat sich mittlerweile geschlossen. Teams müssen ihre wertvollen Ressourcen nun zwischen dem Einsatz in der aktuellen Saison und der Entwicklung für 2022 aufteilen - genau wie sie auch Windkanal- und CFD-Zeit aufteilen müssen.

"Für diese Frage musst du in jedem Jahr Lösungen finden", sagt Wolff. "Wie balancierst du das aktuelle Auto und die Entwicklungszeit, die du ihm geben möchtest, zum Auto für das nächste Jahr?"

"Für 2022 wird das ein noch wichtigeres Thema sein, weil es so viele Änderungen gibt. Es wird Teams geben, die sich schon sehr früh auf 2022 konzentrieren werden, während andere Teams für 2021 großartige Möglichkeiten sehen werden. Für uns wird es wichtig sein, die richtige Balance zu wählen. Darüber sprechen wir jede Woche."

Haltbarkeit wird zum Thema

Bei der Budgetgrenze geht es aber nicht nur um Forschung und Entwicklung. Sie beeinflusst alle Bereiche des Rennsports. Beim Launch des Mercedes W12 hat Technikchef James Allison verraten, dass das Team schon Kosten spart, indem man einfach reduziert, wie viele Teile man produzieren muss.

James Allison

James Allison weiß, worauf es mit dem neuen Reglement ankommt Zoom

"Wir müssen Entwicklungen versuchen, mit denen die Teile darunter länger halten", sagt er. "Dadurch müssen wir sie nicht so häufig ersetzen und können unter der Budgetgrenze effizienter arbeiten."

Mit den beiden Projekten wird 2021 für die Topteams eine schwierige Saison. Zudem müssen sie sich für 2022 auf eine weitere Reduzierung der Grenze auf 140 Millionen US-Dollar einstellen. 2023 folgt noch ein Schritt auf 135 Millionen US-Dollar, was eine weitere Kürzung bei den Mitarbeitern zur Folge haben dürfte.

Wolff: Sind in einer guten Position

Kann sich der übliche Spitzenreiter an die neue Welt anpassen und weiter ein Stück vor den anderen bleiben? Wolff ist zuversichtlich, dass sein Team auf dem richtigen Weg ist: "Die Budgetgrenze ist meiner Meinung nach extrem wichtig. Die Kosten sind in den vergangenen zehn bis 15 Jahren ausgeufert und waren nicht nachhaltig", sagt er.

"Jetzt arbeiten wir alle unter den gleichen finanziellen Rahmenbedingungen. Es wird aufregend, weil es nicht mehr viele Unterschiede in den Ausgaben zwischen den Teams geben wird. Wir lieben diese Herausforderung. Wir haben die Herausforderung angenommen, auch wenn sie manchmal sehr schmerzhaft ist, weil du alle deine Prozesse anpassen musst, um mehr Effizienz zu erreichen."

"Wir haben dabei herausgefunden, dass Effizienz Performance bedeutet", so Wolff. "Die Gruppe, die an diesem Projekt gearbeitet hat, hat fantastische Arbeit geleistet. Ich glaube, dass wir in einer guten Position sind, das Beste aus den begrenzten Ressourcen zu machen, die uns zur Verfügung stehen."

Neueste Kommentare

Anzeige

Motorsport-Total Business Club

Motorsport-Total.com auf Twitter