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"Silly Season": Wer geht zu welchem Team?

Chefredakteur Christian Nimmervoll zwischen heißen Insiderinfos und spannenden Spekulationen: So könnte das Formel-1-Starterfeld 2013 aussehen

Sabine Kehm und Michael Schumacher

Auf dem Sprung: Michael Schumacher mit Managerin Sabine Kehm Zoom

Liebe Leser,

ich war am vergangenen Freitag noch keine halbe Minute im Dienst, da wurde das Bekanntgaben-Feuerwerk mit dem Wechsel von Sergio Perez zu McLaren eröffnet. Ich gebe zu: Damit hätte ich nicht gerechnet. Und als dann auch klar war, dass Mercedes für Michael Schumacher kein Cockpit mehr hat, waren jene endgültig eines Besseren belehrt, die mir noch in Monza erzählt hatten, es sei "keine Bewegung" am Transfermarkt ersichtlich. Tatsache ist, dass sich diesen Sommer so viel bewegt wie schon lange nicht mehr. Um einmal auf einen Blick festzuhalten, was schon passiert ist und noch passieren könnte, gehe ich heute Team für Team die aktuell im Raum stehenden Varianten und meine persönlichen Besetzungs-Tipps für 2013 durch.

Red Bull:

Hier ist alles klar: Sebastian Vettel bleibt mindestens bis Ende 2014, Mark Webber hat einen neuen Einjahresvertrag bis Ende 2013 unterschrieben. Der Australier stand knapp vor einem Wechsel zu Ferrari, entschied sich jedoch für Red Bull, als er sich mit Siegen in Monte Carlo und Silverstone selbst bewiesen hatte, dass er neben Vettel auch nach der miserablen Saison 2011 nicht zwangsweise nur die Nummer zwei ist. Möglicherweise flüsterte ihm jemand ins Ohr: "Neben Vettel bei Red Bull wirst du eher Weltmeister als neben Alonso bei Ferrari!" Obwohl es ihn gereizt hätte, seine Karriere mit ein paar Grand-Prix-Siegen auf Ferrari zu beenden.

McLaren:

Auch hier sind die Würfel gefallen: Nicht mehr Lewis Hamilton wird Professor M in den nächstjährigen "Tooned"-Episoden (Prädikat: sehenswert) auf den Senkel gehen, sondern Sergio Perez. Dass Hamilton nach seinem Ausfall in Singapur erstaunlich gelassen war, obwohl ihm wahrscheinlich gerade der WM-Titel durch die Finger geglitten ist, hatte, wie man im Nachhinein weiß, einen Grund: In der Nacht von Freitag auf Samstag machte ihm Niki Lauda den Wechsel zu Mercedes endgültig schmackhaft - und mit dem Ausfall wurde Hamilton klar, was er zu tun hat.

Ferrari:

Christian Nimmervoll

Chefredakteur Christian Nimmervoll tippt das Formel-1-Starterfeld für nächstes Jahr Zoom

Fernando Alonso ist bei Ferrari die klare Nummer eins: Nicht nur, dass er mit seiner überragenden Saison 2012 auch die letzten Skeptiker in Maranello auf seine Seite gezogen hat, ist er dank der Großbank Santander neben Pastor Maldonado der wertvollste Paydriver der Formel 1. Alonso ist bei Ferrari politisch so unantastbar wie Schumacher in dessen besten Jahren, wird aber von den Tifosi noch ein bisschen mehr geliebt - wie jeder eindrucksvoll feststellen konnte, der bei der Siegerehrung in Monza live vor Ort war.

Und weil es für Alonso keinen bequemeren und berechenbareren Teamkollegen geben könnte als Felipe Massa, stehen dessen Chancen auf einen neuen Vertrag bestens - freilich nur für deutlich weniger Gehalt als bisher, weshalb die Scuderia am 25. Juli die Option für 2013 bewusst verstreichen hat lassen. Willi Webers Wunschszenario, Michael Schumacher noch einmal im Ferrari zu sehen, gilt als ebenso unwahrscheinlich wie die Variante Kimi Räikkönen: Warum sollte sich einer von beiden antun, sich von Alonso das Leben schwer machen zu lassen?

Denn dass der sehr wohl mitredet, wenn es um seinen Teamkollegen geht, darf man annehmen. Und dass er keine gleichberechtigte Nummer eins akzeptieren würde ebenso. Oder, wie mir unser Experte Marc Surer in Budapest treffend erklärt hat: "Er wird in die Kamera lächeln und sagen: 'Kein Problem!' Und hinter den Kulissen wird er wie ein spanischer Stier dagegen kämpfen."

Lotus:

Ich bin ein Fan von Kimi Räikkönen. Den "Iceman" interessiert nur das Rennfahren, und wenn ihm etwas gegen den Strich geht, haut er eben ab. In Monza waren mir 15 Minuten Interview zugesichert. Als der Herr nach sechs Minuten keine Lust mehr hatte, stand er wortlos auf und ging. Pressesprecher Andy Stobart stand achselzuckend daneben. Vielleicht hätte ich Kimi eine Zigarette anbieten sollen, denn so vertrieb er sich in manchen technischen Briefings die Zeit, wie man hinter vorgehaltener Hand hört. Aber was wie Kritik klingt, soll eigentlich heißen: Bitte mehr von diesen Typen!

