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Lauda rechnet mit aktueller Formel 1 ab: "Fünf nach zwölf"

Niki Lauda stellt der heutigen Formel 1 ein katastrophales Urteil aus: Warum die Fahrer keiner kennt, die Vermarktung scheitert und wie man die Kurve kratzen kann

(Motorsport-Total.com) - Die Formel 1 befindet sich derzeit am Scheideweg. Der neue Motorensound sorgte für viel Kritik, zudem ist der Sport mit den vielen technischen Hilfsmitteln, die eigentlich Spannung erzeugen sollten, kompliziert geworden. Weit zurück liegen die Zeiten, als sich verwegene Typen in ihre rasenden Kisten setzten und sich im eineinhalb Stunden dauernden Kampf untereinander ausmachten, wer der Stärkste ist - heute werden die Piloten von ihren Renningenieuren an der Boxenmauer ferngelenkt.

Bernie Ecclestone, Niki Lauda

Niki Lauda kritisiert auch die Entscheidungen seines Kumpels Ecclestone Zoom

Inzwischen wird auch im Fahrerlager das Bewusstsein immer größer, dass sich die aktuelle Formel 1 zu weit von ihren Wurzeln entfernt hat. Spricht man mit alteingesessenen Journalisten, die seit Jahrzehnten im Formel-1-Zirkus zum Inventar gehören, dann machen die oft ihrem Frust über die aktuelle Lage Luft.

Laudas Wort hat bei Ecclestone Gewicht

Einer, der sich der Sache derzeit in intensiven Gesprächen mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone annimmt, ist der Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzende Niki Lauda. Der Österreicher ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen - sein Wort hat in der Königsklasse des Motorsports Gewicht.

Das hat er schon vor einigen Jahren bewiesen, als er von Mercedes engagiert wurde, um zwischen dem Automobil-Konzern und Ecclestone, zu dem er ausgezeichnete Kontakte pflegt, in den Verhandlungen um einen neuen Vertrag zu vermitteln. Ohne den dreifachen Formel-1-Weltmeister wären die Silberpfeile heute möglicherweise nicht WM-Leader, sondern hätten bereits den Sport verlassen.

Lauda sieht nun in der Formel 1 dringenden Handlungsbedarf. "Wenn wir diesen Weg so weitergehen, interessiert die Formel 1 bald niemanden mehr", warnt er gegenüber der 'Welt'."Es ist schon fünf Minuten nach zwölf."

Lauda fordert mündige Piloten

Doch wo sieht der 65-Jährige die Problemzonen? Er macht zwei Bereiche aus: einerseits wird die Formel 1 seiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß vermarktet, andererseits ist das Produkt selbst durch unterschiedliche Einflüsse nicht mehr so attraktiv wie früher.

"Das System Formel 1 glaubt, dass man alles bevormunden, kontrollieren, überwachen und regulieren muss." Niki Lauda

"Die Attraktivität eines Grand Prix macht immer der Fahrer aus, nicht das Auto, in dem er sitzt", sagt er. Die aktuelle Pilotengeneration sei aber "durch ihr Alter zum Teil völlig unbekannt. Wenn sie keinen Rennoverall anhätten, würde man an ihnen einfach vorbeigehen. Das passiert sogar mir, obwohl ich ein Insider bin. Wie soll da erst ein normaler Zuschauer reagieren?"

Diesen Mangel an Charisma führt er darauf zurück, "dass die meisten Fahrer durch ihre Jugend sehr schnell und für das große Publikum fast anonym in die Formel 1 gekommen sind". Sie seien "reine Leistungsträger". Den Fehler sieht er aber nicht bei den Piloten selbst, sondern beim System. Durch die zahlreichen Restriktion können sich die Piloten seiner Meinung nach "gar nicht so entwickeln, wie sie es eigentlich wollen. Das System Formel 1 glaubt, dass man alles bevormunden, kontrollieren, überwachen und regulieren muss. Dadurch stehen heutzutage alle Fahrer unter großem Druck."

Strafensystem als größtes Problem

Lauda, der in seiner Rennfahrer-Karriere bereits Fahrerstreiks vom Zaun gebrochen hat, nennt ein Beispiel: "Keiner von ihnen revoltiert, wenn die Verantwortlichen zum Beispiel auf die Idee kommen, dass wir keine Heizdecken mehr für die Reifen brauchen. Kein Fahrer sagt was. Wenn das zu meiner Zeit passiert wäre, wäre ich den Verantwortlichen mit den Worten 'dann fahr ma halt nimmer' an die Gurgel gesprungen."

"Formel-1-Rennfahrer gehören während des Rennens überhaupt nicht bestraft." Niki Lauda

Die Entmündigung der Piloten zeigt sich laut Lauda auch beim aktuellen Strafensystem, einer Art Punkteführerschein nach dem Flensburg-Modell. Die meisten Strafen werden während des Rennens abgesessen, die Fahrer sammeln aber auch Strafpunkte, und wer zwölf Zähler erreicht hat, wird für ein Rennwochenende gesperrt.

