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WM-Führung: Vettel siegt im "Gangnam-Style"

Doppelsieg und WM-Führung für Red Bull in Südkorea, Fernando Alonso immerhin auf dem Podium, aber McLaren verabschiedet sich aus dem Titelrennen

(Motorsport-Total.com) - Bei der Premiere im Jahr 2010, als sein Renault-Motor spektakulär die Kolben ausspuckte, hätte er in Yeongam beinahe seinen ersten WM-Titel verloren, aber seither liebt Sebastian Vettel den "Gangnam-Style": Der Red-Bull-Pilot wiederholte heute mit einer eindrucksvollen Vorstellung seinen Vorjahressieg beim Grand Prix von Südkorea und übernahm damit erstmals seit dem 27. Mai auch wieder die Führung in der Fahrerwertung der Formel-1-Weltmeisterschaft 2012.

Adrian Newey, Mark Webber, Sebastian Vettel, Fernando Alonso

Adrian Newey, Mark Webber, Sieger Sebastian Vettel und Fernando Alonso Zoom

Vettel ging am Start an Polesetter Mark Webber vorbei, der zwar auf der langen Gerade zu kontern versuchte, aber unter Teamkollegen keine Dummheiten anstellte und zurücksteckte. Es dauerte vier Runden, bis Vettel Webber aus der DRS-Sekunde abgeschüttelt hatte, doch von da an entwickelte sich das Rennen zu einem souveränen Solo für den Deutschen. Am Ende gewann er nach 55 Runden 8,2 Sekunden vor Webber und 13,9 Sekunden vor Fernando Alonso (Ferrari). Abgewinkt wurde das Trio übrigens von YouTube-Star-Rapper Psy.

"Das war ein großartiges Rennen", strahlt Vettel. "Die Basis für diesen Erfolg war der Start, vor dem ich etwas Bedenken hatte, weil ich auf der schmutzigen Seite startete. Ich kam jedoch gut weg, hatte gute Traktion und guten Grip. Marks Räder drehten etwas durch, weshalb ich mich neben ihn setzen konnte. Anschließend ging es auf die extrem lange Gerade. Ich konnte Mark neben mir hören, schaltete bis in den siebten Gang und benutzte KERS, um meine Position zu verteidigen."

Gleich viele Siege wie Clark und Lauda

"Glücklicherweise kam ich gut aus der dritten Kurve heraus und konnte vorne bleiben. Anschließend versuchte ich, mich abzusetzen. Das war vor allem im ersten Stint nicht einfach, weil Mark mir die ganze Zeit dicht auf den Fersen war", schildert der nunmehr 25-fache Grand-Prix-Sieger. "Ich denke, wir haben heute einen weiteren großen Schritt gemacht. Das ist genau das, was wir brauchen, und hoffentlich können wir dieses Momentum in den nächsten Rennen aufrechterhalten."

Sebastian Vettel, Mark Webber

Vorentscheidung am Start: Sebastian Vettel biegt vor Mark Webber in die Kurve Zoom

"Mit dem Start hat er den Grundstein gelegt", analysiert Experte Marc Surer, "denn er wusste, Webber wird nicht auf Biegen und Brechen angreifen. Somit war der Weg frei. Und wenn Vettel vorne fährt, das wissen wir, dann kann er auch gewinnen." Für Red Bull gab es in der ersten Runde zwei heikle Momente: Als Lewis Hamilton am besten von der Linie wegkam, blockten Vettel/Webber den McLaren-Fahrer geschickt ab, und am Ende der langen Geraden bremsten sie spät genug, um Alonso keine Lücke zu lassen.

Von da an machte Red Bull alles richtig: Vettel baute sich bis zum ersten Boxenstopp einige Sekunden Vorsprung auf, sodass man Webber vor dem Führenden reinholen konnte, um nicht Gefahr zu laufen, nach hinten eine Position gegen Alonso zu verlieren. Allerdings stieg am Kommandostand die Nervosität, als an immer mehr Autos quer durch das Feld der rechte Vorderreifen abbaute. "Pass auf die Reifen auf! Von jetzt an kann alles passieren", wurde Vettel gewarnt.

Vettel von Reifensorgen unbeeindruckt

"Gott sei Dank ist nichts Gröberes passiert, außer einmal ein stehendes Rad in Kurve drei. Aber ich hatte genug Vorsprung", relativiert der Sieger, der sich von seinem Renningenieur Guillaume Rocquelin neuerlich nur widerwillig einbremsen ließ, nachdem er die schnellste Runde in den Asphalt gebrannt hatte. Kein Wunder, dass Adrian Newey Vettel vor der Siegerehrung ins Ohr flüsterte: "Wir waren ein bisschen nervös." Der Stardesigner hatte phasenweise sogar seine Hände zusammengefaltet...


