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  • 16.07.2016 · 09:09

  • von Dieter Rencken

Justizopfer Mallya? "Bin nicht mit der Knarre einmarschiert"

Im Interview spricht der Force-India-Boss über den Ärger mit der indischen Justiz und sein Leben als Exil-Teamchef - Er hat keinerlei Verkaufsabsichten oder -zwänge

(Motorsport-Total.com) - Force Indias kometenhafter Formanstieg könnte eines der Themen der Formel-1-Saison sein, wäre da nicht der Justizkrimi um Teamboss Vijay Mallya, der sich im britischen "Exil" dem Zugriff der indischen Behörden entzieht. Von Haftbefehlen und Auslieferungsgesuchen wird berichtet, doch der 60-jährige Multimilliardär zeigt sich unbeeindruckt. Er schlug beim Großbritannien in Silverstone in alter Frische wieder am Rennplatz auf und erklärte seine Situation im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Vijay Mallya

Da geht's lang: Vijay Mallya meint offenbar kein Gefängnis in Indien Zoom

Frage: "Vijay welchen Effekt hat dein 'Hausarrest' auf deine Aktivitäten in der Formel 1 und im Motorsport-Weltrat der FIA?"
Vijay Mallya: "Heute finden viele Konferenzen und Meetings per Video statt. Das ist die moderne Kommunikation! Es gibt Leute, die an den Konferenzen des Motorsport-Weltrates per Videochat teilnehmen. Ich habe nur eine verpasst - mehr nicht! Es wird eine Lösung für meine strafrechtliche Verfolgung geben, aber bis dahin ändert sich nichts, wenn ich wie andere auch per Videokonferenz teilnehme."

"Was das Formel-1-Team angeht, so macht meine Anwesenheit keinen großen Unterschied, wie die jüngsten Ergebnisse gezeigt haben. Natürlich würde ich gerne dabei sein. Aktuell steige ich nicht alle paar Tage in ein Flugzeug, wie ich es früher gemacht habe, stattdessen habe ich mehr Zeit, um meine Aktivitäten zu planen. Und ich kann dem Formel-1-Team nun mehr Zeit widmen als je zuvor - abgesehen von den ersten beiden Jahren, in denen ich Spyker übernommen habe."

Kommandobrücke im Wohnzimmer: Virtuell immer an der Strecke

"Ich bin ziemlich zufrieden damit, wie die Dinge derzeit laufen. Hierbei kann ich ebenfalls auf die neue Technologie zurückgreifen und die Rennen virtuell verfolgen. Ich habe mir zuhause eine kleine 'Kommandobrücke' vor einem großen Bildschirm eingerichtet. Zudem habe ich Computer, die mir die gleichen Daten wie an der Boxenmauer zeigen. Und ich besitze eine Kommunikationsverbindung zum Kommandostand. Ich bin eigentlich virtuell vor Ort!"

Sergio Perez

Auf die Monaco-Party mit Sergio Perez musste Mallya verzichten Zoom

Frage: "Aber habt ihr als Team auch die personelle Struktur, um ohne deinen täglichen Einfluss zu arbeiten?"
Mallya: "Wenn ich an der Strecke bin, rede ich meistens mit meinen Gästen oder auch mit Journalisten und bin nicht so viel am Schreibtisch. An den Meetings nehme ich auch nicht teil. Was ändert sich also, wenn sie über die Renn- oder über die Reifenstrategie reden? Es gibt kein Element, das fehlt."

Frage: "Zumindest bist du jetzt näher am Team dran. Während du früher in Indien und auf der ganzen Welt unterwegs warst, kannst du jetzt öfter nach Silverstone kommen, oder?"
Mallya: "Absolut! Mit dem Auto brauche ich etwas mehr als eine Stunde."

Frage: "Wir alle wissen, dass du ein enormer Motorsport-Enthusiast bist. Wie ist es für dich, wenn du das Team nicht Rennen fahren sehen kannst?"
Mallya: "Wenn man den Motorsport so liebt, ist das wirklich frustrierend, aber damit muss man leben. Ich war zum Beispiel immer liebend gerne in Monaco und habe es dieses Jahr vermisst. Das war noch schlimmer, weil Sergio Perez auf dem Podium stand! Jeder erzählt mir immer wieder, wie toll es war..."

Nach "großem Unrecht": Subrata Roy wieder auf freiem Fuß

Frage: "Wie beurteilst du die sportlichen Aussichten des Teams?"
Mallya: "Ich bin mit unseren Fortschritten sehr zufrieden. Wenn wir die Updates noch besser zum Funktionieren bringen, dann sind wir noch konkurrenzfähiger. Wir wollen Williams in diesem Jahr einholen und Toro Rosso hinter uns halten."

Frage: "Deine Unternehmensgruppe besitzt 42,5 Prozent an Force India, die Sahara-Gruppe ebenfalls, und die Mol-Gruppe 15 Prozent. Die Mols haben aber keinen Einfluss auf das Tagesgeschäft, sondern sind eher stiller Partner - wie auch Sahara, aber aus anderen Gründen..."
Mallya: "Was mit dem Chef von Sahara (Subrata Roy, der im März 2014 in Indien inhaftiert wurde, weil er Einlagen von Investoren nicht zurückzahlen konnte; Anm. d. Red.) passiert ist, ist ziemlich unglücklich. Er ist seit rund einem Monat wieder auf freiem Fuß. Sie haben ihn zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt, aber es gab keine Beschuldigung gegen ihn persönlich. Nichts ist herausgekommen. Viele erfahrene Rechtsexperten haben von großem Unrecht gesprochen."


