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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Ross Brawn

Wie DRS aus einem potenziellen Grand-Prix-Klassiker ein stinklangweiliges Formel-1-Rennen gemacht hat und welcher Skandal abseits der TV-Kameras passiert ist

Max Verstappen, Carlos Sainz

Eines der inflationären DRS-Manöver: Sainz ohne Chance gegen Verstappen Zoom

Liebe Leser/-innen,

es gibt heute gleich ein paar Kandidaten, die als Thema dieser Kolumne in Frage kommen würden. Sebastian Vettel und Alexander Albon etwa. Doch beide kamen dieses Jahr bei uns schon einmal unter die Räder. Genau wie Lance Stroll, dessen Wochenende nicht nur auf-, sondern auch abseits der Rennstrecke ein kniffliges war.

Aber das sind Themen, mit denen werden wir uns vielleicht in unserem #LetzteNacht-Montagsvideo beschäftigen. Falls Du das noch nicht kennst: Jeden Montag um 17:00 Uhr gibt's eine YouTube-Premiere, bei der ich mit meinem Kollegen Stefan Ehlen (Autor von "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" auf unserem Schwesterportal motorsport.com) diskutiere, wofür in dieser Kolumne vielleicht zu wenig Platz war.

Es gibt zwei Dinge, die mich am Grand Prix von Portugal richtig gestört haben. Und weil es nun mal diesem Format entspricht, meinen allmontäglichen "Rant" in den Namen einer Person zu gießen, muss es diesmal wohl der Verantwortliche für die Formel 1 sein.

Also Ross Brawn, Sportdirektor von Rechteinhaber Liberty Media.

Was man Dir im Fernsehen nicht gezeigt hat

Fangen wir an mit etwas, was Du im TV nicht gesehen hast. Vor den Toren des Autodromo Internacional do Algarve standen nämlich dutzende Fans, die offenbar Tickets erworben hatten, aber trotzdem nicht reingelassen wurden!

Ein betroffener Fan hat uns ein Foto von der Situation geschickt, und die sieht für den lokalen Promoter und die Formel 1 nicht besonders vorteilhaft aus. Die verärgerten Fans tragen darauf zwar artig eine Maske (anders als etwa in Sotschi), stehen aber in Gattern zusammengepfercht auf engstem Raum.

Und weil das Security-Personal mit Fans, die für ein Rennen bezahlt haben, dieses aber trotzdem nicht sehen durften, überfordert war, stellte man der Meute zwei bewaffnete Soldaten/Polizisten bei. Damit da keiner auf dumme Ideen kommen konnte.


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Nun sind über die Hintergründe der Situation noch zu wenig Fakten bekannt. Ob jeder der Fans ein Ticket hatte, so wie der, der uns geschrieben hat, wissen wir nicht. Und auch wie es zur Menschenansammlung kam, entzieht sich unserer Kenntnis.

Möglicherweise hat es damit zu tun, dass Portimao eigentlich mit 50.000 Zuschauern gerechnet hatte, aufgrund der explodierenden Coronazahlen aber behördlich gezwungen wurde, die Kapazität pro Tag kurzfristig auf 27.500 Zuschauer zu begrenzen.

Auf jeden Fall müssen sich Ross Brawn und der Promoter vor Ort in Portugal das Thema genauer anschauen und betroffene Fans gegebenenfalls entschädigen. Sonst waren die Geschädigten wahrscheinlich zum letzten Mal in ihrem Leben bei einem Grand Prix.

DRS: Dringend abschaffen, bitte!

Die zweite Baustelle, die Brawn meiner Meinung nach hat, ist sportlicher Natur. Und ich weiß zum Glück, dass er da meiner Meinung ist. Es geht um das "Überholsystem" DRS.

Das hat mich immer schon gestört. Aber in Portimao hat es dafür gesorgt, dass ein Rennen, das sonst vielleicht ein echter Klassiker hätte werden können, zur künstlichen PlayStation-Show verkommen ist, die zumindest kein eingefleischter Formel-1-Fan mehr ernst nehmen konnte.

Ich fand's jedenfalls ziemlich langweilig.

Mit dem "Drag-Reduction-System" ist es leider so, dass es am meisten "Drag" reduziert (also Luftwiderstand), wenn die Heckflügel am steilsten eingestellt sind. Oder, anders ausgedrückt: Auf einer High-Downforce-Strecke wie Portimao ist der DRS-Effekt ungleich größer als auf einer Low-Downforce-Strecke wie Monza.

