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Spürnase Hembery: "Wir fühlen uns manchmal wie beim CSI"

Paul Hembery erklärt, wie Pirelli der Ursache der Reifenschäden vom Freitag auf die Schliche kam - Voreilige Kommentare enttäuschen den Motorsportchef

(Motorsport-Total.com) - Nachdem am Freitag im zweiten Freien Training zum Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps zunächst der rechte Hinterreifen von Sebastian Vettel geplatzt war und später auch bei einem Reifen von Fernando Alonso eine Beschädigung festgestellt wurde, herrschte im Fahrerlager der Formel 1 helle Aufregung. Viele Beteiligten fühlten sich auf fatale Weise an das Rennen in Silverstone erinnert, wo die Pirelli-Reifen wegen eines Konstruktionsfehlers reihenweise ihren Dienst quittierten.

Paul Hembery

Paul Hembery und seine Mitarbeiter kamen dem Übeltäter auf die Spur Zoom

Für viele schien der Schuldige schnell festzustehen: Nämlich Reifenlieferant Pirelli. Angeblich baten die Fahrer Rennleiter Charlie Whiting sogar, von den Italienern eine Bestätigung einzuholen, dass die Reifen sicher seien. Dieser vorschneller Aktionismus ärgert Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery. "Wenn ohne jede Analyse Kommentare abgegeben werden, ist das schon enttäuschend", sagt der Brite und hält den Teams den Spiegel vor: Diese würden sich bei technischen Problemen an den Autos auch erst nach eine ausführlichen Untersuchung verbindlich äußern.

Dies tat auch Pirelli, jedoch nicht nur in diesem Fall. "Immer wenn es Probleme oder Bedenken wegen den Reifen gibt, senden wir Berichte unserer Ingenieure an die Teams. Einige davon sind sichtbar, einige sind unsichtbar und befassen sich mit außergewöhnlichen Vorfällen", so Hembery. Diese Berichte enthalten oft auch Informationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. "Da es in diesem Fall für alle sichtbar war und wegen der Vorfälle in diesem Jahr, wollten wir eine ausführliche Erklärung abgeben", spielt der Brite auf die Vorfälle von Silverstone an.

Kriminalistischer Eifer bei Pirelli

Sebastian Vettel

Der Reifenschaden von Sebastian Vettel sorgte im Fahrerlager für Aufregung Zoom

Daher gab Pirelli einer Gruppe von Journalisten einen detaillierten Einblick in die Vorgehensweise bei der Untersuchung der Reifenschäden. "Was passiert in einem solchen Fall?", beginnt Hembery seinen Vortrag. "Wir fühlen uns manchmal wie beim CSI und versuchen alle Elemente des Vorfalls wiederherzustellen und zu verstehen. Wir müssen uns dabei mir drei Elementen beschäftigen. Dem Auto, den Reifen und äußeren Einflüssen. Man geht dann alle Möglichkeiten durch: War etwas mit dem Auto, wer etwas mit dem Reifen selbst oder gab es äußere Einwirkungen?"

Zwei Faktoren schieden gestern recht schnell aus: "In diesem Fall konnten wir das Auto und anhand der Überreste die Reifen selbst als Ursache recht schnell ausschließen", erklärt Hembery, der sich zunächst mit dem Reifenschaden von Alonso befasst, der erst nach dem Ende des Trainings bekannt wurde, von dem Pirelli aber schon frühzeitig wusste. "Wir haben anhand der Telemetrie einen schleichenden Plattfuß erkannt", sagt Hembery. Nachdem Alonso von seinem Team per Funk gewarnt und langsam an die Box zurückgekehrt war, nahm Pirelli den Pneu unter die Lupe.

"Auf der Oberfläche von Fernandos Reifen sieht man zwei Punkte, wie ein Vampirbiss", illustriert Hembery anhand von Fotos. "Ich hör oft Kommentare der Fans, dass wir so etwas erfinden. Aber wir erfinden gar nichts, das ist das wirkliche Leben. Man kann erkennen, dass der Schaden von außen nach innen verläuft, der Auslöser muss also außerhalb des Reifens gewesen sein", erklärt der Motorsportchef. Anhand der Telemetriedaten geriet rasch Kurve 13 in Verdacht. Also begab sich "Spürnase" Hembery persönlich auf Spurensuche.

Metallteil Auslöser der Schäden

Pirelli-Reifen

Pirelli nimmt die gebrauchten Reifen genau unter die Lupe Zoom

"Ich bin selbst mit Mario Isola (Pirelli-Reifenmanager) und Charlie Whiting auf die Strecke gegangen." Dort wurde das Trio fündig. "Am Ausgang der Kurve 13 haben wir auf dem Rasenteppich ein Metallteil gefunden." Das etwa 4 x 8 Zentimeter große Titanteil stammte von einem Lotus, offenbar vom Auto von Kimi Räikkönen und könnte sich bei einem Zwischenfall im ersten Freien Training gelöst haben, als in diesem Bereich am Lotus des Finnen ein Defekt auftrat.

Der Vergleich zeigte, dass die Form des Metallteils exakt zu den schadhaften Stellen am Reifen von Alonso passte. Auch Vettels Reifenschaden konnte bald mit dem Fremdkörper in Verbindung gebracht werden: "15 Sekunden nach Alonso hat Sebastian Vettel die gleich Stelle passiert, und auch bei seinem Reifen passt die schadhafte Stelle genau zu dem Metallteil", erklärt Hembery. Bei Vettel verklemmte sich der Fremdkörper zwischen Reifen und Unterboden und schlitzte den Pneu auf. Nachdem die übrigen Reifen keine Ermüdungserscheinungen zeigten, kam Pirelli zu dem Schluss, "dass dieses Metallteil die Schäden verursacht hat."


Fotos: Großer Preis von Belgien, Samstag


Für den erfahrenen Hembery war dieser Fall ungewöhnlich: "In den drei Jahren habe ich noch kein Metallteil dieser Größe erlebt, das in den Reifen eingedrungen ist. Das war ein ungewöhnlicher Umstand." Bei der Untersuchung der Ursache spielte Pirelli in die Karten, dass der Reifenschaden von Alonso frühzeitig erkannt wurde: "Oft kommen die Reifen völlig zerstört zurück, sodass man nicht mehr alle Faktoren ermitteln kann. Ohne den Reifen von Alonso und diese beiden Punkte hätten wir möglicherweise nicht die Verbindung zu diesem Metallteil herstellen können", meint Hembery.

Kein Reifenschaden bei van der Garde

Beim Unfall von Giedo van der Garde, der am Ende des zweiten Freien Trainings im gleichen Streckenabschnitt abflog, war der Reifen nicht die Ursache. Nachdem das Caterham-Wrack an die Box zurückgebracht worden war, untersuchte Pirelli die Reifen, die nach erneutem aufpumpen die Luft hielten. "Daher können wir einen Reifenschaden ausschließen", so Hembery.

Die Tatsache, dass diesmal nicht der Reifen selbst Ursache der Schäden war, sei nicht nur für Pirelli sondern für die gesamte Formel 1 gut. "Wir arbeiten mit der FIA zusammen, denn wir beide wollen die Ursache herausfinden. Wir wussten recht schnell, dass es kein strukturelles Problem war, aber wir kannten die genaue Ursache noch nicht", sagt Hembery. "Unsere Sorge war, dass irgendwas an der Strecke hervorsteht, über das anderer Autos auch fahren können." Doch diesen Verdacht konnten die "Kriminalisten" von Pirelli ausräumen.

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