Fotos: Großer Preis von Südkorea, Sonntag


Auch für den zweitplatzierten Webber war es ein Kampf gegen den Reifenverschleiß: "Die ersten beiden Stints waren sehr schwierig für mich, im letzten stimmte die Balance dann schließlich. Da war es jedoch schon zu spät. Es freut mich aber für Seb, der super gefahren ist, und für das Team, das einen tollen Job gemacht hat. Natürlich bin ich etwas enttäuscht, aber andererseits freue ich mich auch über dieses gute Ergebnis", so der Australier.

Ferrari-Nichtangriffspakt bremst Massa

Hinter dem Red-Bull-Express rollten die beiden Ferraris im Paarlauf, planmäßig Alonso vor Felipe Massa. Aber der Brasilianer, der am Start an Kimi Räikkönen (Lotus) vorbeigegangen war und später von Hamiltons Reifen- und Stabilisator-Problemen profitierte, fuhr wie schon vergangene Woche in Suzuka ein starkes Rennen und musste von der Scuderia sogar zurückgepfiffen werden, als er seinem Teamkollegen zu gefährlich wurde.

Nico Rosberg

Nico Rosberg wurde gleich in der ersten Runde ein Opfer von Kamui Kobayashi, ... Zoom

"Du bist ein bisschen zu nahe an Fernando dran", funkte Renningenieur Rob Smedley in Runde 38. Surer muss grinsen: "Dass er Alonso nicht angreifen würde, war klar. Aber dass er nicht einmal aufschließen darf, war schon hart. Massa ist spazieren gefahren. Er fuhr manchmal eine schnellste Runde, dann aber wieder eine langsame, um Alonso nicht zu nahe zu kommen. Er wäre der Einzige, der Vettel gefährlich werden hätte können, aber er durfte nicht."

Zu Alonsos Ehrenrettung sei gesagt: "Er hatte Graining und musste langsam fahren, um über die Distanz zu kommen", analysiert Surer. Der Spanier, der am Podium aber trotz verlorener WM-Führung lächeln konnte, ist jedenfalls zufrieden: "Red Bull ist derzeit schwierig zu schlagen. In der Gesamtwertung ist Ferrari an McLaren vorbeigezogen. Das ist etwas, was wir vor zwei, drei Rennen nicht unbedingt erwartet hatten. Wir bewegen uns in die richtige Richtung."

Ferrari fast auf Augenhöhe mit Red Bull

Vor allem war auch der gezeigte Speed ermutigend: "Massa hat gezeigt, dass der Ferrari siegfähig wäre, wenn alles passt", stellt Surer fest. McLaren erlebte hingegen einen Sonntag zum Vergessen und muss die WM-Hoffnungen wohl begraben. Das Fiasko begann für den britischen Erfolgsrennstall schon in der ersten Runde, als Jenson Button von Kamui Kobayashi abgeschossen wurde, wofür der Sauber-Pilot später eine Durchfahrstrafe kassierte.

Kamui Kobayashi

... der aber seinerseits auch zumindest mit einem platten Reifen bestraft wurde Zoom

Button und Nico Rosberg (Mercedes) fuhren Seite an Seite die lange Gerade runter, doch Kobayashi verschätzte sich am Bremspunkt, wurde zwischen den beiden eingeklemmt und beförderte alle zwei silbernen Fahrzeuge aus dem Rennen. "Sorry", entschuldigt sich der Japaner via Twitter. Rosberg zeigt aber wenig Verständnis: "Ich habe die Bilder noch nicht gesehen, aber ich habe verdammt spät gebremst. Dass mich da noch jemand von hinten trifft, hat mich schon überrascht."

Button sah den Zwischenfall so: "Ich nutzte den Windschatten von Nico. Plötzlich gab es einen Schlag aufs Vorderrad und Kobayashi flog an mir vorbei. Angesichts der Tatsache, dass dies die Königsklasse des Motorsports ist, ist das schon ein ziemliches Armutszeugnis. Das Rennen ist doch so lang! Die Fahrer an der Spitze kämpfen um Siege, um wichtige Punkte. Manche Leute müssen das erst noch lernen. Ob ihnen das irgendwann gelingen wird, weiß ich ehrlich gesagt nicht."

Hülkenberg mit sensationeller Leistung

McLaren-Teamkollege Hamilton fiel indes sukzessive immer weiter zurück - und als er als einziger Fahrer im gesamten Starterfeld ein drittes Mal die Reifen wechseln musste, war sein Arbeitstag endgültig gelaufen. Der Brite konnte sich zwar zunächst noch gegen Romain Grosjean (Lotus) wehren, der am Ende Siebter wurde - aber vom Zweikampf der beiden profitierte Nico Hülkenberg (Force India), für Experte Surer heute "der Mann des Rennens".

