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  • 03.12.2021 · 17:05

  • von Jonathan Noble, Übersetzung: Stefan Ehlen

Kommentar: Wie gut ist die Strecke in Dschidda - und ist sie bereit?

Warum die Formel-1-Verantwortlichen ihre Worte zum Zustand der neuen Strecke in Dschidda genau abwägen und wie "fertig" der neue Formel-1-Kurs wirklich ist

(Motorsport-Total.com) - Bis zuletzt dominierten Bilder von Bauarbeiten das Areal des Jeddah Street Circuit in Saudi-Arabien. Doch pünktlich zum Trainingsauftakt der Formel 1 in Dschidda am 3. Dezember 2021 präsentierte sich die Strecke in fertigem Zustand. Aber ist sie das wirklich? Die Formel-1-Verantwortlichen drückten sich vor dem ersten Grand Prix (das Rennen hier im kostenlosen Formel-1-Liveticker verfolgen!) überaus vorsichtig aus.

Blick aus der Vogelperspektive auf den Jeddah Street Circuit in Dschidda vor dem ersten Formel-1-Rennen dort im Jahr 2021

Blick aus der Vogelperspektive auf den Jeddah Street Circuit in Dschidda Zoom

Konkret betonten die Macher der Rennserie nämlich immer wieder, die Strecke werde rechtzeitig bereit sein. Das aber ließ immer schon den Schluss zu: Die übliche Infrastruktur rund um die Rennbahn (wie Büros, Hospitality-Gebäude und andere Einrichtungen) würde eben nicht vollständig zur Verfügung stehen.

Ein solches Szenario kennt die Formel 1 schon aus ihrer jüngeren Vergangenheit: Beim Südkorea-Grand-Prix etwa war eine komplette Stadt rund um die Rennstrecke geplant. Gebaut wurde aber nur die Strecke an sich, die Stadt blieb eine Vision. Und die Formel 1 gab den Standort bei Yeongam nach nur vier Veranstaltungen nach der Saison 2013 endgültig auf.

Dschidda-Kurs in Rekordzeit erbaut

Und in Saudi-Arabien? Vor Ort in Dschidda wurde schnell deutlich, weshalb die Formel-1-Macher ihre Worte vorab mit Bedacht gewählt hatten. Denn man muss klar festhalten: Bis zur endgültigen Fertigstellung der kompletten Rennanlage ist noch einiges zu tun.

Ja, das Fahrerlager sieht klasse aus. Die Boxen in Dschidda sind so gut nutzbar wie anderswo im Kalender. Doch schon ein kleiner Spaziergang ans Ende der Boxengasse macht deutlich, wie viel Arbeit noch in das Rennprojekt investiert werden muss: Hinter dem Fahrerlager-Zaun türmen sich Aushub und Baumaterial, an vielen Stellen wird noch gearbeitet, wahrscheinlich noch für Monate.

Unterm Strich aber ist es keine Überraschung, dass es knapp geworden ist in Dschidda: Die Arbeiten an der Rennstrecke hatten ja erst im April 2021 begonnen. Die acht Monate seither sind der bisher kürzeste Zeitraum für die Errichtung einer Formel-1-Rennstrecke.


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Und vergessen darf man auch nicht: Weil der Grand Prix unter Flutlicht ausgetragen wird, sind im Qualifying und im Rennen die vielen unfertigen Stellen wahrscheinlich kaum im TV-Bild zu sehen.

Wichtig ist vor allem: Die Rennbahn ist völlig bereit

Für Fahrer und Teams steht ohnehin im Vordergrund, dass die Rennbahn an sich bereit ist. Und da könnte Saudi-Arabien der Formel 1 etwas wirklich Besonderes beschert haben: Über viele Jahre hinweg wurden praktisch alle neuen Formel-1-Strecken von Hermann Tilke als "zu ähnlich" beschrieben, auch aufgrund der vielen engen und mittelschnellen Passagen, die wenig aufregend sind.

