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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Auf den Spuren von Daniil Kwjat: Warum Max Verstappen beim Heimrennen viel falsch gemacht hat, aber trotzdem nicht pauschalverurteilt werden sollte

Helmut Marko, Max Verstappen, Christian Horner

Max Verstappen lieferte in Belgien eine stark übermotivierte Vorstellung ab Zoom

Liebe Leser,

so wiederholt sich die Geschichte: Der zweite Red-Bull-Fahrer hat Heimrennen, tritt dort, offensichtlich dem selbstauferlegten Druck nicht standhaltend, völlig übermotiviert an, gerät Sebastian Vettel am Start ins Gehege und muss sich nachher harsche Kritik von allen Seiten anhören. Das kennen wir schon. Daniil Kwjat war nach Sotschi seinen Job bei Red Bull los.

Das wird Max Verstappen nicht passieren.

Für die Startkollision kann der 18-Jährige nichts. Zwar kann man, wie Vettel, darüber diskutieren, ob es wirklich smart ist, nach einem schlechten Start Harakiri zu machen und in einer engen Passage wie La Source vom fünften auf den zweiten Platz vorfahren zu wollen; aber die Kettenreaktion, die den Ferraris das Rennen gekostet hat, wurde von Vettel selbst ausgelöst. Er berührte Räikkönen, bevor dieser Verstappen berührte, und ließ den beiden innen viel zu wenig Platz.

Was Verstappen später dann mit Räikkönen abgezogen hat, nämlich ihm bei jenseits 300 km/h mit einem viel zu spät angetragenen Spurwechsel vor die Nase zu fahren, das war unnötig. Und gefährlich. Dass die FIA-Rennkommissare sonst bei jedem Kleinschiss aktiv werden, dabei aber beide Augen zudrücken, ist zumindest diskutabel.

Später lieferte sich Verstappen dann mit Vettel noch ein extrem hartes Rad-an-Rad-Duell, und mit Sergio Perez kam es sogar zu einer weiteren Berührung. So fährt einer, der nicht wahrhaben will, dass es vor eigenem Publikum nichts wird mit dem insgeheim erträumten Sensationssieg. Etwas mehr Gelassenheit hätte gut getan. Aber Gelassenheit wurde ihm von Papa Jos wohl nicht vererbt.


Fotostrecke: GP Belgien, Highlights 2016

Man kann es auch anders sehen: Verstappen ist einer, der Eier hat, und mit 18 sei ihm die eine oder andere Fehleinschätzung (noch) verziehen. Als Michael Schumacher 18 war, dümpelte der spätere Megastar in der Formel König herum. Trotzdem wurde er siebenmal Formel-1-Weltmeister.

Es ist in Ordnung, dass Verstappen als "the next big thing" gehandelt wird. Vermutlich ist er es. Aber vermutlich würde es auch nicht schaden, ihn in seiner Euphorie manchmal etwas zu bremsen. Das birgt zwar die Gefahr, dass sein unwiderstehlich kompromissloses Zweikampfverhalten glatt geschliffen wird (was schade für die Fans wäre), aber es würde wohl sicherstellen, dass er nicht den Boden unter den Füßen verliert.

Red Bull weiß das. Verstappen wurde noch am Sonntag in Spa zum vertraulichen Gespräch mit Christian Horner gebeten. Der hat ihm erklärt, was er warum nicht zu tun hat, und ihn später öffentlich in Schutz genommen. Genau so muss man junge Talente handhaben.

Denn genau das ist Verstappen: ein junges Talent. Und noch kein dreimaliger Weltmeister. Das scheinen manche zu vergessen.

Einen wesentlichen Unterschied zu Kwjat in Sotschi gibt's übrigens. Während der Russe nach seinem Doppel-Fauxpas ziemlich benommen wirkte und erst mal schockiert das Replay anschaute, bevor er zu den TV-Interviews ging, setzte Verstappen gestern vor laufenden Kameras schon wieder ein cooles Lächeln auf.

Das ist das Holz, aus dem Champions geschnitzt sind.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Sebastian Vettel: Die erste Kurve hat sich Vettel selbst zuzuschreiben, und damit auch das letztendlich verkorkste Rennen, in dem er ebenso gut Zweiter statt Sechster hätte werden können. Obendrein machte er auch noch dem Teamkollegen den Nachmittag kaputt, sodass Ferrari in der Konstrukteurs-WM nun 22 Punkte auf Red Bull fehlen. Nach seiner Glanzsaison 2015 muss man nüchtern feststellen: Vettel hatte schon bessere Jahre als 2016.

Kevin Magnussen: Wer bei 300 Sachen in Eau Rouge abfliegt, der wird die darauffolgende Nacht vermutlich schlecht schlafen. Weil zum Beispiel der Knöchel zwickt. Magnussen ist noch glimpflich davongekommen, hat aber eine Chance verpasst, sich für 2017 zu empfehlen. Renault ist angeblich an einem Routinier wie Felipe Massa oder Jenson Button dran. Esteban Ocon ist Wunschkandidat von Teamchef Frederic Vasseur. Da wird es für die beiden aktuellen Fahrer eng.

Daniil Kwjat: Während der Russe selbst Spa als Fortschritt verbucht, machte er im Vergleich mit Teamkollege Carlos Sainz objektiv betrachtet keinen Stich. Dass er bei Toro Rosso noch einmal aufblühen wird, ist unwahrscheinlich - auch wenn er mit Christian Horner einen Fürsprecher im Red-Bull-Imperium hat. Aber wer Helmut Marko kennt, der weiß: Anstatt Kwjat aus Barmherzigkeit 2017 noch eine Chance zu geben, soll diese lieber Pierre Gasly bekommen. Der ist gerade drauf und dran, GP2-Champion zu werden.

Ihr

Christian Nimmervoll

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