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GP Türkei 2020: Fragen & Antworten zum F1-Rennen in Istanbul

Hat Lewis Hamilton unter dem Helm geweint oder nicht? Wie sauer war Charles Leclerc nach dem verlorenen Podium? Jetzt in der Rennanalyse nachlesen!

(Motorsport-Total.com) - Lewis Hamilton hat den Grand Prix der Türkei 2020 in Istanbul gewonnen, sich damit den siebten WM-Titel seiner Formel-1-Karriere gesichert und den Rekord von Michael Schumacher eingestellt. Der Mercedes-Pilot siegte in einem besonders zu Beginn chaotischen Rennen vor Sergio Perez (Racing Point) und Sebastian Vettel (Ferrari).

Sebastian Vettel, Lewis Hamilton, Toto Wolff, Sergio Perez

Sebastian Vettel, Lewis Hamilton, Toto Wolff und Sergio Perez auf dem Podium Zoom

Polesetter Lance Stroll (Racing Point) lag von Beginn an in Führung und schien das Rennen unter Kontrolle zu haben. Letztendlich kam der Kanadier aber nur als Neunter ins Ziel, mit einem Rückstand von 1:12.4 Minuten.

Phasenweise war Max Verstappen (Red Bull) in aussichtsreicher Position, den Grand Prix zu gewinnen. Doch mit einem Dreher bei der Verfolgungsjagd von Perez wurde er aus der Bahn geworfen. Verstappen wurde Sechster, 1,6 Sekunden vor seinem Teamkollegen Alexander Albon.

Beeindruckend: Obwohl die Bedingungen zwischendurch chaotisch waren und der Grip extrem niedrig, gab es zwar eine virtuelle, aber keine echte Safety-Car-Phase (wegen dem Ausrollen von Antonio Giovinazzi). Und der für die letzte Runde angesagte Regen kam dann doch nicht, sodass die Strecke zwar nass war, es aber zu keinem Zeitpunkt wirklich regnete.

So passierten die dramatischsten Patzer schon vor dem Start. Hamilton wäre auf seiner Grid-Lap fast abgeflogen, George Russell (Williams) crashte in der Boxenausfahrt seinen Frontflügel, Giovinazzi rutschte ins Kiesbett. Alle schafften es aber an den Start.

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Was war der Grundstein für Hamiltons Sieg?

In der ersten Rennhälfte war er noch ziemlich chancenlos. Doch je länger das Rennen dauerte und je trockener die Strecke wurde, desto schneller lief der Mercedes. Dabei hatte es gar nicht gut begonnen, nämlich mit einer leichten Berührung mit Daniel Ricciardo (Renault) in Kurve 1 und einem Fahrfehler in Kurve 9.


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Da schlüpfte nicht nur Vettel durch, sondern auch die beiden Red Bulls. Hamilton hatte aber nicht nur mit den Reifentemperaturen zu kämpfen, sondern auch mit den Bremsen. Einmal, als er Vettel überholen wollte, wäre er dem Ferrari beinahe draufgefahren. Durch den Fehler verlor er erneut eine Position gegen Albon, den er schon überholt hatte.

Doch als die Racing Points anfingen zu kämpfen, schlug Hamiltons große Stunde. In Runde 37 übernahm er die Führung von Perez - und gab diese nicht mehr ab. Am Ende hatte er mehr als eine halbe Minute Vorsprung auf den Mexikaner. Eine Meisterleistung.

Wie emotional war die Zieldurchfahrt?

Als sich Teamchef Toto Wolff am Boxenfunk meldete, um zu gratulieren, konnte man schon die ersten Tränen erahnen. "Wenn ich früher Fahrer weinen gesehen habe, dachte ich immer: 'Das passiert mir sicher nie!'", lacht Hamilton. "Ich verliere selten die Kontrolle über meine Emotionen."

"Aber in den letzten Runden hatten wir diese Diskussion über noch einen Boxenstopp. Ich dachte mir: 'Du hast es, du hast es!' Ich habe versucht, diese Gedanken zu unterdrücken. Aber ich dachte zurück an meine ersten Kartrennen, an meinen Dad, wie wir davon geträumt haben, eines Tages hier zu stehen."