Der Jeddah Street Circuit aber wartet mit ganz anderen Herausforderungen auf: Mit einer Länge von 6,175 Kilometern (und 27 Kurven) ist es die zweitlängste Strecke im Formel-1-Kalender nach Spa-Francorchamps. Aber: Spa hat drei ganz unterschiedliche Sektoren, die man sich gut einprägen kann. In Dschidda stehen überall die Mauern dicht an der Fahrbahn, vieles sieht ähnlich aus. Und der Kurs ist höllisch schnell.


Fotos: F1: Grand Prix von Saudi-Arabien (Dschidda) 2021


Formel-1-Fahrer Pierre Gasly etwa räumte ein, er habe sich im Simulator schwergetan, sich mit der Rennstrecke vertraut zu machen. "Es ist eine dieser Strecken, auf der anfangs alles sehr ähnlich aussieht", erklärt er. "Ich fuhr also im Simulator. Normalerweise erkennst du nach ein, zwei Runden die Unterschiede und kannst es dir gut merken. In Dschidda aber sehen die Kurven 4 bis 7 ganz ähnlich aus wie die Gegengerade."

"Es hat daher ein paar mehr Runden als sonst gebraucht, bis ich die Strecke im Kopf hatte", sagt Gasly. "Es waren vielleicht fünf, sechs Runden, bis ich richtig drin war. Denn wenn du dich erst mal zwischen den Mauern befindest, dann sind praktisch alle Kurven blind zu durchfahren. Dann sieht wirklich fast alles gleich aus."

Ein Stadtkurs mit sehr hohen Geschwindigkeiten

Die Vorbereitung auf das Fahren auf dem Jeddah Street Circuit wird aber alsbald in den Hintergrund rücken. Im Vordergrund stehen dann die hohen Geschwindigkeiten, die von den Formel-1-Autos erzielt werden.

Der Kurs wird im Schnitt mit 250 km/h umrundet, bei einem Topspeed von rund 330 km/h. Fast 80 Prozent der Runde werden mit Vollgas bestritten. Und Fehler sollte man sich auf diesem Kurs besser nicht erlauben.

Überholen dürfte schwierig werden, weil es wenige harte Bremszonen gibt. Dafür wurden drei DRS-Zonen eingerichtet. Und weil die aktuellen Formel-1-Fahrzeuge viel Luftwiderstand haben, könnte der Windschatten zum entscheidenden Faktor werden. Das wiederum könnte Dschidda zu einer Strecke machen, auf der Präzision und Mut belohnt werden.

Viele Parallelen zu Macau

Bei einem Rundgang um die Strecke stellt man fest: In manchen Passagen ist dieser Kurs so eng wie der legendäre Guia Circuit in Macau. Andere Abschnitte erinnern eher an die ehemalige Formel-1-Strecke in Valencia. Hinzu kommt die leicht überhöhte Haarnadel-Kurve 13, die flüssig zu durchfahren ist und deren Ausgang man besser gut erwischen sollte.


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Den Formel-1-Fahrern jedenfalls ist bewusst, dass Rennfahren in Dschidda ein schmaler Grat ist. Ein Fehler könnte einen schweren Unfall nach sich ziehen und einen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Veranstaltung nehmen. Denn der Jeddah Street Circuit ist keine Strecke, auf der es zu kleinen Unfällen kommt.

So gesehen könnte das Rennwochenende in Saudi-Arabien viele Fahrer an ihre Erlebnisse in Macau erinnern. Dort musst du dich an das Limit herantasten und dein Selbstvertrauen Stück für Stück aufbauen statt sofort voll loszulegen. Wer in Macau zu früh zu viel will, der endet meist in den Leitplanken. Wer in Macau aber zu zögerlich vorgeht, riskiert, direkt mal ins Hintertreffen zu geraten. In Dschidda kann es ähnlich laufen.

Ja, die gesamte Rennanlage mag noch nicht in perfektem Zustand sein. Das aber dürfte in den Hintergrund rücken, wenn nur das Rennwochenende an sich hält, was es verspricht. Denn es könnte die bisher größte Unbekannte werden in der Formel 1 seit vielen Jahren.

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