Startseite Menü

Sechsrad-Williams: Die verbotene Revolution

Williams-Urgestein Patrick Head erzählt, wie 1981 der legendäre Sechsrad-Williams geboren wurde und woran das revolutionäre Konzept schließlich scheiterte

(Motorsport-Total.com) - Anfang der 1980er-Jahre ging in der Formel 1 das Turbo-Zeitalter los. Renault entwickelte den Turbomotor, der für kurze Zeit viel Leistung freisetzen konnte. Ferrari und BMW zogen bald nach, sodass sich für Williams als unabhängiges Team eine schwierige Situation darstellte. Daraufhin begann man mit einer Neuentwicklung eines Autos, das den Motoren-Nachteil aufwiegen sollte.

Der innovative Sechsrad-Williams wurde nie im Rennen eingesetzt Zoom

"Wir mussten einen anderen Weg finden, um unsere Geschwindigkeit auf der Geraden zu verbessern", erinnert sich der damalige Technikchef Patrick Head über die Ursprünge des Sechsrad-Williams. "In dieser Zeit waren die Hinterräder riesig, sie verursachten sehr viel aerodynamischen Luft-Widerstand. Das Verhältnis Auftrieb zu Widerstand betrug beim FW08 ungefähr 7,5 und Frank Dernie baute ein 25-Prozent-Modell des Sechsrad-Autos mit vier Vorderreifen an der Hinterachse, dessen Verhältnis Auftrieb zu Widerstand 12,5 betrug. Die Idee hatte also viel Potenzial."

Die hinter dem Sechsrad-Williams

Der Vorteil liegt auf der Hand: Die kleineren, direkt hintereinander angebrachten Vorderreifen erzeugten deutlich weniger Luft-Widerstand als die riesigen Hinterreifen Anfang der 1980er-Jahre. Die Mitte der beiden Achsen befand sich genau an dem Punkt, an dem sich auch die Mitte einer einzelnen Hinterradaufhängung befunden hätte.

"Wir mussten einen anderen Weg finden, um unsere Geschwindigkeit auf der Geraden zu verbessern." Patrick Head

Williams entschied sich, das innovative Konzept weiter zu verfolgen und baute ein Testauto. "Es handelte sich um ein umgebautes FW07-Chassis", erklärt Head, dass man den Boliden der Saison 1979 als Basis für die ersten Versuche heranzog. "Die erste Entwicklungsstufe des Sechsrad-Autos nannten wir FW07D." Dieses Auto wurde aber nur umgebaut, um genügend Daten für einen Umbau des FW08 zu sammeln - es wurde von Alan Jones Ende 1981 in Donington getestet.

Erster Test ein voller Erfolg

Als der FW08B fertig war, fuhr man mit den beiden Piloten Jacques Laffite und Jonathan Palmer an die Strecke Croix-en-Ternois in Nordfrankreich. "Wir waren von der Idee fasziniert, ob wir ein Auto ausbalancieren konnten, das im Heck so viel Kontakt zur Straße hat und wir fanden rasch heraus, dass wir es hinbekamen", so der Brite über die ersten Testfahrten. "Ich erinnere mich, dass Palmer mir sagte, dass er gar nicht bemerkte, dass da vier Räder im Heck waren, obwohl die Traktion aus langsamen Kurven phänomenal war."

"Palmer sagte mir, dass er gar nicht bemerkte, dass da vier Räder im Heck waren." Patrick Head

Es stellte sich heraus, dass der Wagen vor allem im Nassen enorme Vorteile hatte und äußerst gutmütig zu Fahren war. "Der FW08B hatte keine Handlingprobleme", bestätigt Head. "Er untersteuerte nicht wie verrückt, was viele Leute erwartet hatten." Dennoch hatte das Konzept eine deutliche Schwachstelle: "Es benötigten so viele zusätzliche Teile, wodurch das Auto verdammt schwer war."

Gewicht als Stolperstein

Das Übergewicht des Boliden betrug ganze 100 Kilogramm und bei Williams war allen klar, dass man ein neues Getriebe und ein neues Design der Hinterradaufhängung entwickeln musste. Diese 100 Kilo hatte Dernie nicht einberechnet, als er alle Daten in sein Simulationsprogramm eingab und einen virtuellen Paul-Ricard-Test durchführte. "Das Auto war ungefähr zwölf Sekunden schneller als das konventionelle Auto", grinst Head, der sich erinnert, dass Dernie meinte, die 100 Kilo Übergewicht seien "mein Problem".