Lotus wäre schlecht beraten, die vertraglichen Möglichkeiten, Räikkönen auch 2013 zu halten, nicht zu nutzen. Romain Grosjean mag zwar auf eine Runde vom reinen Speed her schneller sein, kann seinem routinierteren Teamkollegen auf eine volle Saison gesehen aber noch bei weitem nicht das Wasser reichen. Dass er in Monza nach der Startkollision von Spa-Francorchamps zuschauen musste, empfand ich jedoch als etwas zu hart.

Mit Teamchef Eric Boullier hat Grosjean einen starken Fürsprecher im Team, und wenn er sich so weiterentwickelt wie bisher, sollte er Räikkönen früher oder später mindestens ebenbürtig sein. Nur: Mangels Referenz kann niemand mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, wie gut Räikkönen nach zwei Jahren im WRC-Auto wirklich ist und wie viel vom Lotus-Boliden kommt. Und: Wer sagt, dass Michael Schumacher nur Sauber als Alternative hat?

Mercedes:

Lewis Hamilton und Nico Rosberg sind für mich die aufregendste Fahrerpaarung 2013: Hamilton mit seinem spektakulären Naturspeed, Rosberg als inzwischen recht komplettes Supertalent (das bald regelmäßiger gewinnen muss, wenn es nicht wie Giancarlo Fisichella enden will). Für Mercedes gibt es mit den beiden keine Ausreden mehr. Bei den Silberpfeilen wird es keine Nummer eins und keine Nummer zwei geben - dafür sind Hamilton/Rosberg auch zu gut befreundet. Aber durch Hamiltons Traumgage von kolportierten 19 bis 25 Millionen Euro hat das Team ungewollt schon vor dem ersten gemeinsamen Test für eine gewisse Hierarchie gesorgt.

Sauber:

Kommt er oder kommt er nicht? Michael Schumacher und seiner Managerin Sabine Kehm muss spätestens in Singapur gedämmert sein, dass Mercedes Hamilton holen wird - und prompt wurde Kehm in der Hospitality der Schweizer gesehen. Peter Sauber hatte ein paar Tage zuvor - zu dem Zeitpunkt vermutlich noch scherzhaft - erstmals angedeutet, dass er den siebenmaligen Weltmeister mit Kusshand nehmen würde. Dessen weltweite Bekanntheit wäre bei der Suche nach Sponsoren Gold wert.

Und auf frische Geldgeber ist Sauber - genau wie alle Teams außerhalb der großen Fünf - angewiesen. Angeblich soll Jaime Alguersuari schon unterschrieben haben. Wo der plötzlich viel Geld gefunden haben soll, ist Branchenkennern ein Rätsel, andererseits hatte er seit dem Ausscheiden aus dem Red-Bull-Juniorteam ein Jahr Zeit, um sich in Spanien nach finanzstarken Partnern umzusehen. Adrian Sutil könnte ebenfalls jederzeit um die fünf Millionen Euro von Sponsoren aus dem Ärmel schütteln.


Fotos: Sauber, Großer Preis von Singapur, Sonntag


Zweiter Fahrer könnte Testpilot Esteban Gutierrez werden, denn Saubers Vertrag mit Telmex wurde dem Vernehmen nach bis Ende 2013 abgeschlossen - aber Telmex-Schützling Sergio Perez wird 2013 nicht mehr da sein. Robin Frijns, Gesamtführender der Renault-World-Series, soll Testfahrer werden, wie man hört. Und wenn wirklich alle Stricke reißen, hätte man mit Kamui Kobayashi jederzeit einen sicheren und bekannten Wert. Die Karriere des Japaners hängt momentan aber am seidenen Faden.

Force India:

Paul di Resta steht bei Mercedes und McLaren hoch im Kurs, beide Teams sind aber voll besetzt. Nico Hülkenberg wurde schon zu Ferrari geschrieben und ist nun angeblich bei Sauber ein Thema. Aber: "Es gibt von unserer Seite aus noch nichts zu vermelden", lässt Hülkenberg-Berater Timo Gans dieser Kolumne ausrichten. Erstmals aufgetaucht ist das Sauber-Gerücht übrigens im 'Blick' - und für den schreibt die Schweizer Reporter-Legende Roger Benoit, die bei Sauber ein und aus geht und auch zu Hülkenberg ein exzellentes Verhältnis pflegt.

Am wahrscheinlichsten erscheint derzeit, dass sich für 2013 nichts ändern wird. Testfahrer Jules Bianchi hat sich zwar mit tadellosen Tests empfohlen, aber ob er schon so weit ist wie die beiden bewährten Stammfahrer, bei denen man weiß, was man an ihnen hat, ist unklar. Oder feiert gar Adrian Sutil ein Comeback? Unwahrscheinlich. Zumindest mit Paddock-Pässen seines Ex-Teams wird der Münchner aber immer noch versorgt.