Das führte am Rennsonntag dazu, dass der Überraschungsführende Carlos Sainz null Chance hatte, sich gegen die von hinten drängelnden Superstars zu verteidigen, als es wieder trocken wurde, und dass Kimi Räikkönens geniale Startrunde am Ende nicht einmal einen WM-Punkt wert war.

Kimi Räikkönen: Beste Startrunde seit Senna 1993

Apropos Kimi: Das mag sich jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch lesen, aber wie er mit seinen Konkurrenten Katz und Maus gespielt hat, das war meiner Meinung nach die beste erste Runde in der Formel-1-Geschichte seit Ayrton Senna in Donington 1993.

Sicher, der Vorteil der weichen Reifen war gestern in den ersten paar Runden extrem. Räikkönen und Sainz waren Nutznießer davon, dass ihre Reifen im Gegensatz zu den Reifen anderer Fahrer im optimalen Temperaturfenster waren.

Aber du musst so einen Vorteil dann halt auch auf die Strecke bringen, und das haben beide top gemacht.

Der DRS-Tiefpunkt war für mich dann aber, als sich Lewis Hamilton am Ende der 19. Runde an den bis dahin führenden Valtteri Bottas heransaugte. Es war schön zu sehen, wie er ausgangs der schnellen letzten Kurve Zentimeter für Zentimeter näherkam. Das ist Racing auf höchstem Niveau.

Normalerweise müssten die Fans zu Hause da an ihren Fingernägeln kauen, weil die Spannung zum Zerreißen sein sollte. War sie aber nicht. Denn als die beiden Mercedes die DRS-Zone erreichten, drückte Hamilton das Knöpfchen und fuhr an Bottas mühelos vorbei.

Wie ein prolliger AMG-Fahrer, der an der Oma mit ihrem VW Käfer vorbeizieht.

Ist das Rennsport, wie ihn die Fans sehen wollen? Nein, das ist PlayStation-Arcade. Und zog sich durch das Rennen in Portimao leider wie ein roter Faden.

Ross Brawn möchte, das weiß ich, DRS abschaffen. Gut so!

Also doch: Mosley hatte recht!

Ich war nie ein Fan von Max Mosley, aber einer seiner Sprüche hat sich bei mir eingebrannt. Und zwar über das leidige Überholthema in der Formel 1. Sinngemäß: Schauen wirklich mehr Menschen Basketball, weil dort mehr Körbe geworfen werden als im Fußball Tore fallen?

Ich bin der Meinung: Ein dramatisches 0:0 bei der Fußball-WM kann sehr, sehr viel spannender sein als ein inflationäres 117:90 in den NBA-Finals.

Und genauso ist es bei den Überholmanövern. Wären die Mercedes nicht sofort an Sainz vorbeigekommen, hätte sich Räikkönen im Spitzenfeld halten können, wäre das Rennen womöglich ganz anders verlaufen.

Imola 2005, ein episches Duell zwischen Fernando Alonso und Michael Schumacher, von dem die Fans heute noch reden, wäre mit DRS nie möglich gewesen. Als Schumachers Ferrari im Windschatten des Renault auftauchte, hätte er nur das Knöpfchen drücken müssen und wäre vorbeigefahren.

Aber ist das wirklich spannender? Ich finde: nein.

Da ist es mir viel, viel lieber, es wird wieder darüber gemeckert, dass das Überholen in der Formel 1 zu schwierig ist. Die Fahrer, die dann trotzdem überholen, sind dann die wahren Meister ihres Fachs. Zumal mit dem Reglement 2022 ohnehin Autos kommen, die in der "dirty Air" des Vordermannes nicht mehr ganz so empfindlich sein sollten.

Und wenn wir schon dabei sind: Dass an einem einzigen Trainingstag über 120 (!) Rundenzeiten wegen Track-Limits gestrichen werden und es selbst im Rennen drei Fünf-Sekunden-Strafen deswegen gibt, kann auch nicht im Sinne des Erfinders sein.

Aber das ist ein anderes Thema ...

Ihr

Christian Nimmervoll

In diesem Jahr neu: Folgen Sie mir auf Facebook unter "Formel 1 inside" mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's alle von mir verfassten Formel-1-Texte sowie Insiderinfos, Meinungen und Einschätzungen zu aktuellen Themen. Und natürlich die Möglichkeit, diese Kolumne zu kritisieren und zu diskutieren!

Und nicht vergessen: Stefan Ehlen und ich diskutieren unsere Kolumnen (und alternative Gut- und Schlechtschläfer) noch in einem Videobeitrag. Den finden Sie um 17:00 Uhr als Premiere auf unserem YouTube-Kanal - den Sie am besten gleich abonnieren, damit Sie nichts mehr verpassen!

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