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  • 13.08.2007 · 14:53

  • von Michael Noir Trawniczek

Mass: "Der Bomber wurde nicht zu Ende gedacht!"

Jochen Mass über die Formel 1 von damals und heute, das Überholproblem und warum der revolutionäre Arrows A2 nicht funktioniert hat

(Motorsport-Total.com) - Wir schreiben das Jahr 1979. Zuvor hatte Colin Chapman mit dem Lotus 78 und danach dem Lotus 79 neue Maßstäbe im Fahrzeugbau der Formel 1 gesetzt. Die Wingcars hatten unter den Seitenkästen Flügelprofile, seitlich wurden die Boliden mit am Boden schleifenden Schürzen abgedichtet, sodass sich das Auto an der jüngsten Stelle zwischen Flügelprofil und Boden laut dem Bernoulli-Effekt ansaugen konnte.

Arrows A2

Der Arrows A2 war ein Konzept, das nicht zu Ende gedacht wurde

Der nächste Schritt in diesem Konzept wäre gewesen, dass die Autos wegen des Ansaugeffekts vollkommen ohne Front- aber auch Heckflügel auskommen. Brabham, Lotus und Arrows versuchten diesen Schritt im Jahr 1979 - allesamt scheiterten. Jochen Mass pilotierte den futuristisch aussehenden Arrows A2, der eines Tages ganz ohne Front- und Heckflügel hätte auskommen sollen, beim Grand Prix von Frankreich in Dijon zum ersten Mal.#w1#

Im Rahmen der 'Ennstal Classic' sprach der Deutsche, der 104 Grand Prix-Starts absolvierte, über die Formel 1 von damals und heute, wie man Überholen erleichtern könnte und natürlich über den Arrows A2, den er liebevoll den "Bomber" nennt...

"Für mich sind die Autos zu technisch geworden." Jochen Mass

Frage: "Herr Mass, wenn Sie die Formel 1 von heute mit jener Formel 1 von damals vergleichen - was empfinden Sie dabei?"
Jochen Mass: "Einerseits ist es eine Enttäuschung. Die technische Entwicklung ist natürlich überwältigend und sehr beeindruckend, einerseits. Enttäuschend ist es nur, weil man es, wie immer, überzieht. Für mich sind die Autos zu technisch geworden, um den Fahrern noch die Möglichkeit zu lassen, sich zu zeigen - sagen wir es einmal so."

"Natürlich sitzen die besten Fahrer nach wie vor in den besten Autos - so wird es auch immer bleiben. Dennoch entwickeln sich die Fahrer ein bisschen anders - es gab zu meiner Zeit Fahrer, die fahrerisch stärker waren und technisch halt ein bisschen weniger begabt - diese Piloten gehen heute ein bisschen unter."

"Es entwickelt sich eine andere Fahrer-Generation, als sie vielleicht zu meiner Zeit vorhanden war. Da geht es nicht um die Qualität, sondern um die verschiedenen Charakter-Eigenschaften der Leute von damals und jener von heute."

"Als ich am Ende der Siebzigerjahre auf dem Österreichring war, hat man es im Hella Licht S noch krachen gehört, wenn sich einer verschalten hat. Heute haben wir Getriebe, die ein Verschalten praktisch nicht mehr zulassen und eine Traktionskontrolle, die abriegelt, wenn der Pilot am Kurvenausgang zu sehr auf das Gaspedal steigt."

"Also ich denke, dass es einfach schade ist. Denn das Schalten und das richtige Gefühl im Gasfuß sind meiner Meinung nach auch Teile, die zum Autofahren dazugehören - und wenn darauf nicht mehr Wert gelegt wird, dann muss man sich überlegen: Was macht heute die Fahrer schnell?"

"Die Autos sind nicht schwer zu fahren - das weiß ich aus eigener Erfahrung." Jochen Mass

"Die Antwort lautet: Absolute Technik und ein raffiniertes Umgehen damit. Die Autos sind nicht schwer zu fahren - das weiß ich aus eigener Erfahrung. Deshalb wird das andere Leute nach vorne spülen, als es der Fall gewesen wäre, wenn all diese Technik nicht in den Autos wäre."

Frage: "Wann wurde diese nachteilige Richtung Ihrer Meinung nach eingeschlagen?"
Mass: "Es gab 1994/1995 so einen Schritt, als die Autos von ihrer hohen technischen Entwicklung runter mussten, und dann wurde auf andere Entwicklungen Wert gelegt. In der Aerodynamik und so weiter - das hat sich dann immer mehr verfeinert und man musste in engeren Parametern arbeiten, das heißt: Es wurde teurer und komplizierter."

