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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Ist Mattia Binotto als Teamchef für Ferrari noch tragbar? Chefredakteur Christian Nimmervoll über die sportliche und menschliche Krise bei der Scuderia ...

Mattia Binotto

Mattia Binotto: Wie lange ist er als Teamchef von Ferrari noch tragbar? Zoom

Liebe Leser,

Ralf Schumacher hat es schon gestern geahnt, als er für die Kollegen von 'Sky' das zweite Rennen in Spielberg zerpflückt hat: "Es gibt da so ne Rubrik, wer heute Nacht nicht gut schläft. Das weiß ich schon. Das wird auf jeden Fall der arme Binotto sein, der das jetzt irgendwie zusammenhalten muss und der jetzt von allen Seiten Druck kriegt."

Die Steilvorlage nehme ich natürlich an.

Ralf war schon vor einer Woche der Erste, der gesagt hat, dass man in Maranello, wäre es der FC Ferrari, längst über einen "Trainerwechsel" nachdenken würde.

Nur ein paar Tage später meldete sich mit Gerhard Berger eine echte Ferrari-Legende zu Wort und legte den Finger in die Wunde. Binotto, sagte er sinngemäß, sei ein netter Kerl. Aber überfordert, weil er in der derzeitigen Struktur die Jobs von Jean Todt, Ross Brawn und Rory Byrne ganz allein stemmen muss.

Twitter-User @F1Marv bringt es auf den Punkt

Ein Twitter-User hat gepostet, Binotto habe:

- einen illegalen Motor entwickeln lassen
- seine Fahrer nicht unter Kontrolle
- ein aerodynamisch schwaches Auto gebaut
- weigert sich, wichtige Teamrollen an andere Leute zu vergeben
- kommuniziert Entscheidungen sehr unglücklich

Dazu kam aus meinem Kollegenkreis in der Redaktion nur der Kommentar: "Das fasst es eigentlich sehr gut zusammen."

Langsam wird die Luft wirklich dünn für den in der Schweiz geborenen "Harry Potter". Wenn Ferrari-CEO Louis Camilleri ausrücken muss, um dem Teamchef nach dem Saisonauftakt offiziell das Vertrauen auszusprechen, und wenn dann das zweite Rennen noch schlechter läuft als das erste - dann dauert es normalerweise nicht mehr lange, bis der Trainerwechsel vollzogen wird.

Ralf Schumacher spricht in Zusammenhang mit Ferrari von einer "katastrophalen" Performance und befürchtet, dass für Sebastian Vettel sogar die Renaults bei normalem Rennverlauf nicht zu knacken gewesen wären. Geschweige denn die Racing Points oder McLarens. Punkte, rechnet er vor, wären da kein Selbstläufer geworden. Vielleicht P10, vor dem AlphaTauri von Daniil Kwjat.

Ferrari ist jetzt Fünfter in der WM. Und da gehört Ferrari auch hin.


F1 Spielberg 2020: Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Beim Grand Prix der Steiermark fuhr gestern kein einziges Ferrari-Auto in die Punkteränge. Auch nicht von den Kundenteams Haas und Alfa Romeo. Zum ersten Mal seit Mexiko 2015. Dabei war der Red-Bull-Ring gerade für Haas in den vergangenen Jahren gefundenes Fressen. Aber das ist jetzt vorbei.

Wer jetzt immer noch Zweifel daran hat, dass Ferrari beim Motor getrickst hat und von der FIA aufgefordert wurde, man möge doch bitte zurückrüsten, dem ist nicht mehr zu helfen. Im Paddock hat es ohnehin nie jemanden gegeben, der daran ernsthaft gezweifelt hat. Jetzt sollte wirklich auch der letzte Ferrari-Fan aufwachen und die Wahrheit erkennen.

Vettel dämmerte schon vergangenen Sommer, dass unter Binottos Regie getrickst wurde. Es ist einer der Gründe, die zum Bruch zwischen dem Deutschen und der Scuderia geführt haben. Mit einem illegalen Auto zu gewinnen, das passt mit Vettels Wertvorstellungen nicht zusammen.

Gerät jetzt auch Leclerc in die Schusslinie?

Immerhin sah es nach Spielberg 1 so aus, als könne Binotto zumindest seine Entscheidung pro Leclerc und contra Vettel gut als richtigen Schritt für die Zukunft verkaufen. Leclerc ist, daran zweifelt niemand, ein potenzieller Weltmeister von morgen, und wenn man ganz ehrlich ist, tut sich Vettel schwer damit, den Speed seines um zehn Jahre jüngeren Teamkollegen mitzugehen.

Aber dass der Wunderknabe aus Monaco auch noch das eine oder andere zu lernen hat, konnte man im Rennen gestern sehen. Es ist schon fast eine Kunst (und sicher ein bisschen Pech), wenn man als unkontrollierte Rakete mitten ins sich stauende Feld von Kurve 3 loszündet und dort dann unter all den aufgefädelten Autos ausgerechnet den eigenen Teamkollegen erwischt. Hätte man ein Killerkommando auf Vettel gehetzt, hätte es den Job auch nicht präziser erledigen können.

Was wurde Vettel für sein Malheur an der exakt gleichen Stelle eine Woche zuvor nicht gescholten und geprügelt. Ich bin gespannt, ob Leclerc jetzt die gleiche Kritik einstecken muss.

Übrigens: Dass Leclerc den Fehler selbstkritisch eingestanden hat, ist ja okay. Mir wird seine Selbstkritik aber langsam ein wenig zu viel, um ganz ehrlich zu sein. Er ist kein "Arschloch", wie er das im französischen Fernsehen formuliert hat, nur weil ihm ein Lapsus unterlaufen ist. Lieber Charles, am Sonntagnachmittag schauen auch Kinder zu!

Ein Hörer des Podcasts Starting Grid hat mich kürzlich gefragt, ob ich glaube, dass Binotto die Saison 2020 überleben wird. Glaube ich, ja. Aber nicht als Ferrari-Teamchef. Zumindest nicht als alleiniger.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Camilleri Binotto den einen oder anderen Fachmann zur Seite stellt, um ihn zu entlasten. Das wird dann der Anfang vom Ende der Ära Binotto sein. Aber Camilleri, "das ist doch auch ein Blinder, was Motorsport betrifft", sagt ein Insider, für den ich in der Recherche für diese Kolumne telefoniert habe.

Teamchef und Technischer Direktor in Personalunion, das hat in der modernen Formel 1 noch selten funktioniert. Berger hat schon recht, wenn er vorschlägt, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen.

Vielleicht täte es Ferrari ja ganz gut, etwaige Neuzugänge nicht nur in Italien zu suchen ...

PS: Wer sonst noch schlecht geschlafen hat, das "verrate" ich an dieser Stelle noch nicht. Abonniere unseren YouTube-Channel und schau heute Abend mal dort rein, um das zu erfahren!

PPS: Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat, das hat mein Kollege Stefan Ehlen auf unserer Schwesterplattform motorsport.com niedergeschrieben. Zu seiner Montagskolumne über einen Star der beiden Spielberg-Rennen geht's hier!

Ihr

Christian Nimmervoll

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