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  • 04.06.2016 · 12:29

  • von Ben Anderson (Haymarket)

Ist zu viel Technologie schlecht für die Formel 1?

Der hohe technische Standard der Formel 1 macht viel seiner Reputation aus, führt aber auch immer wieder zu Diskussionen - Muss die Königsklasse sich neu erfinden?

(Motorsport-Total.com) - In Sachen Technologie setzt die Formel 1 Maßstäbe. Auf der Strecke ist sie nicht nur ein Kampf zwischen Fahrern, sondern immer auch ein Rennen zwischen Ingenieurenteams, die mit hochspezialisierter Ausstattung arbeiten, und großen Autoherstellern, die ihr Können beim Design innovativer Motorentechnologie unter Beweis stellen.

Barcelona Circuit de Barcelona-Catalyuna

Zu viel Technik, zu wenig Entertainment: Spielt sich die Formel 1 kaputt? Zoom

Aber wie wichtig ist der technologische Aspekt? Geht er zu weit - und minimiert den Einfluss der Fahrer auf die Ergebnisse? Oder ist der technische Fortschritt ein fundamentaler Bestandteil der Natur und Anziehungskraft der Formel 1?

"Eine Sache, die sie eindeutig abhebt, ist, dass sie eine Serie von Konstrukteuren ist. Davon gibt es nicht viele", sagt Pat Symonds, Cheftechniker bei Williams. "Im professionellen Motorsport ist die Formel 1 die einzige Einsitzer-Serie mit diesem technischen Gehalt, und das ist ziemlich wichtig." Nicht viele würden so denken: "Selbst ich als Ingenieur würde das nicht als Alleinstellungsmerkmal der Formel 1 ausmachen", gibt Symonds zu.

Formel 1 vom technologischen Fortschritt abhängig

Doch der unermüdliche Fortschritt, die ständige Entwicklung und Veränderung in der Formel 1 seien ein Bestandteil, an dem sich die Öffentlichkeit erfreue. Das bemerke man auch in der Rezeption verschiedener Rennserien. "An den meisten Wochenenden gibt es ein GP2-Rennen. GP2 kann sehr guter Rennsport sein, aber über die Formel 1 wird groß berichtet, sie wird von vielen geschaut", so Symonds.


Fotostrecke: Meilensteine der Formel-1-Technik

Die GP2-Serie erreiche demnach nicht einmal ein Prozent der Zuschauer, die die Formel 1 hat. "Da finden zwei Events auf derselben Strecke am selben Tag statt und wir müssen die Unterschiede verstehen. Und einer der Unterschiede ist: Die GP2 ist eine spezielle Serie", erklärt der Williams-Cheftechniker.

Er betont auch, dass technische Innovationen viele andere Sportarten revolutioniert hätten, sowohl den Radfahrsport als auch traditionell athletische Sportarten. Technologie steht für Fortschritt. Diesen in der Formel 1 einzubremsen, würde folglich als Rückschritt betrachtet werden.

Fahrer gegen Fahrer, Hersteller gegen Hersteller

Für den neuen Teamchef Gene Haas ist der technologische Aspekt das Alleinstellungsmerkmal der Formel 1: "Was die Formel 1 einzigartig macht, ist, dass sie die Grenzen der Entwicklung von Motoren und Chassis immer weiter austestet und verschiebt", sagt er 'Autosport'. "Die Technik verändert sich ständig und das macht es sehr, sehr interessant und unterscheidet es von anderen Sportarten, wo nur Mensch gegen Mensch kämpft - wo du sonst nichts hast außer einen Schläger und einen Ball."

Haas schätzt vor allem die technologische Herausforderung für Automobilhersteller, an einem Nonplusultra zu arbeiten und sich dabei dem Kampf Hersteller gegen Hersteller, Fahrer gegen Fahrer zu stellen. "Eine Formel 1, in der nur Fahrer gegen Fahrer kämpft, wäre keine Formel 1", findet der Haas-Teambesitzer.

Doch diese technologische Abhängigkeit kann Fluch und Segen sein. Zum einen lässt sie die Formel 1 hervorstechen - als einen Sport, der die Grenzen des physikalisch Möglichen sprengt und immer schneller wird. Zum anderen ist sie Quelle vieler Probleme der Formel 1: Die Entwicklung von Chassis und Motoren kostet lächerlich viel Geld. Die eigentlichen Fähigkeiten der Fahrer lassen sich zum Teil nur erahnen. Enge Wettkämpfe leiden oftmals unter der Komplexität der Autos.