"Dann kamen die Werksteams rein und die Privaten fielen hinten raus - und jetzt versucht man, die wieder rein zu bringen. Das ist für mich sicher eine zum Nachteil der Formel 1 reichende Entwicklung."

Frage: "Wann sind Sie zuletzt mit einem aktuellen Formel 1-Auto gefahren?"
Mass: "Das ist schon ewig lange her - Ende der Neunzigerjahre war das."

Frage: "Und das war leicht zu fahren?"
Mass: "Ja, das war nicht schwer zu fahren. Naja, die Autos waren auch zu unserer Zeit unterschiedlich - die einen waren besser, die anderen waren schlechter. Das war auch nicht gerade eine Wunschvorstellung von uns."

"Es leidet das eigentliche Messen der fahrerischen Potentiale." Jochen Mass

"Denn eigentlich müssten wir einen vernünftigen Mittelweg finden. Damals waren die Autos und die Strecken gefährlich - das hat sich natürlich unglaublich vorteilhaft entwickelt. Es passiert Gott sei Dank nur noch sehr wenig. Aber wie gesagt: Es leidet das eigentliche Messen der fahrerischen Potentiale. Das ist leider weg."

Frage: "Heute ist die Aerodynamik ausgefeilt - so sehr, dass die Piloten klagen, dass sie im Windschatten eines Vordermanns ein instabiles Fahrverhalten bekommen. Wegen der 'Dirty Air'. War es damals, sagen wir 1979, als gerade der "Ground Effect" mit den Schürzenautos und den Flügelprofilen als Unterboden der Trend war, auch schon so schwer, im Windschatten zu fahren?"
Mass: "Nein, nein - natürlich nicht. Weil die Aerodynamik nicht so raffiniert war, wie sie das heute ist. Da es heute keine Schürzen und keine Flügelprofile als Unterboden geben darf, ist die Aerodynamik heute so ausgefeilt, dass man aus dem, was übrig blieb, aus dem Diffuser, ein absolutes Kunstwerk macht. Was in sich natürlich beeindruckend ist - was aber zugleich der Rennerei wieder schadet, weil der Nachkommende zwangsläufig Nachteile hat."

"Wenn die Geschwindigkeiten hoch genug sind, hat der Hintermann keine Chance. Bei relativ niedrigen Geschwindigkeiten kann er natürlich etwas riskieren, was beispielsweise auf dem Nürburgring im Regen der Fall war. Auch in Monaco im Regen. Oder auf Strecken wie Shanghai, wo die Entfernungen zwischen den Kurven relativ gering und die Straßen sehr breit sind. Auch da kann man etwas riskieren. Deshalb hat man da auch bessere Rennen."

Frage: "Ist es nicht absurd, dass man eigens neue Rennstrecken baut, damit man besser überholen kann?"
Mass: "Ja, das ist schon ein bisschen albern."

"Das Konzept wurde kaputt geredet, bevor es eigentlich so richtig zu leben begann." Jochen Mass

Frage: "Mein absolutes Lieblingsauto war der Arrows A2 aus dem Jahr 1979..."
Mass: "Der Bomber. Das war leider ein nicht ganz zu Ende gedachtes Fahrzeug. Es wurde in seiner Entwicklung nicht zu Ende gedacht. Zum einen war es zu schwer - das hätte man vielleicht noch in den Griff bekommen. Aber von der Abstimmung her haben wir aufgegeben, anstatt das konsequent weiter zu verfolgen. Da gingen den Ingenieuren ein bisschen die Ideen aus. Das Konzept wurde kaputt geredet, bevor es eigentlich so richtig zu leben begann."

"Wir fuhren zum Beispiel Federn, die mindestens zehnmal zu weich waren, im Vergleich zu dem, wie sie hätten sein sollen. Wir fuhren 300 Pfund-Federn und hätten 3.000 Pfund-Federn gebraucht, oder 2.800 Pfund. Es war einfach schade, dass wir da in der Umsetzung nicht konsequenter waren - bei einem so interessanten Konzept. Weil das Konzept an sich war ja höchst interessant."

"Die Flügelprofile unter den Seitenkästen und die seitliche Abdichtung durch die am Boden schleifenden Schürzen saugten das Auto an den Boden. Der Wagen hätte ohne Front- und auch Heckflügel auskommen sollen."

"So war es ja auch. Der Heckflügel war ja im Grunde nur eine Verlängerung, es war aber kein Heckflügel im eigentlichen Sinn."

