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  • 30.09.2016 · 16:52

  • von Rencken, Sharaf und Halder

Rosbergs neuer Fanklub: Nicht jeder setzt auf Hamilton

Der pure Speed, sein neuer Lebensstil und weniger Druck sprechen laut den Formel-1-Weisen im Titelduell für Hamilton - Doch es gibt auch Argumente pro Nico Rosberg

(Motorsport-Total.com) - Lewis Hamilton war lange Zeit das Lieblingskind des Formel-1-Trosses. Ein Megatalent, das in der Anfangsphase seiner Karriere ohne viel Geld auskommen musste. Ein Vollgastier, das sich in ein Auto setzt, und sofort schnell ist. Jemand, der auch mit der Brechstange überholen kann und neben der Strecke ein markanter Charakter ist. Doch im Jahre 2016 haben sich viele Vorzeichen geändert - nicht nur der WM-Stand. Die Granden der Königsklasse geben Nico Rosberg im Duell eine Chance.

Nico Rosberg

Nico Rosberg hat nicht nur unter seinen Mechanikern seine Fans Zoom

Den Fanklub des Deutschen führt Alain Prost an. "Vor Singapur", erklärt der mit allen Wassern gewaschene Franzose 'Canal+', "sah es so aus, als sei Hamilton besser, aber es hat sich gezeigt, dass er ein verdammt starker Gegner ist." Bei Mercedes schiene immer ein Pilot perfekte Leistungen zu zeigen, während der Teamkollege etwas nachlasse - was Duelle Rad an Rad oft verhindert hätte. "Es sieht aber so aus, als würde es noch vor Saisonende passieren." Prost erkennt vier Faktoren, die entscheiden würden.

Er spricht von kleinen Details, der Psychologie, der Qualität der Rennstarts und weiteren Autos, die möglicherweise in den WM-Kampf eingreifen. Während Legende Jackie Stewart seine Jetons sogar nur auf Rosberg setzt, warnt Johnny Herbert seinen Landsmann Hamilton vor einer schwierigeren Aufgabe als 2014 und 2015. "Er kann es schaffen, aber im Kampf gegen Nico ist dieses Jahr das härteste." Denn mehr als jemals zuvor zählt die Komplexleistung - und nicht nur das reine Tempo.

Sebastian Vettel liebäugelt mit einem deutschen Weltmeister

Das weiß auch Sebastian Vettel aus seinen zahlreiche Titelschlachten zu berichten. "Beide können fahren, da brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber jetzt spielt sich vieles im Kopf ab", meint der Ferrari-Pilot, den es nach eigener Aussage wenig juckt, auf welchem der Silberpfeile nach der Saison die Startnummer 1 klebt. "Interessiert mich nicht", zuckt Vettel mit den Schultern, um ein wenig Nationalstolz zu bekennen, "aber als Deutscher bin ich natürlich ein bisschen für Nico."


Fotostrecke: Race by Race: Die Wende im Titelduell

Auch der frühere IndyCar-Star Alex Zanardi hofft, dass Rosberg sich endlich in einem Zweikampf gegen den scheinbar übermächtigen Hamilton durchsetzen kann. In Anbetracht der Mercedes-Dominanz befürchtet er aber, dass es mehr zu verspielen als zu gewinnen gibt: "Die Enttäuschung des Verlierers wird größer sein als die Freude des Siegers", meint der Italiener. "Lewis hatte schon zuvor so viel Erfolg, deswegen würde ich mich vielleicht für Nico etwas mehr freuen."

Neuer Lebensstil und Druckmoment sprechen für Hamilton

Weil er nach der Sommerpause das Ruder herumgerissen hat, glaubt auch Red-Bull-Kollege Daniel Ricciardo an Rosberg. "Ich dachte, Lewis sei unantastbar", erinnert der Australier. "Deshalb streue ich mal etwas Sand ins Getriebe und sage: Rosberg!" Martin Brundle, früherer Formel-1-Pilot und heute TV-Experte im britischen Fernsehen, schließt sich an. Er ist sich sicher, dass der scheinbar ewige Vizechampions das Rüstzeug und das Selbstvertrauen hätte, um sich durchzusetzen.

Stirling Moss gibt im 'Irish Examiner' seinen Tipp ab - und der lautet Hamilton. Auch, weil sich im privaten Umfeld des Superstars die Wogen geglättet haben und etwa Partyexzesse ausbleiben. "Er ist zweifellos der schnellste Fahrer und seinem Lebensstil mittlerweile gewachsen", sagt Moss über den Mann, der mittlerweile lieber Französisch lernt und Gitarre spielt als sich in einer Diskothek mit Wasserpfeife, Tequilaflasche und leicht bekleideten Damen zu amüsieren. "Er ist nicht dumm."


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Ähnlich sieht die Sache David Coulthard: "Ich würde mein Geld auf Lewis setzen. Wer auf ihn setzt, macht nichts falsch", wird der Schotte in der 'Sport Bild' zitiert und argumentiert, dass der Druck bei Rosberg liege, weil er den Respekt der Szene bisher nicht geerntet hätte. "Nico muss beweisen, dass er Lewis auch schlagen kann, wenn er keine Probleme. Das heißt, im knallharten Duell, mit gleichen Waffen." Das gelang Rosberg zuletzt nur in Spanien - und dann krachte es.

Vettel rät seinen Kontrahenten trotz enormer Last auf ihren Schultern und der Rastlosigkeit des WM-Kampfes, ein Gespür dafür zu haben, dass die meisten Motorsportler von solchen Tagen nur im Kinderzimmer träumen: "Die Zeit ist mit die schönste, also muss man sie auf jeden Fall genießen", findet Vettel.