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Indien und die Formel 1: Analyse einer Fehlgeburt

Die Formel 1 leckt in Indien ihre Wunden: Was sich bei der Rückkehr 2015 ändern muss, was man von Singapur und Abu Dhabi lernen kann und wer in der Pflicht ist

(Motorsport-Total.com) - Die Fahrgäste starren gebannt aus den offenen Fenstern des klapprigen Reisebusses. Plötzlich taucht rechts von ihnen ein riesiger Tribünenkomplex auf. Plötzlich, denn der dichte Smog verhindert zunächst den Blick auf das imposante Bauwerk - um sich vor der schlechten Luft zu schützen, haben sich einige Menschen Tücher um Nase und Mund gebunden. Es handelt sich um den Buddh International Circuit, die erste Grand-Prix-Strecke Indiens. Dennoch weiß kaum einer der Fahrgäste, worum es sich bei dem Bauwerk handelt. Und dass die Königsklasse des Motorsports dieses Jahr zum dritten - und vorerst letzten - Mal auf dem Rennkurs gastierte.

Indien, Fans

Jedes Jahr blieben in Indien beim Grand Prix mehr Ränge frei Zoom

Dabei ist die Autobahn nach Agra, wo der weltberühmte Taj Mahal steht, noch einer der Orte, wo man mit dem Rennen konfrontiert werden könnte. Neben den gelegentlichen Radfahrern, denen man auf dem Seitenstreifen der vierspurigen Straße begegnet, wiesen auch immer wieder Werbeplakate auf das Rennen hin - Hintergrund: Die Jaypee-Gruppe baute nicht nur die Formel-1-Strecke und ist Veranstalter des Rennens, sondern zeichnet auch für die Autobahn und diverse Einrichtungen im Umfeld verantwortlich. Daher nutzte man die Gelegenheit für Werbung.

Rund 100 Kilometer weiter nördlich - in Indiens gigantischer Metropole Delhi, einem schmutzigen Moloch, in dem eine Explosion von Sinneswahrnehmungen auf die Touristen einwirkt - war im Vorfeld nichts vom Formel-1-Rennen zu sehen und zu spüren. Mit rund 16 Millionen Einwohnern (inklusive Umgebung) zählt Delhi zu den größten Städten der Welt - eine perfekte Gelegenheit für die Formel 1, würde man meinen, zumal Indien mit 1,2 Milliarden Menschen die größte Demokratie der Welt darstellt.

Drei Jahre Grand Prix Indien - nichts als Frust?

Dennoch gelang es bisher nicht einmal im Ansatz, die Menschenmassen zu mobilisieren und für das Formel-1-Rennen zu begeistern. Bei der Premiere 2011 waren noch 95.000 Fans an der Strecke, 2012 nur noch 65.000, und dieses Jahr musste man mit 60.000 Besuchern weitere Einbußen hinnehmen. 2014 wird der Grand Prix eine Pause machen, die Rückkehr wurde aber bereits für 2015 fixiert. "Es ist alles erledigt, alles klar", bestätigte Ecclestone gegenüber 'Reuters'. "Es geht nur noch darum, dass die Regierung ihre Probleme löst."

Bernie Ecclestone

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone gibt das Indien-Experiment noch nicht auf Zoom

Es ist nicht das erste Mal, dass die indische Regierung im Hinblick auf das Rennen in der Kritik steht. Zunächst verzweifelten viele Mitglieder beim Ansuchen der Visa an der Bürokratie, manche Teams verzichten aus Angst vor Zollproblemen sogar präventiv darauf, neue Teile zum Rennen nach Indien zu schicken. Und dann wäre da noch das leidige Steuerthema: Fahrer und Teams müssen ein 19tel ihres Einkommens in Indien versteuern, weil die Saison 19 Rennen umfasst - eine Interpretation, die im Formel-1-Zirkus Ihresgleichen sucht.

Da sich dann auch das Interesse der indischen Wirtschaft und der Zuschauer an der Formel 1 in Grenzen hielt, verlor der Grand-Prix-Sport rasch die Lust an der Herausforderung Indien. Doch was ist auf dem wirtschaftlich aufstrebenden Subkontinent schiefgegangen, und wo müssen sich der Sport und seine Akteure vielleicht selbst an der Nase nehmen? Wichtige Fragen, denn bei der Rückkehr 2015 sollte man die in den vergangenen drei Jahren gemachten Fehler tunlichst vermeiden, will man in Indien ernsthaft Fuß fassen.

