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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Charles Leclerc

Die Kolumne zum Rennen in Bahrain: Warum fehlendes Problembewusstsein die Ferrari-Fans viel mehr alarmieren sollte als die verlorenen Punkte für Charles Leclerc

Charles Leclerc

Charles Leclerc hat nach dem ersten Rennen 25 Punkte Rückstand auf Max Verstappen Zoom

Liebe Leser/-innen,

vielleicht ist es ja zumindest ein gutes Omen. 2022 begann die Formel-1-Saison mit einem Ferrari-Doppelsieg, Charles Leclerc vor Carlos Sainz, und Red Bull startete mit einem Doppelausfall. Ein Jahr später war's genau andersrum: Am Sonntag feierte Red Bull den Doppelsieg, Max Verstappen vor Sergio Perez, und Vorjahressieger Leclerc stand bedröppelt daneben.

In Runde 40 musste er seinen Ferrari SF-23 wegen eines Defekts mutmaßlich im Bereich des Antriebsstrangs abstellen. Die Onboardaufnahmen zeigen (und lassen hören), wie der Motor einfach ausging. Und das ging alles ganz schnell: "Oh nein, komm schon! Was ist passiert, Jungs? Keine Power", funkte Leclerc sechs Sekunden nach Eintreten des Defekts, und weitere 39 Sekunden später nahm er schon das Lenkrad ab und stieg aus.

Doch es ist nicht der Punktestand, der Leclerc gleich nach dem ersten Saisonrennen schlecht schlafen lässt. Dass der so früh in der Saison nichts zu bedeuten hat, wissen wir spätestens seit 2022, als Verstappen nach drei Rennen bereits 46 Punkte Rückstand hatte und diese bis zum Saisonende in 146 Punkte Vorsprung umwandeln konnte.

Defekt bei Tests angeblich nie aufgetreten

Schon eher problematisch ist womöglich, dass es nicht die erste Ferrari-Powerunit war, die dieses Jahr den Geist aufgegeben hat. Neo-Teamchef Frederic Vasseur versichert zwar, dass so ein Defekt bei 6.678 Testkilometern im Winter, verteilt auf drei Teams, nicht ein einziges Mal aufgetreten sei. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Denn sowohl Alfa Romeo als auch Haas, die beiden Kundenteams von Ferrari, meldeten während der Tests Kinderkrankheiten im Ferrari-Bereich. Valtteri Bottas musste deswegen sogar seine Rennsimulation abbrechen. Viel darüber geredet wurde allerdings nicht.

Jetzt können wir von außen natürlich nicht beurteilen, ob das die gleichen Probleme waren wie jenes, das am Sonntagabend bei Leclerc auftrat. Aber es ist Tatsache, dass in der Preseason von keinem anderen Motorenhersteller so viele Kleindefekte berichtet wurden wie von Ferrari.

Auch das muss für sich genommen noch kein beunruhigendes Signal sein. Helmut Marko erzählt heute noch mit einem Grinsen im Gesicht die Geschichte, wie Red Bull 2022 ein 20-Gramm-Teil aus dem Auto nahm, nur um dann kurz vor Schluss mit beiden Autos auszuscheiden. Happyend mit zwei WM-Titeln inklusive.

Fehlt es Ferrari an Problembewusstsein?

Beunruhigender ist aus Sicht von Leclerc, der schließlich Weltmeister werden will, vielmehr das offensichtlich nicht vorhandene Problembewusstsein bei Ferrari. Es war schon auffällig, wie wichtig es dem Team in der Kommunikation nach dem Rennen war, darauf hinzuweisen, dass der Defekt bisher noch nie aufgetreten sei. Fast so, als suche man nach Ausreden dafür, dass man es nicht besser wissen konnte.

Das mag eine Überinterpretation meinerseits sein, aber irgendwie kann ich mir schwer vorstellen, dass etwa ein Toto Wolff in einer vergleichbaren Situation ähnlich kommunizieren würde, so nämlich, dass man den Eindruck gewinnt, das Suchen einer Erklärung für die italienische Presse sei wichtiger als das Lösen der Probleme.


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Aber selbst wenn ich Vasseur und seinem Team mit dieser Beobachtung unrecht tun mag, so zieht sich die Sache mit dem Problembewusstsein zumindest beim Saisonauftakt in Bahrain durch wie ein roter Faden.

