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  • 12.09.2008 · 17:17

Haug: "Man kann nur zu einem Urteil kommen"

Mercedes-Sportchef Norbert Haug über die umstrittene Strafe gegen Lewis Hamilton und den ersten Trainingstag im italienischen Monza

(Motorsport-Total.com/Premiere) - Lewis Hamilton wurde im heutigen Freien Training in Monza 0,122 Sekunden hinter Kimi Räikkönen Vierter, Heikki Kovalainen landete im zweiten Silberpfeil an siebenter Position. Doch Mercedes-Sportchef Norbert Haug sprach im Interview nach der Session vor allem über die umstrittene 25-Sekunden-Strafe von Spa-Francorchamps, deren Berufung am 22. September in Paris verhandelt werden soll.

Norbert Haug

Mercedes-Sportchef Norbert Haug hofft, dass die FIA die Strafe rückgängig macht

Frage: "Herr Haug, wie zufrieden sind Sie mit dem Freitag in Monza?"
Norbert Haug: "Wir sind sehr zufrieden. Heute Morgen war beinahe Weltuntergang - da sah es aus wie beim ersten Nachttraining in Singapur! Heute Mittag lief es sehr gut. Ich glaube, wir haben von den Mitbewerbern ein paar verschiedene Programme gesehen - mit weniger Sprit, mit viel Sprit."#w1#

Starke Longruns von Hamilton

"Wir sind sehr konservativ auf Rennvorbereitung gefahren. Wer den Longrun von Lewis beobachtet hat, hat gesehen, dass es nichts Konstanteres gegeben hat. Das sah sehr gut aus. Er ist hinten raus schneller geworden. Kimi war gut unterwegs, aber Massa war schätze ich mal auf einem anderen Programm und ist hinten raus wahrscheinlich nicht so lange gefahren im Longrun. Aber wir waren gut. Kovalainen hat sich gesteigert durch die Sitzung. Ich bin sehr zufrieden."

Frage: "Kann man die Programme von Renault oder Toyota so interpretieren, dass die auf eine Einstoppstrategie im Rennen hingearbeitet haben?"
Haug: "Das würde ich nicht sagen. Ich glaube schon, dass es etliche gegeben hat, die mit viel Sprit gefahren sind, aber wer die Zeiten verfolgt, der sieht, wenn einer erst 1:23.9 fährt und dann hinterher mehrfach 1:25.5. Das sind große Unterschiede. Und wenn der andere mit 1:24.5 anfängt und sich auf 1:23.9 steigert, dann ist das sicherlich ein gutes Zeichen für den, der den Speed hat."

"Ich habe keinen Quersteher und keinen rauchenden Reifen gesehen." Norbert Haug

"Es ist dicht beieinander vorne. Wir sind die Zeit in der achten oder neunten Runde gefahren. Der Spritverbrauch liegt bei 2,5 bis 2,7 Kilo pro Runde - da kann man sich ausrechnen, was rausgefahren worden ist. Aber es war auch zu dem Zeitpunkt noch viel Gewicht im Tank. Speziell das Auto von Lewis hat von Anfang an sehr gut gepasst. Ich habe keinen Quersteher und keinen rauchenden Reifen gesehen. Das sah gut aus."

"Das heißt nicht, dass wir nicht starke Gegner haben werden, aber ich würde nicht sagen, dass der, der mit zwei Zehnteln Abstand Erster ist, automatisch besser ist als der, der jetzt gerade Vierter ist. Die Zeiten, die Kubica und Heidfeld gezeigt haben, waren stark - wenn sie mit gleichem Gewicht gefahren sind wie wir, dann waren sie sogar sehr stark."

Frage: "Kommen wir zum umstrittenen Sonntag in Spa-Francorchamps mit der Strafe gegen Lewis Hamilton. Die Öffentlichkeit teilt da ja ihre Ansicht, hat man das Gefühl. Ihr Kommentar dazu und ihr Ausblick auf die Berufungsverhandlung am 22. September in Paris?"
Haug: "Ich möchte mich nicht wiederholen - wir haben gesagt, was zu sagen ist. Wir kommen hier konzentriert und nicht mit Ärger im Gesicht an. Das haben wir gezeigt. Lewis hätte gestern Grund gehabt, ein anderes Gesicht zu machen, aber das hilft nicht dabei, die nächste Zehntel zu finden. Man muss die Dinge getrennt sehen."

Kollegenmeinungen überraschen Haug nicht

"Ich wundere mich auch nicht über ein paar Kommentare von Fahrerkollegen - nichts anderes habe ich erwartet. Wenn einer kommt und 30 Rennen fährt und ihnen Punkte wegnimmt, dann ist das wie in der Schule, wo der Klassenbeste selten von den anderen Jungs gelobt wird. Insofern war das klar, dass da einige Kommentare kommen. Ich glaube aber nicht, dass die treffsicher waren."

"Ich hoffe, dass die FIA die Möglichkeit der Berufungsverhandlung nutzt." Norbert Haug

"Ich denke, es ist ein Nachteil, wenn man mit 6,7 km/h weniger bei Start und Ziel fährt - das ist in der Formel 1 ein Unterschied von Lichtjahren, wenn man dann 250 Meter später wieder daneben ist. Das ist selbstverständlich ein Nachteil bei Start und Ziel, der dann in einen Vorteil umgemünzt wird. Jeder der Experten sieht das genauso. Ich hoffe, dass die FIA die Möglichkeit der Berufungsverhandlung nutzt, denn man kann sich mal täuschen. Ich hoffe, dass das Verfahren überhaupt eröffnet wird, denn auch das ist noch nicht ganz klar. Ich glaube, da gibt es die Chance, etwas geradezurücken. Wir haben in Valencia eine sehr denkwürdige Boxengeschichte gesehen, die für Massa nicht geahndet wurde..."

Frage: "Doch, mit 10.000 Euro Geldstrafe."
Haug: "In Formel-1-Begriffen ist das zu verschmerzen. Ich habe da nie nachgefragt, aber in der GP2 wurde das bestraft. Kimi hat die Rennstrecke am Anfang auch mit weitem Anlauf verlassen, ist mit Anlauf durch La Source und Eau Rouge gefahren, hat dann seinen Teamkollegen Massa überholt. Das war ein ganz klarer Vorteil, die lange Strecke in La Source zu fahren. Das weiß jeder im Fahrerlager. Das wurde auch nicht geahndet. Man sollte das alles miteinander vergleichen und dann zum richtigen Schluss kommen, denn das ist es, was die Zuschauer wollen."

"Wenn da eine gelbe Flagge im Spiel gewesen wäre, dann hätten wir das sofort auf unsere Kappe genommen, aber hier war es Herz und Seele der Formel 1 - ein spektakuläres, gut getimtes Überholmanöver. Das muss belohnt und nicht bestraft werden. Das ist meine Meinung. Ich kritisiere damit überhaupt nicht die Sportkommissare, die ihre Interpretation haben, aber wir haben eben unsere."

"Und noch etwas muss ich sagen: Ich habe nie mehr zustimmende Zuschriften gekriegt, die gesagt haben: 'Was ist da passiert?' Die Leute sagen: 'Jawohl, das muss bei der Berufung diskutiert werden!' Ich sage das nicht für mich, sondern stellvertretend für ganz viele Leute, die das Rennen gesehen haben. Natürlich wird es immer Ferrari-Fans, McLaren-Fans, Mercedes-Fans geben, aber wenn man hier neutral und sachlich urteilt, kann man nur zu einem Urteil kommen. Das heißt: Der Nachteil wurde zu einem Vorteil gemacht und das muss belohnt und nicht bestraft werden."