Indische Regierung in der Pflicht

Ein Blick nach Bahrain könnte diesbezüglich möglicherweise helfen. Der Bahrain International Circuit (BIC) befindet sich in der Wüste, in punkto Bevölkerungszahlen kann man mit Indien nicht ansatzweise mithalten - dennoch ist es gelungen, die Rennstrecken-Anlage rentabel zu führen. 2014 feiert man mit dem zehnten Grand Prix von Bahrain ein Jubiläum.

Indien, The Hindu, Vettel, Zeitung

Vettel auf Titelseite: An den Medien liegt es nicht, dass die Formel 1 im Schatten steht Zoom

"Wenn das eine kleine Nation wie Bahrain hinkriegt, dann kann man sich vorstellen, welche Möglichkeiten es in Indien gibt", meint BIC-Boss Salman bin Isa Al Chalifa gegenüber 'IANS'. "Die Inder müssen mehr Menschen zum Sport bringen - wir versuchen, uns diesbezüglich jedes Jahr zu verbessern. Und auch die Unterstützung der Regierung macht einen großen Unterschied, denn dann kann man den Sport so viel besser vermarkten, und auch der Umgang mit dem Zoll und der Einreisebehörde wird einfacher."

Sein Rat an die Inder: "Man muss die Regierung von den Vorteilen der Formel 1 überzeugen." Bislang ist genau das nicht gelungen. Indien, wo Kricket die Menschen begeistert, ist eines der wenigen Länder, wo das Rennen nicht durch Regierungszuschüsse finanziert wird. Darüber hinaus gilt die Formel 1 nicht einmal als Sport und wird stiefmütterlich behandelt.

Verpasst Indien Tourismus-Chance?

Für Robert Fernley, stellvertretender Teamchef von Force India und damit ein ranghoher Vertreter des einzigen indischen Teams, eine völlig unverständliche Tatsache: "Es gibt private Investoren, die die Rechnung für alles bezahlen, und die Regierung muss nichts tun außer die Veranstaltung unterstützen - stattdessen sieht es so aus, als würde man alles tun, um diese zu beschädigen."

Taj Mahal

Taj Mahal: Das vielleicht schönste Gebäude der Welt befindet sich unweit der Strecke Zoom

Der Brite hat sogar einen Vorschlag, wie die indische Regierung aus dem Rennen Kapital schlagen könnte: "Hier bietet sich eine wunderbare Gelegenheit, für das Land Werbung zu machen, und das Land sollte sich eher nach außen als nach innen orientieren. Was wäre, wenn die Regierung zum Beispiel alle TV-Crews rund um Delhi herumführt und sie auf die Festungen und den Taj Mahal aufmerksam machen würde? Sie könnte Indien bewerben, und genau das findet meiner Meinung nach an diesem Wochenende nicht statt."

Steuerproblematik vor Lösung

Zumindest das Bürokratieproblem sollte sich beim nächsten Grand Prix von Indien aufgelöst haben. "Die Tatsache, dass die FIA nun vom Internationalen Olympischen Komitee als vollwertiges Mitglied anerkannt wurde, ist eine enorme Hilfe", erklärt Vicky Chandhok, Vater von Rennfahrer Karun Chandhok und Präsident des indischen Motorsport-Verbandes.

"Die Tatsache, dass die FIA nun vom Internationalen Olympischen Komitee als vollwertiges Mitglied anerkannt wurde, ist eine enorme Hilfe." Vicky Chandhok

"Warum das so ist? Weil die Formel 1 früher als Unterhaltung angesehen wurde und nicht als Sport, und das wirkt sich auf die Steuern aus. Wenn sie aber einmal von der Regierung als Sport anerkannt wird, was in den kommenden Monaten passieren sollte, dann wird sich die Situation verbessern."

Auch auf die finanziellen Belastungen des Veranstalters sollte sich eine derartige Änderung positiv auswirken. "Der Promoter muss um die zehn Millionen Pfund Zollverpflichtungen übernehmen, damit dieses Rennen stattfinden kann", meint Chandhok. "Das Geld wird zwar rückerstattet, aber die Rückerstattung 2012 ist noch immer nicht eingetroffen. Wenn die Formel 1 einmal als Sport anerkannt wird, kann man alles zollfrei importieren, wodurch der Cashflow verbessert wird. Und die Fahrer werden als Athleten anerkannt und müssen hier keine Steuern zahlen. Dadurch lösen sich ein paar grundlegende Probleme auf."