Die Sache mit dem hohen Reifenverschleiß

Es war noch hell am Sonntag in Bahrain, als Ferraris Performance-Ingenieur Jock Clear ein paar handverlesene Journalisten um sich scharte, darunter auch meinen Kollegen Adam Cooper aus dem Motorsport Network, und denen beharrlich erklärte, dass man entgegen aller Medienberichte kein Problem mit einem zu hohen Reifenverschleiß habe.

Die Story, dass der SF-23 die Pirellis rascher zerbröseln lässt als etwa der Red Bull RB19 oder der Aston Martin AMR23 hatte sich nach den Wintertests irgendwie verselbstständigt, und es schien Ferrari ein Anliegen zu sein, diese wieder einzufangen. Schließlich hatte man das Problem schon 2022, und es würde nicht gut aussehen, es trotz aller Erklärungen, man habe daran intensiv gearbeitet, in die neue Saison hineinzuschleppen.

Clear erzählte eine Geschichte von einem Referenzrun bei vollem Tempo und mit maximalem Reifenverschleiß, den jeder am Beginn der Wintertests machen müsse, damit man Vergleichswerte habe für die Runs, in denen das Reifenschonen geübt wird, und die Experten und Medien hätten sich davon wohl in die Irre führen lassen.

Das kam mir bereits vor dem Rennen Spanisch vor, und so schrieb ich auf meiner Facebook-Seite: "Jock Clear ist ein Urgestein der Formel 1, und er versteht von der Materie unendlich viel mehr als ich. Das ist gar kein Frage. Trotzdem bin ich bei dem Thema anderer Meinung als er. Nach dem Rennen werden wir schlauer sein."

Denn die Daten, die uns vorlagen, zur Verfügung gestellt vom Technologieunternehmen PACETEQ, die waren ganz eindeutig. Man musste nur die Longruns von Ferrari mit denen von Red Bull übereinanderlegen, um zu sehen, dass die Rundenzeiten des Ferrari viel stärker einbrechen als die des Red Bull. Das war bei den Tests so und das war auch im Freitagstraining so.

Konzentriert sich Ferrari auf die falschen Baustellen?

Und das ist für sich genommen auch gar kein großes Problem. Wenn man ein Handicap hat und es erkennt, kann man konzentriert dran arbeiten. Schwierig wird's an dem Punkt, wenn man ein Problem nicht als solches einräumt, sondern damit beschäftigt ist, zu erklären, wie es dazu kommen konnte, oder wer alles schuld daran ist, dass in den Medien ein falscher Eindruck entstanden ist.

Kann sein, dass wir Medien Ferrari ziemlich kritisch anfassen. Kritischer als andere Teams. Weil Ferrari das meistgeliebte Team der Formel 1 ist, und das, was man am meisten liebt, bewertet man in der Regel auch viel kritischer als Dinge, die einem gleichgültig sind.

Aber die Medien sind sicher nicht schuld dran, dass Leclerc in Bahrain ausgerollt ist. Das war Ferrari schon ganz allein.

Übrigens: Clear tischte uns am Sonntag vor dem Rennen auch noch die fantasievolle Erzählung auf, dass ein höherer Reifenverschleiß als bei Red Bull nicht automatisch bedeuten müsse, dass der SF-23 beim Thema Reifen ein Problem hat. Es könne auch sein, dass ein Auto einfach zu langsam ist, die Fahrer es daher überfahren müssen und deswegen der Reifenverschleiß höher ist.

Aber sollte das wirklich stimmen, dann hat Charles Leclerc 2023 viel größere Probleme als einen missglückten Saisonstart und die Kritik am etwas zu hohen Reifenverschleiß. Zumindest dann, wenn er Weltmeister werden möchte.

Seht ihr das auch so wie ich? Oder findet ihr, dass ich völlig daneben liege und meine Kritik an Ferrari überzogen ist? Schreibt gern einen Beitrag in unser Diskussionsforum. Leider kann ich nicht auf alle Kommentare, die dort geschrieben werden, persönlich eingehen. Aber ich versichere, dass ich alle lese!

Klar ist übrigens, wer der Gewinner des vergangenen Wochenendes war. In der Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" setzt sich mein Kollege Stefan Ehlen mit Fernando Alonso und Aston Martin auseinander. Jetzt auf motorsport.com Deutschland nachlesen!

Euer

Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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