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Frage: "Bleibt Sahara als Teilhaber des Teams? Es gab zuletzt anders lautende Gerüchte."
Mallya: "Wenn sie ein Angebot bekommen, das sie für vernünftig erachten, dann werden sie ihren Anteil wohl verkaufen. Aber einen Zwang zu verkaufen haben sie nicht."

Frage: "Und deine Anteile willst du auch behalten?"
Mallya: "Ja, natürlich!"

Frage: "Aber du musstest doch auch dein Cricket-Team verkaufen. Dann könnte dich ein Gericht zwingen."
Mallya: "Ich muss gar nichts verkaufen. Das Cricket-Team hat immer United Spirits gehört, mir persönlich hat es nie gehört. Es gibt kein Gericht, das behaupten würde, dass Kingfisher Airlines haften müsste. Das ist alles Medienspekulation! Summen wie 900 Millionen Britische Pfund... Die Chefin der Bank of India hat in einem Interview eingeräumt, dass es weniger als die Hälfte ist. Vor dem Parlamentsausschuss hat sie das Gleiche gesagt. Die Justiz hat nie klargestellt, für was Kingfisher haften muss. Das ist aber Schritt Nummer eins."

Kingfisher Airlines: Gegenansprüche und beschränkte Haftung

"Kingfisher hat Gegenansprüche gegen die Banken, weil auch Kreditgeber haften müssen. Und sie haben meine Kreditwürdigkeit ja bestätigt. Ich bin da doch nicht mit der Knarre in der Hand reinmarschiert! Und Punkt zwei: Wo komme ich eigentlich ins Spiel? Ich habe für die Summe beschränkt garantiert. Das fechte ich aber rechtlich an. Das Gericht hat noch gar nicht darüber entschieden, ob die Garantie Bestand hat. Wenn ja, dann ist sie niemals unbeschränkt. Es muss entschieden werden, für wie viel Geld ich hafte. Das Gericht kann höchstens sagen, dass ich für Summe X einstehen muss. Dann kann ich entscheiden, wie ich sie begleiche. Also kann mich auch kein Gericht dazu verdonnern, irgendetwas zu verkaufen."

Vijay Mallya

Vijay Mallya hat noch gut lachen: Er sieht sein Vermögen nicht in Gefahr Zoom

Frage: "Aber es ist zu hören, dass einige Leute schon um das Team herumschwirren würden."
Mallya: "Dieser Paddock! Voll von Gerüchten! Sollte ein Investor interessiert sein: Es gibt hier einen Besitzer von 42,5 Prozent. Will ein Investor nicht mit diesem Teilhaber sprechen, weil er sein Geld gut anlegen will? Ich muss mein Telefon gar nicht zücken, weil ich eh nicht zurückrufe. Es liegt aktuell kein Angebot auf dem Tisch. Das sind nur Gerüchte und wahllose Behauptungen von Menschen, die vorgeben, Russen, Araber oder US-Amerikaner zu vertreten. Aber sie müssten die aktuellen Besitzer schon rauskaufen."

Frage: "Gibt es nicht den Punkt, an dem du einen Equity Swap erwägst, also verkaufst, aber nicht die Stimmrechte abgibst?"
Mallya: "Das ist sehr richtig. Aber das wäre ein extremer Schritt. Wir sind in viel besserer Verfassung als vor fünf Jahren. Wir haben üppige Sponsoreneinnahmen. Wir haben mehr Geld durch unsere Platzierung in der Konstrukteurs-WM. Alles ist besser. Dann gibt es da auch noch die EU-Beschwerde (zur Verteilung der FOM-Gelder; Anm. d. Red.). Bernie Ecclestones jüngste Aussagen in den Medien legen nahe, dass er jetzt der Meinung ist, dass die kleinen Teams mehr Geld bekommen sollten."

Werbeverbote für Alkohol kein Grund zur Beunruhigung

"Die großen Mannschaften haben unter dem Strich massive Gewinne, weil sie sich bis 2020 eingeschrieben haben. Ob die Summe der Extrazahlungen dafür ausreicht, das zu decken, ist eine ganz andere Geschichte. Es kann nur ein Anreiz zu sein, im Sport zu bleiben. Wenn die kleinen da auch ein Stück abhaben wollen, warum nicht? Sie können es sich leisten. Ich frage mich, wieso diese Boni nicht von CVC kommen? Sie behaupten ja, sie würden an der Formel 1 so viel verdienen, da würde es ihnen nicht wehtun."


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Frage: "Du bist als Alkoholbaron bekannt geworden, aber dafür zu werben wird ähnlich wie beim Tabak immer schwieriger. Gibt es da neue Pläne?"
Mallya: "Ich persönlich glaube, dass wir weit weg sind von einem generellen Werbeverbot für Alkohol. Es gibt einige Länder, in denen wir die Schriftzüge vom Auto runternehmen müssen, weil es dort solche Gesetze gibt. Aber so wie beim Tabak, dass es im gesamten Sport verboten wird? Das liegt in weiter Ferne."

Frage: "Aber FIA-Präsident Jean Todt ist doch so bemüht, sich gegen Alkohol am Steuer einzusetzen..."
Mallya: "Wenn du mich einen Alkoholbaron nennst, dann muss ich sagen, dass ich Jean unterstütze und auch sage: 'Don't drink and drive!' Vor zehn oder 15 Jahren bin ich in Indien dafür höchstpersönlich in einem TV-Werbespot meiner Firma aufgetreten."

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