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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Lewis Hamilton

Die Zeitenwende hat begonnen: Wie George Russell Lewis Hamilton langsam den Rang abläuft und das alles ein bisschen an Michael Schumacher erinnert

Lewis Hamilton

Die Ära Lewis Hamilton in der Formel 1 ist ihrem Ende näher als ihrem Anfang Zoom

Liebe Leser/-innen,

als ich am Sonntagabend schlafen gegangen bin, hatte ich eine ziemliche fixe Idee davon, wen ich am Montagmorgen nach Barcelona in meiner Kolumne schlecht schlafen lassen würde.

Die Szene in Runde 7, als die spanischen Fans zuerst das Überholmanöver von Fernando Alonso gegen Sebastian Vettel feierten, ehe ihr Jubel plötzlich verstummte, als sich Carlos Sainz beim Anbremsen von Kurve 4 von der Strecke drehte, die hatte sich bei mir - allein schon wegen der emotionalen Komponente - ziemlich eingeprägt.

Aber dass Sainz bei Ferrari kein Schumacher ist, sondern ein Barrichello, dass er auf lange Sicht neben Ausnahmetalent Charles Leclerc die Nummer 2 bleiben wird (und Ferrari das womöglich sogar noch ganz gelegen kommt, weil man mit klarer Rollenverteilung historisch gesehen immer am erfolgreichsten war), das ist eine Kolumne, die ich am 11. April dieses Jahres, nach dem Grand Prix von Australien in Melbourne, schon einmal geschrieben habe.

Also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat

Mal ganz pragmatisch an die Sache herangegangen:

Sebastian Vettel? Sein Aston Martin ist neuerdings eine Kopie des Red Bull, nur viel langsamer. Sein Vertrag läuft am Jahresende aus. Und so richtig geht beim Team von Lawrence Stroll trotz allen Geldes, das investiert wurde, und trotz allen Personals, das Stroll sen. von seinem (ehemaligen?) Kumpel Toto Wolff und von Red Bull abgeworben hat, nichts voran. Aber Vettel war schon nach dem Saisonauftakt in Bahrain dran.

Sainz? War nach Melbourne. Charles Leclerc? Habe ich nach Imola verrissen. Außerdem mag Ferraris (nicht offiziell ausgesprochene) Nummer 1 zwar den Grand Prix von Spanien verloren haben, aber er tat dies am Sonntag mit dem schnellsten Auto im Feld. Leclerc meinte am Abend im Zoom-Call mit uns Medienvertretern, dass er nach Miami, wo er Zweiter wurde, viel schlechter drauf war als nach dem Ausfall in Barcelona. Passt also auch nicht.


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Mick Schumacher? Ach, Mick! Wie sehr würde ich mir wünschen, ich könnte mich bei meinen diversen Auftritten in Livestreams, Podcasts und im Fernsehen positiv über seine Leistungen äußern. Weil ich den Kerl mag (echt!) und beeindruckt davon bin, dass er es überhaupt bis in die Königsklasse des Motorsports geschafft hat.

Aber dass sein erstmaliger Einzug ins Top-10-Qualifying in Deutschland als große Leistung gefeiert wurde, war nichtsdestotrotz ziemlich oberflächlich, denn bei genauerer Betrachtung machte er gegen seinen Teamkollegen Kevin Magnussen keinen Stich. Und der ... Ach, das habe ich doch auch alles schon mal aufgeschrieben und gerade erst am Samstag in unserem Livestream auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de erzählt.

Warum Hamilton schlecht geschlafen haben könnte

Also Lewis Hamilton. Eine Wahl, die auf den ersten Blick fragwürdig erscheinen mag.

Der Mercedes-Pilot hat, nachdem sein Team und er bei den ersten fünf Grands Prix mal mehr, mal weniger geprügelt wurden, in Barcelona zum ersten Mal seit langem wieder ehrlich gelacht. Als sein W13 am Freitag dank der neuen Updates richtig konkurrenzfähig war, stand ihm das Grinsen ins Gesicht geschrieben.

Es geht endlich voran bei den silbernen Pfeilen, deren goldene Zeiten, so habe ich das auch schon mal erzählt in diesem Jahr, vorbei zu sein scheinen. Vielleicht beweist der W13 ja doch noch das, was Toto Wolff seit Wochen erzählt, nämlich dass die Downforcedaten des Zero-Pod-Konzepts im Windkanal atemberaubend sind und das Auto theoretisch allen anderen um die Ohren fahren müsste, wenn nur das "Porpoising" mal unter Kontrolle ist.


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Schlecht geschlafen hat Hamilton nicht wegen der Karambolage mit Kevin Magnussen in der ersten Runde, wie man vielleicht meinen könnte, und auch nicht wegen des kochend heißen Wasserkühlers, wegen dem er in den letzten Runden den hart erkämpften vierten Platz kampflos an Sainz abgeben musste.

Nein, schlecht geschlafen hat Hamilton meiner Meinung aus einem ganz anderen Grund. Denn es muss einem siebenmaligen Weltmeister ganz schön wehtun, im Duell gegen den erst 24-jährigen Teamkollegen, der in 66 Formel-1-Rennen noch nie gewonnen hat, in quasi allen Disziplinen hinten liegt.

Russell vs. Hamilton: Zahlen sprechen deutliche Sprache

Die nackten Zahlen lesen sich so: 46:74 WM-Punkte, 1:5-Bilanz in den Rennen, 3:4 in den Qualifyings (Sprint in Imola eingeschlossen). Und ja, ein paar Mal hatte Hamilton Pech mit Safety-Cars und anderen in der Formel 1 auftretenden Naturgewalten.

