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  • 25.05.2020 · 17:45

  • von Matt Somerfield, Co-Autor: Giorgio Piola

Verbotene Formel-1-Ideen: Der angeströmte Diffusor der 2010er-Jahre

Die ersten WM-Titel von Sebastian Vettel sind eng mit dem angeströmten Diffusor verbunden - Red Bull nahm dabei zu Beginn der 2010er-Jahre eine Vorrteilerrolle ein

(Motorsport-Total.com) - Um in der Formel 1 Performance zu finden, braucht es etwas Genialität, Querdenken und manchmal die Bereitschaft, die Regeln bis an die Grenzen auszunutzen. Teilweise hilft es auch, sich mit der Geschichte des Sports auszukennen. Denn hin und wieder kehren Dinge, die eigentlich bereits vergessen schienen, plötzlich wieder zurück.

Ein gutes Beispiel dafür ist der angeströmte Diffusor. Der wurde bereits in den 80er- und 90er-Jahren verwendet, bevor er im Zuge von Regeländerungen aus der Mode kam. Ende der V8-Ära im neuen Jahrtausend kehrte er zurück. Bei den Lösungen der früheren Jahrzehnte führte das Auspuffendrohr direkt zum Diffusor, was dem Fahrer das Leben ziemlich schwer machte.

Viele Piloten mussten ihren Fahrstil daran anpassen, und manchmal gegen den eigentlichen Instinkt vom beziehungsweise aufs Gas gehen, weil dabei der Abtrieb des Autos verändert wurde. Adrian Neweys RB6 von 2010 verfügte nicht nur über einen Doppeldiffusor, der die Saison 2009 bestimmt hatte, man nutzte den Auspuff auch, um hinten am Auto Abtrieb zu gewinnen.

Williams FW11B

Bereits in den 80er- und 90er-Jahren wurde die Technik verwendet Zoom

Newey verlegte die Auspuffendrohre nach unten in Richtung Unterboden, sodass der Diffusor von oben angeströmt wurde. Bei den ersten Tests versuchte das Team noch, seine Absichten zu verbergen, weil man wusste, dass die anderen das Potenzial schnell erkennen würden. Also platzierte man Aufkleber an der alten Position (siehe Kreis in der oberen Abbildung).

Erwartungsgemäß begannen die anderen Teams, die Lösung zu kopieren, nachdem sie erkannt hatten, welche aerodynamischen Vorteile man dadurch gewinnt. Weil Red Bull als erstes Team darauf setzte, hatte man allerdings einen Vorsprung. Außerdem holte man durch gute Zusammenarbeit mit Motorenpartner Renault noch mehr Performance heraus, selbst wenn der Fahrer nicht auf dem Gas stand.

So wurden auch die Probleme der Vergangenheit beseitigt, denn der zusätzliche Abtrieb war nun auch dann verfügbar, wenn der Fahrer bremste und auf eine Kurve zurollte. Der FIA war diese Praxis ein Dorn im Auge, weshalb man für 2011 die Regeln für die Position des Auspuffs änderte. Der Plan scheiterte allerdings, denn sofort gab es drei Designs, die die Idee der neuen Regel umgingen.

Red Bull RB7

Zur Saison 2011 musste sich Red Bull eine neue Lösung einfallen lassen Zoom

Die extremsten Lösungen kamen von McLaren und Lotus, wo man den Auspuff durch die Seitenkästen verlaufen ließ. Allerdings funktionieren in der Realität nicht alle Ideen so gut wie auf dem Papier, weshalb die McLaren-Lösung nach den Tests verworfen wurde. Das Team hatte Probleme mit dem Hitzemanagement und der Steifigkeit des Auspuffs im Vergleich zur Flexibilität des Unterbodens.

Bei Lotus wurde das Auspuffrohr bis ganz nach vorne am Unterboden verlängert. Die FFE-Lösung (Forward Facing Exhaust) sah im Vergleich zu anderen Designs, die das Team getestet hatte, vielversprechend aus. Außerdem schien sie beim Gasgeben weniger anfällig zu sein, wodurch das Auto leichter zu fahren war.

Bei Red Bull wählte man ein weniger komplexes Design, an dem sich schnell die Mehrheit im Feld orientierte. Hier lag der Auspuff oberhalb des Unterbodens und mündete im Kanal zwischen Reifen und Diffusor. Die Lösung half dabei, das Problem abzuschwächen, bei dem Luft seitlich in den Pfad des Diffusor gedrückt wird, wenn der Reifen unter Last gequetscht wird.

Ferrari F2012

Zur Saison 2012 wurden die Regeln noch einmal geändert Zoom

Man darf nicht unterschätzen, wie groß die Rolle war, die Renault bei diesem Projekt spielte. Während Red Bull das Design des Auspuffs immer wieder verbesserte, halfen die Franzosen mit Motormappings, bei denen der Antrieb wie eine Luftpumpe funktionierte, wenn der Fahrer nicht auf dem Gas stand. Zwischen Formel-1-Teams und FIA herrschte allerdings weiter Uneinigkeit.

Der Weltverband war nicht glücklich darüber, dass der Motor technisch gesehen ohne Einfluss des Fahrers etwas tat. Das kalte Anströmen war grenzwertig, aber die FIA akzeptierte es. Später kam das warne Anströmen dazu. Das war lange nicht machbar, weil dadurch der Spritverbrauch stieg und die Lebensdauer des Motors reduziert wurde.

Wenn man es sparsam einsetze, konnte man dadurch allerdings einen handfesten Vorteil bei der Performance gewinnen. Die FIA schritt ein und wollte es noch während der Saison verbieten. Lobbyarbeit der Teams sorgte allerdings dafür, dass das Verbot verschoben wurde. Stattdessen wurden die Regeln so angepasst, dass die am Unterboden befestigten Lösungen verboten wurden.

Für 2012 wollte die FIA die Technik erneut verbieten, indem man eine exakte Region vorgab, in der sich der Auspuff befinden durfte. Dieses Mal ging der Plan auf, und die angeströmten Diffusoren waren zumindest in dieser Form verboten.

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