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Lewis Hamilton und Red Bull: Nur Verstappen ist das alles total egal!

Erklärt: Wie die Story um Lewis Hamiltons angebliche Anfrage bei Red Bull in Abu Dhabi hochstilisiert wurde, um alte Feindschaften zu beleben

(Motorsport-Total.com) - Es war eine der großen Storys am Saisonende der Formel 1 2023: Lewis Hamilton, so wurde das in der Daily Mail berichtet, soll vor seiner Vertragsverlängerung bei Mercedes Kontakt zu Red Bull aufgenommen haben, um sich dort nach einem möglichen Renncockpit zu erkundigen. Eine Story, über die in Abu Dhabi viel geredet und noch mehr spekuliert wurde.

Titel-Bild zur News: Fotomontage: Lewis Hamilton in einem Overall des Red-Bull-Teams

Fotomontage: Lewis Hamilton in einem Rennoverall des Red-Bull-Teams Zoom

"Lewis Hamilton führte Gespräche mit Red Bull und Ferrari über einen Wechsel" lautete die Headline, die anschließend im Formel-1-Internet die Runde machte. Ausstaffiert mit einem Zitat von Christian Horner, der erklärte, es habe seitens Hamilton Anfang des Jahres 2023 "eine Anfrage, ob Interesse bestünde", gegeben.

Daraufhin ging das Hickhack los: Bei Red Bull erzählte man die Story so, dass es angeblich Hamilton war, der bei Horner angefragt haben soll. Hamilton selbst stellte klar, er habe eine Nachricht von Horner auf seinem alten Handy erhalten und diese erst Monate später gesehen. Danach habe man lediglich Freundlichkeiten ausgetauscht.

In der Teamchef-Pressekonferenz in Abu Dhabi wurde Horner mit dem Thema konfrontiert. Und, angesichts Hamiltons Behauptung, Red Bull habe den Kontakt initiiert, ließ er sich dazu verleiten, Details preiszugeben. Demnach soll nicht Hamilton selbst, sondern dessen Vater Anthony am Jahresanfang den ersten Schritt gemacht haben.

Hat Anthony Hamilton den Stein ins Rollen gebracht?

"Ich kenne Anthony Hamilton seit vielen Jahren", sagt Horner. "Er ist ein guter Kerl und ein stolzer Rennfahrervater. Lewis, seien wir mal ehrlich, hat seit zwei Jahren keinen Grand Prix gewonnen. Und wenn Rennfahrer schwierige Zeiten durchmachen, ist es unvermeidbar, dass im Paddock Fragen gestellt werden."

Horner legt Wert auf die Feststellung, dass der Erstkontakt nie vertieft worden sei, denn: "Wir hatten zu keinem Zeitpunkt ein verfügbares Cockpit." Auch weil, ergänzt Helmut Marko via Sky, "die Atmosphäre zu aufgeladen" sei "nach den Vorkommnissen von 2021", und ein Dreamteam Verstappen-Hamilton allein deswegen nicht denkbar.

Marko ergänzt: "Das kann schon aus emotionalen Gründen nicht funktionieren. Und außerdem können wir uns auf der finanziellen Seite die zwei teuersten Fahrer nicht leisten. Aber das Entscheidende war, dass das Klima zwischen den beiden irreparabel gestört ist."

Wie viel die zwei teuersten Fahrer der Formel 1 genau verdienen, ist Gegenstand von Stillschweigevereinbarungen. Hinter vorgehaltener Hand spricht man davon, dass Verstappen in guten Jahren inklusive Erfolgsprämien bis zu 80 Millionen US-Dollar verdienen kann. Hamiltons Vertrag schätzen Insider auf einen Wert von mehr als 50 Millionen ein. Zuverlässig sind solche Zahlen nicht.

Wolff: Diesmal war's nicht Marko!

Das Mercedes-Lager ist in der Regel übrigens schnell dabei, Marko als Hauptverdächtigen auszumachen, wenn im Paddock Storys die Runde machen, die bei Mercedes Unruhe reinbringen könnten. Bei der Hamilton-Horner-Geschichte ist das anders. Toto Wolff betont gegenüber Sky, das sei diesmal seiner Wahrnehmung nach "nicht der Helmut" gewesen.

In einem Horner gegenüber auf subtile Art und Weise abwertenden Kontext unterstreicht der Mercedes-Teamchef, dass "am Ende des Tages Helmut die Entscheidungen über die Fahrer trifft". Damit suggeriert er indirekt, dass Horner letztendlich nicht viel zu melden habe.

Wolff weiter: "Ich glaube, der andere wollte ein bisschen Medienaufmerksamkeit haben, indem er den Namen von Lewis nennt. Wenn er das braucht, dann soll er das machen." Ohne den Namen auszusprechen, ist klar, dass er mit "der andere" Horner meint.

Es ist ein faszinierendes Spielchen mit politischen Intrigen und kleinen Sticheleien, das sich Mercedes und Red Bull seit Jahren liefern, mit Abu Dhabi 2021 als emotionalem Höhepunkt. Interessant in diesem Kontext aber, dass sich Wolff und Horner nach Abu Dhabi 2023 für ein Foto aufstellten, um gemeinsam in die Kamera zu lächeln. Im Hintergrund zu sehen: Mark Mateschitz.