Aber ich stelle die gewagte These auf: Ein Bottas wäre in den vergangenen Jahren selbst bei Hamiltons Pech nicht in der Position gewesen, so davon zu profitieren.

Hamilton ist 37 Jahre alt. 2022 wird er nicht Weltmeister. Dafür ist sein Rückstand schon zu groß. Ende 2023 läuft sein Vertrag ab.

Wie Michael Schumacher 2005 und 2006?

Mich erinnert das alles irgendwie ein bisschen an Michael Schumacher, als dessen (erste) Karriere zu Ende ging: jahrelang alles dominiert, siebenmaliger Weltmeister, dann 2005 eine vermurkste Saison mit einem unterlegenen Auto, in der es gerade mal zu einem Sieg gereicht hat (und der auch nur, weil sich in Indianapolis der Michelin-bereifte Teil des Feldes dazu entschieden hat, nach der Aufwärmrunde an die Box abzubiegen).

2006 lief "Schumi" noch einmal zu Hochform auf, feierte die letzten sieben Siege seiner glorreichen Karriere, um dann mehr oder weniger freiwillig von der großen Bühne abzutreten und den Stab an den jungen Teamkollegen, der manchmal schon schneller war als er (Felipe Massa), zu übergeben.

Jetzt gibt es in der Geschichte einen ganz großen Unterschied: Schumacher hatte Massa meistens im Griff, wenn der nicht gerade auf einer seiner Paradestrecken wie in Istanbul über sich hinausgewachsen ist.

Das kann Hamilton über Russell nicht behaupten.

Alonso: Hamilton wird sich gegen Russell durchsetzen

Fernando Alonso ist davon überzeugt, dass Hamilton am Saisonende vor Russell liegen wird. Weil er mehr Erfahrung und vielleicht auch mehr Talent habe, meinte der 40-jährige Spanier kürzlich in einem Interview.

Da bin ich ehrlich gesagt anderer Meinung.

Aber worauf ich eigentlich hinauswill: Wenn sich die Parallele fortsetzt, dann könnte 2022 für Hamilton das sein, was 2005 für Michael Schumacher war. Und das würde bedeuten, dass 2023 nur noch ein letztes Aufbäumen bevorsteht, es mit dem heiß ersehnten achten Titel aber nichts mehr wird.

Ich gehöre nicht zu denen, die bei jeder Gelegenheit betonen, dass Hamilton in erster Linie wegen der überlegenen Mercedes-Boliden der Hybridära seit 2014 so oft Weltmeister geworden ist. Die besten Fahrer sitzen letztendlich immer in den besten Autos, und so hat zusammengefunden, was zusammengehört.

Hamilton hat immerhin Nico Rosberg in drei von vier gemeinsamen Jahren bei Mercedes geschlagen, und Rosberg wiederum war es, der Schumacher in dessen zweiter Karriere alt aussehen hat lassen. Dabei bin ich heute sicher nicht der Einzige, der sagt: Schumacher war von 2010 bis 2012 nicht so schlecht, sondern Rosberg, im Nachhinein betrachtet, so gut.

Fangio, Lauda & Co.: Irgendwann wurden sie alle abgelöst

Aber es liegt in der Natur des Spitzensports, dass das Niveau immer weiter steigt. Fangio war irgendwann mal der, der die Grenzen des Machbaren verschoben hat. Dann kamen Jim Clark, Jackie Stewart, Niki Lauda, Prost und Senna, Schumacher, Alonso, Hamilton und Vettel.

Jetzt findet in der Formel 1 gerade der nächste Generationswechsel statt. Die Hamiltons dieser Welt, sie gehören noch nicht zum alten Eisen, aber über kurz oder lang werden ihnen junge Ausnahmetalente wie Verstappen, Leclerc, Norris oder eben auch Russell den Rang ablaufen.

Russell ist meiner Meinung nach der Beste aus dem sagenhaften Formel-2-Jahrgang 2018, in dem der Mercedes-Newcomer vor Lando Norris, Alexander Albon und Nyck de Vries Meister wurde und einer wie Nicholas Latifi nicht über Platz neun hinauskam.

Noch ist es nicht so weit, dass Hamilton mit den jungen Wilden nicht mehr mithalten kann. Aber der Tag wird kommen, unweigerlich. Und ich vermute: Die Zeitenwende hat bereits begonnen.

Mittwoch: Virtueller Stammtisch mit Bradley Lord

Das ist übrigens ein Thema, das Formel-1-Fans am Mittwochabend ab 19:00 Uhr in der Mai-Ausgabe des Kanalmitglieder-Stammtischs mit Bradley Lord, dem Head of Communications des Mercedes-Teams, in einem persönlichen Plausch via Zoom besprechen können.


Wer dem Mann, der bei den Rennen immer neben Toto Wolff steht, selbst eine Frage stellen, via Livechat mitdiskutieren oder auch nur dem Livestream zuschauen möchte, muss Kanalmitglied sein. Das kostet 3,99 Euro pro Monat (ungefähr den Preis eines großen Bierchens) und ist jederzeit kündbar. Also einfach mal ausprobieren und schauen, ob das was für euch ist!

Infos zum virtuellen Formel-1-Stammtisch mit prominenten Gästen und zur YouTube-Kanalmitgliedschaft bei Formel1.de gibt's unter bit.ly/F1-Stammtisch.

Die Kolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" hat diesmal nicht Stefan Ehlen, sondern in dessen wohlverdientem Urlaub mein Kollege Norman Fischer verfasst (Hier geht's zu seiner Facebook-Seite!). Er widmet sein Wort zum Sonntag dem Sieger des Grand Prix von Spanien, Max Verstappen.

Euer

Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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