"Als ich über die Ziellinie fuhr, überwältigte mich das und ich brach in Tränen aus. Ich konnte es nicht fassen. Ich bin sehr stark. Aber ohne den starken Mann hinter mir, meinen Dad, hätte ich das alles nicht geschafft."

Warum wurde Hamilton am Ende an die Box gerufen?

Das ganze Rennen hindurch war zwar die Strecke nass, aber es regnete nicht. Für die letzte Runde sagte das Radar einen heftigen Regenschauer voraus. Der kam letztendlich nie. Aber Hamiltons Intermediates waren zu dem Zeitpunkt schon so abgefahren, dass er mit De-Facto-Slicks auf nasser Strecke aufgeschmissen gewesen wäre.

Dieses Risiko hatten die Mercedes-Ingenieure genau im Auge, und der Vorsprung auf Perez war groß genug, dass ein Boxenstopp in der vorletzten oder letzten Runde möglich gewesen wäre. "Deswegen haben wir gesagt: 'Wir stehen an den Boxen bereit, wenn du meinst, dass wir es machen sollen.' Und er hat dann gesagt: 'Nein, ich glaube, ich kann das zu Ende fahren'", klärt Wolff auf.

Wie kam Vettel aufs Podium?

Den Grundstein legte der Istanbul-Sieger von 2011 schon in der ersten Runde. Mit einem sehr guten Start und ein bisschen Glück in der ersten Kurve verbesserte er sich vom elften auf den vierten Platz. Nach einem leichten Fahrfehler von Hamilton in Kurve 9 war er schon Dritter. Und da blieb er erstmal.

"Ich habe gleich von der Linie ein paar Plätze gutgemacht", sagt Vettel. "Und dann habe ich in der ersten Kurve zu denen gehört, die nicht alles in der ersten Runde gewinnen wollten. Das hat sich gelohnt. Vor mir hat sich ein Renault gedreht, und davon habe ich profitiert. Dann hatte ich freie Fahrt. Das hat sicher geholfen."

Als dann die ersten Boxenstopps anrollten, verlor Vettel ein wenig Momentum. In der 40. Runde wurde er von seinem Teamkollegen Charles Leclerc überholt, obwohl der die älteren Reifen hatte. Leclerc enteilte ihm um bis zu fünf Sekunden.

Aber im Finish machte sich Vettels Reifenvorteil bemerkbar. Als Vierter ging er in die letzte Runde, aber er war zu dem Zeitpunkt schneller unterwegs als Perez und Leclerc. Beim Anbremsen der letzten Kurve fasste sich Leclerc ein Herz und schob sich innen an Perez vorbei. Aber weil er sich dabei verbremste, schlüpften sowohl Perez als auch Vettel durch und wurden Zweiter und Dritter.

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Wie hat Leclerc auf seinen Fehler reagiert?

Der Boxenfunk unmittelbar nach der Zieldurchfahrt war nicht jugendfrei. Wörtlich funkte Leclerc, als sein Rennen von seinem Ingenieur als "good Job" gelobt wurde: "Ich habe einen Scheißjob gemacht. Ich habe einen Scheißjob gemacht. Ich habe einen Scheißjob gemacht. Ich habe einen Scheißjob gemacht. Ich habe einen verdammten Scheißjob gemacht."

Auch Vettel war im ersten Moment nicht glücklich, sondern sauer, dass es nicht P2 geworden ist: "Ich hatte ihn fast, ich hatte ihn fast, aahhh", plärrte er im ersten Boxenfunk nach der Zieldurchfahrt.

In der FIA-Pressekonferenz legte Vettel nach: "Ich konnte sehen, dass Sergio am Limit war. Ich glaube, der hätte keine Runde mehr durchgehalten." Was Perez gar nicht dementierte: "Ich habe meinem Team am Funk schon gesagt: 'Eine Runde noch, und die Reifen fliegen uns um die Ohren!'"

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War Vettels vorgezogener Boxenstopp eine gute Idee?

