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  • 13.02.2015 · 19:51

  • von Dominik Sharaf

Ricciardo bei der Targa Florio: Auf den Spuren des Wahnsinns

Der Red-Bull-Star fuhr in einem Alfa Romeo T33, den einst Helmut Marko pilotierte, über die Straßen Siziliens - Von Eseln, Verschollenen und dem Tod an jeder Ecke

(Motorsport-Total.com) - Red Bull schickte Daniel Ricciardo auf eine Zeitreise. Der Formel-1-Star jettete nach Sizilien, um für das Hochglanz-Magazin 'Red Bulletin' in einem Alfa Romeo T33 über Straßen der legendären Targa Florio zu fahren. Das 1972 gebaute Auto, das über griechische Sammler und Schottland den Weg zurück auf die Mittelmeer-Insel fand, war vor über 40 Jahren das Arbeitsgerät des heutigen Motorsport-Beraters Helmut Marko. 400 PS bei 700 Kilo Gesamtgewicht flößten Ricciardo Respekt ein.

Daniel Ricciardo

Daniel Ricciardo hatte eine Menge Respekt, aber auch seinen Spaß Zoom

Der dreifache Grand-Prix-Sieger schielte vor dem Experiment auf die Berichte der Husaren von einst, die bei einem der gefährlichsten Rennen des Planeten Kopf und Kragen riskierten: "Ich erwarte, dass ich lerne, wie man mit einem 300 km/h schnellen Rennauto auf einer öffentlichen Straße Eseln ausweicht", so Ricciardo.

Die Targa Florio war von 1955 bis 1973 ein Lauf zur Sportwagen-WM, in der fast alle Formel-1-Größen der Zeit an den Start gingen - einzig Jackie Stewart, bekannt als Vorkämpfer für Sicherheit im Motorsport, sträubte sich. In den Siegerlisten stehen Namen wie Sterling Moss, Wolgang Graf Berghe von Trips, Lorenzo Bandini, Rolf Stommelen oder Jo Siffert. Sie saßen in Autos wie dem Mercedes 300 SLR, dem Porsche 907 oder dem Ferrari 312PB, die sie über die Schlaglöcher prügelten.

Autos unter Lastwagen, Unfälle mit Eseln

Wenn die Motoren aufheulten, säumten Zehntausende Sizilianer die Straßen, besonders um Stars in den Autos der Scuderia aus Maranello und denen Alfa Romeos anzufeuern. Die Behörden mussten sogar eine Bekanntmachung aussenden, dass "Kinder und Tiere" während des Rennens "unter Verschluss" zu halten seien. In seiner Geschichte forderte das Rennen neun Todesopfer, darunter einige Zuschauer, und wird aufgrund von Sicherheitsbedenken seit den Siebzigerjahren in dieser Form nicht mehr ausgetragen.


Ricciardo im Targa-Florio-Alfa

Damals noch mittendrin, später großer Mahner, war Marko: "Die ersten Runden waren ein Schock", erinnert sich der Grazer und erzählt von Unfällen mit Eseln, unter Lastwagen verschwundenen Rennwagen und aus Sicherheitsgründen von Anwohnern vernagelten Fenstern am Streckenrand. "Ein Auto ging in den Bergen verloren. Es dauerte einen halben Tag, bis es gefunden wurde. Es gab keine Absperrungen, nur einige übergroße Heuballen hier und da", meint Marko - und war doch mit dabei.

72 Kilometer Streckenlänge, die die Piloten in- und auswendig zu kennen hatten, aber es nie taten. Böse Überraschungen, die hinter jeder Kurve lauern konnten. Trainings im Straßenverkehr. All das war nicht Abschreckung genug. Von Polizisten wie Faschingskamelle verteilte Strafzettel genauso wenig. Ein Rennfahrer, so meint Marko, würde alles vergessen, sobald er den süßen Duft des Sieges schnüffelt. Und heute? "Formel-1-Fahrer sind die kühlsten Rationalisten im Briefing, aber wenn sie das Visier runterlassen..."

Ricciardo leckt Blut und betreibt Ahnenforschung

Ricciardo hat es getan. "Jetzt weiß ich eines: Ich will ein historisches Rennauto", meint der 25-Jährige, nachdem er in einem fahrenden Sarg, eingeklemmt von haudünnem Aluminium zwischen gefüllten Tanks und ohne Knautschzone unterwegs war. Jede Bodenwelle auf den Straßen bereitete Schmerzen. Die H-Schaltung kannte der Youngster nicht einmal aus dem Serienauto, lediglich aus der Formel Ford. "Alles war Handwerk", sagt Ricciardo.

Daniel Ricciardo

Die Straßen Siziliens forderten in der Geschichte des Rennens neun Menschenleben Zoom

Er beginnt beim Gedanken an den T33 das Schwärmen: "Hart, aber macht Spaß. Es ist ein richtiges Rennauto." Eine komplette Runde durfte Ricciardo aber nicht drehen: Zu unvorhersehbar wäre die 72 Kilometer lange Angelegenheit am Steuer eines Autos, das über 40 Jahre auf dem Buckel und winzige 13-Zoll-Vorderräder auf den Achsen hat. "Vielleicht verstehe ich jetzt besser, was Helmut meint, wenn er über die alten Zeiten spricht, auch wenn kein Esel auf der Straße stand" meint Ricciardo mit Blick auf Marko.

Für Ricciardo war der Trip nach Sizilien übrigens auch ein Stück Ahnenforschung. Seine Familie väterlicherseits stammt aus dem Norden der Insel, ehe sie nach Australien auswanderte. Damals war sein Vater sechs Jahre alt und außer einem Familienurlaub verbindet den Formel-1-Star wenig mit dem Ort - abgesehen von einer Vorliebe für Pastagerichte und ein paar Brocken Italienisch aus der Toro-Rosso-Zeit. "Papas Begeisterung galt immer mehr der Formel 1 und Mario Andretti", erinnert sich Ricciardo.