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Taktik-Analyse Leclerc: War es doch keine Verschwörung?

Ferrari hat Charles Leclerc mit der Strategie in Schanghai nicht nur ein Bein gestellt, laut Mattia Binotto steckte aber keine verschwörerische Absicht dahinter

(Motorsport-Total.com) - Der späte zweite Boxenstopp von Charles Leclerc war offenbar doch kein Zeichen dafür, dass Ferrari die vermeintliche Nummer 2 im Team nur noch als Taktik-Werkzeug für Nummer-1-Fahrer Sebastian Vettel einsetzt. Das hatte Leclerc unmittelbar nach dem Grand Prix von China in Schanghai angedeutet, korrigierte er aber wenig später bei der Ferrari-Pressekonferenz.

Charles Leclerc

Charles Leclerc hatte nach dem Rennen in Schanghai einige Fragen an sein Team Zoom

Im ersten TV-Interview hatte Leclerc noch eine mögliche Verschwörung in den Raum gestellt: "Wenn ich nur auf mein eigenes Rennen schaue, dann hätten wir früher Reifen wechseln sollen. Wenn ich es aus der Sicht des Teams sehe, dann war es wahrscheinlich richtig, zumindest den Versuch zu starten, den Mercedes einzubremsen, damit Seb nochmal rankommt. Ich glaube, das war das Ziel. Es hat nicht geklappt, aber das war das Ziel."

Leclerc kam in der 42. Runde zu seinem zweiten Boxenstopp und wechselte von Hard auf Medium. Wie seine unmittelbaren Konkurrenten auch. Die waren aber früher beim Service: Vettel in der 35., Hamilton und Bottas in der 36. Runde.

Die Logik, Leclerc nach seinem späten ersten Stopp in der 22. Runde überhaupt noch einmal zum Boxenstopp zu beordern, erschließt sich einigen Experten bis heute nicht. Nach dem Doppelstopp von Mercedes lag er an zweiter Stelle, 4,0 Sekunden vor Bottas, 8,6 vor Vettel und 17,8 vor Verstappen. Da waren noch 20 Runden zu fahren.

Duell mit Leclerc kostete Bottas in einer Runde 2,5 Sekunden

In Runde 39 verwickelte Leclerc Bottas in einen harten Zweikampf, der den Finnen zweieinhalb Sekunden kostete. Ferraris Topspeed war dabei trotz der unterlegenen Reifen hilfreich. Vettel schlüpfte in der 42. Runde ohne Gegenwehr durch. Es waren noch 14 Runden zu fahren. Vorsprung auf Verstappen: 11,0 Sekunden.

Trotz der älteren Reifen hätte Leclerc ohne zweiten Boxenstopp gute Chancen gehabt, vor Verstappen zu bleiben, weil auch die zu dem Zeitpunkt noch frischen Reifen am Red Bull früher oder später abgebaut hätten. Zumal hinter Verstappen über eine halbe Minute Luft zu Pierre Gasly war.

Sprich: Ferrari konnte mit einer Einstoppstrategie den vierten Platz gewinnen, den fünften aber kaum verlieren. Trotzdem wurde die Entscheidung getroffen, den vierten Platz freiwillig aufzugeben.


Fotostrecke: 1.000 Grands Prix: An diese Meilensteine erinnern sich die Formel-1-Piloten

Und das noch dazu besonders ungeschickt, denn anstatt mit dem Boxenstopp so lange wie möglich zu warten, im Finish noch einmal Soft aufzuziehen und damit auf den Bonuspunkt für die schnellste Rennrunde loszugehen, wechselte man bereits in Runde 42 von Hard auf Medium. Gasly wechselte in Runde 53 von Medium auf Soft - und staubte den Bonuspunkt ab.

Wurde Leclerc wirklich nur als Taktik-Werkzeug eingesetzt, um Bottas aufzuhalten und Vettel näher an den Mercedes heranzubringen? Teamchef Mattia Binotto dementiert das: "Wir blieben draußen, weil wir sehen wollten, ob er das Rennen mit einem Stopp durchfahren kann. Ein Stopp hätte eine bessere Chance bedeutet, Positionen zu gewinnen. Aber je länger wir draußen blieben, desto deutlicher wurde uns bewusst, dass es sicherer wäre, nochmal an die Box zu kommen."

34 Runden auf dem Hard wären zu schaffen gewesen

Eine Argumentation, die einen Haken hat. Leclerc hätte mit dem Hard 34 Runden schaffen müssen, um damit ins Ziel durchzufahren. Sicher nicht unmöglich, denn: Daniel Ricciardo absolvierte mit dem gleichen Reifentyp 37, Alexander Albon 36, Sergio Perez und Carlos Sainz 35 Runden.

Die Entscheidung, in Runde 42 nicht gleich den Soft aufzuziehen, um im letzten Stint noch einmal richtig Tempo zu machen, kann Leclerc aber nachvollziehen: "Den Medium kannten wir aus dem ersten Run. Da funktionierte er sehr gut, wohingegen der Soft auf dieser Strecke ziemlich fragil ist."

"Beim Soft konnten wir schon während einer schnellen Quali-Runde spüren, wie er abbaute, also wollten wir da kein Risiko eingehen. Es gab ja nicht viel zu gewinnen", analysiert Leclerc. "Das war zumindest das Gefühl, das ich im Auto hatte. Was am Kommandostand überlegt wurde, weiß ich nicht. Aber ich fand es richtig, mich nochmal auf dem Medium rauszuschicken."

Und so sind es letztendlich doch versöhnliche Töne, die der 21-jährige Monegasse anschlägt. Ferrari hat die hauseigene Medienrunde am Sonntag in trauter Dreisamkeit abgehalten: Binotto, Vettel und Leclerc traten demonstrativ gemeinsam vor die Presse. Das soll wohl zeigen: Auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt - wir ziehen als Team an einem Strang!

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