Nein. Leclerc hatte, an aussichtsloser Position liegend, früh auf Intermediates gewechselt und fuhr damit sehr schnelle Rundenzeiten. Also witterte Vettel die Chance auf einen Undercut und wechselte in Runde 8 ebenfalls.

Theoretisch ein guter Schachzug, aber praktisch machte er so den Weg frei für Verstappen, der deutlich schneller fahren konnte, aber von Vettel rundenlang aufgehalten wurde. Vettel verlor durch den früheren Stopp Track-Position gegen den Red-Bull-Fahrer.

Im Nachhinein ärgert er sich, dass er später nicht mutig genug war, auf Slicks zu wechseln: "Vielleicht hätten wir es riskieren sollen. Manche Stellen waren trocken. Und wenn ich mir die Intermediates von Lewis oder 'Checo' so anschaue, glaube ich nicht, dass die viel schneller gewesen wären als ein Slick. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer."

Was lief bei Verstappen schief?

Fast alles. Und zwar gleich von Anfang an. Am Start hatte er so wenig Grip, dass er fast zu stehen schien. Trotzdem konnte er den Schaden in Grenzen halten und sich im ersten Abschnitt des Rennens hinter Vettel festsetzen.

Als er wieder freie Fahrt hatte, schien das Rennen in seine Richtung zu laufen. In der elften Runde wechselte er von Regenreifen auf Intermediates. Obwohl andere früher dran waren, bestimmte Red Bull das Tempo.

Verstappen stand 4,0 Sekunden beim Boxenstopp. Rechts vorne wurde Dreck aus seiner Bremsbelüftung entfernt. Dadurch ging für kurze Zeit Albon in Führung, der zwar nicht ganz so schnell unterwegs war wie Verstappen, aber irgendwie immer in Schlagdistanz bleiben konnte.

Verstappen schickte sich gerade an, Jagd auf Perez zu machen, da unterlief ihm der vielleicht schwerwiegendste Fehler des Rennens. Weil er bei voller Geschwindigkeit zu nahe auf den Racing Point auffuhr, musste er neben die Strecke ausweichen. Auf den Randsteinen verlor er die Kontrolle, drehte sich und zog sich einen Bremsplatten zu.

Der erforderliche Boxenstopp warf Verstappen aus dem Rennen um das Podium. Später leistete er sich weitere kleine Fehler. Einer der gravierenderen war der Dreher, als Albon und er gerade den Alfa Romeo von Kimi Räikkönen überrunden wollten. Räikkönen drehte sich - und Verstappen, möglicherweise davon irritiert, gleich mit.

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Wie hat Stroll das Rennen aus der Hand gegeben?

Nach der ersten Runde hatte er 3,9, nach zwei Runden schon 5,2 Sekunden Vorsprung auf Perez. Vettel auf P3 lag da 11,9 Sekunden hinter dem Racing-Point-Express, der in den ersten Runden unaufhaltsam schien. Aber die Fähigkeit, die Reifen rasch auf Temperatur zu bringen, sollte sich später rächen, als die Strecke zwar sehr langsam, aber doch abtrocknete.

Rundenlang fuhr Stroll in seiner eigenen Liga, aber dann begann sein Vorsprung zu bröckeln. Perez lag schon in seinem Windschatten, als Racing Point ihn anfunkte, dass man gedenke, ihm noch einmal Intermediates statt Slicks zu geben.

Das konnte Stroll nicht verstehen. Er wollte unbedingt Slicks, bekam diese aber nicht. Kurz nach seinem Boxenstopp meckerte er: "Die Reifen grainen jetzt schon wieder!" Und ein paar Runden später: "Es ist doch unglaublich, dass ich am Anfang des Rennens bei voll nassen Bedingungen schnellere Rundenzeiten gefahren bin als jetzt."

Da lag Stroll an achter Stelle, hatte schon mehr als 50 Sekunden Rückstand auf Hamilton. Hamilton und Perez hatten, anders als er, keine neuen Intermediates abgeholt, sondern waren draußen geblieben. Im Nachhinein betrachtet die bessere Entscheidung. Denn die Phase, in der die Intermediates einzubrechen drohten, legte sich nach ein paar Runden von selbst.