Williams:

Valtteri Bottas, Bruno Senna

Valtteri Bottas könnte bei Williams Bruno Sennas Renncockpit einnehmen Zoom

Pastor Maldonado schien dank seiner 29,7 Millionen Pfund von PDVSA (umgerechnet rund 37 Millionen Euro), die allerdings nicht komplett bei Williams bleiben, schon fix gesetzt. Dass er seit seinem Sieg in Barcelona nicht mehr gepunktet und viele Punkte leichtfertig weggeworfen hat, war für sein Standing jedoch nicht hilfreich. Trotzdem: Wenn er sich in den letzten sechs Rennen nicht komplett idiotisch anstellt, wird er bleiben.

Bruno Sennas Tage im Team scheinen gezählt zu sein. Der Brasilianer hat ordentliche sportliche Leistungen gezeigt und diese mit ein paar Sponsorenmillionen aus der Heimat versüßt, aber die Leistungen von Testfahrer Valtteri Bottas waren laut Teaminsidern so beeindruckend, dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste, würde man den jungen Finnen nicht befördern. Es sei denn, der brasilianische Milliardär Eike Batista greift für Senna tief in die Tasche.

Toro Rosso:

Die beiden Junioren Daniel Ricciardo und Jean-Eric Vergne gelten zwar als hochtalentiert, doch weil beide ihre erste volle Saison fahren, ist es schwierig, ihre Leistungen richtig einzuschätzen. Eine zweite Chance hätten sie auf jeden Fall verdient. Auch in der Gerüchteküche gibt es momentan keine anderen Namen, die mit Toro Rosso in Verbindung gebracht werden - aber gerade das ist in der Formel 1 manchmal ein verdächtiges Zeichen. Und: Dass James Key als mächtiger Technikchef an Bord gekommen ist, wird Toro Rosso 2013 stärken und Sauber schwächen.

Marussia:

Timo Glock hat eigentlich keine Lust mehr, bei Marussia seine Karriere weiter versauern zu sehen, hat aber trotz seiner unbestrittenen Qualitäten auch keine anderen Optionen und wird daher seinen Vertrag auch 2013 einhalten. Sein neuer Teamkollege wird Max Chilton sein, der einen zweistelligen Millionenbetrag der Aon-Gruppe, in der sein Vater in hochrangiger Position tätig ist, im Gepäck hat. Chiltons Millionen kommen gerade recht, denn das Team steht finanziell am Abgrund.

Caterham:

Heikki Kovalainen hoffte lange Zeit, bei einem konkurrenzfähigen Team wie Sauber unterzukommen, musste aber einsehen, dass man außer bei den großen Fünf inzwischen überall Geld mitbringen sollte. Das hat er nicht. Also sieht es seit Singapur wieder sehr nach einer weiteren Saison im Team von Tony Fernandes aus.

Noch nicht offiziell verlautbart, aber schon so gut wie fix ist, dass Witali Petrow keine Zukunft in der Formel 1 hat - das gibt selbst dessen Managerin Oksana Kossatschenko offen zu. Und Charles Pic hat bereits unterschrieben, wie ich höre. "Er hat keinen Grund, bei Marussia zu bleiben, denn die fahren nicht mit Renault-Motoren - und das Pic-Familiengeschäft ist eng mit Renault verbunden", analysiert ein Insider. Dass Pic in Singapur bester Laune im Caterham-Motorhome mit den Renault-Leuten plauderte, wurde noch nicht einmal groß verheimlicht.

HRT:

Pedro de la Rosa verdient pro Jahr eineinhalb Millionen. Von den spanischen Sponsoren, die man sich durch ihn erhofft hatte, ist aber noch nicht viel zu sehen. Trotzdem sitzt er dank seines Zweijahresvertrags bis Ende 2013 und als Zugpferd der spanischen Formel-1-Vision fest im Sattel. Der zweite Platz wird an den Höchstbietenden verkauft. Die Chancen von Narain Karthikeyan, der sich in den vergangenen Jahren als zuverlässiger Zahler einen Namen gemacht hat, stehen nicht schlecht. Qing-Hua Ma ins Auto zu setzen, käme für den Chinesen - bei aller Sympathie, das ist ein netter und intelligenter Kerl - viel zu früh.

Meine Tipps zum Starterfeld 2013*:

Red Bull: Sebastian Vettel / Mark Webber
McLaren: Jenson Button / Sergio Perez
Ferrari: Fernando Alonso / Felipe Massa
Lotus: Kimi Räikkönen / Romain Grosjean
Mercedes: Lewis Hamilton / Nico Rosberg
Sauber: Jaime Alguersuari / Esteban Gutierrez
Force India: Paul di Resta / Nico Hülkenberg
Williams: Pastor Maldonado / Valtteri Bottas
Toro Rosso: Daniel Ricciardo / Jean-Eric Vergne
Marussia: Timo Glock / Max Chilton
Caterham: Heikki Kovalainen / Charles Pic
HRT: Pedro de la Rosa / Narain Karthikeyan

* rot geschriebene Namen sind meines Wissens noch nicht offiziell bestätigt oder mit einem fixen Vertrag ausgestattet

Christian Nimmervoll

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