"Das Auto war zwölf Sekunden schneller als das konventionelle Auto - wenn man das Übergewicht nicht berücksichtigte." Patrick Head

Die 100 Kilo wurden aber schließlich zum Stolperstein für den Sechsrad-Williams. Das kleine Team verfügte im Gegensatz zu den Automobil-Konzernen nicht über die die Ressourcen, das Auto von Grund auf neu zu designen, um den Gewichtsanforderungen gerecht zu werden. Vor allem die Heckpartie stellte sich als Baustelle heraus - das mutige Konzept hätte eine völlig neue Hinterrad-Aufhängung und ein neues Getriebe erfordert.

Späte Rehabilitation für den Sechsrad-Williams

Im Nachhinein ist Head froh, dass man die Idee schließlich schweren Herzens sterben ließ: "Man kann sagen, dass wir Glück hatten, denn Sechsrad-Autos und die Ground-Effect-Aerodynamik wurden später verboten, zudem erhielten wir später einen Honda-Turbomotor."

"Das Auto hatte so viel Traktion, dass es abging wie eine Rakete." Patrick Head

Und dennoch ließ der Sechsrad-Williams auch nach seinem Tod noch mehrmals sein Potenzial aufblitzen. 1982 wurde Keke Rosberg im FW08 Weltmeister, dessen Design zumindest vom Sechsrad-Konzept beeinflusst wurde, wie Head verrät: "Vielleicht erinnern sich manche, dass der FW08 ein kurzes, gestauchtes Design hatte - mit einem hohen Benzintank hinter dem Fahrer. Das lag daran, dass es eigentlich die Front des Sechsrad-Autos hätte sein sollen."

Der Williams FW08D kam nur einmal zum Einsatz und zeigte, welches Potenzial in ihm steckte. Beim legendären Festival of Speed in Goodwood, einem Bergrennen mit Kultcharakter, sicherte sich Palmer mit dem Sechsrad-Williams den Streckenrekord, der erst 1999 von Nick Heidfeld am Steuer eines McLaren MP4-13 geknackt wurde. "Das Auto hatte so viel Traktion, dass es abging wie eine Rakete", freut sich Head über den späten Triumph seines Boliden. "Er war als Sechsrad-Auto wie gemacht für Bergrennen."

Formel-1-Paddock-Tickets

ANZEIGE

Aktuelle Bildergalerien

FIA-Gala in Sankt Petersburg
FIA-Gala in Sankt Petersburg

17. Race Night in Essen
17. Race Night in Essen

Alle Preisträger der Autosport-Awards 2018
Alle Preisträger der Autosport-Awards 2018

Die neuen Piloten im neuen Outfit: So sieht die Formel 1 2019 aus
Die neuen Piloten im neuen Outfit: So sieht die Formel 1 2019 aus

Von Rosberg bis Villeneuve: Diese Ex-Formel-1-Fahrer sind heute TV-Experten
Von Rosberg bis Villeneuve: Diese Ex-Formel-1-Fahrer sind heute TV-Experten

Testfahrten in Abu Dhabi, Mittwoch
Testfahrten in Abu Dhabi, Mittwoch

Aktuelle Formel-1-Videos

Wie Michael Schumacer die Formel 1 revolutionierte
Wie Michael Schumacer die Formel 1 revolutionierte

PK mit Toto Wolff und Lewis Hamilton
PK mit Toto Wolff und Lewis Hamilton

Alle Formel-1-Autos von Fernando Alonso
Alle Formel-1-Autos von Fernando Alonso

Red Bull völlig verrückt: Der letzte Duo-Auftritt
Red Bull völlig verrückt: Der letzte Duo-Auftritt

So hat Halo Charles Leclerc in Belgien gerettet
So hat Halo Charles Leclerc in Belgien gerettet
Anzeige

Motorsport-Total.com auf Twitter

Motorsport-Total.com auf Facebook

Werde jetzt Teil der großen Community von Motorsport-Total.com auf Facebook, diskutiere mit tausenden Fans über den Motorsport und bleibe auf dem Laufenden! Hinweis: Auch auf Google+ sind wir natürlich präsent!