Frage: "Aber dann ist er ja höher gebaut worden. Genau wie beim Brabham-Alfa BT48 und auch beim Lotus-Ford 80."
Mass: "Ja, gut - wir haben das nicht ganz erkannt. Aber wenn ich unser Auto mit den Lotus-Autos vergleiche, die ja nicht unähnlich waren, vom Effekt her - die fuhren eben Federn, die um ein Vielfaches härter waren. Da hat bei uns leider keiner dran geglaubt, niemand hat sich das vorstellen können - und deshalb haben wir da richtig verloren, was sehr schade ist."

Frage: "Angenommen, man würde das Reglement öffnen und nur noch Mindestmaße vorgeben - wie glauben Sie, würden die Autos aussehen? Vielleicht so wie damals - mit Schürzen und ohne Flügel?"
Mass: "Nein, mit Sicherheit nicht - denn ein freies Reglement geht einfach nicht. Man muss nur gewisse Dinge unterbinden. Es müsste die aerodynamische Entwicklung eingeschränkt werden, man müsste eine andere Bodenfreiheit zwingend vorschreiben. Im komplett eingefederten Zustand müsste das Auto immer noch eine Bodenfreiheit haben von, ich sage einmal x Zentimeter. Ein Unterboden müsste dort aufhören, wo der Motor anfängt. Das heißt: Es dürfte unter dem Motor nur eine Auffangwanne sein, falls der Motor platzt - aber diese dürfte keinesfalls so gestaltet sein, dass du wie beim Diffuser einen Saugeffekt erreichst."

Frage: "Dann wäre das Überholen wieder leichter?"
Mass: "Dann wären die Autos weniger sensibel. Du müsstest auch beim Front- und beim Heckflügel gewisse Dimensionen vorschreiben. Und ich würde wieder die normalen, profillosen Slickreifen einführen."

Frage: "Wenn man heute alle Autos weiß lackieren würde, dann würden sich viele Leute schwer tun, die Marken auseinanderhalten zu können."
Mass: "Absolut, die würden nur wenige erkennen. Aber das ist auf der Straße, bei den Straßenautos auch nicht sehr viel anders. Wenn du da die Hoheitszeichen runter machst, hast du auch keine Ahnung mehr. Wenn du den Grill kaschierst, weißt du nicht mehr, vor welchem Auto du eigentlich stehst."

Frage: "Die Formel-1-Autos haben quasi keine unterschiedlichen Gesichter mehr - da müsste es doch auch einen Weg geben, um das wieder zu erwecken?"
Mass: "Nicht unbedingt - denn die Autos sind aus einer Notwenigkeit heraus entstanden, aufgrund der aerodynamischen Gegebenheiten. Deshalb sehen sie zwangsläufig alle gleich aus."

Frage: "Ist man da also am Limit angelangt?"
Mass: "Da ist man am Limit angekommen - aber sie waren damals auch nicht allzu unterschiedlich..."

Frage: "Naja, 1979 sahen sie schon noch unterschiedlich aus..."
Mass: "Okay, manche haben ein bisschen rumgesponnen mit den Kühlern vorne, andere mit etwas clevereren Einrichtungen, hinten drin irgendwo."

Frage: "Aber eben der Arrows A2 hat beispielsweise komplett anders ausgesehen..."
Mass: "Ja, da haben Sie schon Recht - der war wirklich erfrischend anders. Und leider auch sehr enttäuschend...(lacht)"

Frage: "Gehört der zu den schlechtesten Autos, die Sie gefahren sind?"
Mass: "Das schlechteste Auto war mit Sicherheit der ATS im ersten Jahr der Teamgeschichte, das war 1978 - da lag vor allem daran, weil sich da ein recht inkompetentes Ingenieursteam versucht hat. Das war kein Team. Und der Besitzer des Teams hat auch immer versucht, das durch seine Brille zu gestalten - das war eine Katastrophe. Aber es hat sich dann über die paar Jahre; in welchen das Team existierte, schon verbessert. Aber das erste Jahr war wirklich eine Katastrophe."

"Das hat mich am allermeisten geärgert - dass ich mich da überschlagen habe." Jochen Mass

Frage: "Und welches war das beste Auto, das Sie in der Formel 1 fahren durften?"
Mass: "Das beste Auto war zwangsläufig der McLaren. Und der Arrows, der A3, der schlanke Nachfolger des A2 - das war auch ein schönes Auto. Als es mich mit dem zum Beispiel in Zeltweg überschlug, da bin ich im ersten Training mit Abstand die schnellste Zeit gefahren, das war noch vor dem Ende des ersten freien Trainings - aber das war so gut, dieses Auto. Das hat mich am allermeisten geärgert - dass ich mich da überschlagen habe, denn das wäre ein gutes Rennen geworden, da bin ich mir sicher. Aber naja..."

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