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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Günther Steiner

Es muss nicht immer die große Liebe sein: Warum Günther Steiner endlich den Vertrag mit Mick Schumacher für die Saison 2023 fixieren sollte

Günther Steiner

Günther Steiner muss sich gerade ein paar eher unbequeme Fragen stellen Zoom

Liebe Leser/-innen,

im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich die Kolumne über Nicholas Latifi bereits vergangene Woche geschrieben habe. Der (Noch-)Williams-Pilot wäre nach dem Grand Prix von Italien in Monza ein perfekter Kandidat gewesen.

Nichts gegen Nyck de Vries, der ein wunderbares Debüt abgeliefert hat; aber unter solchen Umständen darf man sein Teamduell einfach nicht verlieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jost Capito angesichts seiner jüngsten Leistungen weiterhin an Latifi festhalten wird.

Als ich am Sonntagmorgen gegen 6:00 Uhr von meinem Hotel in Richtung Autodromo fuhr, und später dann, als ich auf Twitter sah, wie tausende Fans die Rahmenrennen verpassten, weil sie stundenlang vor den Einlässen verharren mussten, an denen es nur extrem zäh voranging, kam mir auch der Promoter in Monza kurz als mögliche Variante in den Sinn.

Zuschauer berichten von schlecht organisierten Eintrittstoren, viel zu wenig Essen und Trinken, und ja, auch die seit Spielberg gefühlt schon fast obligatorischen Übergriffe gegen Frauen waren wieder dabei. Die Buhrufe gegen Max Verstappen waren ebenfalls kein Ruhmesblatt für Monza - so fantastisch die Stimmung sonst auch gewesen sein mag.

Sebastian Vettel hätte seine Europatournee sicher lieber anders beendet, Charles Leclerc kann bald auch rechnerisch nicht mehr Weltmeister werden, Daniel Ricciardo freundet sich schon mit dem Ende seiner Karriere an - alles Kandidaten, für die es am vergangenen Wochenende nicht gut gelaufen ist.

Eine unbequeme Wahrheit

Doch heute nehme ich mir mal Günther Steiner vor. Der Chef des Haas-Teams hat nichts Gravierendes falsch gemacht, er ist auch nicht unangenehm aufgefallen, hat keine Skandalinterviews gegeben und ist seinen Job nicht los.

Aber er hat durchaus Grund, sich ein paar unbequeme Fragen zu stellen.

Zum Beispiel die, ob 2022 sportlich wirklich der Erwartungshaltung gerecht geworden ist. Nach Kevin Magnussens sensationellem fünften Platz beim Saisonauftakt träumte Steiner insgeheim schon vom Podium, doch nach 16 Rennen ist die Realität eine andere. Ausgerechnet Haas und Aston Martin, die Teams der beiden deutschen Fahrer, sind derzeit wohl am wenigsten konkurrenzfähig.

Hatte uns Haas nicht das ganze Jahr 2021 hindurch konsequent erklärt, dass man die Saison abschenkt, weil man alles auf 2022 ausrichtet? Ein Plan, der - vom Frühlingshoch zu Beginn einmal abgesehen - nicht aufgegangen ist.

Steiner hatte viele Gründe, Mick Schumacher zu kritisieren, denn der hat auch viele Fehler gemacht und einiges an Schrott produziert. Ein teurer Spaß für ein Team, das die meisten Teile extern einkauft und nicht mal eben in der eigenen Fabrik einen neuen Flügel aus dem Backofen holt.

Mick ist auf dem Vormarsch!

Aber inzwischen hat der Wind gedreht. Seit Saisonhalbzeit fährt Mick genau das, was ich mir von Anfang an von ihm erhofft habe. Er hat Kevin Magnussen, dem die Seuche an den Fersen klebt, sicher im Griff, macht keine allzu dummen Fehler mehr und lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn mal alles gegen ihn läuft.

Monza war schon ziemlich heftig: erst Zwangspause im ersten Training, weil Antonio Giovinazzi, ausgerechnet ein Konkurrent ums nächstjährige Cockpit, fahren durfte; dann Elektronikdefekt im zweiten und Kupplungsschaden im dritten Freien Training.