Christian Horner: "Autos sollten simpler werden"

"Technologie spielt eine große Rolle und es ist wichtig, das Interesse der Hersteller am Sport hochzuhalten, aber sie sollte uns nicht alles diktieren, was wir tun", argumentiert Red-Bull-Boss Christian Horner. "Die Kosten sind so extrem gestiegen, dass es den Sport elitär macht. Wie kann ein Unternehmen wie Honda so hart zu kämpfen haben?"

Horner glaubt, dass das andere Hersteller abschrecken werde, "weil es zu komplex, zu nischig, zu spezialisiert ist". Seiner Meinung nach müssten die Autos wieder etwas einfacher gemacht und so Kosten reduziert werden. Auch Lockerungen beim Transfer von Wissen könnten helfen, glaubt der Teamchef: "Man schaue sich das Haas-Model an - Unternehmer können einsteigen, ein Team aufbauen und sich mit anderen messen."

Im Gegensatz dazu meint Honda-Chef Yusuke Hasegawa, dass es genau diese hohen technischen Anforderungen sind, die die Interessen seiner Firma in die Formel 1 am Leben erhalten. "Dass die Formel 1 das Beste ist - die Speerspitze der Technologie - ist sehr wichtig", sagt er. "Das ist der Grund, warum wir in diese Welt eintauchen."

Wer ist der bester Fahrer in der Formel 1?

Aber ist das so wichtig, wenn das öffentliche Interesse doch eher von den Fahrern und deren Performance abhängt? Denn hier steht die Technologie im Weg, wenn es darum geht, zwischen den Piloten zu unterscheiden. Es ist schwer zu sagen, wer der beste Athlet ist, weil noch so viele andere, vor allem technische Aspekte seine Leistung beeinflussen.

" Wer ist der beste Fahrer? Niemand weiß das." Paul Hembery

"Technologie hat begonnen, den Sport zu dominieren und vielleicht haben wir dabei ein wenig aus den Augen verloren, worauf es für die Zuschauer ankommt - nämlich auf den Fahrer und wie gut er fährt", sagt Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery. Die Fans wollen Helden sehen, deshalb müsse sichergestellt werden, dass derjenige, der am Ende ganz oben steht, auch einen großen Einfluss auf das Ergebnis hat.

"Das heißt nicht, dass sie allein Einfluss haben sollten. Aber die Frage, die du in der Formel 1 immer wieder gestellt bekommst ist: 'Wer ist der beste Fahrer?'. Niemand weiß das. Hier müssen wir ansetzen und Antworten finden", so Hembery. Doch diese Balance zwischen der Technologie und den anderen Facetten der Formel 1 wiederherzustellen, ist kein leichtes Unterfangen. Es geht um nicht weniger als den Kern des Rennsports.

Technologie oder Entertainment, das ist hier die Frage

Renault-Sportdirektor Cyril Abiteboul bringt es auf den Punkt: "Wir brauchen eine genauere Definition davon, was Formel 1 ist oder sein soll in den nächsten paar Jahren, und dabei Unterhaltung und Technologie gesund gegeneinander abwägen", sagt er. "Diese zwei Dinge versuchen wir, zusammenzubringen. Allerdings reiben sie sich mehr aneinander, als dass sie zueinander passen."


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Man brauche kein Vermögen, um schnell zu sein, glaubt Abiteboul: "Du könntest ein sehr, sehr schnelles Auto haben - viel schneller als jetzt - und nur einen Bruchteil des Preises dafür ausgeben. (...) Rufe einfach Bruno Michel aus der GP2 und er wird dir in fünf Minuten eine Serie zusammenstellen, die schneller als die Formel 1 ist und noch dazu mehr Spaß macht." Dazu müsste sich die Königsklasse jedoch von ihrem Status als technologisches Vorzeigeprojekt verabschieden, weiß der Renault-Chef.

"Es gibt ein Model, das sich nur um die Unterhaltung dreht - Spitzenautos, sehr schnell, die besten Fahrer. Und das andere Extrem ist etwas komplett Freies, wenn es um den technischen Gesichtspunkt geht, äußerst teuer und für Sauber oder Force India oder selbst Williams offen gesagt unerreichbar", skizziert Abiteboul zwei Szenarien.

Die Formel 1 sitze momentan zwischen diesen beiden Stühlen - und stehe folglich vor einer Entscheidung. "Wir wollen Entertainment, wir wollen so viele Teams wie möglich, aber unglücklicherweise sind auch aufgrund der Regeln nicht alle konkurrenzfähig", sagt der Franzose. Beides, Unterhaltung und Technologie, komplett unter einen Hut zu bringen, hält er für so gut wie unmöglich.