Stroll ist enttäuscht: "Ich verstehe das nicht. Wir hatten so viel Graining auf dem Intermediate, ich habe ein paar Sekunden pro Runde verloren. Da war das ganze Tempo weg. Ich verstehe nicht, wie das geht, dass du im einen Moment noch um zehn Sekunden führst, und im nächsten Moment bist du Neunter."

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Wie lange hätten Hamiltons und Perez' Reifen noch gehalten?

Hamilton hatte 50 Runden auf seinen Intermediates absolviert. Die Lauffläche war völlig abgefahren, die Hauptauflagefläche sah wie ein Slick aus. Genau das ließ den Reifen offenbar erholen. Als das Profilgummi einmal abgerubbelt war, hörte das Graining auf. Hamilton erkundigte sich am Funk mehrfach, ob seine Reifen halten würden. "Wir wissen es nicht", lautete die ehrliche Antwort.

Perez erklärt, dass man mit dem Reifenwechsel zunächst länger wartete, um eventuell direkt auf Slicks wechseln zu können, sollte es notwendig werden: "Wir rechneten damit, dass es noch einmal zu regnen beginnen würde. Da machten wir gerade die Grainingphase der Reifen durch. Aber das hörte dann wieder auf. Als ich von Lance hörte, dass er gleich wieder Graining hatte, entschieden wir, dass wir draußen bleiben."

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Was war bei Bottas los?

Der Finne erwischte einen guten Start, drehte sich aber auf der Außenbahn ohne Fremdeinwirkung. Von da an brachte er seine Reifen nie auf Temperatur. Als er von Hamilton überrundet wurde, war klar, dass er den WM-Kampf in Istanbul verlieren würde.

Am Ende belegte er, nach mehreren Drehern, den 14. Platz. Bezeichnen der Boxenfunk, als ihm mitgeteilt wurde, dass noch vier Runden zu fahren sind. "Ich hoffe, es ist gleich vorbei", sagte er da. In der Fahrer-WM hat er jetzt noch 27 Punkte Vorsprung auf Verstappen.

Haben sich Ocon und Bottas am Start berührt?

Nein. Hamilton und Ricciardo berührten sich in der ersten Kurve. Das schubste Ricciardo ausgerechnet in seinen Teamkollegen rein. Der drehte sich - möglicherweise Irritation genug für Bottas, der sich ebenfalls drehte.

Warum war das Überholen so schwierig?

In der ersten Rennhälfte war am jeweiligen Vordermann kein Vorbeikommen. Glück für Vettel, denn der hätte sich sonst niemals gegen Verstappen und später Hamilton verteidigen können. Aber kaum scherte der schnellere Hintermann von der Ideallinie aus, hatte er keinen Grip mehr. So herrschte de facto ein "Überholverbot". Besser wurde das erst, als kurz nach Rennhalbzeit DRS freigegeben wurde und es langsam trockener wurde.

Was war sonst noch auffällig?

Carlos Sainz (McLaren) war in der zweiten Rennhälfte phasenweise der schnellste Mann im Feld und belegte den fünften Platz, eine halbe Sekunde hinter Leclerc. Albon wurde nach starker Leistung, aber auch einem Dreher Siebter.

Und die Taktik von George Russell (Williams), der mit Intermediates gestartet war und zwischenzeitlich schon auf P11 lag, ging nicht auf. Er belegte P16. Die beiden Williams und Pierre Gasly (AlphaTauri) waren aus der Box gestartet.

Wie geht's jetzt weiter?

Vorausgesetzt die internationalen Reisebestimmungen bleiben so, wie sie sind, trotz Corona-Lockdowns in immer mehr Ländern, steht als Saisonfinale noch ein "Tripleheader" im Nahen Osten auf dem Programm: Bahrain 1 am 29. November, Bahrain 2 am 6. Dezember und Abu Dhabi am 13. Dezember. So spät hat noch nie eine Formel-1-Saison aufgehört.

Live-Infos aus dem Paddock und von diversen Medienrunden der Fahrer und Teams in Istanbul gibt's im Ticker "Paddock live" mit Ruben Zimmermann auf Motorsport-Total.com und Formel1.de.

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