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  • 22.09.2007 · 14:47

  • von Harry Miltner

Suzuki: "Bin eigentlich nie zurückgetreten"

Aguri Suzuki erinnert sich an seine Anfänge in der Formel 1, seinen Beinahe-Deal mit Flavio Briatore und spricht über seine Gegenwart als Teamchef

(Motorsport-Total.com) - Der ehemalige Formel-1-Pilot Aguri Suzuki besitzt das kleinste und jüngste Team der Formel 1. Dennoch gelang es dem völlig untypischen Japaner binnen kürzester Zeit, mit seinen Wagen konkurrenzfähig zu sein. Und Suzuki will noch mehr, viel mehr...

Aguri Suzuki

Aguri Suzuki ärgert mit seinem Rennstall auch die Großen der Formel 1

Frage: "Herr Suzuki, Sie kamen 1988 als Ersatz für den vor dem Japan-Grand-Prix erkrankten Yannick Dalmas quasi über Nacht in die Formel 1. Wie war das damals?"
Aguri Suzuki: "Das war sensationell. Ich erinnere mich noch genau. Es war Dienstag und ich saß auf meinem Sofa, als das Telefon klingelte. Teamchef Eric Broadley rief mich an und fragte, ob ich Zeit hätte, für sie einen Grand Prix zu fahren. Natürlich hätte ich Zeit, aber wann das wäre, fragte ich. Er meinte 'kommenden Sonntag'. Da war ich platt, aber auch begeistert. Ich hatte keine Erfahrung mit den Wagen, den Larousse nie vorher getestet."#w1#

Durch Yamaha zu Zakspeed

Frage: "Ein Jahr später gingen Sie zu Zakspeed, stellten aber den traurigen Rekord auf, sich nicht einmal in 16 Rennen zu qualifizieren. Wie gingen Sie mit der Enttäuschung um?"
Suzuki: "Ja, das stimmt. Aber ich bin eigentlich über meine Beziehungen zu Yamaha dorthin gekommen. Doch dann scheiterte der Deal zwischen Zakspeed und Yamaha und wir mussten mit den schwachen Cosworth-Motoren fahren. Es war sehr frustrierend, aber ich kam aus keiner reichen Familie und wusste, ich musste mich durchbeißen. Daher blieb ich, denn ich denke immer voraus. Außerdem war mein Leben zu dem Zeitpunkt wie ein Hollywood-Film. In Japan konnte sich keiner vorstellen, ein Formel-1-Fahrer zu sein."

"Ich war über Nacht der Held einer ganzen Nation." Aguri Suzuki

Frage: "Kurz danach holten Sie aber, diesmal für Larrousse fahrend, drei sechste Plätze und schließlich das viel umjubelte Podium - Platz drei in Suzuka, der erste Podestplatz eines Asiaten, machte Sie zum Volkshelden..."
Suzuki: "Das änderte mein Leben völlig. Ich war über Nacht der Held einer ganzen Nation. Die Formel 1 in den 90ern war einfach klasse. Unser Team war klein, aber wie eine Familie. Ich hatte auch keine Probleme, meine Gefühle zu zeigen, denn die Formel 1 ist ein europäischer Sport."

Frage: "Nach der tollen Saison 1990 sprach man von Ihnen schon als WM-Außenseiter. Doch daraus wurde nie etwas. Wieso nicht?"
Suzuki: "Ich hatte Ende 1990 einen Vertrag bei Flavio Briatore unterschrieben und wollte zu Benetton. Doch Larousse, wo ich noch zwei Jahre verpflichtet war, ließ mich nicht gehen."

Frage: "Sie fuhren mit einigen Großen dieser Zeit. Konnten Sie auch viel lernen?"
Suzuki: "Ich denke, ich habe von jedem Teamkollegen gelernt und er auch von mir. Damals war der Sport noch viel offener, die Piloten gingen auch mal auf einen Drink oder sogar gemeinsam auf Urlaub."

Frage: "Suzuka war nicht nur das Highlight Ihrer Karriere, sondern auch das Ende. Nach dem bösen Unfall hörten Sie auf..."
Suzuki: "Ja, Suzuka war der Anfang, der Höhepunkt und das Ende - naja, typisch für einen Japaner (lacht; Anm. d. Red.). Nein, im Ernst: Ich hatte schon vor dem Unfall gewusst, dass ich zurücktreten würde. Ich wollte es nach dem Qualifying bekannt geben, aber dann hatte ich den Unfall und konnte nichts mehr sagen. Also bin ich ja eigentlich bis heute gar nicht zurückgetreten."

Suzuki will ein guter Lehrer sein

Frage: "Warum entschieden Sie sich gleich danach ins japanische Fahrerentwicklungsprogramm einzusteigen? War das eine Art zurückzahlen?"
Suzuki: "Ganz genau. Ich war selbst kein großes Talent, aber ich hatte gute Lehrer. Ich wollte jungen Talenten helfen und ihnen das geben, was mir gegeben wurde. Motorsport ist heute eine teure Sache, sogar im Kartsport. Daher wollte ich mein Wissen weitergeben und auch Fahrer unterstützen, die nicht aus reichem Haus kommen. Taku (Sato; Anm. d. Red.) war damals auch dabei."