Sutil: Nur eine Frage der Zeit...

Allerdings nicht alle Probleme. Die Zuschauerzahlen zeigen einen ungünstigen Trend - nach der relativ gelungenen Premiere verzeichnete man jedes Jahr Einbrüche. Adrian Sutil, der in seiner bisherigen Formel-1-Karriere ausschließlich für das Force-India-Team am Start war und das Land daher gut kennt, hält die mäßigen Zuschauerzahlen nicht für besorgniserregend.

"Der Rennsport ist hier nicht groß", sagt er. "Das benötigt Zeit. In Indien fing alles erst vor zehn oder 20 Jahren an, und es besteht Potenzial. Es geht eigentlich nur darum, dass wir regelmäßig jedes Jahr hierher kommen, und dann werden es die Leute annehmen, das Interesse wird steigen. Wenn das Europa schaffen kann, dann gilt das auch für Indien."

Lernen von Singapur und Abu Dhabi

Tatsächlich wurde der Grand Prix von Indien erst drei Mal ausgetragen - und das in einem Land ohne großer Motorsport-Tradition. Dennoch sind auch die Rennen in Singapur oder Abu Dhabi relativ neu im Kalender und haben sich deutlich besser etabliert als Indien. "Abu Dhabi hat sich von einer für die Teams wenig aufregenden Strecke zu einer glamourösen Veranstaltungen entwickelt", findet Force-India-Vize-Teamchef Fernley. "Jetzt gibt es drei eindeutige Glamour-Rennen: Monaco, Singapur und Abu Dhabi."

Fans, Indien

Die Formel 1 alleine ist zu wenig - die Inder wollen unterhalten werden Zoom

Er nimmt einmal mehr die Regierung in die Pflicht: "Dazu benötigt es die öffentliche Hand, die die Privatwirtschaft in allen Bereichen fördern muss." Als Musterbeispiel nennt er den Grand Prix von Singapur, der es als einziges Nachtrennen und vor atemberaubender Kulisse in nur wenigen Jahren zu einem Fixpunkt im Kalender geschafft hat: "Dort haben die Leute die Gelegenheit einer weltweiten Plattform genutzt, um ihr Land zu präsentieren. Und es wird jedes Jahr besser. Was ist also der Unterschied zwischen Singapur und Indien? Der Unterschied ist die Werbung."

Sameer Gaur, Geschäftsführer von Indien-Veranstalter Jaypee Sports International (JPSI), schlägt in die gleiche Kerbe. Er vergleicht Kalender-Stationen wie Singapur und Malaysia mit Indien und kommt zu folgendem Schluss: "In all den Ländern, wo es ebenfalls keine große Motorsport-Tradition gab, waren die Rennen in die Regierungsaktivitäten eingebettet - speziell touristische Aktivitäten. Es geht also nicht um Förderungen, man müsste das Rennen nur in die Tourismus-Kampagne einbinden, was nicht passiert ist, denn im Vorfeld des Rennens habe ich von den Leuten so oft gehört, dass sie nicht einmal wissen, dass es stattfindet."

Wird den Indern zu wenig geboten?

Es ist auffällig, dass das Rennen auf dem Buddh International Circuit kaum Besucher aus dem Ausland anzieht - ganz im Gegensatz zu Austragungsorten wie Singapur. Rund 85 Prozent der Tickets gehen laut dem Veranstalter an Inder, nur 15 Prozent an internationale Gäste. Dabei finden beide Gruppen durch Indiens enorme Größe ähnliche Ausgangssituationen vor.

"Viele Menschen sind zum ersten Rennen gefahren, damit sie sagen können, dass sie dabei waren." Vicky Chandhok

"Es stimmt, dass unsere Mittelklasse größer ist als die in Großbritannien", meint Gaur - und relativiert: "Aber welcher Anteil lebt in Delhi? Und wie viele wollen zum Rennen kommen? Die meisten Motorsport-Enthusiasten leben im Süden. Wir müssen also in Indien unterschiedliche Märkte anzapfen und einen Weg finden, wie diese Leute zum Rennen gebracht werden können."

