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Wolff über Qualifying: "Öffentlich kreuzigen, wer dagegen ist!"

In der zweiten Qualifying-Krisensitzung der Teamchefs mit den Verantwortlichen will Mercedes-Boss Toto Wolff einen harten Kurs fahren

(Motorsport-Total.com) - "Wir haben es probiert und es hat nicht funktioniert, also weg damit", hieß es bereits vor zwei Wochen beim Saisonauftakt in Melbourne. Die Formel 1 hielt aber an ihrem neuen Qualifying-Format mit Eliminierungs-Verfahren fest und hatte am Samstag in Bahrain erneut Zeiten ohne Autos auf der Strecke zu überbrücken. "Nach wie vor ist es für mich ein Griff ins Klo, der morgen zusammen mit Jean Todt hoffentlich korrigiert wird", meint Niki Lauda. In einem Meeting vor dem zweiten Saisonrennen soll am Sonntagmittag noch einmal beraten werden. Positive Argumente werden dabei erneut schwer zu finden sein.

Toto Wolff © xpbimages.com
Die Teamchefs wollen der FIA heute erneut auf die Barrikaden gehen

Wenn Teamchefs und Verantwortliche heute um 12 Uhr in Bahrain (11 Uhr MESZ) zusammenkommen, werden wieder vernichtende Urteile auf den Tisch kommen - vor allem, wenn Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff das Wort ergreift, der die "Reise nach Jerusalem" sprichwörtlich lieber gestern als heute abgeschafft hätte. "Wenn das jemand blockiert, sollten wir ihn öffentlich im Paddock kreuzigen", lässt er keinen Zweifel an seinem Standpunkt.

"Wieder nix", war seine erste Reaktion nach einem Qualifying, in dem seine beiden Fahrer erneut die erste Startreihe für Mercedes klar machen konnten. "Es haben alle gesehen. Selbst die intelligenten Jungs mit ihren Computern haben teilweise nicht verstanden, warum der eine jetzt draußen war und der andere drinnen. Die Williams sind draußen rumgekurvt, keiner hat verstanden warum. Perez war auf einer schnellen Runde, war aber schon draußen. Wenn wir mit unseren vielen Daten schon nicht kapieren, was Sache ist, dann frage ich mich, was der arme Zuschauer, der ja nur das TV-Signal hat, versteht. In unserem Sport muss man die Dinge vereinfachen und nicht verkomplizieren. Ich denke, die Message ist klar."


Fotos: Großer Preis von Bahrain, Samstag


Was von dem zweiten Meeting nach dem zweiten Qualifying-Desaster erwartet wird, ist vr allem Klarheit. Denn vor zwei Wochen galt nach dem Melbourne-Meeting die Abschaffung des neuen Formats eigentlich schon als beschlossen, bis ein paar Tage später die überraschende Meldung kam, dass doch nicht zum alten Format zurückgekehrt wird. Das Resultat war ein zweiter Versuch in Bahrain, der für viele noch schlimmer ausging, als der erste, bei dem zumindest noch Q1 und Q2 an Spannung gewonnen zu haben schienen.

"Nach dem heutigen Q1 und Q2 sehe ich nichts, was man daran mögen kann", betont Wolff nun. "Es ist sehr schwer zu verfolgen, wer drin und wer draußen ist. Wir haben eine Verantwortung, den Sport zu vereinfachen anstatt ihn komplexer zu machen. Das Feld wird nicht so durchgemischt, dass die Rennen unterhaltsamer wären. Ich hoffe, dass wir morgen eine gute Diskussion haben werden. Ich hoffe, dass das ein konstruktives Meeting wird und keine Muppet-Show."