Nico Hülkenberg

Nico Hülkenberg schnappte sich Hamilton/Grosjean in einem Aufwasch Zoom

"Das war ein Bravourstück! Vom achten Platz auf den sechsten zu fahren, ist sehr, sehr stark mit einem Force India", lobt der Schweizer. Die Möglichkeit für das 1A-Überholmanöver ergab sich durch Grosjeans gescheiterte Attacke außen am Ende der langen Geraden: "Grosjean war schon vorne, hätte richtig reinziehen können", findet Surer. "Das war das Manöver des Rennens, muss man ganz klar sagen. Grosjean war vorsichtig. Für seine Verhältnisse ein sehr verhaltenes Rennen."

Aus Sicht von Hülkenberg enstand die Attacke "ganz spontan aus der Situation heraus. Ich lag hinter Romain und wir hatten beide DRS aktiviert. Wir liefen auf Lewis auf, der langsam war. Die beiden gerieten sich in die Wolle und ich hatte mir noch etwas KERS aufgespart. Beide bremsten relativ früh und ich fuhr daneben. Lewis versuchte noch, mich rauszudrücken, doch ich dachte mir: 'Wenn ich schon mal so weit bin, dann muss ich auch reinhalten.' Ein cooles Manöver!" Das mit Platz sechs belohnt wurde.

Starke Vorstellung von Toro Rosso

Auf Räikkönen fehlten am Ende 8,5 Sekunden, auf Grosjean hatte er 9,5 Sekunden Vorsprung. Dahinter sicherten sich die Toro-Rosso-Junioren überraschend die Positionen acht und neun. Daniel Ricciardo hatte schon mit einem Raketenstart (von 21 auf 15) und einigen Bestzeiten im ersten Sektor angedeutet, dass heute etwas geht, und als die beiden intern die Positionen tauschten, um den attackierenden Hamilton in Schach zu hielten, bewiesen sie auch taktisches Geschick.

Felipe Massa, Fernando Alonso

Felipe Massa war heute phasenweise schneller als "Chef" Fernando Alonso Zoom

Jean-Eric Vergne hatte am Ende 2,1 Sekunden Vorsprung auf seinen Teamkollegen. Ricciardo war mit abbauenden Reifen schon auf einen beinharten Zweikampf mit Hamilton eingestellt, doch der McLaren-Pilot kam in einer Linkskurve etwas neben die Strecke und fing sich mit dem rechten Seitenkasten ein zuvor gelockertes Stück Rasenteppich auf. Das störte die Aerodynamik und kostete ihn im Finish entscheidende Geschwindigkeit.

Hamilton, der ab dem zweiten Stint mit defektem Stabilisator kämpfte, geriet in der letzten Runde seinerseits sogar noch unter Druck von seinem McLaren-Nachfolger Sergio Perez, rettete aber 0,3 Sekunden über die Ziellinie. Der scheidende Sauber-Pilot war am Start viel zu aggressiv, bremste spät und rasselte von hinten in Hülkenbergs Force India. Dabei handelte er sich einen Schaden an der Spitze der Frontpartie ein. Diese wurde jedoch während der beiden Boxenstopps nicht gewechselt.

Schumacher mit Getriebeproblemen farblos

Paul di Resta (Force India) startete genau wie zum Beispiel auch Button und das Sauber-Duo auf den härteren Soft-Reifen. "Das war die falsche Strategie", ärgert er sich über Platz zwölf. Hinter ihm landete Michael Schumacher (Mercedes), der sich stufenweise aus den Top 10 "kämpfte" und einige Runden vor Schluss über ein sich anbahnendes Getriebeproblem informiert wurde. Am Ende fehlten eineinhalb Minuten auf Sieger Vettel.

Sebastian Vettel, Adrian Newey

Damit die Augen nicht brennen: Newey schützt sich mit einer Mechanikerbrille Zoom

Ganz hinten gab es keine Überraschungen: Caterham vor Marussia und HRT - allerdings sah nur ein HRT die Zielflagge, weil Pedro de la Rosa wegen eines DRS-Defekts aus dem Rennen genommen wurde. "Wir wollen keinen Unfall riskieren", funkten die Spanier. Insgesamt sahen heute 20 von 24 gestarteten Autos die Zielflagge. Nur Charles Pic (19./Marussia) und Narain Karthikeyan (HRT) wurden zweimal überrundet.

In der Fahrer-WM führt Vettel nun sechs Punkte vor Alonso und 48 vor dem immer noch drittplatzierten Räikkönen. "Die WM ist jetzt ein Zweikampf, nachdem Hamilton nicht richtig punkten konnte", legt sich Experte Surer fest. Theoretisch haben noch sechs Fahrer Titelchancen. Bei den Konstrukteuren führt weiterhin Red Bull (367), allerdings jetzt vor Ferrari (290) und nicht mehr vor McLaren (284). Lotus liegt auf Platz vier (255).

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