Delhi liegt im Norden Indiens - durch die Größe des Landes müssen die Menschen selbst bei Inlandsflügen Tausende Kilometer hinter sich bringen, um zum Grand Prix anzureisen. Dementsprechend teuer sind die Flüge für die indische Bevölkerung. Chandhok, der aus dem nördlich von Delhi gelegenen Punjab stammt, bestätigt Gaurs These, dass die meisten Motorsportfans nicht aus dem Norden kommen: "Ich verstehe die Kultur Delhis, und viele Menschen waren beim ersten Rennen vor Ort, damit sie sagen können, dass sie dabei waren, aber sie werden es sich nicht mehr ansehen."

Kritik an zu hohen Ticketpreisen

Dazu kommt, dass die Formel 1 in Indien den Ruf eines "Reichensports" hat. Force-India-Teamchef Vijay Mallyas Luxusleben und sein Desinteresse, der Bevölkerung einen Teil seines Vermögens zugute kommen zu lassen, kommen bei vielen Indern nicht gerade gut an. Auch die Ticketpreise schrecken viele Menschen ab. Die Eintrittskarten kosten rund 100 bis 200 Euro und liegen damit deutlich unter dem europäischen Preisniveau, in Anbetracht des Werts der indischen Rupie und dem Lebensstandard der Menschen sind die Tickets aber kostspielig.

"Wenn jemand aus Chennai oder Hyderabad kommen will, muss er das Flugticket, das Hotel und das Grand-Prix-Ticket bezahlen - ein saftiger Preis." Sameer Gaur

"Die perfekte Strategie wäre es meiner Meinung nach, sich den Preis eines Premiumtickets für ein Kricketmatch anzusehen - das wären dann 6.000 Rupien (umgerechnet 71 Euro, Anm. d. Red.)", überlegt Chandhok. "Die Grand-Prix-Tickets kosten das Doppelte. Wenn wir uns also im Bereich von 5.000 Rupien einpendeln, können wir mehr Besucher anlocken und am Ende mehr einnehmen. Wir würden eine Elite-Sportart für den gleichen Preis oder billiger als eine Massenveranstaltung wie Kricket verkaufen. Eine Schwäche würde also zu einer Stärke werden."

Damit die Inder bereit sind, große Distanzen für ein Formel-1-Rennen zurückzulegen, müsste man nicht nur den Preis senken, sondern auch das Gesamtpaket verbessern, ergänzt Gaur von Veranstalter JPSI: "Wenn jemand aus Chennai oder Hyderabad kommen will, muss er das Flugticket, das Hotel und das Grand-Prix-Ticket bezahlen. Das ergibt einen saftigen Preis. Wir müssen uns also mit der Regierung zusammensetzen und für drei Tage ein Gesamtpaket schnüren."

Kritik an Ecclestone

Einmal mehr dient Singapur als Vorlage, wo jedes Jahr am Grand-Prix-Wochenende musikalische Topacts für Abwechslung sorgen. "Die Leute würden dann sagen: 'Fahren wird doch dorthin und verbinden wir es mit dem Rennen!'". Der Inder hat auch die angrenzenden Länder Bangladesh, Sri Lanka, Bhutan und Nepal im Visier, schließlich sind die Distanzen zum Buddh International Circuit auf dem Subkontinent teilweise größer als aus dem Ausland. "Für sie müssten wir drei oder vier Tage beste Unterhaltung bieten", fordert er eine Verbesserung.

Er sieht aber nicht nur sein Unternehmen und die Regierung in der Pflicht, sondern auch Formel-1-Boss Ecclestone, will er den indischen Markt wirklich für die Formel 1 erschließen. "Das kostet Zeit, aber man müsste sich mehr bemühen", drückt sich Gaur diplomatisch aus. "Niemand ist schuld, aber wir alle gemeinsam haben es nicht geschafft."

Mit dieser Ansicht ist er nicht alleine. "Wenn man sich ansieht, was Vijay getan hat, ganz alleine, dann ist das weit mehr als man es von einem Teambesitzer erwarten könnte", streut Force-India-Vize-Teamchef Fernley seinem Boss Mallya Rosen. "Er hat die Veranstaltung massiv beworben. Aber es wäre diesbezüglich auch eine Zusammenarbeit mit dem Inhaber der kommerziellen Rechte nötig. Und auch die Regierung müsste an Bord kommen."

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