"Formel-1-Rennfahrer gehören während des Rennens überhaupt nicht bestraft", schimpft Lauda, den die ständigen Eingriffe in die Rennen am meisten stören. "Wir fahren Autorennen und sind nicht im Verkehrsgarten." Ihm ist zwar bewusst, dass die Sicherheit auch weiter im Vordergrund stehen muss, "aber wir haben den Punkt der Prävention mit allen genannten Regulativen weit überschritten."

Scharfe Kritik an Ecclestones Ignoranz der Neuen Medien

Er fordert "über Nacht" eine Abschaffung, denn das Strafensystem "lähmt das Interesse des Zuschauers und führt die Formel 1 ad absurdum." Als Alternative schlägt er vor, dass die Fahrer wieder die Eigenverantwortung tragen: "Wir müssen es wieder dem Fahrer überlassen, sein Rennen ordentlich und nach den Regeln zu fahren."

Bernie Ecclestone

Bernie Ecclestone verwendet sein Telefon vorrangig zum Telefonieren Zoom

Und dann wären da noch die unglücklichen Vermarktungsversuche der Formel 1, die Lauda bekrittelt. "Wir erleben in der Formel 1 gerade einen gravierenden Kulturwandel", fällt ihm auf. "Das Publikum nimmt Sport anders wahr als früher. Beschleunigt wird das durch das rasante Wachstum neuer Kommunikationsmittel. Es ist logisch, dass die jungen Leute heute andere Prioritäten setzen als wir früher. Alles ist in Bewegung, nur die Formel 1 ist immer noch da, wo sie war."

Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Formel-1-Boss Ecclestone weiter an seinem TV-Rechte-Vermarktungsmodell festhält und verhindert, dass die Rennen auch über das Internet rezipiert werden können. Ohne Lizenz ist es sogar verboten, selbstgedrehte Amateurvideos aus dem Formel-1-Fahrerlager zu veröffentlichen - für Ecclestone-Kritiker eine Maßnahme, mit der sich die Formel 1 selbst um die Möglichkeit bringt, via 'Twitter' oder 'Facebook' mehr Leute anzusprechen.

Social Media: Ecclestone bislang stur

"Diese Social-Media-Leute beginnen gerade zu realisieren, dass das Ganze nicht so gut ist, wie sie gedacht haben." Bernie Ecclestone

Laudas Partner Toto Wolff hat sich über eine Öffnung gegenüber den Neuen Medien bereits ausführlich mit Ecclestone unterhalten, doch laut dem Mercedes-Motorsportchef blieb dieser dabei stur. "Diese Jungs zahlen nichts, und die Hälfte unseres Profites kommt aus dem TV-Bereich", soll der Formel-1-Boss gesagt haben.

Auch gegenüber 'Autosport' machte der Brite kürzlich keinen Hehl aus seiner Skepsis gegenüber den Neuen Medien: "Ich glaube, die Veränderung, die gerade passiert, ist äußerst kurzlebig. Diese Social-Media-Leute beginnen gerade zu realisieren, dass das Ganze nicht so gut ist, wie sie gedacht haben."

Lauda fordert: Formel 1 muss sich anpassen

Doch Lauda glaubt, dass Ecclestone früher oder später umdenken muss. "Ich sehe, dass die jungen Leute immer häufiger das machen, worauf sie spontan Lust haben. Die wollen mit dem Vater nicht zu Hause bleiben, wenn am Sonntagnachmittag draußen die Sonne scheint, nur um im Wohnzimmer zwei Stunden lang ein Formel-1-Rennen anzuschauen."

"Die Leute wollen heute spontan einen Überblick über das Geschehen haben und trotzdem das machen, was ihnen Spaß macht." Niki Lauda

Für diese Generation bietet die Formel 1 laut Lauda kein Angebot: "Ich kann nicht einfach am Strand sitzen und mir die Renn-Highlights auf meinem Smartphone anschauen. Das geht nicht. Die Leute wollen heute spontan einen Überblick über das Geschehen haben und trotzdem das machen, was ihnen Spaß macht."

Die sinkenden TV-Zuseherzahlen geben Lauda recht. Und das wirkt sich wiederum auf die Sponsoren aus, auf die der Sport angewiesen ist, um seine Existenz zu sichern. "Der Zustand ist gefährlich", warnt Lauda. "Das müssen wir stoppen und entscheiden, wie wir so schnell wie möglich eine positive Entwicklung hinbekommen."

Ecclestone und Todt in der Pflicht

Er sieht den Formel-1-Zampano, der sich dieser Tage zusätzlich mit seinem Strafprozess in München herumschlagen muss, in der Pflicht: "Bernie Ecclestone ist verantwortlich für das Geschäft. Er muss versuchen, die bestehenden Probleme zu analysieren und die Konsequenzen daraus zu ziehen." Für Lauda, der den 83-Jährigen gut kennt, ist dies kein hoffnungsloses Unterfangen: "Ich bin mir sicher, dass er auch so denkt. Es gehört jetzt zurückgerudert."

Auch FIA-Boss Jean Todt muss laut dem Wiener mitanpacken, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen: "Er ist lange genug mit dem Thema Rennsport beschäftigt und wird den Trend kennen und wissen, dass etwas passieren muss. Die Formel 1 kann mithilfe der modernen Technik zu ihren Ursprüngen zurückkehren. Das ist mein Wunsch."