Die Wahrheit ist: Schumacher war auf das Rennen nur unwesentlich besser vorbereitet als de Vries.

Selten: Steiner-Lob für Schumacher

Nur der Applaus fiel für Schumacher viel weniger laut aus. Ausgerechnet Steiner ist einer, dem die Leistung des jungen Deutschen nicht entgangen ist. Angesichts der fehlenden Streckenzeit und der Leistungsfähigkeit des Autos habe Mick "einen fantastischen Job" gemacht, lässt sich der Südtiroler in der offiziellen Pressemitteilung zum Rennen zitieren.

Das hat 2022 auch schon mal anders geklungen.

Mick Schumacher und Günther Steiner, das wird in diesem Leben keine große Liebesbeziehung mehr. Auf der einen Seite der im TV stets schüchtern wirkende Weltmeistersohn, der in den internen Meetings auch schon mal ganz anders auftreten kann, wie man hört (siehe nach Spielberg); andererseits der erdige Südtiroler, dem der ganze Wirbel um Schumacher hochgradig suspekt ist.

Welche Rolle spielen die Medien?

Auch wenn er das nie zugeben würde: Am liebsten würde Steiner vermutlich einen Fahrer wie Nico Hülkenberg unter Vertrag nehmen, oder Kimi Räikkönen. No Bullshit, no Games. Dass er jedes Mal von Bild & Co. zerrissen wird und gleich Sabotage unterstellt wird, wenn mal Micks Wagenheber klemmt, darauf hat Steiner mit Sicherheit keine Lust mehr.

Es gehört meiner Meinung nach zur Wahrheit von Schumachers derzeitiger Situation dazu, dass die vermeintlich Mick-positive Medienberichterstattung in Deutschland eine Gefahr für seine Formel-1-Karriere ist. Wenn Steiner und Gene Haas nämlich davon genervt sind, ständig die Bösen zu sein, dann war's das wohl.


Aber Steiner kann Schumacher jetzt kaum noch rausschmeißen. Zu gut sind die Leistungen geworden - pünktlich nach eineinhalb Jahren, so, wie das schon in Formel 3 und Formel 2 der Fall war. Vielleicht hat Schumacher (auch mich) bisher nicht überzeugt. Aber wenn seine Formkurve weiterhin so ansteigt, ist er ein echtes Versprechen für die Zukunft.

Wo bleibt eigentlich der Hauptsponsor?

Dazu kommt noch das Dilemma, dass Schumacher nicht nur Talent, sondern auch Geld mitbringt, wie das bei vielen jungen Fahrern in der Formel 1 der Fall ist. Nicht sein eigenes, aber das Sponsoring von 1&1 ist eng an einen deutschen Star bei Haas geknüpft.

Apropos Sponsoren: Es dauert seit dem Uralkali-Aus bei Haas schon viel zu lang, dass da neue Partner an Bord kommen. Überall wird von Boom gesprochen, andere Teams verschicken fast wöchentlich Pressemitteilungen mit neuen Sponsoren. Nur bei Haas kleben kaum mehr Sticker am Auto als noch im Winter.

Und dann wäre da noch das Ungarn-Update, das einzige der ganzen Saison, das zwar von Magnussen zunächst gelobt wurde, im Vergleich zu den Updates anderer Teams aber nichts dazu beigetragen hat, Haas im Kräfteverhältnis nach vorn zu bringen.

Schade für Schumacher. Wäre der Haas immer noch so gut wie am Saisonbeginn, würde er jetzt die fünften und sechsten Plätze einfahren und der umjubelte Held sein. So, wie Magnussen das in Bahrain war.

Gene Haas war in Zandvoort und Monza persönlich zugegen. Man wollte die Fahrerfrage besprechen. Eigentlich kann's da nicht viel zu besprechen geben. Etwas Besseres als Mick Schumacher wird Steiner nicht finden.

Es muss ja nicht immer Liebe auf den ersten Blick sein. Manchmal kann sich auch eine Zweckehe im Laufe der Jahre ganz gut entwickeln.

Euer

Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.