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Unbekannte F1-Geschichten: Jochen Mass' Williams-Test 1993

Ein 47-jähriger Deutscher im Formel-1-Weltmeisterauto von 1993: Wie Jochen Mass einen Test im Williams FW15C erhielt und wie er sich dabei schlug

(Motorsport-Total.com) - "Frank [Williams] wollte immer, dass ich für ihn fahre, aber aus irgendwelchen Gründen hat es nie geklappt", sagt Jochen Mass. Doch dann klingelt im Herbst 1993 unverhofft sein Telefon. Am anderen Ende meldet sich der berühmte Formel-1-Teamchef und macht Mass ein Angebot: 20 Runden im aktuellen Weltmeisterboliden von Alain Prost. Und Mass sagt sofort zu.

Alain Prost, Williams FW15

Test im Weltmeisterauto: Mit dem FW15C war Alain Prost 1993 Champion geworden Zoom

Zu diesem Zeitpunkt ist es elf Jahre her, dass Mass zuletzt ein Formel-1-Fahrzeug bewegt hat. Doch schnelle Autos hatten ihn nach seiner Grand-Prix-Karriere weiter begeistert, unter anderem die Gruppe-C-Rennwagen in der Sportwagen-WM. 1989 gewann Mass mit Manuel Reuter und Stanley Dickens im Sauber-Mercedes C9 die 24 Stunden von Le Mans.

Nun also wieder Formel 1, im Dezember 1993 in Le Castellet, im Alter von 47 Jahren. Die Strecke kennt Mass gut von etlichen Testrunden in allen möglichen Fahrzeugen. Doch vor Ort stellt er fest: Nicht alles ist wie früher.

Weshalb Williams Mass warten lässt

Denn Williams lässt Mass warten und erst andere prominente Testfahrer in den FW15C steigen, den Alain Prost wenige Wochen zuvor zum Weltmeisterauto der Saison 1993 gemacht hat. Mit Chassisnummer 03 hat der "Professor" in Adelaide sein letztes Formel-1-Rennen bestritten. Und eben dieses Auto darf Mass nun ebenfalls fahren.


Fotostrecke: Alle Formel-1-Autos von Williams

Warum als Letzter an diesem Testtag? "Das lag daran, dass ich etwas mehr Körperfülle hatte als die anderen", sagt Mass und grinst. "Deshalb mussten sie alles ausbauen, auch den Sitz. Am Ende passte ich rein, aber es fühlte sich klaustrophobisch an, weil es so eng war. Ich konnte kaum atmen, doch es ging."

Einmal Rennfahrer, immer Rennfahrer: Mass - nach 105 Grands Prix und einem Formel-1-Rennsieg - erwischt aber keinen Traumstart im Williams. "Ich würgte das Auto einmal ab und fuhr dann eine Runde, auf der ich viel husten musste, aufgrund der Vibrationen, wenn du auf einem harten Chassis sitzt. Dann hat man mir eine Gummimatte hinter den Rücken gelegt und damit ging es gut."

Mass schöpft sofort Vertrauen zum Auto

In der Tat: Mass fliegt regelrecht über den südfranzösischen Asphalt, im damals modernsten Formel-1-Auto überhaupt mit Traktionskontrolle, aktiver Aufhängung und weiteren elektronischen Hilfssystemen, das zehn von 16 Saisonrennen gewonnen hat.

Alain Prost

Alain Prost holte im Williams FW15C seinen vierten Formel-1-WM-Titel Zoom

Aber wie ließ sich der Williams FW15C wirklich fahren? Mass: "Ich brauchte nur drei Runden, um Signes voll zu fahren." Signes, das ist die schnelle Rechtskurve im Anschluss an die lange Mistral-Gerade, eine echte Mutkurve in jedem Fahrzeug.

Was Mass nach nur wenigen Kilometern so viel Vertrauen gegeben hat? "Der Grip", sagt er später, "war unglaublich. Es war elf Jahre her, dass ich zuletzt ein Formel-1-Auto gefahren war, aber ich wusste, dass der FW15C ein sehr gutes Fahrzeug war. Der Abtrieb war fantastisch und die aktive Aufhängung einfach magisch."

Die moderne Formel-1-Technik

Schlichtweg "kein Vergleich" zu den Fahrzeugen der frühen 1980er-Jahre, die Mass selbst noch aktiv in der Formel 1 bewegt hatte. "Ich konnte [das Auto] allerdings gut mit dem Mercedes C291 vergleichen, den ich ebenfalls in Le Castellet viel getestet hatte", erklärt er. Der Mercedes habe sich durch Signes sogar noch etwas schneller bewegen lassen.

Insgesamt habe ihn der FW15C beeindruckt. Mass beschreibt den Williams-Rennwagen als "perfekt", aber anstrengend: "Nach zehn Runden war ich erschöpft und kam zurück an die Box."

Dann verblüfft ihn die Formel-1-Technik von 1993 erneut: "Ich meldete ein wenig Untersteuern in den S-Kurven und hoffte, das Team würde etwas am Heck verändern. Man drückte aber nur auf einen Knopf und dann hieß es: 'Weiterfahren!'" Die ausgefeilte Elektronik des Weltmeisterautos regelte den Rest.

Die Verlockung des besten Formel-1-Autos

Und Mass gibt weiter Gas, unterbietet laut eigener Auskunft sogar die Zeit des damals noch unbekannten Williams-Testfahrers David Coulthard und meint: "Man merkt schon, warum dieses Auto die WM gewonnen hat."

Jochen Mass, 1986

Zwischen Formel-1-Karriere und Formel-1-Test bei Williams: Jochen Mass 1986 Zoom

Ob es ihn da nicht in den Fingern juckt? Allerdings! Mass: "Wenn man die Zeit nur ein bisschen zurückdrehen könnte. Es wäre einfach, wenn du das richtige Alter hättest, aber ich glaube nicht, dass ich die Ausdauer gehabt hätte."

Seinen Formel-1-Test in Le Castellet übersteht Mass aber ohne körperliche Blessuren oder Muskelkater. Der Spontaneinsatz für Williams sei "gar kein Problem" gewesen. "Keine Ahnung warum, aber am nächsten Tag fühlte ich mich gut", sagt der Deutsche. "Aber natürlich ratterte es zwei Tage lang pausenlos in meinem Kopf."

Der Nachhall bei Mass

Es ist auch die Frage 'was wäre, wenn', die Mass beschäftigt, wenn er an seine Freundschaft zu Teamchef Frank Williams denkt. "Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, aber aus irgendwelchen blöden Gründen bin ich nie für ihn gefahren. Ich hielt es aber für eine sehr nette Geste, dass er mich 20 Runden fahren ließ."

Und einen gewissen Nachhall hatte diese Testfahrt in jedem Fall: der laute Renault-V10-Motor beschäftigte Mass noch 48 Stunden nach dem Ende seines Formel-1-Abenteuers. O-Ton: "Es dröhnte immer noch in meinen Ohren!"

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