"Ich dachte die ganze Zeit nur daran, wie ich in die Formel 1 kommen würde." Aguri Suzuki

Frage: "Wie unterschiedlich ist es, für ein Team zu fahren oder es zu leiten? Sie begannen ja sehr früh damit und haben heute neben Super Aguri ja auch ein IndyCar-Team in Amerika."
Suzuki: "1996 startete ich mein Formel-3000-Team in Japan. Ich wollte immer ins Renngeschäft einsteigen und dann in die Topkategorie kommen. Panasonic hat mich dabei in den USA sehr unterstützt, aber ich dachte die ganze Zeit eigentlich nur daran, wie ich in die Formel 1 kommen würde."

Frage: "Was sind die großen Probleme eines Teammanagers und wie lösen Sie sie?"
Suzuki: "Ach, die Probleme. Ich habe 100 am Tag, naja, vielleicht auch nur 99 (lacht; Anm. d. Red.). Als Fahrer kommst du hin, steigst ein und fährst los. Als Teamchef gibt es so viele Managementaufgaben, sogar um die Teamkleidung muss ich mich manchmal kümmern. Ich bin vielmehr ein Firmenchef."

Frage: "Sie haben ein Wunder geschafft und das Formel-1-Team in viereinhalb Monaten auf die Beine gestellt. Wie ging das?"
Suzuki: "Hätte ich ein wenig mehr über das Business gewusst, wäre ich wohl so besorgt gewesen, dass ich es nie geschafft hätte. Meine Naivität hat mir eigentlich geholfen. Und unter Zeitdruck bin ich immer gut."

Frage: "Was ging durch Ihren Kopf, als das Team in Bahrain 2006 debütierte?"
Suzuki: "Oh, ich hatte große, große Kopfschmerzen. Mein Traum dauerte nur bis zum ersten Training, denn unser Auto war so unendlich langsam, fast sieben Sekunden. Ich dachte nur daran, dass die anderen uns nach fünf Runden überrundet hätten."

Suzuki versteht nichts von der Technik

Frage: "Dennoch haben Sie und Ihr Team in der Zwischenzeit im Vergleich mit den finanzkräftigen Japanern von Honda und Toyota sehr viel erreicht. Was ist das Geheimnis?"
Suzuki: "Unser Team ist klein und kompakt, wie eine intakte Familie. Wir verstehen einander sehr gut und ergänzen uns. Ich habe von Technik keine Ahnung, daher gehe ich auch nicht her und erkläre meinem Ingenieur, was er tun soll. Ich habe nur eine Bitte: Ich will Resultate sehen."

Aguri Suzuki

Aguri Suzuki hat sein Formel-1-Auto auch schon selbst ausprobiert Zoom

Frage: "Gut, aber andere Teams sind auch groß und funktionieren dennoch. Bei Honda liegt der Fall klar, die haben was probiert und sich geirrt. Die sind im kommenden Jahr schon wieder dabei. Aber bei Toyota?"
Suzuki: "Ja, Honda liegt auf der Hand. Aber wer nichts riskiert, der kann hier auch nichts gewinnen. Das war den Versuch wert. Bei Toyota wird nichts riskiert. Außerdem gehen Sie doch mal bei denen ins Motorhome und dann sagen Sie mir, wer dort der Chef, der Kapitän ist? Keine Ahnung? Genau. Dort gibt es keine Bezugsperson, die die Dinge ordnet."

Frage: "Denken Sie, dass die japanische Arbeitsphilosophie in der europäisch, vor allem britisch orientierten Formel 1 keinen Platz hat?"
Suzuki: "Doch, hat sie schon, aber nicht zur Gänze. Man muss sich die besten Dinge herausnehmen und die dann anpassen. Die Formel 1 ist und bleibt europäisch dominiert."

Frage: "Takuma Sato wuchs rennfahrtechnisch großteils ja auch in Großbritannien auf. Er war immer als Crashpilot verschrien, aber nun scheint er sich gefunden zu haben, nicht?"
Suzuki: "Ja. Taku ist ein toller Fahrer und Teil unserer Familie. Als er vom Honda-Werksteam zu uns kam und eine Saison nur hinterherfuhr, hat er sich nicht einmal beschwert. Außerdem ist er nun viel abgeklärter und sicherer, aber dennoch weiterhin schnell. Aber wir können auch Spaß haben. Zu Beginn der Saison habe ich unseren Wagen selbst testen wollen, und weil die Dinger heute so schwer zu starten sind, ist er mir drei- oder viermal abgestorben. Taku hat fürchterlich gelacht und hatte die größte Freude daran, seinem Boss erklären zu können, wie man so einen Wagen fährt."

Frage: "Wie stark sind die japanischen Fahrer? Sehen Sie einen kommenden Weltmeister?"
Suzuki: "Taku ist sehr stark. In einem Ferrari oder McLaren kann er auch Rennen gewinnen. Um Weltmeister zu werden, muss man auch einiges an Glück haben. Ob er das erreichen kann, weiß ich nicht. Natürlich wünsche ich mir aber einen japanischen Champion, am besten aus meinem Team (lacht; Anm. d. Red.)."