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  • 13.10.2014 · 09:22

  • von Dominik Sharaf

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

In der Montags-Kolumne dreht sich in turbulenten Zeiten auf dem Transfermarkt alles um Fernando Alonso: Hat sich der Spanier aus der Formel 1 gepokert?

Fernando Alonso

Alonso muss den Kopf noch nicht in den Sand stecken, aber Alternativen werden rar Zoom

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leserinnen und Leser,

es wäre relativ einfach, zu glauben, derjenige, der letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat, sei Nico Rosberg. Der - im Tennisjargon gesprochene - dritte "unforced Error" nach der Sommerpause (die Kollision mit Lewis Hamilton in Spa-Francorchamps und die Verbremser in Monza wirken nach), ein weggeworfener Grand-Prix-Sieg und eine 17-Punkte-Lücke zu WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton legen zwar nahe, dass er in Sotschi der Mann des Tages im negativen Sinne gewesen war. Doch der Trip nach Russland hatte auch viele Erfolgsmomente parat.

Rosberg stellte mit einer toller Aufholjagd unter Beweis, dass er in der Lage ist, die Rennen zu fahren, die einen Fahrer nicht nur auf das Podium, sondern in die Herzen der Formel-1-Fans bringen. Er holte mit Mercedes einen historischen Titel und erntete die Schulterklopfer seiner Chefs. Beim Kurznachrichtendienst Twitter war ein Foto zu sehen, auf dem der 29-Jährige im Flieger zurück nach Europa mit einem Haufen Fahrerkollegen ausgelassen die Rückreise genießt. Nein, dieser Mann hat gut geschlafen.

Alonso zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Von Fernando Alonso lässt sich das meiner Meinung nach nicht behaupten. Der Spanier erlebte erst einen verkorksten Rennsonntag, an dem Ferrari einmal mehr nicht in der Lage war, ohne besondere Umstände ein Wörtchen um die Vergabe der Podiumsplätze mitzusprechen. Daran hat er sich längst gewöhnt und die Konsequenzen gezogen. Schlimmer dürfte für den Spanier gewesen sein, was sich nach der Zieldurchfahrt abspielte. Nach dem Titelgewinn demonstrierten Mercedes, Hamilton und Rosberg im Freudentaumel ihre Einigkeit.

Das heißt: Bei den Silberpfeilen gibt es für den zweimaligen Weltmeister so schnell nicht die Chance, das Topauto zu ergattern, was der W06 Hybrid in der kommenden Saison sein wird. Denn für die Gezeitenwende im Kampf der Konstrukteure ist der Vorsprung allen Diskussionen um eine Aufweichung der Regeln zur Antriebshomologation zum Trotz zu groß und die Ingenieure in Brackley sowie Brixworth zu clever - das unterstrich das Rennen in Sotschi. Mercedes wird weiter in Sachen Entwicklung Markführer bleiben.

Genau diesen Arbeitgeber wünscht sich Alonso aber. "Ich will Siege, ich will Weltmeister werden und professionell arbeiten, wie ich es meine ganze Karriere über getan habe", sagte er in Suzuka, kurz nach der Verkündung des Red-Bull-Abschieds Sebastian Vettels, der gleichbedeutend ist mit seinem Aus in Maranello. Er habe seit Monaten einen Plan im Kopf, fügte Alonso an. Hatte er darauf gewartet, dass Mercedes an der Zerreißprobe Teamduell scheitert und er einen der begehrtesten Plätze im Zirkus erbt?

Ein Grünschnabel war Red Bull lieber

Wenn ja, dann hat er sich verkalkuliert. Rosberg hat einen neuen Vertrag, mit Hamilton wird nach dem Saisonfinale in Abu Dhabi über einen neuen Kontrakt verhandelt. Bis dahin - so hat es Motorsportchef Toto Wolff nach eigener Aussage versprochen - gibt es keine Flirts mit anderen Piloten. Auf ein Scheitern zu hoffen wäre für Alonso genauso risikoreich wie aussichtslos. Als Weltmeister säße Hamilton fest im Boot und könnte noch ein paar Millionen mehr rausschlagen, als Vize-Champion würde er immer noch das beste Auto abgeben.

Fernando Alonso

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Die Alternativen sind rar. Bei Red Bull setzt man lieber auf einen 20-Jährigen, dessen bestes Karriereresultat ein neunter Platz ist, als auf den 32-fachen Grand-Prix-Sieger. Die kolportierte Vertragsauflösung bei Ferrari dementiert Alonso entschieden, trotzdem ist die Ehe wohl längst geschieden. Wahrscheinlich will der Asturier so seine Attraktivität und seinen Preis in die Höhe treiben. Es bleibt die offensichtliche Wechseloption, über die die Gazetten schon seit Monaten spekulieren: McLaren.

Doch ein Engagement in Woking wäre ein Vabanquespiel. Gerüchten zufolge ist Honda massiv im Entwicklungsrückstand und die Hybriderfahrungen von Ex-Platzhirsch Renault sollten Alonso eine Lehre sein. Mit dem omnipräsenten Patron Ron Dennis hat er sich schon einmal überworfen (und war daran alles andere als unschuldig), ein McLaren-Hauptsponsor entwickelt sich zum Phantom. Hinzu kommt, dass Alonso kürzlich seinen 33. Geburtstag gefeiert und nicht mehr die Zeit hat, viele Jahre auf die Geburt seines Spitzenautos zu warten.

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Dominik Sharaf

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Dann wäre da noch die Option, einen Mann mit Geldkoffer herbeizuwinken und bei der klammen Lotus-Truppe einzusteigen. Der Gönner müsste zunächst aufgetrieben werden, doch auch dieses Unternehmen bräuchte Zeit, die Alonso nicht besitzt. Und glaubt man dem aktuellen Lotus-Piloten Romain Grosjean, erfüllt das Team nicht die Ansprüche: "Es ist kein schlechter Arbeitsplatz - zwar keines das Weltmeister werden wird. Aber sicher eine Truppe, die ein gutes Auto produzieren und dort stehen kann, wo Williams ist."

Wenn Sie sich an die einleitenden Worte zur Causa Alonso erinnern: Genau das nimmt er aber für sich in Anspruch. Champion werden. Und um bei Grosjeans Analogie zu bleiben: Könnten Sie sich vorstellen, dass der Spanier bei Williams andockt und damit den gleichen Weg geht, wie sein noch vor einem Jahr vermeintlich am großen Teamkollegen gescheiterter Wasserträger Felipe Massa? Ich nicht. Wenn Alonso innerhalb der kommenden zwei Jahre Weltmeister werden will, dann muss er es in einer anderen Rennserie versuchen. Mit diesem Ambitionen gibt es für ihn momentan keine Option in der Formel 1. Legt er ein Sabbatjahr an, dann muss er sich für diese Meriten wohl an Rory McIlroy versuchen und nicht auf der Rennstrecke.

Mit den besten Genesungswünschen für Jules Bianchi,


Dominik Sharaf