Fotostrecke: Formel-1-Qualifying: Modus im Wandel der Zeit

Neben der häufig vorkommenden Fehleinschätzungen der Streckenzeiten ist auch der Reifenverbrauch nach wie vor ein Problem, das mit der Eliminierung-Idee kollidiert. "Wir brauchen mehr Reifen im Qualifying", fordert daher unter anderem Toro-Rosso-Pilot Max Verstappen, der sich als Zehnter qualifizierte. "Q2 war diesmal etwas langweiliger, dafür war Q3 interessanter. Es hängt davon ab, wie man seine Reifen nutzt." Mit diesem Umstand hat sich FIA-Präsident Jean Todt unter anderem bereits auseinandergesetzt.

Unter den Fahrern der Spitzengruppe, die bisher noch nicht wie erhofft in die Bredouille geraten sind, sind auch noch immer kritische Stimmen zu hören. Dass diesmal nur drei statt ganzer fünf Minuten vor Qualifying-Ende Ruhe auf der Strecke herrschte "lag daran, dass wir entschieden haben, nochmal rauszufahren. Sonst wären wir auch wieder früh fertig gewesen", so Ferraris Sebastian Vettel, der von Startplatz drei ins Rennen gehen wird.

Valtteri Bottas

Warten oder Rausfahren? Das ist im neuen Format eine schwierige Frage Zoom

"Es ist nicht so spannend, wenn man sich am Anfang so beeilen und an der Ampel anstehen muss, dann schnell seine Runde fährt und dann noch eine", so Vettel weiter. "Dann gibt es immer solche Löcher. Ich glaube dem Zuschauer geht es genauso. Wenn jemand eine schwache Blase hat, dann ist es vielleicht das Richtige. Aber alles in allem ist es das falsche Format."

Polesetter Lewis Hamilton, der einen Spannungsmoment reinbrachte, indem er seine erste Q3-Runde verpatzte und mit der zweiten dann beeindruckte, spürt auch nicht mehr Druck als vorher: "Ehrlich gesagt macht es für uns an der Spitz gar keinen Unterschied. Es kommt vielleicht ein bisschen mehr auf die Position auf der Strecke an. Aber im Grunde genommen muss man nur raus fahren und seine Runde hinbekomme, genau wie vorher."

Fürsprecher des neuen Qualifying-Formats sind also nach wie vor schwer zu finden. Aber es gibt sie. "Ich habe immer noch das gleiche Gefühl wie in Melbourne", sagt etwa Force Indias stellvertretender Teamchef Robert Fernley. "Es wäre schön, wenn wir die von der FIA vorgeschlagene überarbeitete Form (die Hybridvariante) verwenden hätten können, aber es ist wie es ist. Man kann nicht sagen, dass ich für das neue Format bin, ich bin aber nicht dagegen. Ich finde es gut, Dinge auszuprobieren - manchmal kriegt man es halt nicht hin. Nichts zu probieren, um den Sport zu verbessern, halte ich für einen Fehler."

Die FIA hat mehrere Vorschläge auf dem Tisch. Ob Beibehaltung, Abschaffung, Ummodellierung oder die Lösung über die Reifenfrage - eine Vorentscheidung soll heute bereits gefunden werden. Toto Wolff meckert jetzt schon: "90 Prozent sind Politik, Diskussionen abseits der Strecke, über die Kontrolle des Sports, über Qualifying-Formate, über fürchterliche Ideen."

"Ich finde, dass wir, nachdem wir es zweimal geändert haben, es uns nicht mehr leisten können, uns für Schanghai auf Experimente einzulassen. Da würden wir wie Idioten aussehen", bleibt der Mercedes-Motosportchef bei seiner harten Linie. "Vielleicht gibt es ein interessantes Format. Ein Einzelzeitfahren der letzten acht Fahrer könnte interessant sein. Ich erinnere mich daran, dass die FIA-GT-Serie das vor einigen Jahren gemacht hat. Das war sehr aufregend, die Autos bekamen auch viel TV-Zeit. Aber das müssen wir uns genau anschauen. Wenn wir nach Studium aller Daten und Informationen herausfinden, dass es ein interessantes Format sein könnte, dann sollten wir es ins Reglement implementieren und nächstes Jahr fahren. Aber das muss strukturiert passieren."

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