Die Version, dass Anthony Hamilton quasi mit Lewis' Mandat bei Red Bull vorstellig geworden sein soll, stellt Wolff in Zweifel: "Anthony ist, glaube, ich seit 2010 nicht mehr involviert. Man fragt sich da schon, warum beim letzten Rennen so eine Story kommt."

Außerdem habe Hamilton kein geheimes Spielchen mit Red Bull gespielt, ohne Mercedes einzuweihen. Wolff beteuert, er habe "jede einzelne WhatsApp" gesehen, "die Lewis bekommen hat. Auch die, wo er quasi ausgetestet worden ist, wie das vertraglich aussieht."

Beide großen Hamilton-Spekulationen in der gleichen Zeitung

Horner spielt den Ball zurück: "Beim gleichen Nachnamen würde man schon meinen, dass sie sich relativ nahestehen." Gleichzeitig betont der Red-Bull-Teamchef: "Außer Freundlichkeiten hat nichts stattgefunden. Es gab kein konkretes 'Kann ich nächstes Jahr für Red Bull fahren?'." Und der Kontakt an sich sei nichts Ungewöhnliches. Viele Fahrer, so Horner, erkundigen sich bei Red Bull.

"Ich bezweifle", unterstreicht er und spielt auf Gerüchte an, die Hamilton 2023 auch mit Ferrari in Verbindung gebracht haben, "dass ich der Einzige war, der angefragt wurde."

Spannendes Detail am Rande: Auch die Ferrari-Gerüchte nahmen ihren Ursprung in der Daily Mail - also ausgerechnet bei jenem Journalisten, mit dem es zu Wolffs Konfrontation bei der FIA-PK in Las Vegas gekommen ist.

Dabei sei es nicht ungewöhnlich, dass Fahrer mit allen möglichen Teams sprechen, sagt ORF-Experte Alexander Wurz: "Du musst mit den Leuten sprechen, [...] einfach um den Markt zu verstehen. Dass dann oftmals gar keine Absicht dahintersteckt, Team zu wechseln, sondern vielleicht nur ein bisschen den Preis zu treiben oder einfach informiert zu sein, das ist ganz normal."

Verstappen: "Dieses Szenario existiert nicht"

Einer, der von all dem nicht sonderlich tangiert wirkt, ist Max Verstappen. Er hat Red-Bull-Vertrag bis 2028, gilt als unumstrittener Superstar im Team - und auch, wenn es nicht so klar ausgesprochen wird, sind doch viele Beobachter der Meinung: Sollte er sein Veto gegen einen potenziellen Teamkollegen aussprechen, würde Red Bull wahrscheinlich seiner Empfehlung folgen.

"Mich interessiert das alles gar nicht", winkt der dreimalige Weltmeister ab. "Ich wusste von diesen Geschichten nicht einmal was, bis ich in der Pressekonferenz [in Abu Dhabi] drauf angesprochen wurde. Mir ist das egal. Wir müssen da nicht einmal drüber reden, weil es nie passieren wird."

Auf die Frage, ob es nicht das Tüpfelchen auf dem I seiner Karriere wäre, Hamilton im gleichen Team zu besiegen, entgegnet er: "Aber was muss ich denn noch beweisen? Ich muss nichts mehr beweisen, denke ich."


Brisante Story: Wollte Hamilton wirklich zu Red Bull?

Lewis Hamilton, das berichtet die Daily Mail vor dem Grand Prix von Abu Dhabi, wollte 2023 zu Red Bull wechseln. Aber Hamilton bestreitet das. Weitere Formel-1-Videos

Verstappen führt aus: "Selbst wenn, dann würden wieder Leute mit Entschuldigungen daherkommen, im Sinne von: 'Er ist jetzt halt zu alt.' Ist doch immer das Gleiche. Heute sagen die Leute, dass ich zu viel gewinne. Und wenn ich nicht gewinne, sagen sie gleich, dass das Team einen besseren Job machen muss. Es werden immer irgendwelche Storys geschrieben, damit es was zu reden gibt."

Auf die konkrete Nachfrage, ob ihn Hamilton als Teamkollege stören würde, entgegnet er mit leicht genervtem Unterton: "Nein, darum geht's dabei gar nicht. Aber es wird einfach nicht passieren. Dieses Szenario existiert nicht."

Gleichzeitig ist sich Verstappen offenbar sicher, dass er in so einem Superduell die Oberhand behalten würde. Das spricht er zwar nicht direkt aus, lässt aber tief blicken, wenn er sagt: "Nun, ich glaube an mich selbst. Wenn ich dieses Selbstvertrauen nicht hätte, könnte ich auch gleich aufhören."

So bleibt letztendlich stehen, nach viel Schall und Rauch: Lewis Hamilton und Red Bull, das ist eine Geschichte, die zumindest in diesem Leben nicht mehr passieren wird ...